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Brücke · Buddhismus ↔ Yoga (Patañjali)

Der Edle Achtfache Pfad & die acht Glieder des YogaZwei achtgliedrige Wege aus demselben Mutterboden Indiens — der ariya aṭṭhaṅgika magga des Buddha und der aṣṭāṅga yoga des Patañjali, systematisch gegenübergestellt: was sie teilen, wo sie sich trennen, und wie beides die Praxis stützt.

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Auf einen Blick — 7 Kapitel

  1. 1Teil 1
  2. 2Teil 2 · Buddhismus
  3. 3Teil 3 · Yoga
  4. 4Teil 4
  5. 5Teil 5
  6. 6Teil 6
  7. 7Teil 7
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Teil 1

Grosse Übersicht — die Landkarte Beide Systeme zählen acht Glieder und führen in derselben Grundbewegung: von der ethischen Grundlage über Sammlung von Körper und Geist bis in tiefe meditative Versenkung. Doch das Ziel, auf das diese Versenkung zuläuft, ist in beiden Traditionen ein anderes. Die folgende Karte zeigt zuerst die Struktur — die Tiefe folgt in Teil 2–4. WISSEN Die Dreigliederung des Pfades in sīla–samādhi–paññā ist kanonisch: die Nonne Dhammadinnā ordnet im Cūḷavedalla-Sutta die acht Glieder genau diesen drei „Ansammlungen" (khandha) zu MN 44. Die Zweiteilung des Yoga in äussere/innere Glieder ist ebenfalls Patañjalis eigene: trayam antaraṅgaṃ pūrvebhyaḥ — „die drei [letzten] sind innere Glieder gegenüber den vorhergehenden" YS 3.7. Die drei Schichten im Vergleich — ein erster Blick Schicht Achtfacher Pfad Aṣṭāṅga Yoga Verhältnis Ethik / Grundlage Rechte Rede, Handeln, Lebensunterhalt (sīla) Yama & Niyama (Zügelungen, Übungen) Starke Deckung — fast identische Verhaltensregeln Körper / Vorbereitung (kein eigenes Glied; im Atem-Achtsamkeits übung enthalten) Āsana, Prāṇāyāma, Pratyāhāra Yoga gibt der Körpervorbereitung eigene Glieder Sammlung / Versenkung Anstrengung, Achtsamkeit, Sammlung (jhāna) Dhāraṇā, Dhyāna, Samādhi Phänomenologisch sehr ähnlich (dhyāna = jhāna) Ziel Nibbāna — Erlöschen von Gier, Hass, Verblendung; Einsicht in Nicht-Selbst Kaivalya — Isolation des ewigen Entscheidende Trennung — siehe Teil 4 Edler Achtfacher Pfad

PAÑÑĀ — WEISHEIT

1 Rechte Ansicht · 2 Rechte Gesinnung

SĪLA — SITTLICHKEIT

3 Rechte Rede · 4 Rechtes Handeln · 5 Rechter Lebensunterhalt

SAMĀDHI — SAMMLUNG

Rechte Sammlung Buddhismus · 3 Übungsgruppen (tisso sikkhā) Acht Glieder des Yoga

BAHIRAṄGA — ÄUSSERE GLIEDER

Āsana (Sitz) · 4 Prāṇāyāma (Atem) · 5 Pratyāhāra (Sinnesrückzug)

ANTARAṄGA — INNERE GLIEDER

Samādhi (Versenkung) Patañjali · 5 äussere + 3 innere Glieder

puruṣa von der Natur (prakṛti) Die eine Sache, die man sich merken sollte: Technik und Ethik der beiden Wege überschneiden sich stark — die Sicht auf das Ziel nicht. Der Yoga sucht ein ewiges, reines Bewusstsein (puruṣa/ātman) freizustellen; der Buddhismus durchschaut gerade die Annahme eines solchen ewigen Selbst (anattā). Dieselben Worte — samādhi, dhyāna — meinen denselben geistigen Vorgang, aber führen zu verschiedenen Zielen.

