Grundlage
Die Arten des Bewusstseins
„Wie kann man Bewusstsein zählen?“
Das erste Kapitel des Kompendiums ordnet Bewusstsein nach drei Fragen: In welcher Daseinssphäre kommt es vor? Welcher Art ist es — heilsam, unheilsam oder keines von beidem? Und aus welcher Wurzel steht es auf? Aus diesen drei Rastern ergeben sich neunundachtzig Arten.
Zum Lesen
Redaktionelle Erklärung — Zitate sind als Kanonischer Text gekennzeichnet und verlinkt.
In einem Satz
Bewusstsein wird nicht der Menge nach gezählt, sondern der Art nach: drei Ordnungsfragen ergeben zusammen neunundachtzig unterscheidbare Fälle.
In heutiger Sprache
„Bewusstsein“ meint hier nichts, was bleibt. Gemeint ist ein einzelner Moment des Erkennens: Etwas wird als etwas erfasst — dann ist dieser Moment vorbei und ein nächster steht auf. Der Kanon sagt selbst, dass nichts so schnell wechselt (SN 12.61). Zählen lässt sich also nicht, wie viel Bewusstsein jemand hat, sondern nur, welche Arten von Momenten es gibt.
Das Kompendium legt dafür drei Raster übereinander.
Das erste fragt: In welcher Sphäre ist dieser Moment zu Hause? Der gewöhnliche Alltag mit seinen fünf Sinnen und ihren Wünschen ist der Sinnenbereich. Wer in der Sammlung stillsteht, dessen Bewusstsein arbeitet eine Weile in einem feineren Bereich, in dem die Sinneseindrücke nicht mehr tragen. Noch weiter hinaus liegen die unkörperlichen Erreichungen (AN 9.36). Und quer zu allen dreien steht der überweltliche Fall: der Moment, in dem Nibbāna selbst das Objekt ist.
Das zweite Raster fragt: Was tut dieser Moment? Vier Antworten sind möglich. Er kann heilsam sein und damit Gutes anstossen. Er kann unheilsam sein und Schlechtes anstossen. Er kann selbst schon Folge sein — die Frucht früheren Handelns, die jetzt aufgeht. Oder er kann bloss eine Aufgabe erfüllen, ohne irgendetwas Neues in Gang zu setzen. Die letzten beiden Fälle fasst der Abhidhamma als karmisch neutral zusammen. Das ist ein wichtiger Punkt: Nicht jeder Augenblick schreibt an der Zukunft mit. Das blosse Hinhören schreibt nicht mit; was man daraus macht, schon (AN 6.63).
Das dritte Raster fragt: Woraus steht dieser Moment auf? Sechs Wurzeln kennt die Lehre — Gier, Hass, Verblendung und ihre drei Gegenstücke (MN 9). Manche Momente haben eine solche Wurzel, andere gar keine: Das blosse Sehen etwa ist noch weder gierig noch grosszügig, es ist nur Sehen. Wurzellose Momente sind der unauffälligste Teil der Aufstellung und zugleich der grösste Teil eines gewöhnlichen Tages.
Aus diesen drei Fragen ergibt sich die Zahl. Sie ist kein Geheimnis, sondern eine Rechnung: vierundfünfzig Arten im Sinnenbereich, fünfzehn im feinstofflichen, zwölf im unkörperlichen, acht überweltliche.
Warum das wichtig ist
Die Einteilung trennt zwei Dinge, die im Alltag verschwimmen: was mir zustösst und was ich daraus mache. Das Zustossende ist Frucht und schon entschieden. Das Daraus-Machen ist der einzige Ort, an dem Übung ansetzt.
Kanonische Grundlage
MN 9 nennt heilsam und unheilsam samt ihren Wurzeln und ist damit die Vorlage für das zweite und dritte Raster. SN 12.61 begründet, warum von Bewusstsein nur im Plural der Momente sinnvoll die Rede ist. AN 9.36 beschreibt die Zustände, die den feinstofflichen und den unkörperlichen Bereich ausmachen.
Bestandteile
- Bewusstsein (citta) — ein einzelner Moment des Erkennens
- Daseinssphäre (avacara) — Sinnenbereich, feinstofflicher, unkörperlicher Bereich
- überweltlich (lokuttara) — Bewusstsein mit Nibbāna als Objekt
- heilsam / unheilsam (kusala / akusala) — was Karma bildet
- karmisch neutral (avyākata) — Resultat (vipāka) und blosses Funktionieren (kiriya)
- Wurzel (hetu) — die sechs; dazu die wurzellosen Momente
Zusammenhang mit anderen Lehren
Das Raster „heilsam / unheilsam samt Wurzeln“ ist unverändert das der Lehrreden. Neu sind allein die beiden neutralen Fälle: Sie machen sichtbar, dass ein grosser Teil des Erlebens weder verdient noch verschuldet ist.
Bedeutung für die Praxis
Die brauchbarste Frage dieser Stufe lautet nicht „welche Nummer war das?“, sondern: Stösst dieser Moment etwas an, oder ist er selbst schon Folge? Das ist genau die Unterscheidung, an der Gleichmut ansetzt.
