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SNP3.9

Mit Vāseṭṭha

Vāseṭṭhasutta

So habe ich es gehört: Einmal hielt sich der Buddha in einem Wald bei Icchānaṅgala auf. Zu dieser Zeit nun befanden sich einige sehr namhafte und gutsituierte Brahmanen in Icchānaṅgala: nämlich die Brahmanen Caṅkī, Tārukkha, Pokkharasāti, Jānussoṇi, Todeyya und andere. Als da die Vedenstudenten Vāseṭṭha und Bhāradvāja spazieren gingen, begannen sie eine Diskussion über die Frage: „Wie wird man ein Brahmane?“

Bhāradvāja sagte: „Wenn man von guter Geburt auf mütterlicher und väterlicher Seite ist, von reiner Abkunft, mit unwiderlegbarem und einwandfreiem Stammbaum bis zur siebten väterlichen Generation zurück, dann ist man ein Brahmane.“

Vāseṭṭha sagte: „Wenn man tugendhaft ist und das Erledigen seiner Pflichten vervollkommnet hat, dann ist man ein Brahmane.“ Aber keiner konnte den anderen überzeugen.

Da sagte Vāseṭṭha zu Bhāradvāja: „Werter Bhāradvāja, der Asket Gotama – ein Sakyer, der von einer Familie der Sakyer fortgezogen ist – hält sich in einem Wald bei Icchānaṅgala auf. Er hat diesen guten Ruf: ‚Dieser Gesegnete ist vollendet, ein vollkommen erwachter Buddha, von vollendetem Wissen und Verhalten, heilig, Kenner der Welt, unübertrefflicher Anleiter für alle, die schulungsfähig sind, Lehrer von Göttern und Menschen, erwacht, gesegnet.‘ Komm, lass uns zu ihm gehen und ihn über die Sache befragen. Wie er uns antwortet, so wollen wir es behalten.“ „Ja, werter Herr“, antwortete Bhāradvāja.

Da gingen sie zum Buddha und tauschten Willkommensgrüße mit ihm aus. Nach der Begrüßung und dem Austausch von Höflichkeiten setzten sie sich zur Seite hin, und Vāseṭṭha redete den Buddha in Strophen an:

„Wir sind beide als Meister der drei Veden legitimiert. Ich bin ein Vedenstudent von Pokkharasāti und er von Tārukkha.

In allem, was die Vedenkundigen lehren, sind wir gut ausgebildet. Als Sprachwissenschaftler und Grammatiker kommen wir unseren Lehrmeistern beim Aufsagen gleich.

Wir haben einen Streit über den Stammbaum. Denn Bhāradvāja sagt, man sei ein Brahmane durch Geburt, aber ich erkläre, man sei es durch seine Taten: Das sollst du wissen, Klaräugiger.

Da keiner von uns in der Lage war, den anderen zu überzeugen, sind wir gekommen, dich zu fragen, werter Herr, der du als der Erwachte weithin berühmt bist.

Wie die Menschen den Mond, wenn er am größten ist, mit zusammengelegten Händen ehren, so verehren sie Gotama in der Welt und verbeugen sich.

Gotama, das Auge, das in der Welt entstanden ist, ihn fragen wir: Ist man ein Brahmane durch Geburt, oder ist man es durch seine Taten? Wir wissen es nicht, bitte sag es uns, sodass wir einen Brahmanen erkennen können.“

„Ich werde euch“, antwortete der Buddha, „wahrheitsgemäß und der Reihe nach die Systematik der Lebewesen erklären, denn die Arten sind sehr wohl vielfältig.

Erkennt das Gras und die Bäume, obwohl sie keine Selbstwahrnehmung haben. Sie werden nach der Geburt bestimmt, denn die Arten sind sehr wohl vielfältig.

Als nächstes gibt es Käfer und Motten bis hin zu Ameisen und Termiten. Sie werden nach der Geburt bestimmt, denn die Arten sind sehr wohl vielfältig.

Erkennt auch die Vierfüßler, die kleinen und die großen. Sie werden nach der Geburt bestimmt, denn die Arten sind sehr wohl vielfältig.

Erkennt auch die Schlangen mit langem Rücken, die auf ihrem Bauch kriechen. Sie werden nach der Geburt bestimmt, denn die Arten sind sehr wohl vielfältig.

