Khuddaka Nikāya · Nyanatiloka (deutsch)
Milindapañha — Die Fragen des Königs MilindaZwiegespräche zwischen König Milinda (Menandros) und dem Mönch Nāgasena — übersetzt von Nyanatiloka, herausgegeben von Nyanaponika. Vorwort, Prolog und alle sieben Teile in 274 Abschnitten. Der Herausgeber hat einige Unterkapitel fortgelassen (rund 55 Seiten der Erstauflage); ein Hinweis steht am Anfang.
Auf einen Blick — 12 Kapitel
- 1Vorwort, Prolog und äußere Erzählung
- 2Teil 2 · Milindapañha 2.1.1–2.1.14
- 3Teil 2 · Milindapañha 2.2.1–2.4.2
- 4Teil 3 · Milindapañha 3.1.1–3.4.15
- 5Teil 4 · Milindapañha 4.1.1–4.1.17
- 6Teil 4 · Milindapañha 4.2.1–4.2.8
- 7Teil 4 · Milindapañha 4.3.1–4.4.8
- 8Teil 4 · Milindapañha 4.5.1–4.6.10
- 9Teil 4 · Milindapañha 4.7.1–4.8.13
- 10Teil 5 · Milindapañha 5.1–5.2
- 11Teil 6 · Milindapañha 6
- 12Teil 7 · Milindapañha 7.1.1–7.7.7
Vorwort, Prolog und äußere Erzählung
Zu dieser Ausgabe: Es ist die von Nyanaponika neu herausgegebene Fassung von Nyanatilokas Übersetzung. Der Herausgeber hat mehrere Unterkapitel fortgelassen — nach seiner eigenen Angabe im Vorwort etwa 55 Seiten der Erstauflage — und den Anhang mit den «Kritischen Anmerkungen» weggelassen. Der übrige Text steht im vollen Wortlaut.
Zwiegespräche zwischen einem Griechenkönig und einem buddhistischen Mönch
Aus dem Pali übersetzt von Nyanatiloka/Nyanaponika
Vorwort des Herausgebers
Historische und andere Einzelheiten über das vorliegende interessante Werk buddhistischer Literatur, «Die Fragen des Königs Milinda», wird der Leser in der informativen Einleitung Professor Becherts finden.
Dieses Vorwort will nur von der Vorgeschichte der Übersetzung handeln und von den Prinzipien, denen die hier getroffene Auswahl folgt.
Der erste Band der vorliegenden deutschen Übersetzung erschien zuerst 1913 in Einzellieferungen und, durch den ersten Weltkrieg verzögert, erst 1919 in Buchform (Verlag Max Altmann, Leipzig). Dem folgte im Jahre 1924 der zweite Band im Oskar Schloss Verlag, München-Neubiberg, der auch den ersten Band in Verlag nahm.
Nachdem dieses Werk während vieler Jahrzehnte vergriffen war, hat dankenswerterweise der Ansata Verlag Paul A. Zemp auf eigene Initiative hin eine Neuauflage unternommen und lud den Unterzeichneten ein, eine revidierte Ausgabe vorzubereiten. Als einem Mönchs-Schüler des verstorbenen Übersetzers, des Ehrwürdigen Nyanatiloka, war es dem Herausgeber eine Freude, dabei behilflich zu sein, dieses wichtige und interessante Werk wieder zugänglich zu machen.
Es erwies sich, daß dieses Frühwerk des Übersetzers zahlreiche Änderungen erforderte. Der Herausgeber fühlte sich zu solchen Änderungen ermutigt und berechtigt, da ihn der Ehrwürdige Nyanatiloka vor seinem Hinscheiden ermächtigt hatte, für die Neuausgabe eines anderen und größeren Übersetzungswerkes die dabei nötigen Änderungen vorzunehmen.
Diese Änderungen betreffen zunächst die Terminologie, d.h. die buddhistischen Lehrbegriffe, die der Übersetzer selber in späteren Werken präziser wiedergegeben hatte. Da die erste Auflage, wie auch die jetzige, auf gute Lesbarkeit Wert legte, wurden einige freie Wiedergaben belassen. Ergänzt wurden aber einige Auslassungen, die vielleicht zum Teil aus stilistischen Gründen erfolgt waren. Andererseits aber wurden mehrere Unterkapitel fortgelassen, die der heutige europäische Leser als allzu befremdend-naiv empfinden mag und die weder zum literarischen Wert des Werkes noch zum Verständnis der buddhistischen Lehre beitragen. Diese Kürzungen sind etwa 55 Seiten der Erstauflage.
Einige Ausdrucksweisen dieses vor 70 Jahren erschienenen Werkes wurden dem heutigen Sprachgebrauch angepaßt.
Der Herausgeber hat ferner zahlreiche neue Anmerkungen hinzugefügt, zum Teil dort, wo die Erstauflage lediglich auf andere, jetzt vergriffene Bücher verweist. Im Hinblick auf den Leserkreis dieser Neuausgabe wurden die Anmerkungen rein sachlich-erklärend gehalten und philologische Erörterungen vermieden. Aus diesem Grunde wurde auch aus der Erstauflage der Anhang mit «Kritischen Anmerkungen» fortgelassen, welche sich auf den Originaltext beziehen und daher nur für Kenner der Pali-Sprache von Interesse sind.
Der Herausgeber ist Herrn Dr. M. Fryba dankbar für seine wertvolle Mitarbeit an der Vorbereitung dieses Werkes für den Neudruck.
Forest Hermitage
Kandy, Sri Lanka
Juli 1983 Nyanaponika
Einleitung
Von H. Bechert
Das in Pāli, der heiligen Sprache des Theravāda-Buddhismus, abgefaßte Werk Milindapañha («Fragen des Milinda») hat schon früh die Aufmerksamkeit der abendländischen Buddhismusforschung auf sich gelenkt. Abgesehen von der großen Bedeutung dieses philosophischen Dialogwerkes für die Geschichte des Verständnisses der Lehren des Buddhismus, hat es auch deswegen besondere Beachtung gefunden, weil Milinda, der dem Werk den Namen gegeben hat, ein indischer König griechischer Abstammung gewesen ist. Menandros - dies war sein griechischer Name - beherrschte um die Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus ein indo-griechisches Königreich im Nordwesten des Subkontinents, eines jener Staatsgebilde, die auf komplizierten Wegen aus der Staatenwelt hervorgingen, die nach dem Ende des Alexanderzuges im Östlichen Teil des von ihm eroberten Gebietes entstanden ist. Die uns erhaltenen Quellen über die politische Geschichte Indiens jener Zeit sind in mancher Hinsicht unzuverlässig und auch teilweise recht widersprüchlich, doch darf als gesichert gelten, daß Menandros einer der bedeutendsten indo-griechischen Herrscher gewesen ist. Er hat seinen Machtbereich weiter ins nordische Kernland ausgedehnt als seine Vorgänger, weit über das Indus-Land hinaus.
Die «Fragen des Menandros» sind ein Dialog zwischen diesem König und einem bedeutenden buddhistischen Mönch namens Nāgasena. Man hat die Form dieses philosophischen Dialogs sowohl mit eigenen Upanisad-Texten wie auch mit den platonischen Dialogen verglichen. Dialogform wird bekanntlich bereits in den frühen kanonischen buddhistischen Texten, also in den Sammlungen der Lehrreden des Buddha, verwendet. Man hat die Frage, ob griechische Einflüsse auf die Entstehung dieser literarischen Form eingewirkt haben, recht unterschiedlich beantwortet. Wenn man freilich die Lebenszeit des Buddha, wie es die Mehrzahl der europäischen Wissenschaftler tut, auf etwa 560 bis 480 v. Chr. datiert, ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten für die Annahme einer solchen Beeinflussung. Es ist jedoch viel wahrscheinlicher, daß diese - ausschließlich auf historischen Angaben aus singhalesischer Überlieferung beruhende - Datierung auf einer viel jüngeren in Sri Lanka erdachten chronologischen Konstruktion beruht und wesentlich zu früh angesetzt ist. Infolgedessen sollte man - in Übereinstimmung mit der Meinung der Mehrheit der japanischen Forscher - die Lebenszeit des Buddha mindestens hundert Jahre später ansetzen. Griechische Einflüsse auf die Form der Darbietung früher buddhistischer Lehren sind daher als durchaus wahrscheinlich anzusehen. Für die Dialogform des Milindapañha darf ein formaler griechischer Einfluß fast als sicher gelten.
Dies gilt jedoch nur für die Form, nicht für den Inhalt der darin vorgetragenen Lehren. Dazu seien einige Sätze aus der Einleitung zitiert, die der später vor allem durch seine Forschungen über die Entwicklung des mittelalterlichen Hinduismus berühmt gewordene Indologe F. Otto Schrader 1905 der von ihm verfaßten ersten deutschen Übersetzung vorangestellt hat. Er meint nämlich, daß der Mönch, der den Milindapañha verfaßt hat, nur dann auf den Gedanken kommen konnte, «einen griechischen König über buddhistische Lehren diskutieren zu lassen, wenn dieser König tatsächlich in enger Beziehung zum Buddhismus gestanden habe.» Schrader glaubte sogar, daß ein wirkliches Gespräch zwischen dem großen König und dem Mönch Nāgasena, dem «größten Weisen des Reiches», die Grundlage unseres Werkes gebildet habe. Er schreibt dazu weiter (Die Fragen des Königs Menandros, Berlin 1905, S. XXI-XXIII):
«Hiergegen spricht durchaus nicht, daß in dem Werke spezifisch griechische Gedanken schlechterdings nicht zu finden sind. Denn die Tatsache, daß die philosophische und religiöse Literatur der Inder nicht eine Spur griechischen Einflusses aufweist, während ein solcher in den meisten übrigen Literaturzweigen sowie in der indischen Kunst längst entdeckt worden ist und während andererseits die hellenistische Philosophie wenigstens der späteren Zeit unverkennbar indischen Einfluß zeigt - diese Tatsache, meine ich, beweist, daß die Griechen sich auf diesem Gebiete als die Schwächeren gefühlt und den Indern untergeordnet haben. Aber auch, wer hiervon ganz absieht, wird zu dem gleichen Ergebnis kommen, wenn er sich vergegenwärtigt, wie gewaltig dem eindrucksfähigen Griechen (man denke an die ägyptischen Reisen Herodots und Platons) die Geschlossenheit, die Fertigkeit, die metaphysische Tiefe der indischen Systeme, vor allem des Buddhismus, der ja in jenen Gegenden herrschte, imponiert haben muß. Wenn er diese Literatur mit der seinigen verglich, so konnte ihm unmöglich entgehen, daß sie an metaphysischem Gehalt der griechischen ebensosehr überlegen war, wie sie in formeller Hinsicht hinter ihr zurückstand. Wie dilettantenhaft und salonmäßig müssen ihm z. B., wenn er sie mit den Gesprächen Buddhas verglich, die platonischen Dialoge vorgekommen sein!
In Griechenland überall das Suchen nach der Wahrheit, überall ein Tasten, ein Niederreißen und Aufbauen von Meinungen - hier das Jahrhunderte alte, feste Lehrgebäude des Buddhismus, getragen von der unerschütterlichen Überzeugung seiner Anhänger, daß man hiermit im vollen Besitze der Wahrheit sei, daß in allen Zeiten nichts wesentlich Neues mehr gefunden werden könne und daher die einzige Aufgabe sei, zum Verständnis der Lehre sich durchzuringen. Und wissen wir denn überhaupt, daß Menander von griechischer Bildung soviel mehr hatte als von indischer? Nur durch die Fortsetzung der Politik Alexanders, durch Verschwägerung mit den Eingeborenen und möglichste Anpassung an ihre Sitten konnte das Häuflein Griechen, das mit Demetrios und Eukratides in Indien eingedrungen war, sich dauernd zu behaupten hoffen, und erst recht war man hierzu gezwungen, als der Untergang des baktrischen Reiches die Verbindung mit dem Mutterland abgeschnitten hatte.»
Schraders Ausführungen sind keineswegs überholt, auch nach dem heutigen Stande der Wissenschaft lassen sich im Inhalt des Milindapañha keine griechischen Einflüsse mit Sicherheit nachweisen. Die kulturelle Assimilation der indo-griechischen Könige an ihre indische Umwelt scheint endgültig vollzogen gewesen zu sein. Dabei spielt keine Rolle, daß einzelne griechische Namen verwendet werden, und daß sich Spuren des Gebrauchs der griechischen Sprache durch diese indo-griechischen Herrscher erhalten haben. Wir wissen ja auch, daß schon König Asoka im dritten Jahrhundert v. Chr. die griechische und die aramäische Sprache für Inschriften buddhistischen Inhalts in den westlichen Gebieten seines Reiches verwendet hat.
Wie eingangs angedeutet, gehört der Milindapañha zu den Werken der Pāli-Literatur, die schon in der Frühzeit der europäischen Pāli-Forschung das Interesse der Gelehrten gefunden haben. Der Text des Milindapañha wurde im Jahre 1880 von dem großen dänischen Pionier der Pāli-Studien, Carl Wilhelm Trenckner (1824-1891) herausgegeben, und zwar bereits ein Jahr vor der Gründung der Pāli Text Society, der wir die Veröffentlichung der meisten kanonischen und nachkanonischen Werke der Pāli-Literatur verdanken. Trenckners Ausgabe gehört trotz ihres frühen Erscheinungsdatums zu den besten Editionen von Pāli-Werken und ist bis heute nicht überholt. Ihr Nachdruck wurde 1962 als 69. Band in die Serie der Ausgaben der Pāli Text Society aufgenommen.
Treckners Ausgabe bildet auch die Grundlage aller Übersetzungen des Textes in westliche Sprachen sowie übrigens auch der japanischen Übertragungen. Bereits 1890-1894 übersetzte Thomas William Rhys Davids (1842-1922) das Werk unter dem Titel «The Questions of King Milinda» als Band 35 und 36 der berühmten Serie «Sacred Books of the East». Diese Übersetzung ist heute durch eine moderne englische Wiedergabe des Textes von Isaline Blew Horner (1896-1981) überholt, die den Titel «King Milinda’s Questions» trägt (1963-1969). Die früheste deutsche Übersetzung («Die Fragen des Königs Menandros», Berlin 1905) verdanken wir, wie schon erwähnt, dem Indologen F. Otto Schrader (1876-1961). Es handelt sich um eine sehr sorgfältige und zuverlässige Übertragung allerdings nicht des gesamten Pāli-Textes, sondern nur der Abschnitte I bis III, die als die ältesten Teile des Werkes gelten dürfen.