Teil 2 · Buddhismus

Der Edle Achtfache Pfad ariya aṭṭhaṅgika magga Der Pfad ist die vierte der Vier Edlen Wahrheiten: der Weg, der zur Auflösung des Leidens führt. Im Dhammacakkappavattana-Sutta, der ersten Lehrrede, stellt der Buddha ihn als majjhimā paṭipadā vor — den mittleren Weg zwischen Sinnenhingabe (kāmasukhallikānuyoga) und Selbstquälerei (attakilamathānuyoga) SN 56.11. „Dies, ihr Mönche, ist der mittlere Weg, vom Vollendeten erwacht — der Sehen schafft, Wissen schafft, der zu Frieden, höherem Wissen, Erwachen, Nibbāna führt: eben dieser edle achtgliedrige Pfad." Dhammacakkappavattana-Sutta · SN 56.11 (sinngemäss) WISSEN Die analytischen Definitionen der acht Glieder stehen wörtlich im Vibhaṅga-Sutta (Magga-Saṃyutta) SN 45.8 und im Saccavibhaṅga-Sutta MN 141. Die folgenden Erläuterungen geben diese Definitionen wieder. Die drei Übungsgruppen (tisso sikkhā) Der Pfad gliedert sich nicht in eine starre Reihenfolge, sondern in drei einander tragende Übungsbereiche. Die Weisheit (Glieder 1–2) steht zugleich am Anfang — als Orientierung — und am Ende — als reife Frucht. MN 44 ▸ Paññā — Weisheit (Glieder 1–2) 1 · Rechte Ansicht — sammā-diṭṭhi. Das Wissen um Leiden, seine Entstehung, sein Erlöschen und den dahin führenden Weg — also Einsicht in die Vier Edlen Wahrheiten. SN 45.8 Der Buddha unterscheidet zwei Ebenen MN 117: die weltliche rechte Ansicht (sāsava — noch mit Trieben behaftet: Verständnis von Karma und seinen Früchten) und die überweltliche rechte Ansicht (anāsava — die befreiende Weisheit im Pfadmoment selbst). Rechte Ansicht ist der „Vorläufer" (pubbaṅgama) aller übrigen Glieder. 2 · Rechte Gesinnung — sammā-saṅkappa. Drei heilsame Ausrichtungen des Denkens: Entsagung (nekkhamma-saṅkappa), Nicht-Übelwollen / Wohlwollen (abyāpāda) und NichtVerletzen / Mitgefühl (avihiṃsā). SN 45.8 Sie sind die Willensrichtung, die aus rechter Ansicht von selbst hervorgeht. ▸ Sīla — Sittlichkeit (Glieder 3–5) 3 · Rechte Rede — sammā-vācā. Sich enthalten von Lüge (musāvāda), entzweiender Rede (pisuṇā vācā), rauer Rede (pharusā vācā) und leerem Geschwätz (samphappalāpa). SN 45.8 4 · Rechtes Handeln — sammā-kammanta. Sich enthalten von Töten (pāṇātipāta), Nehmen des Nicht-Gegebenen (adinnādāna) und sexuellem Fehlverhalten (kāmesu micchācāra). SN 45.8