Als nächstes erkennt die Fische, deren Revier das Wasser ist. Sie werden nach der Geburt bestimmt, denn die Arten sind sehr wohl vielfältig.

Als nächstes erkennt die Vögel, die mit ihren Flügeln als Wagen fliegen. Sie werden nach der Geburt bestimmt, denn die Arten sind sehr wohl vielfältig.

Während die Unterschiede zwischen diesen Arten nach der Geburt bestimmt werden, werden die Unterschiede zwischen Menschen nicht nach der Geburt bestimmt.

Nicht nach den Haaren noch nach dem Kopf, nicht nach dem Ohr noch nach dem Auge, nicht nach dem Mund noch nach der Nase, nicht nach den Lippen noch nach den Augenbrauen,

nicht nach der Schulter noch nach dem Nacken, nicht nach dem Bauch noch nach dem Rücken, nicht nach dem Hinterteil noch nach der Brust, nicht nach der Leistenbeuge noch nach dem Geschlechtsteil,

nicht nach den Händen noch nach den Füßen, nicht nach den Fingern noch nach den Nägeln, nicht nach den Knien noch nach den Schenkeln, nicht nach der Farbe noch nach der Stimme: Keine von diesen werden nach der Geburt bestimmt, wie es für andere Arten gilt.

In einzelnen Menschenkörpern kann man solche Unterscheidungen nicht finden. Von den Unterschieden zwischen Menschen spricht man nach Übereinkunft.

Jeden unter den Menschen, der von der Viehzucht lebt, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als Bauern, nicht als Brahmanen.

Jeden unter den Menschen, der von einem der vielen Berufe lebt, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als Angehörigen seines Berufs, nicht als Brahmanen.

Jeden unter den Menschen, der von Handel lebt, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als Händler, nicht als Brahmanen.

Jeden unter den Menschen, der davon lebt, anderen zu dienen, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als Diener, nicht als Brahmanen.

Jeden unter den Menschen, der vom Stehlen lebt, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als Räuber, nicht als Brahmanen.

Jeden unter den Menschen, der vom Bogenschießen lebt, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als Krieger, nicht als Brahmanen.

Jeden unter den Menschen, der vom Priestertum lebt, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als Opferpriester, nicht als Brahmanen.

Jeden unter den Menschen, der die Dörfer und das Land mit Steuern belegt, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als König, nicht als Brahmanen.