Die erste und bisher einzige vollständige deutsche Übersetzung ist die hier neu herausgegebene Übertragung von Nyānatiloka Mahāthera. Sie erschien 1919 bis 1924 in erster Auflage und darf, wie die übrigen Übersetzungen buddhistischer Texte durch Nyānatiloka in die Reihe der klassischen Übertragungen von Werken der älteren Pāli-Literatur eingereiht werden, sowohl was ihre inhaltliche Genauigkeit wie was ihr sprachliche Form anbelangt. Die erste, und soweit mir bekannt ist bisher einzige französische Wiedergabe des Textes stammt von Louis Finot und berücksichtigt nur die Teile I bis III des Textes; sie erschien 1923.
Erst längere Zeit nach Trenckners Ausgabe des Pāli-Textes wurden mehrere Ausgaben des Milindapañha in den buddhistischen Ländern Burma, Thailand und Sri Lanka gedruckt; einige dieser Ausgaben weisen zusätzliche Texterweiterungen auf. Die älteste, bereits von Nyānatiloka eingesehene burmesische Edition war «dermaßen voller Fehler, daß ich dieselbe gar nicht gebrauchen konnte» (vgl. Nyānatilokas Vorrede S. XV). In der Serie der Textausgaben, die im Zusammenhang mit dem Sechsten Buddhistischen Konzil in Rangun vom Buddha Sāsana Council herausgebracht wurde, erschien nun 1960 eine sehr zuverlässige Neuausgabe auch dieses Pāli-Textes in burmesischer Schrift. Unter den Drucken in singhalesischer Schrift verdient die 1927 in Colombo erschienene, von Mātara Piyaratana Thera und Kamburupitiye Gunaratana Thera besorgte Ausgabe Erwähnung. 1962 wurde der Text, zusammen mit den gleich zu erwähnenden Kommentaren, von Bhatatthala (Balangoda) Ananda Metteyya Thera erneut in singhalesischer Schrift veröffentlicht.
Im Jahre 1474 wurde die Milinda-tīkā, also ein Kommentar zum Milindapañha, verfaßt. Dieser Text ist 1961 von Padmanabh S. Jaini herausgegeben (Pāli Text Society, Text Series, 70) und 1963, zusammen mit einem noch jüngeren singhalesischen Erklärungswerk, in die erwähnte Ausgabe von Ananda Metteyya aufgenommen worden. Man wird der Meinung des Herausgebers zustimmen müssen, daß dieser Kommentar «wenig Wert als exegetisches Werk» habe, obwohl er uns interessante Einblicke in die mittelalterliche Entwicklung der Scholastik der Theravāda-Schule bietet. Der Verfasser des Kommentares hieß Mahāpitaka-Cūlābhaya Thera. Er hat wahrscheinlich im Gebiet des heutigen nördlichen Thailands um Chiang Mai gelebt.
Unter den älteren Übersetzungen des Milindapañha verdient die singhalesische Übertragung von Sīnatikumburé Sumangala Thera Erwähnung. Dieses Werk wurde etwa 1765 geschrieben und trägt den Titel Saddharmādāsaya («Spiegel der guten Lehre»). Es ist eher als erweiterte Bearbeitung denn als Übersetzung im üblichen Sinne zu bezeichnen. Sumangala Thera gehörte in die Schule des Välivitiyé Saranarikara, des großen Reformators des ceylonesischen Buddhismus im 18.Jahrhundert. Robert Spence Hardy nahm Auszüge aus diesem Werk in englischer Übersetzung bereits in sein berühmtes «Manual of Buddhism in its modern development» (London 1853) auf. Bereits 1878 erschien die erste vollständige Ausgabe dieses singhalesischen Textes, herausgegeben von Mohottivatté Gunānanda Thera, dem buddhistischen Gesprächspartner in dem «Großen Streitgespräch von Pānadurā», das 1873 den Beginn der modernen buddhistischen Erneuerungsbewegung markierte. Seither sind zahlreiche Editionen des Saddharmādāsaya erschienen. Nyānatiloka hat diese singhalesische Version des Milindapañha für sein Übersetzungswerk mit herangezogen (vgl. seine Vorrede, S. XV).
Der Milindapañha gilt als sogenanntes halb-kanonisches Werk. Er gehört nicht zu den kanonischen Schriften des Theravāda-Buddhismus in dem durch den maßgeblichen Kommentator Buddhaghosa im 5. Jh. n. Chr. definierten Sinn. Zusammen mit Nettippakarana und Petakopadesa gehört er zu den wenigen uns erhaltenen nicht-kanonischen Lehrwerken aus der Zeit vor den großen Pāli-Kommentatoren, deren Tätigkeit im 5. Jahrhundert einsetzte. Die drei genannten Texte genießen bei allen Theravāda-Buddhisten so hohes Ansehen, daß sie durchaus in die Nähe der eigentlichen kanonischen Tradition gerückt werden können.
Entscheidend für die Einordnung des Milindapañha in die Geschichte der indischen und der buddhistischen Literatur sowie für die Erforschung der Entwicklung des Textes war jedoch die Entdeckung chinesischer Versionen des Milindapañha. Im Jahre 1893 haben Edouard Specht und Sylvain Lévi beim Neunten Internationalen Orientalistenkongreß in London diese Entdeckung zum ersten Mal bekannt gemacht. In den folgenden Jahren ist eine größere Anzahl von Studien darüber veröffentlicht worden. Paul Demiéville hat 1924 die bis heute maßgebliche Arbeit über diese Texte veröffentlicht («Les versions chinoises du Milindapañha», Bulletin de l’Ecole Francaise d’Extrême-Orient 24, S. 1-258). Unter den aus neuerer Zeit stammenden Studien darüber sei noch eine von dem vietnamesischen Bhikkhu Thich Minh Chau verfaßte Abhandlung genannt Milindapañha and Nāgasenabhikshusūtra, A Comparative Study through Pāli and Chinese Sources, Calcutta 1964.
Der Leser der Übersetzung des uns vorliegenden Pāli-Textes wird bemerken, daß der Text nicht ganz einheitlich ist. In seiner Vorrede zur ersten Auflage (S. XII) merkte Nyānatiloka an, daß dem Leser auffallen müsse, «daß so manche Stellen gar nicht recht in den Zusammenhang hineinpassen wollen, ja, ihm bisweilen geradezu widersprechen.» F. O Schrader nahm an, daß man in dem vorliegenden Milindapañha in Pāli die Hand von wenigstens fünf verschiedenen Autoren erkennen könne. Der Vergleich des Pāli-Textes mit den chinesischen Übersetzungen hat bestätigt, daß die den letzteren zugrunde liegende Fassung nicht mit dem vorliegenden Pāli-Text identisch gewesen ist. Sehr wohl aber lassen sich alle vorhandenen Versionen auf einen gemeinsamen Grundtext zurückführen. Dieses ursprüngliche Werk umfaßte nur Abschnitte, die den Teilen I bis III des uns vorliegenden Pāli-Textes entsprechen. Daß der Milindapañha ursprünglich mit Teil III abschloß, läßt sich sogar noch deutlich am Wortlaut des Schlußabschnittes dieses Teils des Pāli-Textes erkennen.
Der Urtext des Milindapañha war vermutlich in einem nordwestindischen Prākrit, also in einer dem Pāli zwar verwandten, aber doch merklich davon abweichenden mittelindoarischen Sprache abgefaßt. Alle uns erhaltenen Fassungen sind Überarbeitungen und Übersetzungen dieses Textes. Der den chinesischen Übersetzungen zugrunde liegende Text wurde aus der mittelindischen Sprache des Originals ins Sanskrit oder wahrscheinlicher in das sog. buddhistische hybride Sanskrit, eine Mischsprache aus altindischen und mittelindischen Sprachelementen, übersetzt. Er trug den Titel Nāgasenabhiksusūtra. Die in den Theravāda-Ländern überlieferte Pāli-Fassung ist natürlich ebenfalls eine Übersetzung. Sie ist vermutlich nicht in Indien, sondern erst in Sri Lanka zugleich mit einer inhaltlichen Bearbeitung und mit der Erweiterung des Textes um die Teile IV bis VII durch einen Mönch der dort herrschenden Theravāda-Schule angefertigt worden. Übrigens hat dieser Bearbeiter auch die älteren Teile des Werkes an einigen Stellen verändert und dabei beispielsweise allerlei Wundererzählungen hinzugefügt, die Angaben über die Zahl der Mönche in der Einleitung vervielfacht und andere, dem Geiste einer etwas späteren Zeit entsprechende Einfügungen im Text vorgenommen.
Die Geschichte des indischen Buddhismus berichtet uns nun bekanntlich über zahlreiche sog. Schulbildungen, durch die die ursprüngliche Einheit des Mönchsordens verloren ging. Diese oft fälschlich als «Sekten» bezeichneten Richtungen des frühen Buddhismus bildeten nun zunächst Gruppen im Sangha, die sich nur durch kleine Unterschiede in der Auslegung und Anwendung der Mönchsregeln voneinander unterschieden. Sie waren keineswegs häretische Gruppen, wie wir sie aus der frühen Geschichte des Christentums kennen. Erst sekundär entwickelten sich auch innerhalb des Buddhismus Schulrichtungen mit unterschiedlichen Auffassungen über einzelne Fragen der Auslegung buddhistischer Lehren. Zwar projiziert die Theravāda-Tradition dogmatischen Schulstreit innerhalb des Mönchsordens weit zurück bis in die Zeit der Herrschaft des Königs Asoka, also bis ins frühe dritte vorchristliche Jahrhundert, oder sogar noch weiter, doch spricht vieles dafür, daß erst verhältnismäßig spät dogmatische Fragen in den Vordergrund der Meinungsverschiedenheiten getreten sind.
So nimmt es nicht wunder, wenn in den alten Teilen des Milindapañha noch keine Lehrsätze gefunden worden sind, die eine eindeutige Zuordnung des Werkes zu einer bestimmten Schulrichtung mit Sicherheit erlauben. Thich Minh Chau vermutete sogar, daß der älteste Milindapañha-Text älter sei als der Beginn der Bildung der buddhistischen Schulrichtungen, aber dies ist doch unwahrscheinlich. Die in Indien überlieferte und später ins Chinesische übersetzte Textfassung wird von den meisten Gelehrten als Werk der in Kaschmir beheimateten Sarvāstivāda-Schule betrachtet. Die Sarvastivādin haben in den folgenden Jahrhunderten maßgebliche Beiträge zur Entwicklung der buddhistischen Philosophie geleistet. Es ist allerdings nach dem heutigen Stand unserer Kenntnisse auch nicht auszuschließen, daß der Verfasser des Textes einer anderen, nämlich der Dharmagupta-Schule angehört hat, deren Verbreitung in früher Zeit sich ebenfalls in jenen nordwestlichen Gebieten Indiens nachweisen läßt.
In jedem Fall darf behauptet werden, daß die in dem Text vorgetragenen Lehren, wenn auch vielleicht nicht in allen Einzelheiten die ursprüngliche Lehre des Buddha, so doch das Verständnis des Buddhismus, wie es im zweiten und ersten Jahrhundert v. Chr. in den meisten Teilen der damaligen buddhistischen Welt verbreitet war, genau und gut wiedergeben. Man wird, wenn man nur die alten Teile des Milindapañha in Betracht zieht und die späteren ceylonesischen Hinzufügungen einmal außer acht läßt, Nyānatilokas wohl in Betrachtung des Gesamttextes formulierte negative Äußerung in der Vorrede zur ersten Auflage, in der er an dem Text «Spitzfindigkeiten und sophistische Verdrehungen, vielleicht gar direkte Fehler und falsche Auslegungen der Lehre» kritisierte, heute nicht mehr ohne weiteres akzeptieren.
Was nun den Zeitpunkt der Abfassung des ursprünglichen Milindapañha betrifft, so kann man auch dazu nur Vermutungen anstellen. F. O. Schrader glaubte, daß die überlieferten Dialoge des alten Teiles des Milindapañha tatsächlich im wesentlichen eine Art Protokoll der Gespräche des Königs mit dem Mönch Nāgasena darstellen, so daß sie ins zweite Jahrhundert v. Chr. zu datieren sind. Erich Frauwallner meinte immerhin, der Text müßte aus einer Zeit stammen, «wo das Andenken an Menandros noch lebendig war, also vermutlich aus dem ersten Jahrhundert v. u. Z.» (Die Philosophie des Buddhismus, Berlin 1956, S. 66). Ein recht frühes Entstehungsdatum der Urfassung darf nach allem, was wir wissen, als wahrscheinlich gelten. Die älteste chinesische Übersetzung soll übrigens bereits im dritten Jahrhundert n. Chr. verfaßt worden sein.
Der Milindapañha ist - über die bereits erwähnten Studien hinaus Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten gewesen. Die älteren sind von Siegfried Behrsing in «Beiträge zu einer Milindapañha-Bibliographie» (Bulletin of the School of Oriental Studies, Bd. 7, 1933-35, S.335-348 und 517-539) angeführt worden. In neuerer Zeit hat sich nicht nur die europäische und die indische, sondern auch die japanische Forschung wiederholt mit unterschiedlichen Aspekten des Milindapañha befaßt. Gleichwohl darf festgestellt werden, daß einige wichtige Fragen philologischer, historischer und philosophiegeschichtlicher Natur, die für eine noch genauere Einordnung des Milindapañha in die Geschichte der buddhistischen Überlieferung geklärt werden müßten, noch nicht abschließend beantwortet werden konnten. Der Milindapañha zählt jedenfalls zu den bedeutendsten Zeugnissen der älteren buddhistischen Literatur und ist in besonderem Maße geeignet, auch dem abendländischen Leser ein tieferes Verständnis der Lehre des Buddha zu vermitteln.
Vorrede der ersten Auflage, Breslau 1914, Walter Markgraf
Unter allen uns überlieferten buddhistischen Werken dürfte wohl keines dazu bestimmt sein, die Massen des Volkes in solchem Maße zu gewinnen, wie der, von einem der größten Pāligelehrten Europas wohl nicht mit Unrecht als das Meisterwerk indischer Prosa bezeichnete "Milinda-Pañho", d.i. auf deutsch "Die Fragen des Milindo."
Es muß zwar zugegeben werden, daß dieses Werk keineswegs an allen Stellen durchweg den echten, ursprünglichen Geist der in dem Pālikanon niedergelegten Erlösungslehren atmet; auch nicht ganz frei sprechen kann man es von Spitzfindigkeiten und sophistischen Verdrehungen, vielleicht gar direkten Fehlern und falschen Auslegungen der Lehre, weshalb dasselbe denn auch, und das besonders in Ceylon, bereits zu scharfer Polemik herausgefordert und zur Entstehung einer ganzen Reihe von Schriften dafür und dagegen die Veranlassung gegeben hat.