5 · Rechter Lebensunterhalt — sammā-ājīva. Den Lebensunterhalt durch redliche Mittel bestreiten, falschen Erwerb meiden. Konkret nennt der Kanon fünf zu meidende Handelsarten: Waffen, Lebewesen, Fleisch, Rauschmittel und Gift AN 5.177. ▸ Samādhi — Sammlung (Glieder 6–8) 6 · Rechte Anstrengung — sammā-vāyāma. Die vier rechten Bemühungen (sammappadhāna): unentstandenes Unheilsames verhüten, entstandenes überwinden, unentstandenes Heilsames wecken, entstandenes erhalten und reifen lassen. SN 45.8 7 · Rechte Achtsamkeit — sammā-sati. Die vier Pfeiler der Achtsamkeit (satipaṭṭhāna): Betrachtung von Körper (kāya), Gefühlen (vedanā), Geist (citta) und Geistesobjekten (dhammā) — jeweils „eifrig, klar wissend, achtsam, nach Überwindung von Begehren und Trauer hinsichtlich der Welt". DN 22 / MN 10 8 · Rechte Sammlung — sammā-samādhi. Die vier Vertiefungen (jhāna). Das erste jhāna: abgeschieden von Sinnesbegehren und unheilsamen Zuständen, mit Gedankenfassen und halten (vitakka-vicāra), mit Verzückung und Glück aus der Abgeschiedenheit (pītisukha); dann zunehmende Stillung bis zum vierten jhāna: jenseits von Wohl und Weh, Reinheit des Gleichmuts und der Achtsamkeit (upekkhā-sati-pārisuddhi). SN 45.8 Die wichtigste Praxis-Einsicht: Pfad als Spirale, nicht als Treppe RATEN (belegte Deutung, keine wörtliche Sutta-Aussage) — Die acht Glieder werden oft als Stufen missverstanden. Lehrtechnisch entfalten sie sich als sīla → samādhi → paññā; doch im Augenblick des Erwachens (magga-citta) treten nach der Abhidhamma-Analyse alle acht zugleich auf. Praktisch heisst das: man beginnt mit einer weltlichen rechten Ansicht, übt Sittlichkeit und Sammlung, und diese Übung reift die Ansicht zur überweltlichen. Der Pfad windet sich aufwärts — die Glieder stärken einander wechselseitig. Erweiterung zum Zehnfachen Pfad. Für den Vollendeten (asekha, den „nicht mehr Übenden") nennt MN 117 zwei weitere Glieder: rechtes Wissen (sammā-ñāṇa) und rechte Befreiung (sammā-vimutti) — der achtfache wird zum zehnfachen Pfad (dasa-aṅga). Dies ist vermutlich die Quelle für ein Gefühl von „acht oder mehr" — dazu Teil 5.

Teil 3 · Yoga

Die acht Glieder des Yoga aṣṭāṅga yoga · Pātañjala Yogasūtra Das Yogasūtra des Patañjali ist eines der sechs orthodoxen (āstika) Lehrsysteme Indiens, eng mit der Sāṃkhya-Philosophie verbunden. Sein Ziel ist kaivalya — die „Alleinheit" oder Isolation des reinen Bewusstseins (puruṣa) von der Natur (prakṛti). Die berühmte Definition: yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ — „Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen des Geistes" YS 1.2. RATEN Datierung. Das Yogasūtra (bzw. das Pātañjalayogaśāstra, Sūtra samt altem Kommentar) wird meist um 350–450 n. Chr. angesetzt (Ph. Maas: ca. 400 n. Chr.); die Spanne reicht je nach Forscher von 2. Jh. v. Chr. bis 5. Jh. n. Chr. Der Achtfache Pfad ist deutlich älter (Lehre des Buddha, 5. Jh. v. Chr.; Texte über die folgenden Jahrhunderte redigiert). Genaue Daten sind unsicher und hier als Spanne gegeben. yama-niyama-āsana-prāṇāyāma-pratyāhāra-dhāraṇā-dhyāna-samādhayo 'ṣṭāv aṅgāni „Zügelung, Übung, Sitz, Atemführung, Sinnesrückzug, Bindung, Meditation, Versenkung — das sind die acht Glieder." Yogasūtra · YS 2.29 Die fünf äusseren Glieder (bahiraṅga)

BAHIRAṄGA — ÄUSSERE GLIEDER

1 Yama — Zügelungen gegenüber der Welt 2 Niyama — Übungen an sich selbst 3 Āsana — der feste, bequeme Sitz 4 Prāṇāyāma — Führung des Atems 5 Pratyāhāra — Rückzug der Sinne

ANTARAṄGA — INNERE GLIEDER

6 Dhāraṇā — Bindung des Geistes an einen Ort 7 Dhyāna — ununterbrochener Fluss zum Objekt 8 Samādhi — Versenkung; nur das Objekt leuchtet 1 · Yama — die fünf Zügelungen YS 2.30: Nicht-Verletzen (ahiṃsā), Wahrhaftigkeit (satya), Nicht-Stehlen (asteya), Enthaltsamkeit (brahmacarya), Nicht-Greifen / Besitzlosigkeit (aparigraha). Patañjali nennt sie das „grosse Gelübde" (mahāvrata) — universell, nicht beschränkt durch Geburt, Ort, Zeit oder Umstand YS 2.31.