Ich nenne niemanden einen Brahmanen nach dem Schoß, aus dem er geboren ist. Wenn er noch etwas in der Welt hat, ist er bloß jemand, der ‚Werter‘ sagt. Nichts haben und nichts nehmen: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Alle Fesseln abgeschnitten, so hat er keine Unruhe. Er ist seinen Ketten entschlüpft und abgelöst: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er hat Riemen und Geschirr durchschnitten, auch Zügel und Zaumzeug dazu, die Querlatte entfernt, er ist erwacht: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Beschimpfen, töten, einsperren, das erträgt er ohne Zorn. Geduld ist sein mächtiges Heer: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Nicht zornig oder anspruchsvoll, treu den Regeln und Gelübden, gezähmt, trägt seinen letzten Körper: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Wie Wasser von einem Lotusblatt, wie ein Senfkorn von einer Nadelspitze, so gleiten Sinnenfreuden von ihm ab: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Ihn, der die Auflösung des Leidens in diesem Leben selbst versteht, der die Bürde abgelassen hat, abgelöst: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Tiefgründig in der Weisheit, verständig, bewandert darin, was der Pfad und was nicht der Pfad ist, beim höchsten Ziel angelangt: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Sich weder unter Laien noch Hauslose mischen, ein Streuner ohne Unterschlupf, genügsam: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Gewalt gegen Geschöpfe kräftig oder zart hat er niedergelegt; er tötet nicht und stiftet andere nicht zum Töten an: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er kämpft nicht unter den Kämpfenden, ist verloschen unter den Bewaffneten, er ergreift nicht unter denen, die ergreifen: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er hat Gier und Hass verworfen, dazu Einbildung und Verachtung, wie ein Senfkorn, das man auf eine Nadelspitze setzt: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Die Worte, die er spricht, sind gepflegt, inhaltsreich und wahr und verletzen niemanden: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Ob lang oder kurz, fein oder grob, schön oder hässlich, er stiehlt nichts in der Welt: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er hat keine Hoffnung in dieser und jener Welt. Hoffnung braucht er nicht, ist abgelöst: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Festhalten gibt es bei ihm nicht, Erleuchtung hat ihn von Unschlüssigkeit befreit, er ist eingetaucht in das, das frei vom Tod ist: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Den Schlingen der guten wie schlechten Taten ist er entronnen; ohne Kummer, unbefleckt, rein: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Rein wie der unbefleckte Mond, klar und ungestört, so hat er Genießen künftiger Leben aufgelöst: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Über das Umherwandern, diesen mörderischen Sumpf aus Täuschung, ist er hinausgelangt. Unbewegt meditierend, von Unschlüssigkeit frei, so ist er zum andern Ufer hinübergelangt; er ist durch Nicht-Ergreifen verloschen: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Die Sinnenfreuden hat er aufgegeben und ist fortgezogen vom Leben im Haus; Wiedergeburt im Bereich der Sinne hat er aufgelöst: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er hat das Verlangen aufgegeben und ist fortgezogen vom Leben im Haus; Verlangen nach Wiedergeburt hat er aufgelöst: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Das menschliche Joch hat er abgeschüttelt und ist dem himmlischen Joch entschlüpft; von allen Jochen gelöst: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er hat Begierde und Widerwillen aufgegeben, kühl geworden, frei von Bindungen, ein Held, Meister der ganzen Welt: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er kennt von allen Wesen Verscheiden und Wiedergeburt; ungebunden, heilig, erwacht: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Götter, Zentauren und Menschen kennen ihr Schicksal nicht; einen Vollendeten, dessen Befleckungen aufgelöst sind: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er hat nichts vorher und nichts nachher, und selbst dazwischen hat er nichts. Nichts haben und nichts nehmen: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Herdenführer, vortrefflicher Held, großer Seher und Sieger; unbewegt, gebadet, erwacht: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Er kennt seine früheren Leben, sieht Himmel und verlorene Orte und hat das Ende der Wiedergeburt erreicht: Ihn nenne ich einen Brahmanen.

Denn Name und Stamm werden in der Welt als bloße Übereinkunft entworfen. Sie entstehen durch wechselseitige Zustimmung und werden für jeden Fall entworfen.

Dieser Irrglaube hat lange Zeit die beeinträchtigt, die nicht verstehen. Ohne zu wissen, erklären sie, man sei ein Brahmane durch Geburt.

Man ist kein Brahmane durch Geburt, noch ist man durch Geburt ein Nicht-Brahmane. Durch seine Taten ist man ein Brahmane, durch seine Taten ein Nicht-Brahmane.

Man ist ein Bauer durch Taten, durch Taten gehört man einem Beruf an; man ist ein Händler durch Taten, durch Taten ist man ein Diener;

man ist ein Räuber durch Taten, durch Taten ist man ein Krieger; man ist ein Opferpriester durch Taten, durch Taten ist man ein König.

Auf diese Art betrachten die Klugen Taten der Wahrheit gemäß. Sie sehen das abhängige Entstehen und sind in den Taten und ihren Ergebnissen bewandert.

Taten treiben die Welt an, Taten treiben Menschen an; Taten halten Lebewesen fest wie der Achsnagel einen fahrenden Wagen.

Durch Inbrunst und das geistliche Leben, durch Zügelung und Selbstbeherrschung: So wird man ein Brahmane; das ist der höchste Brahmane.

Den, der das dreifache Wissen vervollkommnet hat, der friedvoll ist, am Ende der Wiedergeburten, erkenne ihn, Vāseṭṭha, als das, was Brahmā und Sakka für die Weisen sind.“

Als der Buddha geendet hatte, sagten Vāseṭṭha und Bhāradvāja zu ihm: „Vortrefflich, werter Gotama! … Von diesem Tag an soll der werte Gotama uns als Laienschüler in Erinnerung behalten, die für ihr ganzes Leben Zuflucht genommen haben.“

Übersetzung: Deutsch (sabbamitta), English (sujato). Quelle: SuttaCentral / Bilara (gemeinfrei, CC0).