Doch das alles wird dem Leser in reichlichem Maße vergolten durch die zumeist recht tiefsinnigen Ausführungen in den ersten Teilen, sowie die stets geistreiche, nie ermüdende Phantasie des Autors. Allerdings, ein vollkommener Genuß des Werkes wird nur dem vergönnt sein, der dasselbe in seiner Ursprache, dem Pali, zu lesen imstande ist. Nämlich hinsichtlich seiner Sprache - die einerseits die formale Steifheit der kanonischen Texte, andererseits den schwulstigen Stil der späteren Scholiasten vermeidet - dürfte sich weder in der kanonischen noch außerkanonischen Pāli-Literatur wohl kaum ein zweites Werk finden lassen, das dem Milinda-Pañho an Vornehmheit und Klarheit des Stiles als auch der Lieblichkeit der Sprache gleich käme.
Sicher ist, daß das Werk keineswegs, auch nur im entferntesten, ein einheitliches genannt werden kann, sodaß man wohl kaum umhin kann, die Möglichkeit mehrerer Verfasser zu postulieren. Dr. Schrader nimmt an, daß der Milinda-Pañho, so wie er uns heute vorliegt, zum mindestens von fünf Autoren stammt und daß das ursprüngliche Werk sich bloß auf einen ganz geraumen Umfang beschränkt.
Gewiß, schon beim bloßen, oberflächlichen Durchlesen muß es dem Leser auffallen, daß so manche Stellen gar nicht recht in den Zusammenhang hineinpassen wollen, ja, ihm bisweilen geradezu widersprechen. Auch fehlt der das Ganze beherrschende, einheitliche Ton, was besonders auffällt, wenn man die drei ersten Teile des Werkes mit dem bei weitem weniger wertvollen Reste vergleicht.
Nichtsdestoweniger habe ich, unbeachtet dieser Tatsachen, es dennoch nicht der Mühe für unwert erachtet, den Text einmal in seinem vollen Umfange, in dem wir ihn heute vorfinden, dem Leser darzubieten.
Wenn ich verschiedene Stellen der einleitenden Erzählung in kleinerem Drucke gegeben habe, so wollte ich indessen dadurch nicht etwa deren spätere Entstehung andeuten, sondern wurde dabei lediglich von der Absicht geleitet, mehr Einheitlichkeit in das Ganze zu bringen.
Deutliche, auch von Dr. Schrader angeführte Gründe gibt es, die uns zur Annahme berechtigen, daß das Werk, wenigstens in seiner ältesten Form, in Sanskrit abgefaßt war und daß dasselbe schon in der frühesten Zeit in die Pālisprache übertragen wurde.
Auch die bei weitem kürzere, uns in zwei Ausgaben erhaltene chinesische Version dürfte ebenfalls auf das Sanskrit-Original zurückgehen.
Wenn ich das Werk im Titelblatte einen Roman nenne, so tue ich dies lediglich mit Beziehung auf das uns heute vorliegende Werk, also nicht auf das Werk in seiner ursprünglichen Gestalt.
Daß das Werk aber auf einer historischen Begebenheit basiert und Milindo mit dem griechisch-baktrischen Könige Menandros identisch ist, darüber kann heute kaum mehr irgend welcher Zweifel bestehen, wenn wir uns auch über die Person des Mönches Nāgaseno noch nicht im Klaren sind.
Eine ausführliche geschichtliche Orientierung gibt uns bereits Schrader in seinem Werke, weshalb ich mich daher hier lediglich auf einen kurzen Auszug aus derselben beschränke, gleichzeitig aber den eingehender Interessierten auf Schraders Einleitung zu seinem Werke verweise.
Nach dem im Jahre 232 v. Ch. erfolgten Tode Alexanders des Großen, der auf seinen Eroberungszügen siegreich bis nach Indien vorgedrungen war und als letzte Waffentat die Zerstörung der in vorliegendem Werke den Schauplatz bildenden Feste Sāgalā (= Sangalā) vollbracht hatte, setzte sein General Seleukos den Raubzug noch weiter nach Osten fort, wo er aber schließlich von Chandragupta (hellenisiert: Sandrakottos), dem buddhistischen Könige des Magadha Reiches, besiegt wurde.
In der Folgezeit bildeten sich jedoch zwischen beiden dauernde, freundschaftliche Beziehungen heraus, sodaß selbst noch in späteren Zeiten der Großenkel des Chandragupta, der große König Asoko, in dem einst von Seleukos gegründeten Reiche ungestört für die Ausbreitung der buddhistischen Lehre wirken durfte.
Unter den Nachfolgern des Seleukos gingen die Satrapien Baktrien und Parthien dem von ihm gegründeten Seleukidenreiche verloren und wurden zu unabhängigen, selbständigen Königreichen. Baktrien nahm indessen unter Enthydemos aus Magnesia und seinem Sohne Demetrios einen großen Aufschwung und erstreckte sich damals im Süden bis zur Halbinsel Gujerat einschließlich. Das eigentliche, ursprüngliche Baktrien wurde ihm dagegen von dem Usurpator Eukratides entrissen, der sich zum Herren dieses Landes machte, sodaß nunmehr Demetrios bloß noch auf die südlichen Länderstriche angewiesen war. Er bezeichnete sich von da ab stets nur noch als "König von Indien" und machte Sāgalā, das er zur Erinnerung an seinen Vater "Euthydemeia" nannte, zur Hauptstadt seines "Griechisch-Indischen Reiches". Aber auch diese geriet vorübergehend in die Hände des Eukratides, wurde demselben doch bald wieder entrissen.
Nach Aussage des indischen Werkes Vāyupurāna, und den aufgefundenen Münzen zu entnehmen, haben acht Könige über dieses Land geherrscht, nämlich: Demetrios, Eukratides, Apollodotos, Strator I., Strator II., Zoilos, Menandros und Dionysios, in ihrer indianisierten Form: Demetriya, Evukrātida, Apaladata, Strata, Ihoila, Menandra und Diyanisiya. Der bedeutendste unter ihnen und der am meisten von den griechischen Geschichtsschreibern erwähnte ist zweifellos der Held unseres Werkes, Menandros, pālisiert: Milindo.
Nach dem Bericht Plutarchs soll derselbe wegen seiner gerechten Herrschaft beim Volke so sehr beliebt gewesen sein, daß nach seinem Tode die verschiedenen Städte des Reiches sich in seine Asche teilten und Grabdenkmäler darüber errichteten, genau wie es im Mahā-Parinibbāna-Suttam des Dīgha-Nikāyo von der Bestattung des Buddha, bezw. eines Weltherrschers, berichtet wird.
In unserem Werke wird außerdem gesagt, daß König Milindo nach einem Gespräche mit dem Mönche Nāgaseno sich als Anhänger der Lehre bekannte, späterhin gar selber dem Orden beitrat, um schließlich die vollkommene Heiligkeit und Erlösung zu erreichen. Wenn auch die erste Angabe - daß nämlich Milindo zu einem Anhänger Buddhas wurde - aller Wahrscheinlichkeit entspricht, sind doch beide letzteren Angaben kaum ernst zu nehmen und nur als eine in jüngerer Zeit entstandene Erdichtung aufzufassen, dazu bestimmt, dem ganzen Werke einen noch würdigeren Abschluß zu verleihen.
Über die genaue Entstehungszeit des Milinda-Pañho ist uns nichts Sicheres verbürgt, und auch unter den europäischen Gelehrten bestehen hinsichtlich dieses Punktes bis jetzt nichts als vage Mutmaßungen. Soviel läßt sich aber mit unumstößlicher Gewissheit sagen, daß die Entstehung der ältesten Fassung des Werkes nicht vor Menandros und nicht nach dem großen Scholiasten Buddhaghoso - der übrigens viermal aus dem Milinda-Pañho zitiert und denselben als unantastbare Autorität betrachtet - entstanden sein kann, also etwa zwischen 100 v. Ch. und 400 n. Ch. zu suchen ist.
Als Vorlage zu meiner Übersetzung diente mir die so vorzüglich edierte Ausgabe Trenkners. Die burmesische Ausgabe des Palitextes dagegen war dermaßen voller Fehler, daß ich dieselbe gar nicht gebrauchen konnte. Die sinhalesische Übersetzung von Hīnati-kumbure Sumangala, sowie die englische von Rhys Davids und die Teilübersetzungen von Schrader und Trenkner habe ich mit der meinigen verglichen und im Anhang alle die wesentlichsten Abweichungen vermerkt, vor allem aber die bei der englischen Übersetzung von Rhys Davids bisweilen unterlaufenen Mißverständnisse bzw. Fehler klargestellt.
Mein Hauptaugenmerk war darauf gerichtet, dem Leser die Lektüre des Werkes so leicht und angenehm wie möglich zu gestalten, weshalb ich denn auch alle, einen der Pali-Sprache unkundigen Leser bloß störenden rein wissenschaftlichen Anmerkungen innerhalb des Textes ausdrücklich vermieden und mir für den Anhang aufgespart habe.
Meine Übersetzung wollte ich eben durchaus nicht etwa bloß für die Wissenschaftler bestimmt wissen, wohl aber für den gesamten deutsch sprechenden Leserkreis, dem hier die buddhistischen Wahrheiten in einfacher Form und auf eine leicht verständliche Weise zugänglich gemacht werden sollen.
Ich war daher bemüht, wo immer ich es für nötig erachtete, der Übersetzung durchweg bloß sachliche, den Text erklärende Anmerkungen beizufügen oder aber auf bereits in anderen meiner Werke gegebene Erklärungen hinzuweisen, habe also keineswegs, wie das leider gar zu häufig geschieht, den Text mit wissenschaftlich klingenden Phrasen und wichtig erscheinenden, in Wirklichkeit aber seichten Spekulationen gespickt.
Da es mir infolge meines fernen Aufenthaltes in Ceylon nicht möglich war, die Druckbogen selber zu lesen, haben sich leider eine ganze Unmasse von Druckfehlern eingeschlichen, die ich den Leser dringend bitten möchte, schon vor Beginn der Lektüre an Hand der auf S. 337 und 338 gegebenen Berichtigungen auszumerzen.
Zum Schluss möchte ich es nicht versäumen, meinem Freunde Pandit Wagiswara, dem vielleicht größten, auf alle Fälle aber am unabhängigst denkenden Abhidhamma- und Pāligelehrten Ceylons, meinen herzlichsten Dank auszusprechen für eine Reihe wichtiger Erklärungen, die ich zum großen Teile im Anhang angeführt habe.
Auch dem für den verstorbenen Sri Sumangala eingetretenen Leiter des Vidyodaya Oriental College zu Colombo, Ehrw. Nānissara-thero, bin ich für mancherlei Anregungen und Winke zum Danke verpflichtet. Dank gebührt ebenfalls meinen edlen Freunden in Ceylon, die die Druckkosten dieses ersten Bandes des Milinda-Pañho bestritten haben, und denen ich deshalb an dieser Stelle einen Denkstein setzen möchte. Dieselben sind: Advokat F. R. Senanayaka; Gebr. Hewawitarana; F. L. Woodward, M. A.; C. W. Louis Perera; D. C. Senanayaka; D. D. Pedris; Mrs. U. D. S. Gunasekera; Dr. E. Roberts; Proctor:Jayasundera; H. Amarasuriya; L. B. Perera; Arthur de Silva; W. Wijayatileke.
"lsland Hermitage", Dodanduwa (Ceylon, Oktober 1913. ) Nyānatiloka Thero.
Obzwar vorliegendes Werk bereits Herbst 1913 in Lieferungen ausgegeben wurde, hat sein Erscheinen in Buchform infolge des Weltkrieges leider eine Verzögerung von über 5 Jahren erlitten.
Blankenese b. Hamburg, 25. Mai 1919.
Nyānatiloka Thero.
Prolog
Lang ist es her, daß König Milinda
Aus seiner Hauptstadt Sāgalā eilte
Hin zu Nāgasena, dem Mönche,
Gleich wie der Ganges zum Meere hinströmt.
Dort nun angelangt stellte der König
Ihm, diesem Redner, der’s Dunkel verscheuchte
Und emporhielt die Fackel der Wahrheit,
Manche gar tief durchsonnene Fragen.
Und auch die Antworten auf jene Fragen
Waren von tiefstem Sinne erfüllt,
Herzgewinnend, dem Ohre erfreulich
Und sie erregten Staunen und Wunder.
Die Zucht und die hohe Lehre (*1) ergründend,
Entwirrend ihre verschlungenen Fäden (*2),
Erstrahlten des Mönches herrliche Reden
In Gleichnissen und in logischen Schlüssen.
So habt die Einsicht denn hierauf gerichtet,
Im Herzen voll Freude, voll Frohsinn frohlockend,
Und höret euch an die gewichtigen Reden,
Die jeglichen Grund zum Zweifel zerstören.
(*1) Der Originaltext hat abhidhamma. Dies mag sich allgemein, wie übersetzt, auf die «hohe Lehre» beziehen; oder auch spezifisch auf den Abhidhamma-Pitaka, die dritte kanonische Text-Sammlung, die philosophische Texte enthält. - «Zucht» bezieht sich auf die erste Textsammlung, die Ordensdisziplin (Vinaya-Pitaka).
(*2) «Fäden» ist die wörtliche Bedeutung des Wortes sutta im Originaltext, das auch als Bezeichnung der Lehrreden des Buddha dient, die in der zweiten kanonischen Sammlung, dem Sutta-Pitaka, enthalten sind. Hier ist wohl ein Wortspiel beabsichtigt.
Die äußere Erzählung
So lautet die Überlieferung:
Einst im Lande der Griechen (wörtlich Jonier, Pāli: yonakā, dies war die in Indien allgemein übliche Bezeichnung der baktrischen Griechen) gab es eine Stadt mit Namen Sāgalā. Sie war ein Umschlagplatz für mannigfachen Handel, in entzückender Landschaft gelegen, geschmückt mit Flüssen und Bergen und war reich an Parkanlagen, Gärten, Hainen, Seen und Teichen.
Diese Stadt war einst von erfahrenen Männern erbaut worden und keine Gefahr drohte ihr seitens der Feinde, denn diese waren schon vor gar langer Zeit unterworfen. Auch hatte die Stadt viele verschiedene starke Türme und Wälle, stolze und stattliche Tore und Bogengänge. Tiefe Gräben und weißgetünchte Mauern umgaben die Königsburg. Die Straßen, Höfe, Kreuzwege und Plätze waren trefflich angeordnet. Die Märkte waren mit mannigfachen kostbaren Waren gefüllt, die schön ausgelegt waren. Und die Stadt war gesegnet mit vielen Hunderten von Almosenhallen und prangte von Hunderten und Tausenden von Herrschaftshäusern, die gleichsam wie Bergesgipfel des Himalaja in die Lüfte ragten. In den Straßen herrschte ein Gedränge von Elefanten, Pferden, Wagen und Soldaten, und Scharen stattlicher Männer und Frauen wanderten umher. Dicht bevölkert war die Stadt und bewohnt von vielen Adeligen, Brahmanen, Bürgern und Dienern. Überall hörte man Willkommensrufe an Asketen und Priester der zahlreichen Schulen erschallen.