Häufige Fehlinterpretationen
- „Karmisch neutral heisst gleichgültig.“ — Es heisst nur: bildet kein neues Karma. Ein Erwachter handelt fortwährend; sein Handeln setzt bloss nichts Neues in Gang.
- „Die 89 Arten muss man auswendig können.“ — Die Zahl ist ein Rechenergebnis. Wer die drei Fragen versteht, kann sie jederzeit ableiten.
- „Überweltliches Bewusstsein ist ein höherer Bewusstseinszustand.“ — Gemeint ist ausschliesslich der Moment, in dem Nibbāna das Objekt ist — keine Steigerung der Sammlung.
Das hast du jetzt in der Hand
- die vier Arten nach Wirkweise unterscheiden: heilsam, unheilsam, Resultat, blosses Funktionieren
- erklären können, warum Resultat und Funktionieren zusammen „karmisch neutral“ heissen
- die drei Daseinssphären des Bewusstseins nennen und dazu den überweltlichen Fall
- die sechs Wurzeln aufzählen und sagen, was „wurzellos“ bedeutet
- sagen können, woher die Zahl 89 kommt — und warum manche Darstellungen 121 zählen
Begriffe dieser Stufe
-
Bewusstsein(smoment) citta
Bewusstsein; einzelner Bewusstseinsmoment.
Für mich festhalten
-
Daseinssphäre des Bewusstseins avacara
Die Sphäre, in der ein Bewusstseinsmoment zu Hause ist: Sinnenbereich, feinstofflicher Bereich, unkörperlicher Bereich.
Für mich festhalten
-
Wurzel hetu
Die sechs Wurzeln, die einem Bewusstseinsmoment seine Richtung geben: Gier, Hass, Verblendung — und ihr Fehlen als Nicht-Gier, Nicht-Hass, Nicht-Verblendung.
Für mich festhalten
-
karmisch neutral avyākata
Im Abhidhamma: weder heilsam noch unheilsam — Resultatsbewusstsein (vipāka) und blosses Funktionieren (kiriya). Ein anderer Wortsinn als avyākata „das Unerklärte“.
Für mich festhalten
-
Heilsam und unheilsam kusala / akusala
Die Grundunterscheidung des Handelns: Was zu Wohl und Klarheit führt, ist heilsam (kusala); was Schaden und Verblendung mehrt, ist unheilsam (akusala). Massstab sind Absicht und Folgen, nicht Gebot und Verbot.
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-
weltlich / überweltlich lokiya / lokuttara
Weltlich / überweltlich.
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Zum Weiterlesen optional
Drei heilsame Wurzeln kusalamūla Drei unheilsame Wurzeln akusalamūla Absicht und Handlung kamma Vertiefung jhāna formlose Vertiefung arūpa-jhāna
Quelltexte Kanonischer Text
- MN 9 — Sāriputta über heilsam und unheilsam samt ihren Wurzeln: Gier, Hass, Verblendung — und Nicht-Gier, Nicht-Hass, Nicht-Verblendung
- SN 12.61 — „Geist“, „Denken“, „Bewusstsein“ als Wörter für dasselbe — und wie schnell es bei Tag und Nacht wechselt
- AN 9.36 — Die Vertiefungen und die unkörperlichen Erreichungen der Reihe nach — die Zustände, die den feinstofflichen und den unkörperlichen Bereich ausmachen
Im Wortlaut nachschlagen
„kamavacara“ im Abhidhamma-Piṭaka suchen — liefert Stellen aus Dhammasaṅgaṇī (ds2.3.2) und Vibhaṅga (vb18).
Der Pāli-Wortlaut der sieben Bücher liegt in der Dhamma-Suche; eine Übersetzung davon gibt es hier in keiner Sprache. Geprüft am 2026-08-08.
Auf Deutsch dazu im Führer durch den Abhidhamma-Piṭaka (Nyanatiloka) — deutsch sind auch die Kapiteltitel unten:
Zum Nachdenken
Neunundachtzig Arten Bewusstsein — habe ich davon je eine bemerkt?
Nicht als Nummer. Die Zahl entsteht rechnerisch: drei Raster werden übereinandergelegt, jede zulässige Kombination bekommt ihren Platz. Bemerkbar ist nur, was die Raster beschreiben — dass ein Moment gierig oder freundlich war, ob er etwas anstiess oder nur eine Folge war.
Was heisst hier „karmisch neutral“?
Weder heilsam noch unheilsam. Zwei Fälle fallen darunter: Bewusstsein, das selbst Folge früheren Handelns ist (vipāka), und Bewusstsein, das eine Aufgabe erfüllt, ohne Neues anzustossen (kiriya). Beide bilden kein Karma.
Warum zählen manche Darstellungen 121 statt 89?
Die acht überweltlichen Arten lassen sich nach der Tiefe der Sammlung, in der sie aufkommen, noch einmal fünffach auffächern. Aus 8 werden dann 40, und aus 89 wird 121. Es ist dieselbe Aufstellung, nur feiner geschnitten.