2 · Niyama — die fünf Übungen YS 2.32: Reinheit (śauca), Zufriedenheit (santoṣa), Askese / „Hitze" (tapas), Selbststudium und Schriftenstudium (svādhyāya), Hingabe an den Herrn (īśvara-praṇidhāna). 3 · Āsana — der Sitz. sthira-sukham āsanam — „der Sitz sei fest und bequem" YS 2.46. Bei Patañjali ist Āsana der ruhige Meditationssitz, nicht das ausgearbeitete Körperstellungssystem des späteren Haṭha-Yoga. 4 · Prāṇāyāma — die Regelung von Ein- und Ausatem, nachdem der Sitz gefestigt ist YS 2.49. Sie beruhigt den Geist und bereitet die Sinnesabkehr vor. 5 · Pratyāhāra — der Sinnesrückzug: die Sinne folgen nicht mehr ihren Objekten, sondern kehren dem Geist nach nach innen YS 2.54. Damit endet die äussere Reihe. Die drei inneren Glieder (antaraṅga) — Patañjalis Definitionen Glied Sanskrit-Definition Bedeutung Stelle Dhāraṇā deśa-bandhaś cittasya Bindung des Geistes an einen einzigen Ort/Gegenstand YS 3.1 7 Dhyāna pratyaya-ekatānatā ununterbrochenes Strömen der Erkenntnis zu diesem Gegenstand YS 3.2 8 Samādhi artha-mātra-nirbhāsaṃ svarūpa-śūnyam iva nur der Gegenstand leuchtet, gleichsam leer der eigenen Form (Subjekt-Objekt-Trennung schwindet) YS 3.3 WISSEN Die drei zusammen, auf ein Objekt gerichtet, heissen saṃyama YS 3.4 — das integrierte meditative Werkzeug, das (auf verschiedene Objekte angewandt) die „Kräfte" (vibhūti) des dritten Buches hervorbringt. Samādhi selbst gliedert sich in saṃprajñāta (mit Erkenntnisinhalt) YS 1.17 und asaṃprajñāta (ohne) YS 1.18, bis zum „samenlosen" nirbīja samādhi YS 3.8, der nach kaivalya führt. Was tatsächlich befreit. Nicht die Sammlung allein, sondern die unterscheidende Erkenntnis viveka-khyāti — das klare Scheiden von puruṣa und prakṛti — ist bei Patañjali das eigentliche Mittel der Befreiung YS 2.26. Eine weisheitsartige Funktion gibt es also auch im Yoga; nur ihr Inhalt unterscheidet sich grundlegend vom buddhistischen — dazu Teil 4.

Teil 4

Systematischer Vergleich 4.1 · Die ethische Schicht — starke Deckung Die yama decken sich auffällig mit der buddhistischen sīla. Die folgende Zuordnung ist meine Gegenüberstellung, nicht eine Gleichsetzung der Texte selbst: RATEN (Zuordnung des Verfassers — die Texte selbst stellen diese Paare nicht ausdrücklich gegenüber) Yama (Yoga) Sīla / Pfad (Buddhismus) Deckung ahiṃsā — Nicht-Verletzen Nicht-Töten pāṇātipātā veramaṇī + avihiṃsā-saṅkappa sehr hoch satya — Wahrhaftigkeit Rechte Rede / Nicht-Lügen musāvādā veramaṇī sehr hoch asteya — Nicht-Stehlen Nicht-Nehmen des Nicht-Gegebenen adinnādānā veramaṇī sehr hoch brahmacarya — Enthaltsamkeit Sexuelles Fehlverhalten meiden / Zölibat abrahmacariya hoch aparigraha — Nicht-Greifen Gierlosigkeit alobha, Entsagung nekkhamma (kein Einzel-Gebot) thematisch WISSEN Diese fünf yama sind nahezu identisch mit den fünf grossen Gelübden (mahāvrata) des Jainismus. Das deutet auf einen gemeinsamen pan-indischen ethischen Untergrund der asketischen (śramaṇa) Bewegungen hin, aus dem alle drei Traditionen schöpfen — nicht notwendig auf direkte Entlehnung zwischen Yoga und Buddhismus. Die niyama haben lockerere Entsprechungen: santoṣa (Zufriedenheit) klingt im monastischen santuṭṭhi an, tapas und svādhyāya in den asketischen und studierenden Zügen. Eine Entsprechung fehlt jedoch ganz: īśvara-praṇidhāna, die Hingabe an einen Herrn/Gott. Der Buddhismus kennt keinen Īśvara, dem man sich übergibt — ein erster scharfer Trennpunkt. 4.2 · Die meditative Schicht — gleiche Phänomenologie, gleiche Wurzel WISSEN dhyāna (Sanskrit) und jhāna (Pāli) sind dasselbe Wort, beide von der Wurzel √dhyai (sinnen, meditieren). Die Bewegung „Bindung → Fluss → Versenkung" (dhāraṇā–dhyāna–samādhi) beschreibt phänomenologisch dieselbe Vertiefung der Sammlung wie die Reihe der jhāna. Der strukturelle Ort ist jedoch verschieden: Im Yoga ist Samādhi (zumal nirbīja) selbst das Vehikel zum Ziel. Im Buddhismus ist sammā-samādhi nicht das Ziel, sondern Grundlage (samatha) für die Einsicht (vipassanā) und die Weisheit (paññā), die allein die Triebe entwurzeln. Sammlung ist dienend, Weisheit befreiend.