Ja, die Stadt Sāgalā war der Sammelpunkt vieler großer, weiser Männer mit mannigfachem Wissen. Dort fand man unzählige Verkaufsstätten, gefüllt mit kostbaren Benares- und Kotumbarastoffen. Und die ganze Stadt durchdrang der Duft der Läden mit ihren Blumen und Parfümen, geschmackvoll zur Schau gestellt. Eine Fülle der entzückendsten Juwelen konnte man dort finden, und eine Menge von stattlichen Kaufleuten wohnte dort, mit ihren nach allen Richtungen hin schön angeordneten Waren. Die Stadt war förmlich gespickt mit Geld und Gold, mit Silber, Messing und Edelgestein, ein wahrer Berg voll strahlender Schätze, voll Überfluß an Geld und Getreide, Hab und Gut und angefüllt mit vielen Warenhäusern. Da gab es mancherlei Speisen und Naschwerk, Leckereien, Getränke und Säfte. Ja, die ganze Stadt glich Uttarakuru (ist ein mythisches Land des Wohlstandes) , und sie war reich an Korn wie Alakamandā, die Götterstadt!
Hier müssen wir vorerst stehen bleiben und die vorgeburtlichen Beziehungen zwischen Milinda und Nāgasena berichten.
Einst in alter Zeit nämlich, so sagt man, als noch der erhabene Kassapa (ist der Überlieferung nach der Name eines der früheren Buddhas) die Botschaft verkündete, wohnte in der Nähe des Ganges in einem Kloster eine große Schar von Mönchen. Dort hatten die in der Erfüllung der Vorschriften und Sittenregeln vollkommenen Mönche die Gewohnheit, schon ganz in der Frühe aufzustehen. Darauf pflegten sie mit langstieligen Besen den Klosterhof zu fegen und den Schmutz auf einen Haufen zusammen zu kehren, währenddessen sie über die Eigenschaften des Erleuchteten (Buddha) nachsannen.
Eines Tages nun geschah es, daß ein Mönch einen Novizen anrief mit der Bitte, den Schmutz fortzuschaffen. Der Novize jedoch ging weiter und tat, als ob er nichts hörte. Und auch zum zweitenmal und drittenmal angerufen, tat er, als ob er nichts hörte und ging ruhig seines Weges weiter. Da aber geriet der Mönch wegen der Widerspenstigkeit jenes Novizen in Zorn und versetzte ihm einen Schlag mit dem Besenstiel, so daß derselbe zu weinen begann und aus Furcht den Schmutz zur Seite schaffte. Dabei kam dem Novizen dieser erste Wunsch: «Ach, möchte ich doch infolge dieses guten Werkes, das ich durch das Entfernen des Schmutzes verrichte, während der ganzen Zeit bis zum Eintritte in die Erlösung (nibbāna), an welchem Orte auch immer ich wiedergeboren werde, der Mittagssonne gleich von großer Macht und großem Glanze sein!»
Darauf ging er zum Badeplatz des Ganges, um sich zu baden. Sobald er aber dort den murmelnden Wellenschlag des Ganges wahrnahm, äußerte er diesen zweiten Wunsch: «Ach, möchte ich doch während der ganzen Zeit bis zum Eintritte in die Erlösung, an welchem Orte auch immer ich wiedergeboren werde, gleichwie dieser Wellenschlag bei jedem aufgestiegenen Problem eine spontane Schlagfertigkeit besitzen!»
Auch der Mönch war, nachdem er den Besen in den Schuppen gestellt hatte, zum Badestrand des Ganges gegangen, um sich zu baden. Gerade aber bei seiner Ankunft vernahm er die Worte des Novizen, und er dachte bei sich: «Wenn dieser da, von mir angespornt, sich solches erhoffen darf, warum sollte es mir dann nicht auch glücken?» Und er sprach folgenden Wunsch aus: «Ach, möchte ich doch während der ganzen Zeit bis zum Eintritte in die Erlösung, an welchem Orte auch immer ich wiedergeboren werde, gleichwie dieser Wellenschlag ein unfehlbarer, schlagfertiger Redner sein und die Gabe besitzen, jedes beliebige Problem, das mir dieser Novize stellen wird, zu entwirren und zu lösen!»
Während nun jene beiden unter Göttern und Menschen die Daseinsrunde durcheilten, durchlebten sie die ganze Zeitspanne, die zwischen der Geburt zweier Erleuchteten liegt. Und gerade wie der Ordensältere Tissa, der Moggali Sohn (Moggaliputta-Tissa) , so wurden auch sie schon von unserem erhabenen Meister wahrgenommen, der von ihnen folgendes prophezeite: «Fünfhundert Jahre nach meinem völligen Nibbāna werden diese beiden in der Welt wiedererscheinen; und die von mir dargelegte tiefsinnige Lehre (Dhamma) und Disziplin (Vinaya) werden sie vermittelst Fragestellung und Anwendung von Gleichnissen enthüllen, erklären und auseinandersetzen.»
Von jenen beiden nun wurde der Novize als der König Milinda wiedergeboren.
Dort nun in der Stadt Sāgalā hatte der König Milinda seinen Sitz. Er war ein weiser, erfahrener, einsichtiger und befähigter Herrscher. Er beobachtete genau die Zeit für die Befolgung der sämtlichen Andachtsübungen und religiösen Riten, die vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Dinge betrafen. Auch viele Wissenschaften hatte er erlernt, als wie: die Überlieferung, das konventionelle Gesetz, die Sānkya-, Yoga-, Nyāya- und Vaiseshika-Philosophie, Arithmetik, Musik, Heilkunde, die vier Veden, die Purānen und die Legenden, Sternkunde, Zauberei, Logik, Beschwörungskunst, Kriegskunst, Dichtkunst und die Zeichensprache. Kurz gesagt: neunzehn Wissenschaften. Bei sämtlichen Glaubensstiftern galt er als der bedeutendste Redner und als ein unvergleichlicher, unbesiegbarer Gegner. Und in ganz Indien gab es nicht einen, der dem König Milinda an Körperkraft, Schnelligkeit, Heldenmut und Wissen gleichgekommen wäre. Überdies war er reich, hochbegütert, hochvermögend, und seine Heerscharen waren geradezu unermeßlich.
Eines Tages hatte der König den Wunsch, die aus den vier Divisionen - Elefantenabteilung, Wagenabteilung, Kavallerie und Infanterie - bestehende unendliche Truppenmacht seines gewaltigen Heeres Revue passieren zu lassen. Er zog daher hinaus vor die Stadt und ließ dortselbst eine Zählung der Truppen vornehmen. Als die Truppenschau zu Ende war, schaute der König - der ein großer Wortfechter war und es leidenschaftlich liebte, sich in Diskussionen mit Naturphilosophen, Sophisten und anderen Denkern einzulassen - nach der Sonne und sprach zu seinen Räten: «Es ist noch früh am Tage. Was sollen wir jetzt schon in der Stadt tun? Gibt es denn nicht irgend einen weisen Asketen oder Priester, der das Haupt einer Gemeinde oder Jüngerschar, einer Jüngerschar Lehrer ist - und sollte er sich selbst für einen Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten ausgeben - der imstande wäre, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen?»
Auf diese Worte sprachen die fünfhundert Griechen zum König Milinda: «Es gibt da, o König, sechs Meister: Pūrana Kassapa, Makkhali Gosāla, Nigantha Nāthaputta, Sañjaya Belatthaputta, Ajita Kesakambalī und Pakudha Kaccāyana.(*8) Dieselben sind Häupter einer Gemeinde und Jüngerschar, einer Jüngerschar Lehrer, anerkannte und berühmte Glaubensstifter und von vielen hochgeachtet. Geh, König, und stelle jenen deine Fragen, damit sie dir deine Zweifel lösen!»
(*8) Diese sechs Meister lebten freilich zur Zeit des Buddha, was dem Verfasser unseres Werkes sicher bekannt war. Doch dieser Anachronismus galt ihm offenbar in einer imaginativen Erzählung als erlaubt. Über die Lehren dieser sechs Meister siehe Digha-Nikāya Nr.2.
Und der König Milinda bestieg seinen prächtig bespannten Staatswagen und begab sich in Begleitung der fünfhundert Griechen zu Pūrana Kassapa. Dort angelangt, begrüßte er sich mit ihm, und nach Austausch freundlicher und zuvorkommender Worte setzte er sich zur Seite nieder und sprach: «Wer ist wohl, Herr Kassapa, der Träger der Welt?»
«Die Erde, o König, ist der Träger der Welt.»
«Wenn dem aber so ist, o Herr, wie ist es dann möglich, daß die Wesen, die zur Avīci-Hölle hinab gelangen, über den Bereich der Erde Hinaus können?»
Diese Worte aber konnte Pūrana Kassapa weder verdauen, noch konnte er sich ihrer entledigen. Niedergeschlagen und mürrisch saß er da, ohne ein Wort zu sprechen.
Darauf begab sich der König Milinda zu Makkhali Gosāla und sprach:
«Gibt es wohl, Herr Gosāla, karmisch heilsame und unheilsame Taten? Und gibt es eine Wirkung oder ein Ergebnis heilsamer und unheilsamer Taten?»
«Nein, o König, es gibt keine heilsamen und unheilsamen Taten. Und es gibt keine Wirkung und kein Ergebnis heilsamer und unheilsamer Taten. Alle Adeligen zum Beispiel, o König, die es in dieser Welt gibt, werden nach dem Eintritt in die nächste Welt wiederum Adelige sein. Und ebenso steht es mit den Brahmanen, Bürgern, Dienern, Fegern und Ausgestoßenen. Was bedarf es da heilsamer und unheilsamer Taten?»
«Wenn dem so ist, Herr Gosala, und man nichts mit heilsamen und unheilsamen Taten bewirken kann, so wird man eben denjenigen Menschen, denen in dieser Welt (als Strafe) Hände, Füße Nase oder Ohren abgeschnitten wurden, nach ihrem Eintritt in die nächste Welt wieder Hände, Füße, Nasen oder Ohren abschneiden.»
Auf diese Worte hin verstummte Gosāla.
Der König Milinda aber rief aus: «Wahrlich, nichtig ist doch dieses Indien! Einer leeren Hülse gleicht es. Denn nicht einen einzigen gibt es hier unter den Asketen und Priestern, der imstande wäre, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen!»
Darauf wandte sich der König an seine Räte: «Lieblich ist diese Mondesnacht! Welchen Asketen oder Priester könnten wir heute noch aufsuchen, um ihn zu befragen? Wen gibt es sonst noch, der mit mir diskutieren und meine Zweifel lösen kann?»
Nach diesen Worten standen die Räte des Königs stumm da, und sahen nur den König an.
Damals nämlich war die Stadt Sāgalā bereits seit zwölf Jahren ohne irgend einen gelehrten Asketen, Priester oder Laien. Wo immer nämlich der König erfahren hatte, daß sich gelehrte Asketen, Priester oder Laien aufhielten, dort war er hingeeilt und hatte ihnen seine Fragen gestellt. Da sie jedoch alle außerstande gewesen waren, den König mit ihren Lösungen der Probleme zu befriedigen, waren sie hier- und dorthin gezogen. Diejenigen aber, die sich nicht in eine andere Gegend begeben hatten, waren verstummt. Die meisten Mönche hatten sich indessen nach dem Himalaja zurückgezogen.
Zu jener Zeit wohnten unzählige Heilige auf der «Geschützten Fläche» an den Abhängen des Himalajagebirges. Und der ehrwürdige Assagutta, der vermittelst seiner Fähigkeit des Himmlischen Ohres (dibba-sota, sihe abhiñña) des Königs Milinda Worte mit angehört hatte, hieß die Mönchsgemeinde, sich auf dem Yugandharaberge zu versammeln, und fragte die Mönche, ob einer unter ihnen imstande sei, mit dem König Milinda zu diskutieren und seine Zweifel zu lösen. Auf diese Frage hin erwiderte keiner ein Wort. Und auch zum zweitenmale und drittenmale gefragt, verhielten sich alle stumm. Da sprach der ehrwürdige Assagutta zur Mönchsgemeinde: «Es gibt, o Freunde, im Himmel der Dreiunddreißig, im Osten des Vejayantapalastes, ein Schloß mit Namen Ketumatī. Dort wohnt ein Göttersohn, mit Namen Mahāsena, der die Fähigkeit besitzt, mit dem Könige Milinda zu diskutieren und seine Zweifel zu lösen.» Darauf verschwanden alle die zahlreichen Heiligen vom Yugandharaberge und traten im Himmel der Dreiunddreißig wieder in Erscheinung.
Sakka, der Götterkönig, aber sah jene Mönche schon von ferne herankommen. Und er ging dem ehrwürdigen Assagutta entgegen, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und stellte sich zur Seite hin. Zur Seite stehend sprach Sakka, der Götterkönig, zum ehrwürdigen Assagutta: «Fürwahr, o Herr, eine gewaltige Mönchsschar trifft da ein! Ich stehe der Gemeinde zu Diensten. Was wünscht sie? Was könnte ich tun?»
Und der ehrwürdige Assagutta erwiderte Sakka, dem Götterkönig: «Es lebt da, o König, in der Stadt Sāgalā in Indien ein König mit Namen Milinda, ein unübertroffener, unbesiegbarer Redner, der allen Glaubensstiftern als der bedeutendste Gegner gilt. Der hat die Gewohnheit, die Mönche aufzusuchen und zu belästigen, indem er ihnen auf sophistische Weise Fragen stellt.»
Und Sakka, der Götterkönig, sprach: «Dieser selbe König Milinda, o Herr, schied einst von hier ab und wurde unter den Menschen wiedergeboren. In dem Ketumatī-Schlosse aber wohnt ein Göttersohn mit Namen Mahāsena, der die Fähigkeit besitzt, mit diesem König Milinda zu diskutieren und seine Zweifel zu lösen. Den laßt uns um Wiedergeburt in der Menschenwelt ersuchen!»
Darauf begab sich Sakka, der Götterkönig, indem er die Mönchsgemeinde vorangehen ließ, zum Ketumatī-Schlosse, umarmte dort Mahāsena, den Göttersohn, und sprach:
«Es ersucht dich, Verehrter, die Mönchsgemeinde um Wiedergeburt in der Menschenwelt.»
«Ich begehre nicht nach der Menschenwelt, o Herr, wo es viel (leidschaffendes) Wirken gibt (wörtl.: "mit viel kamma"). Schrecklich ist die Menschenwelt! Ich möchte, o Herr, nach der Wiedergeburt in immer höheren Sphären, eben in der Götterwelt die völlige Erlösung erreichen.» Und auch zum zweitenmale und drittenmale von Sakka, dem Götterkönig, ersucht, gab Mahāsena, der Göttersohn, die nämliche Antwort.
