fortgeschrittene kanonische Lehre
Tugend und Sammlung
„Wie beschreibt das ältere Buch die ersten beiden Übungen?“
Die Kapitel 2 bis 9 behandeln die ersten zwei Drittel des Weges: Tugend, freiwillige Strenge, Sammlung, den guten Freund, die Kenntnis der eigenen Wesensart, die Übungsobjekte und den Eintritt in die Vertiefung. Auffällig ist, wie viel Platz das Buch der Frage gibt, wer da eigentlich übt.
Zum Lesen
Redaktionelle Erklärung — Zitate sind als Kanonischer Text gekennzeichnet und verlinkt.
In einem Satz
Das ältere Handbuch behandelt Tugend und Sammlung in acht Kapiteln — und verwendet drei davon darauf, wer da eigentlich übt.
In heutiger Sprache
Kapitel 2 beginnt mit einer Reihe von Fragen, die im Buch immer wiederkehrt: Was ist Tugend? Was ist ihr hervorstechendes Merkmal, ihre Funktion, ihre Erscheinung, ihre nächste Ursache? Welchen Nutzen bringt sie? Wie viele Arten gibt es?
Die Antwort auf das Merkmal ist knapp: die Beseitigung der Unwürde durch die Würde. Dahinter steht die Erklärung, dass Unwürde die Übertretung ist — und zwar in drei Formen: gegen die Ordensregel, gegen die eigene Lebensweise, gegen die Grundlagen selbst.
Kapitel 3 behandelt die freiwilligen Strengen, das Gegenstück zu den dreizehn Läuterungsübungen des Visuddhimagga.
Kapitel 4 bestimmt die Sammlung. Auch hier die Fragenreihe, und die Antwort ist bemerkenswert: nicht „Einspitzigkeit" wie im jüngeren Buch, sondern eine Aufzählung — Reinheit des Geistes, standhaftes Bemühen, Weilen in der Wahrheit mit dem Gewinn der Gestilltheit, Nicht-Zerstreutsein. Das Bild, das gleich darauf folgt, ist die unflackernde Flamme der Lampe im Windschatten.
Und dann kommen drei Kapitel, die im Visuddhimagga so nicht stehen.
Kapitel 5: den guten Freund aufsuchen. Wie man einen Lehrer findet, woran man ihn erkennt, wie man sich ihm nähert.
Kapitel 6: die Wesensart unterscheiden. Vierzehn Typen, gebildet aus Gier, Hass und Verblendung und ihren Mischungen, und ausführliche Zeichen, woran man sie abliest — an der Körperhaltung, an der Art zu essen, an der Kleidung, am Blick.
Kapitel 7: die Übungsobjekte — und ihre Zuordnung zu diesen Typen.
Erst Kapitel 8 beschreibt den Eintritt in die eigentliche Übung, und Kapitel 9 die fünf höheren Wissen, die aus der vollen Sammlung folgen können.
Warum das wichtig ist
Weil die Anordnung selbst eine Aussage ist. Zwischen der Bestimmung der Sammlung und dem ersten Üben stehen drei Kapitel, in denen nicht geübt wird. Sie handeln von der Voraussetzung, die keine Technik ist: dass jemand da ist, der einen kennt, und dass man weiß, mit welchem Menschen man es zu tun hat — mit sich selbst.
Der Kanon stützt das mit einer der schärfsten Formulierungen, die er hat. Ānanda sagt in SN 45.2, edle Freundschaft sei die Hälfte des heiligen Wandels. Der Buddha widerspricht: nicht die Hälfte — der ganze.
Kanonische Grundlage
AN 11.1 ist die Begründung für die Reihenfolge Tugend → Sammlung: eine Kette von der Reuelosigkeit über Freude und Stille bis zur Sammlung, ohne übersprungenes Glied. DN 2 legt denselben Weg als Stufenfolge aus.
MN 118 ist das ausführlichste Übungsobjekt beider Handbücher: die Achtsamkeit auf den Atem in sechzehn Schritten. AN 5.28 beschreibt die vier Vertiefungen in Gleichnissen — das Ziel von Kapitel 8.