4.3 · Die entscheidende Trennung — Kaivalya gegen Nibbāna Hier liegt der eigentliche Unterschied, und er ist metaphysisch, nicht technisch: Gemeinsamer Stamm Ethik · Sinnesrückzug · Sammlung · dhyāna/jhāna · eine unterscheidende Erkenntnis Yoga → Kaivalya Befreiung = Erkennen des puruṣa (ewiges, reines Bewusstsein, das wahre Selbst) als verschieden von der Natur. Kaivalya ist die Isolation dieses ewigen Selbst. Eine selbst-bejahende (ātman/puruṣa) Metaphysik. Buddhismus → Nibbāna Befreiung = Einsicht in anattā (Nicht-Selbst), anicca, dukkha. Nibbāna ist nicht die Freistellung eines ewigen Selbst, sondern das Erlöschen von Begehren, Anhaften und dem Dünkel „Ich bin". Ein bleibendes Selbst wird ausdrücklich verneint. Pointiert: Der Yoga findet am Ende ein Selbst, das von jeher rein war; der Buddhismus durchschaut am Ende, dass es ein solches bleibendes Selbst nicht gibt. Dieselben Begriffe (samādhi, dhyāna) bezeichnen denselben Vorgang — aber das Ziel ist gegensätzlich. Wer beide übt, muss diese Sicht bewusst wählen; die Technik lässt sich teilen, die Sicht nicht. 4.4 · Aufbau — Reihe gegen integrierten Augenblick Frage Achtfacher Pfad Aṣṭāṅga Yoga Reihenfolge Glieder treten letztlich gleichzeitig auf (Pfadmoment); als Übung dreigeteilt stärker fortschreitend (āsana vor prāṇāyāma usw.); äussere vor inneren Gliedern Körper kein eigenes Glied; im kāya-Teil der Achtsamkeit eigene Glieder (Āsana, Prāṇāyāma) Gottesbezug nicht-theistisch; kein Īśvara Hingabe an Īśvara als Übung (niyama) Befreiendes Wissen Einsicht in anattā/anicca/dukkha viveka-khyāti: puruṣa ≠ prakṛti Ziel-Status Sammlung dient der Weisheit Samādhi ist selbst Vehikel zum Ziel 4.5 · Philologische Notiz — das Wort „Glied" WISSEN Beide Systeme tragen das Zahlwort acht und das Wort „Glied" im Namen: aṭṭha-aṅga (Pāli) und aṣṭa-aṅga (Sanskrit) sind verwandt; aṅga = Glied, Bestandteil. Beide heissen wörtlich „achtgliedrig".

RATEN Ob diese Übereinstimmung im „achtgliedrigen" Schema direkte Entlehnung bedeutet, ist unsicher und umstritten. Da die buddhistische Formel deutlich älter ist als Patañjalis Text, wäre — falls Einfluss — die Richtung vom älteren śramaṇa-Sprachgebrauch in die spätere Systematisierung des Yoga plausibler. Ebenso gut können Zahl und Bild unabhängig entstanden sein. Ich behaupte hier keine Entlehnung.