Darauf wandte sich der ehrwürdige Assagutta an Mahāsena, den Göttersohn, und sprach: «Die ganzen Götterwelten haben wir durchsucht, Verehrter, doch keinen anderen haben wir gefunden außer dir, der es vermöchte, die Behauptungen des Königs Milinda zu widerlegen und so der Lehre als Stütze zu dienen. Die Mönchsgemeinde, o Verehrter, ersucht dich um Wiedergeburt in der Menschenwelt, damit, o Edler, du der Lehre des mit den zehn Kräften ausgerüsteten Buddha als Stütze dienen möchtest.»
Durch diese Worte aber wurde Mahāsena, der Göttersohn, von Freude und Begeisterung erfüllt - in dem Gedanken nämlich, daß er imstande sein werde, die Behauptungen des Königs Milinda zu widerlegen und so ein Retter der Lehre zu werden. Er gab nun seine Zustimmung und sprach: «Nun gut, o Herr, ich will in der Menschenwelt wieder erscheinen.»
Als somit jene Mönche ihre Aufgabe erledigt hatten, verschwanden sie aus dem Himmel der Dreiunddreißig und traten auf der «Geschützten Fläche» an den Abhängen des Himalajagebirges wieder in Erscheinung. Und der ehrwürdige Assagutta wandte sich an die Mönchsgemeinde und fragte, ob vielleicht irgend einer der Mönche, die dieser Gemeinschaft angehörten, nicht in der Versammlung zugegen sei.
Auf diese Worte erwiderte einer der Mönche dem ehrwürdigen Assagutta, daß der ehrwürdige Rohana vor einer Woche sich ins Himalajagebirge begeben und sich dort in den (meditativen) Erlöschungszustand (nirodha, steht für die vollständige Bezeichnung "Erlöschung von Wahrnehmung und Gefühl" (saññā-vedayita-nirodha) ein zeitweiliger Meditationszustand tiefster Versenkung, siehe nirodha-samāpatti) versenkt habe, und daß man deshalb einen Boten zu ihm senden möge.
Der ehrwürdige Rohana jedoch, der sich gerade in diesem Augenblicke aus dem Erlöschungszustand erhoben hatte fühlte, daß die Gemeinde ihn erwartete. Und er verschwand alsobald vom Himalajagebirge und trat auf der «Geschützten Fläche» vor den zahlreichen Mönchen wieder in Erscheinung.
Und der ehrwürdige Assagutta sprach zu ihm: «Weißt du denn nicht, Freund Rohana, was die Gemeinde zu tun hat, jetzt wo die Lehre des Erleuchteten im Zerfall begriffen ist?»
«Daran habe ich nicht gedacht, o Herr.»
«So hast du denn, Freund Rohana, dafür Sühne zu leisten.»
«Und was muß ich da tun, o Herr?»
«An den Abhängen des Himalaja, Freund Rohana, da liegt ein Brahmanendorf, Kajañgala genannt. Dort wohnt ein Brahmane namens Sonuttara. Der wird einen Sohn empfangen, mit Namen Nāgasena. Dort zu jenem Hause sollst du sieben Jahre und zehn Monate lang um Almosen gehen. Darauf sollst du den jungen Nāgasena aus dem Hausleben entziehen und als Novizen aufnehmen. Und sobald jener in die Hauslosigkeit fortgezogen sein wird, sollst du von deiner Schuld befreit sein.»
«Nun gut!» stimmte der ehrwürdige Rohana bei.
Mittlerweile verschied Mahāsena, der Göttersohn, aus dem Himmel der Dreiunddreißig und wurde im Leibe der Frau des Brahmanen Sonuttara wiedergeboren. Im Augenblicke seiner Wiedergeburt taten sich drei wunderbare, außerordentliche Erscheinungen kund: sämtliche Waffenkammern leuchteten auf, die junge Saat wurde reif, und ein mächtiger Regen (während der Trockenzeit) strömte hernieder. Der ehrwürdige Rohana ging nun von der Geburt des Knaben an sieben Jahre und zehn Monate lang zu jenem Hause um Almosen. Doch nicht an einem einzigen Tage erhielt er selbst nur einen Löffel Reis oder eine Kokosschale voll Suppe oder eine Begrüßung oder einen Handgruß oder irgend welche Ehrfurchtsbezeigung. Nein, nichts als Hohn und Spott erntete er. Selbst nicht ein einziges Mal sprach einer die übliche Bitte aus, den Almosengang fortzusetzen. Am Ende der sieben Jahre und zehn Monate jedoch wurde ihm eines Tages endlich einmal gesagt: «Wolle, bitte, der Herr weitergehen!» (Dies ist die übliche Höflichkeitsformel, mit der man den auf Almosen wartenden Mönch zur nächsten Türe verweist, falls man gerade keine Speise bereit hat oder nicht gewillt ist, solche zu geben) Gerade an jenem Tage nun aber kam der Brahmane von einer außerhalb verrichteten Arbeit zurück, und als er den ehrwürdigen Rohana unterwegs erblickte, fragte er, ob er auch zu seinem Hause gegangen sei.
«Ja, Brahmane», war die Antwort.
«Und hast du irgend etwas bekommen?»
«Ja, Brahmane, ich habe etwas bekommen.»
Darauf ging jener voll Verdruß in sein Haus und fragte, ob man dem Mönch etwas gegeben habe. «Nein!» hieß es. «Wir haben nichts gegeben.»
Am folgenden Tage setzte sich deshalb der Brahmane vor seine Haustür, indem er bei sich dachte: «Heute aber will ich den Mönch für seine Lüge demütigen.» Und der Ordensältere kam am nächsten Tage wieder zur Haustüre des Brahmanen. Kaum aber hatte ihn der Brahmane erblickt, als er auch schon zu ihm sprach: «Du hast gestern behauptet, in unserem Hause etwas bekommen zu haben, und nicht das Geringste hast du bekommen. So ist das Lügen wohl bei euch erlaubt?»
Der Ordensältere aber sprach: «Während der sieben Jahre und zehn Monate habe ich in eurem Hause auch nicht ein einziges Mal die bloßen üblichen Worte zu hören bekommen: «Wolle der Herr, bitte, weitergehen!» Gestern aber bekam ich diese Worte zu hören. Und eben mit Beziehung auf diese höflichen Worte habe ich solches gesagt.»
Da dachte der Brahmane bei sich: «Diese Mönche sprechen ja schon wegen eines bloßen, höflichen Wortes, das sie zu hören bekommen, unter den Leuten ihre Anerkennung aus, indem sie sagen, daß sie etwas erhalten haben. Wie sollten sie es dann nicht erst recht anerkennen, wenn sie irgend eine harte oder weiche Speise erhalten?» Und voll Freude ließ er ihm von dem Reis, der für ihn persönlich hergerichtet war, einen Löffel voll als Almosen darreichen, zusammen mit der entsprechenden Portion Gemüse, indem er sagte: «Diese Gabe, o Herr, sollt ihr alle Tage erhalten.» Sobald er nun die innere Ruhe des Ordensälteren der vom folgenden Tage ab stets kam, wahrgenommen hatte, fand er mehr und mehr Gefallen an ihm und bat ihn, von nun ab regelmäßig bei der Almosenverteilung in seinem Hause zugegen zu sein. Der Ordensältere gab stillschweigend seine Zustimmung. Und täglich, wenn er sein Mahl beendet hatte und im Begriffe war zu gehen, trug er diesen oder jenen kurzen Ausspruch des Erleuchteten vor.
(Obgleich der Brahmane dem Nāgasena täglich Almosen darreicht, ist er dadurch noch keineswegs ein Anhänger der buddhistischen Lehre. Es ist nämlich in Indien Sitte, ohne Unterschied der Sekte und religiösen Überzeugung, allen Mönchen Almosen darzureichen.)
Nach Verlauf von zehn Monaten nun brachte die Frau des Brahmanen einen Sohn zur Welt, dem man den Namen Nāgasena gab. Allmählich wuchs derselbe heran und erreichte das Alter von sieben Jahren. Und der Vater des jungen Nāgasena sprach zu seinem Sohne: «Du solltest dich nun, lieber Nāgasena, in den Studien dieser Brahmanenkaste schulen.»
«Welche sind dies, lieber Vater?»
«Die drei Veden, lieber Nāgasena, gelten als die Wissenschaften, die anderen Arten des Könnens aber bezeichnet man als die Künste.»
«So will ich mich denn, lieber Vater, den Studien widmen.»
Und der Brahmane Sonuttara gab einem Brahmanenlehrer eintausend Geldstücke als Lehrgehalt und ließ in einem abseits gelegenen Zimmer im Innern des Hauses Sitzgelegenheiten herrichten und sprach zu dem Brahmanenlehrer: «Lasse du, Brahmane, diesen Knaben die heiligen Gesänge lernen!»
Und der Brahmanenlehrer trug die heiligen Gesänge vor und ließ sie den Knaben auswendig lernen. Und schon nach einer einmaligen Rezitation wußte der junge Nāgasena bereits die drei Veden auswendig, konnte sie wörtlich hersagen, hatte sie wohl behalten, wohl im Gedächtnisse bewahrt, wohl im Geiste erwogen. Und ganz von selber gewann er einen Einblick in die drei Veden, mitsamt dem Wörterverzeichnis, der Formenlehre, den Wortzergliederungen und als fünftem den Legenden. Und er wurde vertraut mit den Worten und der Grammatik, wohl bewandert in der Naturlehre und den Merkmalen eines großen Mannes.
Da sprach der junge Nāgasena zu seinem Vater: «Gibt es wohl, lieber Vater, in dieser Brahmanenkaste noch mehr zu lernen, oder ist dies alles?»
«Nein, dies ist alles, lieber Nāgasena.»
Nachdem nun der junge Nāgasena seinem Lehrer Rechenschaft über sein Können abgelegt hatte, ging er aus dem Hause, und infolge einer angeborenen Neigung, von einem inneren Triebe beseelt, eilte er in die Einsamkeit. Und während er dort zurückgezogen weilte, sann er über den Anfang, die Mitte und das Ende seines eigenen Könnens nach. Als er aber beim Überdenken der Veden weder am Anfang noch der Mitte noch dem Ende derselben den geringsten Gehalt bemerken konnte, da ward er ganz traurig und unzufrieden und dachte: «Nichtig sind doch diese Veden, leere Hülsen, gleich, ohne Kern und Gehalt?»
Der ehrwürdige Rohana, der in diesem Augenblicke in der Vattanīya-Klause saß, erkannte im Geiste die Gedanken des jungen Nāgasena. Er kleidete sich daher an, verschwand aus der Vattanīya-Klause und trat, mit Schale und Gewand versehen, vor dem Brahmanendorfe Kajañgala wieder in Erscheinung. Und der junge Nāgasena, der in diesem Augenblicke in der Torhalle des Hauses stand, sah schon von Ferne den ehrwürdigen Rohana herankommen. Durch seinen Anblick aber wurde er froh und freudig gestimmt. Und mit Entzücken und Freude dachte er, daß vielleicht dieser Mönch etwas wirklich Gehaltvolles wisse. Und er ging auf den ehrwürdigen Rohana zu und sprach ihn an mit den Worten: «Wer bist du, o Herr, der du deine Haare geschoren hast und gelbe Gewänder trägst?»
«Einen Hauslosen (Mönch, pabbajito wörtl.: «ein Hinausgezogener», nämlich aus dem weltlichen Hausleben ins Mönchtum.) nennt man mich, o Knabe.»
«Aus welchem Grunde aber, o Herr, nennt man dich einen Hauslosen?»
«Weil ich von zu Hause fortgezogen bin, um dem Schmutze des Lasters zu entgehen: darum, mein Knabe, nennt man mich einen Hauslosen.»
«Aus welchem Grunde aber, o Herr, trägst du keine Haare wie alle anderen?»
«Angesichts folgender sechzehn Ablenkungen, mein Knabe, habe ich als Hausloser Haar und Bart geschoren. Diese sind das Schmücken der Haare, der Gebrauch von Schönheitsmitteln, das Einölen, Waschen und Verwenden von Blumen, wohlriechenden Substanzen und Salben, von gelben und schwarzen Myrobalansamen, das Färben, Zusammenbinden und Kämmen der Haare, das Zuhilfenehmen eines Barbiers, das Auskämmen von Knoten sowie das Ungeziefer. Und wenn da einem die Haare ausfallen, so ist man voller Sorge und quält sich; man jammert und schlägt sich in die Brust und gerät in Verzweiflung. Ja, mein Knabe, die Menschen, die in diese sechzehn Ablenkungen verwickelt sind, vernachlässigen alle feineren Künste.»
«Aus welchem Grunde aber, o Herr, trägst du keine Kleider wie alle anderen?»
«Die weltlichen Kleider, mein Knabe, sind mit Sinnlichkeit verknüpft; sie reizen die Sinne und sind das Kennzeichen der in der Welt Lebenden. Wer aber mit dem gelben Gewande bekleidet ist, ist den Gefahren nicht ausgesetzt, die zufolge der weltlichen Kleider entstehen. Aus diesem Grunde trage ich keine Kleider wie alle anderen.»
«Kennst du wohl, o Herr, die Wissenschaften?»
«Ja, mein Knabe, ich kenne die Wissenschaften; und was in der Welt das höchste Wissen* ist , auch das kenne ich. »
* (uttamam mantam, das Pāli-Wort manta entspricht dem Sanskrit mantra. Im vedischen und frühindischen Gebrauch und auch in den Pāli-Texten bezieht sich dieser Begriff auf die vedischen Hymnen und Sprüche und wurde daher auch auf Seite 34 mit «heilige Gesänge» wiedergegeben. Doch der junge Nāgasena, der von seinem Veda-Studium enttäuscht war, hat die Worte des ehrw. Rohana sicher auf ein höheres Wissen bezogen. Des Übersetzers freie Wiedergabe des Wortes manta erscheint daher sinngemäß berechtigt.)
«Könntest du mir aber wohl, o Herr jenes Wissen anvertrauen?»
«Ja, mein Knabe, das kann ich.»
«So tue es, bitte!»
«Es ist jetzt nicht an der Zeit, mein Knabe, denn ich habe eben gerade meinen Almosengang im Dorfe angetreten.»
Der junge Nāgasena entnahm daher die Almosenschale den Händen des ehrwürdigen Rohana und hieß ihn in das Haus eintreten. Dort bewirtete er den ehrwürdigen Rohana, indem er ihm eigenhändig mit auserlesenen harten und weichen Speisen aufwartete. Als nun der ehrwürdige Rohana mit dem Mahle fertig war und seine Hand von der Almosenschale zurückgezogen hatte, wandte sich der junge Nāgasena zu ihm und sprach: «Vertraue mir nun, o Herr, jenes Wissen an!»