MN 27 gehört zu Kapitel 5: Bevor man einem Lehrer folgt, prüft man ihn, und zwar nicht an einem einzelnen Zeichen.
Bestandteile
- Tugend (Kap. 2): Merkmal, Funktion, Erscheinung, nächste Ursache, Nutzen, Arten.
- Askese (Kap. 3): die freiwilligen Strengen.
- Sammlung (Kap. 4): Bestimmung, Hindernisse, Arten, Hervorbringung.
- Der gute Freund (Kap. 5).
- Die Wesensart (Kap. 6): vierzehn Typen und ihre Zeichen.
- Die Übungsobjekte (Kap. 7): geordnet und den Typen zugewiesen.
- Eintritt in die Übung (Kap. 8) und die fünf höheren Wissen (Kap. 9).
Zusammenhang mit anderen Lehren
Die drei Übungen erscheinen in Kapitel 8 noch einmal ausdrücklich als Rahmen — höhere Sittlichkeit, höherer Geist, höhere Weisheit. Damit ordnet das Buch selbst ein, wo man beim Lesen gerade steht: Das Ende von Kapitel 9 ist das Ende der zweiten Übung. Was folgt, ist die dritte.
Bedeutung für die Praxis
Der praktisch brauchbarste Teil ist Kapitel 6, und zwar gegen den Strich gelesen. Die Zeichen, die dort für die Wesensart aufgeführt werden, sind Alltagsbeobachtungen — wie jemand geht, wie er isst, worauf sein Blick fällt. Man muss die vierzehn Typen nicht übernehmen, um die Frage brauchbar zu finden, die dahintersteht: Welche Neigung ist bei mir die häufigste, und welche Übung arbeitet gegen sie statt mit ihr?
Häufige Fehlinterpretationen
„Der gute Freund ist nettes Beiwerk." SN 45.2 sagt das Gegenteil, und das Buch räumt ihm ein eigenes Kapitel ein — vor dem ersten Übungskapitel.
„Die Typenlehre ist Charakterkunde." Sie ist ein Zuordnungswerkzeug für Übungsobjekte, keine Persönlichkeitsbeschreibung. Das Buch setzt voraus, dass sie von einem Lehrer angewandt wird, nicht auf sich selbst.
„Die fünf höheren Wissen sind das Ziel der Sammlung." Sie sind in Kapitel 9 eine mögliche Folge der vollen Sammlung — und stehen vor dem Kapitel über die Weisheit, nicht danach.
Das hast du jetzt in der Hand
- die Bestimmungen von Tugend und Sammlung aus dem Buch wiedergeben
- erklären, warum ein eigenes Kapitel dem guten Freund gilt
- sagen können, was mit „Wesensart“ gemeint ist und wozu sie erhoben wird
- die Übungsobjekte des Vimuttimagga mit denen des Visuddhimagga vergleichen
- beschreiben, wie das Buch den Übergang in die Vertiefung darstellt
Begriffe dieser Stufe
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Sammlung samādhi
Einspitzige Sammlung des Geistes.
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Vertiefung jhāna
Ein Zustand gesammelter, in sich ruhender Aufmerksamkeit; der Kanon beschreibt vier solcher Stufen und nennt für jede die Faktoren, die sie tragen.
Für mich festhalten
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Meditationsgegenstand kammaṭṭhāna
Der Gegenstand, an dem geübt wird; die Sammlungsübung kennt vierzig davon.
Für mich festhalten
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Einspitzigkeit ekaggatā
Einspitzigkeit, Sammlung (Jhāna-Faktor).
Für mich festhalten
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Fünf ethische Grundsätze pañcasīla
Nicht töten, nicht nehmen, was nicht gegeben ist, keine sexuellen Verfehlungen, nicht falsch reden, keine berauschenden Mittel: Übungsregeln (sikkhāpada), die man auf sich nimmt — Schutz für andere und Bedingung für einen ruhigen Geist.