Teil 5

Die Frage „acht oder neun?" Kurz und klar: Patañjalis System hat acht Glieder — der Name aṣṭāṅga („achtgliedrig") schreibt die Zahl fest. Ein kanonisches „neuntes Glied" gibt es im Yogasūtra nicht. WISSEN YS 2.29 zählt genau acht Glieder auf und nennt sie ausdrücklich „aṣṭāv aṅgāni" — acht Glieder. Mehr sind es nicht. Wo könnte die Zahl „neun" herkommen? Zwei Möglichkeiten: a) Verwechslung mit der buddhistischen Seite Auf der buddhistischen Seite gibt es tatsächlich „mehr als acht": Für den Vollendeten wird der achtfache zum zehnfachen Pfad — rechtes Wissen (sammā-ñāṇa) und rechte Befreiung (sammā-vimutti) treten hinzu MN 117. Ein dunkles Erinnern an „der Pfad kann mehr Glieder haben" stammt am ehesten von hier — allerdings sind es dann zehn, nicht neun. b) Spätere oder schulinterne Zählungen RATEN Einzelne spätere Haṭha- oder tantrische Schultraditionen zählen Yoga-Glieder abweichend; manche Lehrlinien fügen ein vorbereitendes Glied hinzu. Das ist aber nicht das klassische Patañjali-System. Falls Du eine bestimmte Quelle für „neun Glieder" vor Augen hast (etwa einen konkreten Text oder eine Linie), nenne sie mir — ich erfinde hier kein Neun-GliederSchema, sondern halte fest: klassisch sind es acht. Fazit der Frage: Yoga = 8 (fest durch den Namen). Buddhismus = 8 für den Übenden, 10 für den Vollendeten. Die „9" hat im klassischen Bestand beider Systeme keinen festen Ort.

Teil 6

Für die Praxis Nicht nur denken, sondern üben. Drei Einsichten, die beide Systeme für die tägliche Praxis fruchtbar machen — und eine, die man wachhalten muss. 6.1 · Warum Ethik kein Vorwort, sondern Fundament der Sammlung ist Beide Wege setzen Ethik an den Anfang, und das aus einem praktischen, nicht moralischen Grund: Ein Geist, der von Reue und schlechtem Gewissen aufgewühlt ist, sammelt sich nicht. Der Kanon beschreibt dies als kausale Kette: Sittlichkeit → Nicht-Reue (avippaṭisāra) → Freude (pāmojja) → Verzückung (pīti) → Stille → Glück → Sammlung (samādhi). vgl. AN 10.1 / AN 11.1 Praktisch: Yama und sīla — gewaltlos, wahrhaftig, nicht nehmend, masshaltend zu leben — sind die Bedingung dafür, dass sich der Geist beim Sitzen überhaupt beruhigt. Wer die Sammlung sucht, beginnt nicht auf dem Kissen, sondern im Verhalten zwischen den Sitzungen. 6.2 · Pratyāhāra und Satipaṭṭhāna im Alltag Sinnesrückzug (pratyāhāra) und Achtsamkeit (sati) greifen ineinander. Im Alltag heisst das: die Sinne nicht automatisch ihren Objekten nachlaufen lassen, sondern am Sinneskontakt achtsam bleiben — genau die Schulung der vier satipaṭṭhāna an Körper, Gefühl, Geist und Geistesobjekten. Beide Traditionen lehren dasselbe Tor: die Lücke zwischen Reiz und Reaktion. 6.3 · Ein sinnvolles Zusammenspiel beider Systeme RATEN (praktischer Vorschlag, keine kanonische Vorschrift) — Die Stärken lassen sich verbinden, ohne die Systeme zu vermischen: Körperliche Vorbereitung aus dem Yoga: Āsana und Prāṇāyāma als Stütze, um den Körper still und den Atem ruhig zu machen, bevor man sitzt. Der Yoga hat diese Vorbereitung am feinsten ausgearbeitet. Sammlung als gemeinsamer Boden: die Vertiefung der Konzentration (jhāna/dhyāna) — hier sprechen beide dieselbe Sprache. Befreiende Arbeit aus dem Buddhismus: die Einsichtsschulung (satipaṭṭhāna → vipassanā) für das Durchschauen von Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Nicht-Selbst. 6.4 · Die Wachsamkeit, die man nicht aufgeben darf Technik teilen ja — Sicht verwechseln nein. Wer Sammlung übt und dabei meint, ein ewiges reines Selbst freizulegen (kaivalya-Sicht), übt eine andere Sache als wer in derselben Samm• • •