«Wenn du, mein Knabe, keine Ablenkungen mehr haben wirst und mit Einwilligung deiner Eltern die auch von mir gewählte Mönchskleidung tragen willst, so werde ich dir jenes Wissen anvertrauen.»
Und der junge Nāgasena begab sich alsbald zu seinen Eltern hin und sprach zu ihnen: «Liebe Eltern, dieser Hauslose sagt, daß er das höchste Wissen in der Welt kenne, doch will er mir’s nicht anvertrauen, wenn ich nicht unter ihm das Weltleben verlasse. Ich möchte daher unter ihm dies Weltleben verlassen und mir jenes Wissen aneignen.»
Da dachten seine Eltern: «Lassen wir ruhig unseren Sohn jenes Wissen sich aneignen, selbst wenn er dafür in die Hauslosigkeit zieht. Er wird ja doch, sobald er sich dasselbe angeeignet haben wird, wieder zu uns zurückkehren.» Und sie gaben ihm ihre Einwilligung mit den Worten: «Gut, lieber Sohn, du magst dir jenes Wissen aneignen.»
Und der ehrwürdige Rohana nahm den jungen Nāgasena mit sich und ging mit ihm zur Vattanīya-Klause in Vijambha-Vatthu. Nachdem er dort die Nacht verbracht hatte, begab er sich zur «Geschützten Fläche» und nahm den jungen Nāgasena unter Beisein der zahllosen Heiligen als Hauslosen auf. Als Hausloser aber aufgenommen, sprach er, der ehrwürdige Nāgasena, zum ehrwürdigen Rohana: «Ich habe deine Kleidung angenommen, o Herr. Vertraue mir nun jenes Wissen an!»
Und der ehrwürdige Rohana dachte für sich: «Worin soll ich wohl Nāgasena zuerst unterrichten, in den Lehrreden oder in den philosophischen Texten (Abhidhamma)?» Da er sich aber sagte, daß Nāgasena klug war und befähigt, die philosophischen Texte mit großer Leichtigkeit zu erlernen, so entschloß er sich, ihn zuerst darin zu unterweisen. Und schon nach einer einmaligen Rezitation konnte der ehrwürdige Nāgasena die ganze Sammlung der philosophischen Werke auswendig, nämlich:
- die «Aufzählung der Daseinsphänomene» (Dhammasangani) mit der Einteilung in heilsame, unheilsame und karmisch-neutrale Dinge, (in einer Darstellung) geziert mit Zweier- und Dreiergruppen;
- das «Buch der Abhandlungen» (Vibhanga), das auch aus achtzehn Abhandlungen (über die Daseinsgruppen usw.) besteht;
- das «Buch von der Besprechung der Elemente» (Dhātu-Katha) mit seinen vierzehn Kapiteln, über Verbundensein und Nichtverbundensein;
- das «Buch der Charaktere» (Puggala-Paññatti) mit seiner sechsfachen Einteilung in die Darstellung der Daseinsgruppen, die Darstellung der Sinnesgrundlagen usw.;
- das «Buch der Diskussions-Gegenstände» (Kathā-Vatthu), das, im Ganzen genommen, aus tausend Traktaten besteht, nämlich aus fünfhundert Traktaten über unsere eigene Lehre und aus fünfhundert Traktaten über die Lehre der Gegner;
- das «Buch der Paare» (Yamaka) mit seiner sechsfachen Einteilung in paarweise Fragen über Wurzeln, Daseinsgruppen usw.;
- das «Buch von der Entstehung» (Patthāna) mit seiner Einteilung in die vierundzwanzig Bedingtheitsarten, als wie Wurzelbedingung, Objektbedingung usw.
(Dies sind die sieben Bücher des kanonischen Abhidhamma-Pitaka.)
Die äußere Erzählung (Teil 2)
Und der ehrwürdige Nāgasena sprach: «Das genügt, o Herr! Du brauchst es nicht nochmals vorzutragen; mit dem allein kann ich es nun rezitieren.»
Und der ehrwürdige Nāgasena begab sich zu der zahllosen Schar der Heiligen und sprach: «Ehrwürdige, ich möchte die ganze Sammlung der philosophischen Lehren ausführlich vortragen, indem ich dieselben unter drei Gesichtspunkten zusammenfasse, nämlich den heilsamen, unheilsamen und karmisch-neutralen Erscheinungen.»
«Nun gut, Nāgasena, so trage sie vor!»
Der ehrwürdige Nāgasena trug alsdann in sieben Monaten sämtliche sieben Bücher ausführlich vor. Und die Erde erbebte, die Gottheiten spendeten ihren Beifall, die Brahmas klatschten in die Hände, und himmlischer Sandelstaub und himmlisch leuchtende Korallenblüten regneten hernieder. Als nun der ehrwürdige Nāgasena sein zwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte, gab ihm die zahllose Schar der Heiligen auf der «Geschützten Fläche» die volle Mönchsweihe.
(Zur Aufnahme als Mönch (bhikkhu), d.i. als vollberechtigtes Mitglied des buddhistischen Ordens (sangha) ist das vollendete 20.Lebensjahr erforderlich. Die Aufnahme als Novize (sāmanera) kann indessen schon im 7. Lebensjahr erfolgen.)
Nach Ablauf jener Nacht nun, am frühen Morgen, rüstete sich der ehrwürdige Nāgasena, der nun zum Mönche geweiht war, nahm Gewand und Schale und begab sich, zusammen mit seinem Berater, zum Dorfe um Almosen. Unterwegs stieg ihm folgender Gedanke auf: «Wahrlich, ein nichtiger Mensch ist doch mein Berater, ein Tor, daß er mich da zuerst im Abhidhamma unterwies und das übrige Buddha-Wort beiseite gelassen hat!»
Der ehrwürdige Rohana jedoch erkannte im Geiste die Gedanken des ehrwürdigen Nāgasena und sprach: «Einen unpassenden Gedanken erwägst du da, Nāgasena. Das ist nicht recht von dir.»
«Das ist doch wirklich seltsam und wunderbar», dachte der ehrwürdige Nāgasena, «wie da mein Berater im Geiste meine Gedanken durchschauen kann! Mein Berater ist doch wirklich weise! Wie, wenn ich ihn nun um Verzeihung bitte?» Und er sprach: «Verzeihe mir, o Herr! Nie will ich wieder solches denken.»
«So einfach, Nāgasena, werde ich dir nun doch nicht verzeihen», erwiderte ihm der ehrwürdige Rohana. «Es gibt da eine Stadt, Nāgasena, die Sāgalā heißt. Dort herrscht ein König, Milinda mit Namen, der die Gemeinde der Mönche belästigt, indem er ihr auf sophistische Weise Fragen stellt. Wenn du dort hingehst, jenen König in der Diskussion besiegst und ihn Vertrauen zur Buddha-Lehre gewinnen läßt, soll dir verziehen sein.»
«Sei es um diesen einen König Milinda, o Herr! Wenn selbst alle Könige des ganzen indischen Kontinents kommen und mir Fragen stellen sollten, so würde ich eben alle durch meine Antworten zu Schanden machen. Verzeihet mir also, o Herr!»
Als er jedoch auf diese Bitte noch immer eine abschlägige Antwort erhielt, sprach er: «Bei wem, o Herr, soll ich die drei Regenmonate (vassa) zubringen?»
«Da ist, Nāgasena, der ehrwürdige Assagutta, der in der Vattanīya-Klause wohnt. Den suche auf, Nāgasena; verbeuge dich in meinem Namen ehrfurchtsvoll zu seinen Füßen und sprich: Mein Berater, o Herr, verbeugt sich ehrfurchtsvoll zu Füßen des ehrwürdigen Assagutta und erkundigt sich, ob der ehrwürdige Assagutta gesund sei, ohne Beschwerden, munter und rüstig, und sich wohl befinde. Mein Berater hat mich geschickt, um bei dir die drei Regenmonate zu verbringen. Wenn er nun nach dem Namen deines Beraters fragt, so sage ihm, daß es der Ordensältere Rohana sei. Wenn er aber fragen sollte, wie sein eigener Name laute, so erwidere ihm, daß dein Berater seinen Namen kenne.»
«Gut, o Herr», versetzte der ehrwürdige Nāgasena, verbeugte sich ehrerbietig vor dem ehrwürdigen Rohana und ging davon, indem er ihm die Rechte zugekehrt hielt. Dann nahm er Gewand und Almosenschale und wanderte von Ort zu Ort, bis er schließlich in der Vattanīya-Klause beim ehrwürdigen Assagutta anlangte. Dort angekommen, begrüßte er ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Assagutta und stellte sich zur Seite hin. Darauf tat er genau, wie es ihm sein Berater vorgeschrieben hatte. Und der ehrwürdige Assagutta sprach: «Gut, gut, Nāgasena! Lege Schale und Gewand zur Seite!»
Am folgenden Tage kehrte der ehrwürdige Nāgasena die Zelle aus und besorgte für den Ordensälteren Wasser zum Waschen des Gesichtes und ein Holzstäbchen zum Zähnereinigen. Der Ordensältere aber fegte den bereits gefegten Platz noch einmal, schüttete das Wasser aus und holte frisches Wasser, warf das Holzstäbchen zum Zähnereinigen weg und nahm ein neues. Und er ließ sich in keinerlei Gespräch ein. So vergingen sieben Tage, und als der ehrwürdige Assagutta dem ehrwürdigen Nāgasena an dem darauf folgenden Tage nochmals die früheren Fragen vorgelegt und genau dieselben Antworten wie früher erhalten hatte, gestattete er ihm, die Regenzeit bei ihm zu verbringen.
Zu der damaligen Zeit aber ließ, seit dreißig Jahren, eine Hauptanhängerin dem ehrwürdigen Assagutta ihre Unterstützung zuteil werden. Als nun die drei Monate um waren, kam jene Hauptanhängerin zum ehrwürdigen Assagutta und erkundigte sich, ob noch ein anderer Mönch bei ihm wohne, und auf seine Mitteilung hin, daß sich ein Mönch namens Nāgasena bei ihm befinde, lud sie ihn, zusammen mit Nāgasena, für den folgenden Tag zum Essen ein. Schweigend gewährte der ehrwürdige Assagutta ihre Bitte. Und nach Ablauf der Nacht rüstete sich der ehrwürdige Assagutta in der Frühe, nahm Gewand und Almosenschale und begab sich, zusammen mit dem ehrwürdigen Nāgasena als seinem Begleiter, zur Wohnung der Hauptanhängerin. Dort angelangt, setzte er sich auf dem angebotenen Sitze nieder. Und jene Hauptanhängerin bewirtete den ehrwürdigen Assagutta und den ehrwürdigen Nāgasena, indem sie ihnen eigenhändig mit auserwählten harten und weichen Speisen aufwartete. Als nun der ehrwürdige Assagutta mit dem Male fertig war und seine Hände von der Almosenschale zurückgezogen hatte bat er den ehrwürdigen Nāgasena, für die Hauptanhängerin die Danksagung zu sprechen (anumodanā). Darauf erhob er sich von seinem Sitze und ging weg.
Die Hauptanhängerin sprach sodann zum ehrwürdigen Nāgasena: «Ich bin nun schon alt, lieber (tāta, eine liebevolle Anrede, die gewöhnlich Eltern ihren Kindern gegenüber benutzen) Nāgasena. Mögest du mich daher mit einem tiefgründigen Vortrage über die Lehre erfreuen!»
Und der ehrwürdige Nāgasena gab ihr die Danksagung durch eine tiefgründige Lehrdarlegung, die vom Überweltlichen und der Leerheit (von Ich und Mein) handelte. Jener Hauptanhängerin aber ging, als sie noch auf ihrem Platze dasaß, das ungetrübte, unbefleckte Auge der Wahrheit auf: daß alles, was auch immer dem Gesetze des Entstehens unterworfen ist, auch dem Gesetze der Vergänglichkeit anheimfallen muß. Auch dem ehrwürdigen Nāgasena, der nach seinem Dankvortrage über die selber dargelegte Wahrheit nachsann und «Klarblick»* gewann, wurde, als er noch auf seinem Platze dasaß, des «Ziels des Stromeintrittes» (sotāpatti, siehe ariyapuggala) teilhaftig.
* (d.i. die klare Einsicht, vipassana in die Vergänglichkeit anicca, Leidhaftigkeit, dukkha und die Unpersönlichkeit, anattā aller körperlichen und geistigen Daseinsformen)
Als der ehrwürdige Assagutta aber, der gerade in diesem Augenblicke in der Vorhalle saß, erkannte, daß beiden das Auge der Wahrheit aufgegangen war, spendete er seinen Beifall, indem er ausrief: «Recht so, recht so, Nāgasena! Mit einem Schlage hast du zwei mächtige Körper gesprengt!» Und viele Tausende Gottheiten spendeten gleichfalls ihren Beifall.
Der ehrwürdige Nāgasena erhob sich sodann von seinem Sitze und begab sich zum ehrwürdigen Assagutta. Dort angelangt, begrüßte er ihn ehrfurchtsvoll und setzte sich zur Seite nieder. Und der ehrwürdige Assagutta sprach zu ihm: «Begib dich nach Pātaliputta, Nāgasena, denn dort bei der Stadt Pātaliputta, im Asoka-Kloster, wohnt der ehrwürdige Dhammarakkhita, unter dem du nun das Wort des Buddha lernen sollst.»
«Wie weit, o Herr, ist es wohl von hier bis Pātaliputta?»
«Hundert Meilen, Nāgasena.»
«Das ist ein gar weiter Weg, o Herr; und unterwegs kann man wohl schwerlich Almosen erhalten. Wie werde ich dahin gehen können?»
«Gehe nur, Nāgasena! Unterwegs wirst du schon Almosen erhalten, ja sogar gesichteten Reis nebst mancherlei Suppen und Gemüsen.»
«Nun gut, o Herr!» versetzte der ehrwürdige Nāgasena, verbeugte sich vor dem ehrwürdigen Assagutta und entfernte sich, indem er ihm die rechte Seite zugekehrt hielt (ein Zeichen der Ehrerbietung). Dann nahm er Gewand und Almosenschale und machte sich auf den Weg nach Pātaliputta.
Damals nun zog ebenfalls ein Großkaufmann aus Pātaliputta mit seinen fünfhundert Wagen die Straße entlang nach Pātaliputta. Und schon von Ferne sah derselbe den ehrwürdigen Nāgasena herankommen. Sobald er ihn aber erblickt hatte, ließ er die fünfhundert Wagen anhalten, ging dem ehrwürdigen Nāgasena entgegen, und begrüßte ihn ehrfurchtsvoll, indem er ihn fragte, wo er hin wolle.
«Nach Pātaliputta, Hausvater», lautete die Antwort.