Für mich festhalten
-
Hindernis nīvaraṇa
Eines der fünf Dinge, die den Geist am Sammeln hindern — Sinnenverlangen, Übelwollen, Trägheit, Unruhe und Zweifel.
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Zum Weiterlesen optional
liebende Güte mettā Verzückung pīti Achtsamkeit sati formlose Vertiefung arūpa-jhāna Rechter Lebenserwerb sammā-ājīva
Quelltexte Kanonischer Text
- AN 11.1 — Die Kette von der heilsamen Sittlichkeit über Reuelosigkeit und Freude bis zur Sammlung — die Begründung dafür, dass Tugend zuerst kommt
- SN 45.2 — „Der ganze heilige Wandel ist edle Freundschaft“ — die Rede, die dem Kapitel über den guten Freund zugrunde liegt
- MN 118 — Die Achtsamkeit auf den Atem in sechzehn Schritten — im Vimuttimagga das ausführlichste Übungsobjekt
- AN 5.28 — Die vier Vertiefungen in Gleichnissen — der Zustand, in den die Kapitel 8 und 9 münden
Im Buch selbst
„The removal of non-dignity by dignity“
Sinngemäss: Die Beseitigung der Unwürde durch die Würde
„Concentration means that one has purity of mind, endeavours steadfastly, dwells with the truth having the benefit of tranquillity and is not distracted. This is called concentration.“
Sinngemäss: Sammlung heißt, dass einer Reinheit des Geistes hat, standhaft bemüht ist, in der Wahrheit weilt mit dem Gewinn der Gestilltheit, und nicht zerstreut ist. Das wird Sammlung genannt.
„The first is the training of the higher virtue, the second is the training of the higher thought, the third is the training of the higher wisdom.“
Sinngemäss: Die erste ist die Übung der höheren Sittlichkeit, die zweite die Übung des höheren Geistes, die dritte die Übung der höheren Weisheit.
Die Kapitel, um die es auf dieser Stufe geht — sie stehen vollständig im Studium dieser Seite:
- Kapitel 2 — On Distinguishing Virtue (Von der Unterscheidung der Tugend)
- Kapitel 4 — On Distinguishing Concentration (Von der Unterscheidung der Sammlung)
- Kapitel 5 — On Approaching a Good Friend (Vom Aufsuchen eines guten Freundes)
- Kapitel 6 — The Distinguishing of Behaviour (Die Unterscheidung der Wesensart)
- Kapitel 7 — The Distinguishing of the Subjects of Meditation (Die Übungsobjekte)
- Kapitel 8 — Entrance into the Subject of Meditation (Eintritt in die Übung)
Zum Nachdenken
Warum bekommt der „gute Freund“ ein eigenes Kapitel?
Weil das Buch die Zuordnung von Übungsobjekt und Mensch für eine Aufgabe hält, die niemand allein für sich leisten kann. Wer seine eigene Wesensart bestimmen soll, ist Partei. Der Kanon geht sogar weiter: In SN 45.2 nennt der Buddha edle Freundschaft nicht die Hälfte des heiligen Wandels, sondern den ganzen.
Was ist mit „Wesensart“ gemeint?
Die Grundneigung, in der jemand meistens steht — zur Gier, zum Hass, zur Verblendung, zum Vertrauen, zur Klugheit, zum Grübeln. Kapitel 6 beschreibt, woran man sie erkennt: an Haltung, Kleidung, Essen, Schlaf, an der Art, wie einer etwas ansieht. Danach richtet sich, was er üben soll.
Warum steht die Sammlung im Buch nicht direkt nach der Tugend?
Sie wird in Kapitel 4 bestimmt, aber vor dem eigentlichen Üben stehen drei Kapitel über die Vorbereitung: der Lehrer, die eigene Wesensart, die Wahl des Objekts. Das ist die Aussage der Anordnung — man beginnt nicht mit einer Technik, sondern mit der Frage, wer da übt.