Grundlage

Das ältere Wegbuch

„Warum gibt es neben dem Visuddhimagga noch ein zweites Handbuch?“

Der Vimuttimagga ist wahrscheinlich das ältere der beiden Handbücher. Er behandelt dieselben drei Übungen in derselben Reihenfolge, ist aber deutlich kürzer, setzt an einigen Stellen anders an — und ist im Pāli verloren. Was hier vorliegt, ist die Rückübersetzung aus einer chinesischen Fassung.

Zum Lesen

Redaktionelle Erklärung — Zitate sind als Kanonischer Text gekennzeichnet und verlinkt.

In einem Satz

Der Vimuttimagga behandelt denselben Weg wie der Visuddhimagga, ist wahrscheinlich älter, deutlich kürzer — und nur auf einem Umweg über das Chinesische erhalten.

In heutiger Sprache

Zwei Handbücher, ein Gegenstand. Beide führen von der Lebensführung über die Sammlung zur Einsicht, beide beschreiben Übungsobjekte, Vertiefungen und Einsichtserkenntnisse, beide enden bei den vier Wahrheiten.

Der Unterschied liegt in Umfang und Ordnung. Der Visuddhimagga hat dreiundzwanzig Kapitel und legt über die drei Übungen zusätzlich das Raster der sieben Reinheiten aus MN 24. Der Vimuttimagga hat zwölf Kapitel und kommt ohne dieses zweite Raster aus.

Und er hat eine ungewöhnliche Überlieferungsgeschichte. Der Pāli-Text ist verloren. Was blieb, ist eine chinesische Übersetzung aus dem 6. Jahrhundert, angefertigt von Saṅghapāla. Aus ihr wurde ins Englische zurückübersetzt — der Text, der hier steht. Zwei Sprachschritte liegen also zwischen dem Verfasser und diesem Buch, und man merkt es: Die Fassung ist an manchen Stellen spröde, an einigen unsicher, und der Übersetzer setzt dort Fragezeichen.

Das Buch beginnt mit einer Verbeugung und einer Strophe — Sittlichkeit, Sammlung, Weisheit und die unvergleichliche Freiheit —, und dann mit dem Satz, der sagt, für wen es geschrieben ist: für den, der von aller Bedrängnis frei werden will.

Danach erklärt es seinen eigenen Titel. „Freiheit" meint fünf Arten von Freiheit: die durch Unterdrückung, die teilweise, die durch Ausrottung, die durch Gestilltheit und die durch Loslösung.

Warum das wichtig ist

Weil zwei unabhängige Handbücher etwas zeigen, was ein einzelnes nicht zeigen kann.

Wo beide dasselbe sagen, hat man einen doppelten Zeugen für das, was in der alten Überlieferung als Übungsweg galt. Wo sie auseinandergehen — und das tun sie an mehreren Stellen, etwa bei der Zahl und Behandlung der Übungsobjekte — sieht man, welcher Teil aus dem Kanon stammt und welcher aus der Ordnung des jeweiligen Verfassers.

Genau dafür ist das ältere Buch brauchbar, auch wenn das jüngere in fast jeder Hinsicht ausführlicher ist.

Kanonische Grundlage

Die Dreiteilung ist AN 3.88: höhere Sittlichkeit, höherer Geist, höhere Weisheit. Sie ist die Bündelung des achtfachen Pfades (SN 45.8) und die Gliederung beider Handbücher.

MN 24 ist die Stelle, die den Unterschied der beiden Bücher markiert: Sie enthält die sieben Reinheiten und das Gleichnis vom Wagengespann. Der Visuddhimagga macht sie zum Gerüst; der Vimuttimagga nicht.

SN 56.11 ist das Ziel beider: das Durchschauen der vier Wahrheiten. Der Vimuttimagga endet mit einem Kapitel, das genau so heißt.

Bestandteile

  • Zwölf Kapitel: Einleitung — Tugend — Askese — Sammlung — der gute Freund — Verhalten — die Übungsobjekte — Eintritt in die Meditation — die fünf höheren Wissen — Weisheit — die fünf Methoden — das Durchschauen der Wahrheit.
  • Fünf Arten der Freiheit, mit denen das Buch seinen Titel erklärt.
  • Drei Übungen als Gliederung, ohne das Raster der sieben Reinheiten.
  • Zwei Sprachschritte: Pāli (verloren) → Chinesisch (erhalten) → Englisch.

Zusammenhang mit anderen Lehren

Dieses Buch ist die zweite überlieferte Antwort auf dieselbe Frage, auf die der Visuddhimagga antwortet: Wie hängt das alles zusammen, was in den Reden verstreut steht? Beide sind Kommentarwerke und geben sich als solche. Keines ist Wort des Buddha, und keines behauptet es.

Bedeutung für die Praxis

Praktisch ist an dieser Stufe wenig — sie ordnet ein. Der eine praktische Punkt ist ein Vorbehalt: Wer hier eine Formulierung liest, die von der gewohnten abweicht, sollte zuerst an die Übersetzungskette denken und erst danach an eine Lehrdifferenz.