«Gut, gut Verehrter. Auch wir wollen nach Pātaliputta. In unserer Begleitung kannst du bequem reisen.»
Und der Großkaufmann, dem die Manieren des ehrwürdigen Nāgasena gefielen, bediente ihn und wartete ihm eigenhändig mit auserlesener harter und weicher Speise auf. Als der ehrwürdige Nāgasena mit dem Mahle fertig war und seine Hände von der Almosenschale zurückgezogen hatte, nahm der Großkaufmann einen niedrigen Stuhl und setzte sich zur Seite hin, indem er sich zum ehrwürdigen Nāgasena wandte mit den Worten: «Wie heißt du, Verehrter?»
«Nāgasena ist mein Name, Hausvater.»
«Kennst du wohl, Verehrter, was man das Buddha-Wort nennt?»
«Ich kenne, Hausvater, die Texte des Abhidhamma.»
«Gesegnet sind wir, Verehrter! Wohl getroffen haben wir’s, Verehrter! Denn ich, Verehrter, bin ebenso wie du, ein Kenner des Abhidhamma. Trage mir also einige Lehren aus dieser Sammlung vor!»
Und der ehrwürdige Nāgasena legte dem Großkaufmann aus Pātaliputta den Abhidhamma dar, und noch während des Vortrages ging dem Großkaufmann das ungetrübte, unbefleckte Auge der Wahrheit auf, und er erkannte: «Was irgend auch entstanden ist, muß alles wieder untergehen.»
Darauf schickte der Großkaufmann die fünfhundert Wagen voraus, und er selber folgte hinterher. An einer Zweigstraße unweit von Pātaliputta hielt er an und sprach zum ehrwürdigen Nāgasena: «Dies, Verehrter, dies ist der Weg zum Asoka-Kloster. Ich habe da, Verehrter, eine sechzehn Ellen lange und acht Ellen breite wertvolle Wolldecke. Habe Mitleid mit mir und nimm sie bitte an!»
Und von Mitleid bewogen nahm sie der ehrwürdige Nāgasena an. Froh und zufrieden, beglückten Herzens und voller Begeisterung und Freude verbeugte sich darauf der Kaufmann vor dem ehrwürdigen Nāgasena und zog weiter, indem er ihm die Rechte zugekehrt hielt.
Der ehrwürdige Nāgasena aber begab sich zum Asoka-Kloster, zum ehrwürdigen Dhammarakkhita. Bei seiner Ankunft begrüßte er ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Dhammarakkhita und teilte ihm den Grund seines Kommens mit. In drei Monaten eignete sich nun der ehrwürdige Nāgasena unter ihm, schon nach einer einmaligen Rezitation, den Wortlaut der in sämtlichen Drei Sammlungen (Ti-Pitaka) enthaltenen Worte des Erleuchteten an, und in den nächsten drei Monaten versenkte er sich in deren Sinn. Der ehrwürdige Dhammarakkhito aber sprach zu ihm: «Gleichwie da, Nāgasena, ein Kuhhirt seine Kühe hütet, andere aber die Milch der Kühe genießen, ebenso, Nāgasena, trägst du zwar die Drei Sammlungen der Worte des Erleuchteten mit dir im Kopfe herum, ein Anteil an wahrer Asketenschaft (d.h. die Heiligkeit) aber ist dir nicht beschieden.»
«Sei dem, wie es will, o Herr! Genug damit!» sagte der ehrwürdige Nāgasena. Und noch in der Nacht des selbigen Tages hatte er die Vollkommene Heiligkeit (arahatta) erreicht, samt dem Analytischen Wissen (patisambhidā). In dem Augenblicke aber, wo er die Wahrheit durchdringend schaute, spendeten ihm all die Gottheiten ihren Beifall, die Erde erbebte, die Götter klatschten in die Hände, und himmlischer Sandelstaub und himmlisch leuchtende Korallenblüten regneten hernieder.
Damals hatte sich gerade die zahllose Schar der Heiligen auf der «Geschützten Fläche» an den Abhängen des Himalaja zusammen gefunden. Und sie schickten einen Boten zum ehrwürdigen Nāgasena, durch den sie ihn einladen ließen zu kommen, da sie ihn zu sehen wünschten. Sobald er daher die Worte des Boten vernommen hatte, verschwand er aus dem Asoka-Kloster und trat vor den Augen der zahllosen Heiligen auf der «Geschützten Fläche» an den Abhängen des Himalaja wieder in Erscheinung (Nāgasena war nämlich inzwischen in den Besitz der magischen Kräfte gelangt, die ihm gestatteten, wo immer er wollte, zu verschwinden und zu erscheinen). Diese aber sprachen zu ihm: «Der König Milinda, Nāgasena, belästigt die Gemeinde der Mönche mit Rede und Gegenrede und mit seinen Fragen. Gehe, bitte, Nāgasena, und widerlege den König Milinda! »
«Sei es, Verehrte, um diesen einen König Milinda. Wenn selbst die Könige des gesamten indischen Kontinentes kommen und mir Fragen stellen sollten, Verehrte, so würde ich eben alle durch meine Antworten zunichte machen. Geht nur ganz ohne Furcht zur Stadt Sāgalā, Verehrte!»
Und die Ordensälteren begaben sich alsbald nach Sāgalā und ließen die ganze Stadt durch ihre goldgelben Gewänder erglänzen und von dem Tugenddufte der Weisen durchdringen.
Zu jener Zeit nun wohnte der ehrwürdige Ayupāla in der Sankheyya-Klause. Und der König Milinda wandte sich an seine Räte und sprach: «Welchen Asketen oder Priester könnte ich wohl heute aufsuchen, um mit ihm zu diskutieren und ihm meine Fragen vorzulegen?»
Auf diese Worte erwiderten die fünfhundert Griechen dem Könige Milinda: «Es gibt da, o König, einen Ordensälteren mit Namen Ayupāla, der ein Kenner des Dreikorbes ist, ein großes Wissen besitzt und mit der Überlieferung wohl vertraut ist. Jener wohnt gegenwärtig in der Sankheyya-Klause. Geh, König, und stelle jenem ehrwürdigen Ayupāla deine Fragen!»
«Gut, so meldet mich dem Ehrwürdigen!»
Darauf schickte der Astrologe des Königs einen Boten zum ehrwürdigen Ayupāla und ließ ihm mitteilen, daß ihn der König zu sprechen wünsche.
«Gut, möge er kommen!» versetzte der ehrwürdige Ayupāla.
Und der König Milinda bestieg seinen Staatswagen und begab sich, von den fünfhundert Griechen begleitet, zur Sankheyya-Klause, zum ehrwürdigen Ayupāla. Bei seiner Ankunft begrüßte er sich mit dem ehrwürdigen Ayupāla, und nach Austausch freundlicher und zuvorkommender Worte setzte er sich zur Seite nieder und sprach:
«Welchen Zweck, o Herr, hat eure Weltentsagung? Was ist euer höchstes Ziel?»
«Der Zweck unserer Weltentsagung, o König, ist ein rechter und gerader Wandel.»
«Gibt es wohl auch irgend einen unter den Laien, der einen rechten und geraden Wandel führt?»
«Gewiß, o König, gibt es auch Laien von rechtem und geradem Wandel. Als zum Beispiel der Erhabene an der Sehersteige im Gazellenhaine bei Benares das Reich der Wahrheit aufrichtete, gelangten achtzehn Myriaden Brahma-Götter nebst unzählbaren Gottheiten zur Durchdringung der Wahrheit; alle jene aber waren Laien, hatten keineswegs der Welt entsagt.
Und ebenfalls, als der Erhabene
- die «Rede an die Große Versammlung» (Mahāsamaya-Sutta, D.20) vortrug,
- die «Rede vom Höchsten Segen» (Mahāmangala-Sutta, Sn.II.4),
- die «Darlegung des Gleichmutes», «Rāhulas Ermahnung» (M.147) und
- die «Rede von der Niedrigkeit» (Parābhava-Sutta, Sn.I.6),
da durchdrangen unzählige Gottheiten die Wahrheit (dhammābhi-samaya); alle jene aber waren Laien, hatten keineswegs der Welt entsagt.»
«Demnach, ehrwürdiger Ayupāla, ist ja eure Weltentsagung ganz zwecklos; und es ist wohl bloß infolge der in einem früheren Leben begangenen bösen Tagen, daß die Asketen des Sakyersohnes die Welt verlassen und die strengen «Läuterungsübungen» (dhutanga) auf sich nehmen. Gewiß waren jene Mönche, ehrwürdiger Ayupāla, die da bloß während einer einzigen Sitzung speisen, in einem früheren Leben Diebe und haben andere ihrer Nahrung beraubt. Dafür nämlich, daß sie damals andere ihrer Nahrungsmittel beraubt haben, nehmen sie jetzt zur Strafe für jene Taten bloß während einer einzigen Sitzung Nahrung zu sich und können nicht etwa dann und wann essen. Das ist also bei ihnen keine Sittlichkeit, keine Askese, kein heiliger Wandel. Diejenigen Mönche nun, ehrwürdiger Ayupāla, die unter freiem Himmel leben, müssen in einem früheren Leben Räuber gewesen sein und ganze Dörfer verwüstet haben. Dafür nämlich, daß sie damals der anderen Häuser zerstört haben, wohnen sie jetzt zur Strafe für jene Taten unter freiem Himmel und bekommen keine Wohnstätte zum Schlafen. Das ist also bei ihnen keine Sittlichkeit, keine Askese, kein heiliger Wandel. Diejenigen Mönche aber, ehrwürdiger Ayupāla, die da sitzend schlafen, waren gewiß in einem früheren Leben Räuber und Wegelagerer. Dafür nämlich, daß sie damals die Wanderer überfallen und, mit gefesselten Händen und Füßen, in sitzender Stellung zurückgelassen haben, müssen sie jetzt zur Strafe für jene Taten sitzend schlafen und bekommen zum Schlafen kein Ruhelager. Das ist also bei ihnen keine Sittlichkeit, keine Askese, kein heiliger Wandel.»
Auf diese Worte blieb der ehrwürdige Ayupāla stumm und konnte nichts mehr entgegnen. Die fünfhundert Griechen aber versicherten nichtsdestoweniger dem Könige Milinda, daß der Ordensältere zwar gelehrt sei, aber infolge seiner Schüchternheit nicht zu widersprechen wage.
Der König Milinda jedoch, der den ehrwürdigen Ayupāla stumm dasitzen sah, klatschte in die Hände und rief aus: «Wahrlich, nichtig ist doch dieses Indien! Einer leeren Hülse gleicht es. Denn nicht einen einzigen gibt es hier unter den Asketen und Priestern, der imstande wäre, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen!»
Als aber der König die gesamte Schar der Griechen überblickte und bemerkte, wie sie alle so ganz ohne Zagen und Aufregung waren, dachte er: «Zweifellos muß es da noch irgend einen anderen gelehrten Mönch geben, der imstande ist, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen, denn das dürfte wohl der Grund sein, weshalb diese Griechen gar nicht in Verlegenheit geraten.» Und er sprach: «Gibt es denn wohl noch irgend einen anderen gelehrten Mönch, der imstande ist, mit mir zu diskutieren und meine Zweifel zu lösen?»
Zu jener Zeit nämlich war gerade der ehrwürdige Nāgasena, nachdem er viele Dörfer, Städte und Residenzen durchwandert hatte, in Sāgalā eingetroffen und wohnte dort, zusammen mit zahlreichen Mönchen, in der Sankheyya-Klause.
Er hatte eine Schar von Asketen um sich versammelt, war das Haupt einer Gemeinde und Jüngerschar, einer Jüngerschar Lehrer, anerkannt, berühmt und von vielen hochgeachtet, gelehrt, klug, weise, scharfsinnig und verständig, ein überzeugender Redner, voll Beherrschung und Selbstvertrauen.
Er war im Besitze umfangreicher Kenntnisse, ein Kenner des Dreikorbes, vollendet im Wissen, von durchdringendem Verstande, mit der Botschaft wohl vertraut und hatte sich das Analytische Wissen zu eigen gemacht.
Die neunfache Satzung (sāsana) des Meisters beherrschte er und hatte in der Lehre des «Siegers» die Vollkommenheit erreicht. Mit Leichtigkeit verstand er, in den Sinn und Wortlaut der Lehre einzudringen.
Von unversiegbarer, vielseitiger Schlagfertigkeit war er, ein vielseitiger Redner von edler Beredsamkeit, der schwerlich zu erreichen oder gar zu überflügeln, dem schwer zu widersprechen war, dem man nicht widerstehen und ihn nicht widerlegen konnte. Unwandelbar war er wie das Meer und unerschütterlich wie der König der Berge.
Der Lust entfremdet und das Dunkel verscheuchend, ließ er das Licht hell leuchten. Ein mächtiger Redner war er, der die Anhängerschaft der anderen Sektenhäupter über den Haufen warf, die Andersgläubigen zu Schinden machte. Mönche, Nonnen, Anhänger, Anhängerinnen, Fürsten und königliche Beamte verehrten und würdigten ihn, zeigten ihm Ehrfurcht, Achtung und Hochschätzung.
Die Bedarfsgegenstände wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien wurden ihm reichlich zuteil. Ja, in der Erlangung von Geschenken und Ansehen hatte er den Gipfelpunkt erreicht. Den Weisen und Verständigen, die auf ihn hörten, wies er das Kleinod der neunfachen Satzung des Siegers, den Wahrheitspfad; und er ließ leuchten das Licht der Wahrheit, richtete auf den heiligen Wahrheitspfeiler und brachte dar die Opfergabe der Wahrheit; er ließ das Wahrheitsbanner schwingen, aufrichten die Flagge der Wahrheit, blasen die Wahrheitstrompete und die große Trommel der Wahrheit erdröhnen, ließ erschallen den Löwenruf und erkrachen den Donner des Indra; und er durchsättigte die ganze Erde mit der in lieblichem Klange erbebenden mächtigen Nektarwolke der Wahrheit, die umzuckt wird von den dichten Blitzen höchster Erkenntnis und durchschwängert ist vom Wasser des Mitleids. Darum heißt es:
Weise war er, voll Beherrschung,
Wissensreich, ein großer Redner,
Kannte alle die Systeme
Und traf stets die rechte Antwort.
Und von denen, die zum Führer
Nāgasena sich erwählten,
Gab es Kenner der Drei Körbe (Ti-Pitaka),
Der Fünf Bände und der vier.(*30)
Weise und von tiefer Einsicht,
Gutes sowie Böses kennend,
Hatte höchstes Ziel errungen
Nāgasena, selbstbeherrscht.
Von seinen Mönchen all umgeben,
Von Weisen, Wahrheitskündigern,
Gelangte, Stadt und Dorf durchwandernd,
Er schließlich an in Sāgalā.