lung gerade die Annahme eines solchen Selbst durchschaut (anattā-Sicht). Beide nutzen dhyāna/jhāna; aber wohin es führt, entscheidet die Sicht, mit der man übt. Diese Unterscheidung wachzuhalten ist selbst Teil der Praxis — sie schützt vor stiller Begriffsvermengung. 6.5 · Eine knappe Übungslandkarte Wenn der Geist… …hilft aus dem Yoga …hilft aus dem Buddhismus unruhig im Körper ist Āsana, Prāṇāyāma Körperachtsamkeit (kāyānupassanā) von Sinnesreizen gezogen wird Pratyāhāra Sinnestor-Wache, sati am Kontakt zerstreut ist Dhāraṇā (Bindung an ein Objekt) Anapanasati (Atemsammlung) nach Stabilität sucht Dhyāna → Samādhi jhāna als samatha-Grundlage nach Befreiung sucht viveka-khyāti (puruṣa-Sicht) vipassanā: anicca, dukkha, anattā

Teil 7

Quellen und Stellennachweise Buddhistische Primärquellen (Pāli-Kanon) Sigle Text Relevanz hier SN 56.11 DhammacakkappavattanaSutta erste Lehrrede; mittlerer Weg, achtfacher Pfad, Vier Wahrheiten SN 45.8 Vibhaṅga-Sutta (MaggaSaṃyutta) wörtliche Definitionen aller acht Glieder MN 141 Saccavibhaṅga-Sutta Sāriputtas Analyse der Vier Wahrheiten samt Pfad MN 44 Cūḷavedalla-Sutta Dhammadinnā: Zuordnung der Glieder zu sīla– samādhi–paññā MN 117 Mahācattārīsaka-Sutta weltlich/überweltlich; rechte Ansicht als Vorläufer; zehnfacher Pfad DN 22 / MN 10 (Mahā-)Satipaṭṭhāna-Sutta die vier Pfeiler der Achtsamkeit (rechte Achtsamkeit) AN 5.177 Vaṇijjā-Sutta fünf zu meidende Handelsarten (rechter Lebensunterhalt) AN 10.1 / 11.1 Kimatthiya-Reihe Sittlichkeit → Nicht-Reue → … → Sammlung Yoga-Primärquelle Sigle Stelle Relevanz hier YS 1.2 citta-vṛtti-nirodhaḥ Definition des Yoga YS 1.17–18 saṃprajñāta / asaṃprajñāta Arten des Samādhi YS 2.26 viveka-khyāti unterscheidende Erkenntnis als Mittel der Befreiung YS 2.29 aṣṭāv aṅgāni Aufzählung der acht Glieder YS 2.30–32 yama / mahāvrata / niyama Ethische Glieder im Einzelnen YS 2.46–54 āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra äussere Glieder 3–5 YS 3.1–4 dhāraṇā, dhyāna, samādhi, saṃyama innere Glieder 6–8 und ihre Einheit YS 3.7–8 antaraṅga / bahiraṅga innere vs. äussere Glieder; nirbīja-Samādhi

RATEN / Sekundärliteratur-Hinweis Zur Datierung des Pātañjalayogaśāstra: Ph. A. Maas, „Pataṅjali's Yoga Reconsidered" (Forschungsstand um 400 n. Chr.). Diese Angabe ist Forschungsmeinung, kein Primärquellen-Befund. Die hier gegebenen Stellennachweise folgen der üblichen Sūtra-/Sutta-Zählung; Übersetzungen sind sinngemäss und nicht wörtlich aus einer bestimmten Edition zitiert. Methodischer Hinweis. Alle als WISSEN markierten Aussagen sind durch die genannten Primärstellen gedeckt. Zuordnungen zwischen den beiden Systemen (Teil 4.1), historische Einfluss-Fragen (4.5) und Datierungen (Teil 3) sind als RATEN gekennzeichnet, weil sie Deutung bzw. unsicheren Forschungsstand betreffen. Wo eine konkrete Neun-Glieder-Quelle existiert, bitte nachreichen — sie wurde hier bewusst nicht erfunden.

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