Häufige Fehlinterpretationen

„Der Vimuttimagga ist der ursprüngliche Text und der Visuddhimagga eine Verfälschung." Beides sind Kommentarwerke aus derselben Tradition. Dass eines älter ist, macht es nicht kanonischer.

„Weil er über das Chinesische kam, ist er nicht Theravāda." Der Text selbst ist Theravāda; nur sein Überlieferungsweg führte über eine chinesische Fassung. Der Umweg betrifft die Textsicherheit, nicht die Zugehörigkeit.

„Die zwei Bücher widersprechen sich." In der Hauptsache nicht. Sie gewichten und ordnen verschieden — was etwas anderes ist als ein Widerspruch.

Das hast du jetzt in der Hand

  • sagen können, was ein Wegbuch ist und wozu es neben den Reden dient
  • die drei Übungen als Gliederung beider Handbücher wiedererkennen
  • die fünf Arten der Freiheit nennen, mit denen das Buch seinen Titel erklärt
  • erklären, über welche Sprachen der heutige Text überliefert ist
  • benennen, worin sich die beiden Handbücher unterscheiden — und worin nicht

Begriffe dieser Stufe

  • Drei Schulungen tisikkhā

    Die Gliederung des Pfades in Tugend (sīla), Sammlung (samādhi) und Weisheit (paññā): Lebensführung trägt die Meditation, Meditation trägt die Einsicht.

    Für mich festhalten
    Mein Stand zu Drei Schulungen
  • Ruhe und Einsicht samatha-vipassanā

    Die zwei Seiten der Geistesschulung: Beruhigen und Sammeln (samatha) und klares Sehen (vipassanā). DN 34 nennt beide als die zwei Dinge, die entwickelt werden müssen — keine getrennten Techniken, sondern zusammengehörige Qualitäten.

    Für mich festhalten
    Mein Stand zu Ruhe und Einsicht
  • Weisheit paññā

    Weisheit, befreiende Einsicht in die drei Merkmale.

    Für mich festhalten
    Mein Stand zu Weisheit
  • Sammlung samādhi

    Einspitzige Sammlung des Geistes.

    Für mich festhalten
    Mein Stand zu Sammlung
  • das Unbedingte nibbāna

    Das Unbedingte; Verlöschen des Brennstoffs.

    Für mich festhalten
    Mein Stand zu das Unbedingte
  • Pfad magga

    Pfad (überweltlich); der Moment, der die Fesseln durchschneidet.

    Für mich festhalten
    Mein Stand zu Pfad

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Zum Weiterlesen optional

Vier edle Wahrheiten cattāri ariyasaccāni Leidhaftigkeit dukkha Verlangen taṇhā Aggregat khandha

Quelltexte Kanonischer Text

  • AN 3.88 — Die drei Übungen — höhere Sittlichkeit, höherer Geist, höhere Weisheit: die Gliederung, der beide Handbücher folgen
  • MN 24 — Das Gleichnis vom Wagengespann und die sieben Reinheiten — das Gerüst, das der Visuddhimagga übernimmt und der Vimuttimagga gerade nicht
  • SN 45.8 — Der achtfache Pfad in seinen acht Gliedern — die kanonische Form dessen, was beide Bücher entfalten
  • SN 56.11 — Die vier Wahrheiten, mit deren Durchschauen der Vimuttimagga in seinem letzten Kapitel endet

Im Buch selbst

„He who wishes to be released from all trouble, wishes to be unloosed from all attachment, wishes to gain the pre-eminent mind, wishes to be rid of birth, old age and death“

Sinngemäss: Wer von aller Bedrängnis frei werden will, wer sich aus allem Anhaften lösen will, wer den vorzüglichen Geist gewinnen will, wer Geburt, Alter und Tod los sein will

Kap. 1, Introductory Stanza

„What is the meaning of the Path of Freedom?“

Sinngemäss: Was bedeutet der Pfad zur Freiheit?

Kap. 1, Path of Freedom Described

Die Kapitel, um die es auf dieser Stufe geht — sie stehen vollständig im Studium dieser Seite:

Zum Nachdenken

Warum ist der Pāli-Text verloren?

Er ist in Sri Lanka nicht weiter abgeschrieben worden, vermutlich weil der Visuddhimagga ihn verdrängt hat. Erhalten blieb eine chinesische Übersetzung aus dem 6. Jahrhundert. Die heutige englische Fassung ist aus dieser chinesischen Fassung zurückübersetzt — also über zwei Sprachschritte.

Ist der Vimuttimagga eine Kurzfassung des Visuddhimagga?

Nein, und zeitlich wäre es umgekehrt. Der Vimuttimagga ist wahrscheinlich der ältere Text; der Visuddhimagga behandelt dieselben Gegenstände ausführlicher und ordnet sie neu entlang der sieben Reinheiten, die der Vimuttimagga nicht als Gerüst verwendet.

Lohnt sich das ältere Buch, wenn es das ausführlichere gibt?

Es lohnt sich dort, wo die beiden auseinandergehen. Wo zwei Handbücher denselben Gegenstand verschieden ordnen, sieht man, was am Kanon hängt und was an der Ordnung des jeweiligen Verfassers. Das ist mit einem Buch allein nicht zu sehen.