Und dort in der Sankheyya-Klause
Nahm Nāgasena seinen Sitz,
Und wenn er mit den Menschen sprach,
Dem Löwen im Gebirge glich.
Die «fünf Bände» (nikāya) oder Teile des Sutta-Pitaka sind die Lange Sammlung (Digha-Nikāya), die Mittlere Sammlung (Majjhima-Nikāya); die Angereihte Sammlung (Anguttara-Nikāya), die Gruppierte Sammlung (Samyutta-Nikāya) und die Sammlung der kurzen Texte (Khuddaka-Nikāya), welche 15 Bücher enthält.
Die «vier Bände» beziehen sich wahrscheinlich auf die ersten vier der oben genannten Sammlungen.
Und Devamantiya wandte sich an den König Milinda und sprach: «Nur Geduld, o König! Es gibt da einen Ordensälteren mit Namen Nāgasena, der verständig, aufgeklärt und weise ist, voll Beherrschung und Selbstvertrauen, ein wissensreicher, vielseitiger, mit edler Beredsamkeit begabten Redner, der es zur Vollendung gebracht hat in dem Analytischen Wissen, nämlich des wahren Sinnes, des Wortlautes, der Worterklärungen und der Schlagfertigkeit.
Dieser Mönch aber weilt gegenwärtig hier in dem Sankheyya-Kloster. Gehe, König, und lege dem ehrwürdigen Nāgasena deine Fragen vor, denn er ist imstande, mit dir zu diskutieren und deine Zweifel zu lösen.» Kaum aber hatte der König den Namen Nāgasena vernommen, als ihn plötzlich Angst und Schrecken befiel und ihm die Haare sich sträubten. Und er sprach zu Devamantiya: «Wie? Der Mönch Nāgasena sollte wirklich imstande sein, mit mir zu diskutieren?»
«Ja, o König!» versetzte Devamantiya. «Er ist sogar imstande, mit Indra, Yama, Varuna, Kuvera, Pajāpati, Suyāma und Santusita zu diskutieren; ja gar mit dem Urahnherrn, dem Großen Brahma und den Beschirmern der Welt kann er diskutieren, geschweige denn mit einem menschlichen Geschöpfe.»
«So schicke denn, Devamantiya, dem Ehrwürdigen einen Boten!» sagte der König.
«Ja, o Herr!» erwiderte Devamantiya, und schickte dem ehrwürdigen Nāgasena die Botschaft, daß ihn der König Milinda zu sehen wünsche. «So möge er denn kommen!» lautete die Antwort des ehrwürdigen Nāgasena.
Zu jener Stunde gerade saß der ehrwürdige Nāgasena, von einer großen Schar von Mönchen umgeben, in der Versammlungshalle. Und schon von ferne erblickte der König die Versammlung des ehrwürdigen Nāgasena, und bei ihrem Anblicke sprach er: «Zu wem, Devamantiya, gehört diese mächtige Versammlung?»
«Zum ehrwürdigen Nāgasena», war die Antwort. Und obzwar der König die Versammlung bloß erst aus der Ferne erblickte, befiel ihn Angst und Schrecken, seine Haare sträubten sich, und er kam sich vor wie ein von Nashörnern umzingelter Elefant, oder wie eine von Garulavögeln umschwärmte Kobra oder wie ein Schakal, um den eine Riesenschlange sich gewunden hat, oder wie ein von Büffeln umzingelter Bär. Ja, gleichsam wie ein Frosch fühlte er sich, den eine Schlange verfolgt, oder wie ein Hirsch, der von einem Tiger gehetzt wird, oder wie eine Schlange in den Händen des Schlangenbändigers, oder wie eine Ratte in den Klauen der Katze, oder wie ein Gespenst im Banne des Geisterbeschwörers, oder wie der Mond im Rachen des Rahu, oder wie eine im Korbe gefangen gehaltene Schlange, oder wie ein Vogel im Käfig, oder ein Fisch in den Schlingen des Netzes, oder wie ein Mann, der in einen Wald voll wilder Tiere geraten ist, oder wie ein Gespenst, das sich gegen den Dämonenkönig vergangen hat, oder wie ein Göttersohn an seinem Lebensende. Voll Furcht und Unruhe war er, ängstlich, aufgeregt, verstimmt und bedrückt, zerstreut und geistig zerfahren. Um aber von den Leuten nicht mit Verachtung behandelt zu werden, faßte er Mut und sprach zu Devamantiya: «Du brauchst mir den ehrwürdigen Nāgasena gar nicht zu zeigen, Devamantiya, denn ohne weiteres werde ich ihn herausfinden.»
«Gut, König, finde ihn selber heraus!»
In jener Mönchsversammlung nun hatte der ehrwürdige Nāgasena weniger Ordensjahre als die vor ihm sitzenden Mönche und mehr Ordensjahre als die hinter ihm sitzenden. Aber trotz der Entfernung sah der König, während er seinen Blick über die ganze Mönchsschar, vom, hinten und in der Mitte, schweifen ließ, den ehrwürdigen Nāgasena einem Löwen gleich, inmitten der Mönchsversammlung sitzen, frei von Angst und Beklemmung, ohne jede Aufregung, Furcht oder Scheu. Und kaum waren seine Blicke auf ihn gefallen, so erkannte er auch schon an seinem Äußeren, daß er der Nāgasena war. Und er zeigte ihn dem Devamantiya mit den Worten: «Dieser da, Devamantiya, ist sicherlich der ehrwürdige Nāgasena.»
«Ja, König, das ist er. Richtig hast du ihn erkannt.»
Und der König freute sich in dem Gedanken, daß er ohne irgendwelche Andeutung den ehrwürdigen Nāgasena selber herausgefunden hatte. Doch, sobald er seine Blicke wieder auf ihn richtete, befielen ihn Angst und Schrecken, und seine Haare sträubten sich.
Darum heißt es:
In dem Wandel wohl bewähret
Und in höchster Zucht erzogen
Sah der König Nāgasena,
Und er ließ den Ruf erschallen:
Hab’ viele Redner angetroffen,
Gar manche Diskussion geführt,
Doch hatt’ ich nimmer solches Bangen,
Nie solchen Schrecken, wie grad’ heut.
Zweifellos ist mir beschieden
Heute eine Niederlage;
Sieger sein wird Nāgasena,
Denn gar unstet ist mein Geist!
Teil 2 · Milindapañha 2.1.1–2.1.14
1. Kapitel - 1. Mahā Vagga
Fragen über charakteristische Merkmale
Mil. 2.1.1. Unpersönlichkeit - 2.1.1. Paññattipañho
Der König ging nun auf den ehrwürdigen Nāgasena zu, begrüßte sich freundlich mit ihm, und nach Austausch höflicher und zuvorkommender Worte setzte er sich zur Seite nieder. Und der ehrwürdige Nāgasena erwiderte seinen freundlichen Gruß, wodurch er des Königs Herz zufrieden stimmte.
Darauf wandte sich der König Milinda an den ehrwürdigen Nāgasena und sprach:
"Wie heißt du, Ehrwürdiger? Welchen Namen trägst du?"
"Ich bin als Nāgasena bekannt, o König, und mit Nāgasena reden mich meine Ordensbrüder an. Ob nun aber die Eltern einem den Namen Nāgasena geben oder Sūrasena oder Vīrasena oder Sīhasena, immerhin ist dies nur ein Name, eine Bezeichnung, ein Begriff, eine landläufige Ausdrucksweise, ja weiter nichts als ein bloßes Wort, denn eine Person ist da nicht vorzufinden."
(Mit der hier geleugneten
puggala ist lediglich eine beharrende Ichsubstanz gemeint, eine beständige und in jeder Hinsicht identische Persönlichkeit)
Der König aber sprach: "Hört mich an, ihr fünfhundert Griechen und zahlreichen Mönche! Dieser Nāgasena behauptet, eine Person gebe es nicht. Wie kann man dem beipflichten?"
Und der König sprach zu dem ehrwürdigen Nāgasena:
"Wenn es, ehrwürdiger Nāgasena, keine Person gibt, wer ist es denn, der euch da die Bedarfsgegenstände, wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien spendet?
Wer ist es, der davon Gebrauch macht?
Wer ist es, der die Sittenregeln erfüllt, die Geistespflege übt, Pfad, Ziel und Erlösung verwirklicht?
(Über die vier Pfade und Ziele der Heiligkeit siehe B. Wtb: ariya-puggala)
Wer ist es, der tötet, stiehlt, ehebricht, lügt, trinkt und die unmittelbar nach dem Tode zur Hölle führenden Verbrechen (ānantarika kamma) begeht?
So gäbe es also weder etwas Heilsames oder etwas Unheilsames, noch einen Täter oder Verursacher guter und schlechter Taten, noch eine Frucht oder ein Ergebnis guter und schlechter Taten, und selbst derjenige, der dich töten würde, beginge keinen Mord.
Und auch du, Nāgasena, hättest weder einen Lehrer noch Berater noch überhaupt die Mönchsweihe. Nun behauptest du aber andererseits, daß deine Ordensbrüder dich mit Nāgasena anreden.
Wer ist denn dieser Nāgasena? Sind da etwa die Kopfhaare dieser Nāgasena, oder sind es Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Knochenmark, Niere, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lunge, Eingeweide, Gekröse, Mageninhalt, Kot, Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Fett, Tränen, Lymphe, Speichel, Rotz, Gelenköl, Urin oder das im Schädel befindliche Gehirn?"
"Nicht doch, o König!"
"Oder sind etwa der Körper, oder das Gefühl, oder die Wahrnehmung, oder die Geistesformationen, oder das Bewußtsein dieser Nāgasena?"
"Nicht doch, o König!"
"Dann sollen wohl vielleicht Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein (zusammen genommen), dieser Nāgasena ein?"
"Nicht doch, o König!"
"Oder soll dieser Nāgasena gar außerhalb von Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein existieren?"
"Nicht doch, o König!"
"Ich mag dich fragen, wie ich will, Verehrter: den Nāgasena aber kann ich
nicht entdecken. Soll etwa das bloße Wort
"Nicht doch, o König!"
"Nun, wer ist denn dieser Nāgasena? Eine Unwahrheit sprichst du, o Herr, eine Lüge, denn der Nāgasena existiert ja gar nicht!"
Und der ehrwürdige Nāgasena wandte sich zum Könige und sprach: "Du bist, o König, fürstlichen Luxus und äußerste Bequemlichkeit gewöhnt. Wenn du daher zur Mittagsstunde im heißen Sande zu Fuße gehst und mit den Füßen auf den harten, steinigen Kiessand trittst, bekommst du wehe Füße, dein Körper ermattet, dein Geist wird verstimmt, und körperliche Schmerzgefühle machen sich geltend. Bist du denn zu Fuße gekommen oder mit einem Gefährt?"
"Nein, o Herr, ich bin nicht zu Fuße gekommen, sondern mit dem Wagen."
"Nun, wenn du mit dem Wagen gekommen bist, o König, so erkläre mir denn, was ein Wagen ist! Ist wohl vielleicht die Deichsel der Wagen?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Oder die Achse?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Oder sind die Räder, oder der Wagenkasten, oder der Fahnenstock oder das Joch, oder die Speichen, oder der Treibstock der Wagen?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Dann sollen wohl diese Dinge, alle zusammen genommen, der Wagen sein?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Oder soll etwa gar der Wagen außerhalb dieser Dinge existieren?"
"Nicht doch, o Herr!"
"Ich mag dich fragen, wie ich will, o König: den Wagen aber kann ich nicht
entdecken. Soll etwa das bloße Wort
"Nicht doch, o Herr!"
"Nun, was ist denn dieser Wagen? Eine Unwahrheit sprichst du, o König, eine Lüge, denn der Wagen existiert ja gar nicht. Du bist doch, o König, der oberste Herr über ganz Indien. Aus Furcht vor wem lügst du denn da? Hört mich an, ihr fünfhundert Griechen und zahlreichen Mönche! Dieser König Milinda behauptet, mit einem Wagen gekommen zu sein, doch auf meine Bitte hin, mir zu erklären, was ein Wagen ist, kann er mir einen solchen nicht nachweisen. Kann man so etwas wohl billigen?"
Auf diese Worte spendeten die fünfhundert Griechen dem ehrwürdigen Nāgasena ihren Beifall und sprachen zum König Milinda: "Nun antworte, o König, wenn es dir möglich ist!"
Und der König sprach zum ehrwürdigen Nāgasena:
"Ich spreche durchaus keine Lüge, ehrwürdiger Nāgasena. Denn in Abhängigkeit
von Deichsel, Achsel, Rädern usw. entsteht die Benennung, die Bezeichnung, der
Begriff, die landläufige Ausdrucksweise, das bloße Wort
"Ganz richtig, o König, hast du erkannt, was ein Wagen ist. Gerade so aber
auch, o König, entsteht in Abhängigkeit von Kopfhaaren, Körperhaaren, Zähnen,
Nägeln usw. die Benennung, die Bezeichnung, der Begriff, die landläufige
Ausdrucksweise, das bloße Wort
Auch die Nonne Vajirā, o König, hat in Gegenwart des Erhabenen gesagt:
(Dieser Text findet sich im S.5.10, dort spricht allerdings die Nonne Vajirā zu Māra, nicht zum Buddha)
"Wunderbar ist es, ehrwürdiger Nāgasena; außerordentlich ist es, ehrwürdiger Nāgasena, wie du so ausgezeichnet meine Fragen beantwortet hast. Ja, wenn der Erleuchtete noch am Leben wäre, möchte er dir ebenfalls seinen Beifall geben. Gut, gut, Nāgasena! Ganz vorzüglich hast du meine Fragen beantwortet!"
Mil. 2.1.2. Seniorität - 2.1.2. Vassagaṇanapañho
"Wie viele Ordensjahre hast du, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Sieben Ordensjahre, o König."
"Wer ist denn nun eigentlich diese Sieben, ehrwürdiger Nāgasena? Bist du diese Sieben, oder ist diese Sieben die Zahl (der Jahre)?"
In diesem Augenblicke fiel gerade der Schatten des Königs auf den Boden, und seine ganz mit Juwelen bedeckte, prächtig geschmückte Gestalt spiegelte sich in einem großen Topfe voll Wasser wider. Und der ehrwürdige Nāgasena sprach zum Könige Milinda: "Deinen Schatten erblickt man da auf dem Boden, und deine Gestalt spiegelt sich in jenem Gefäße voll Wasser wider. Wie denn, o König, bist du der König, oder ist dieses Spiegelbild der König?"
"Ich, ehrwürdiger Nāgasena, bin der König, und nicht dieses Spiegelbild ist der König. Doch von mir ist die Entstehung des Spiegelbildes abhängig."
"Ebenso auch, o König, ist die Zahl der Ordensjahre sieben, und nicht bin ich diese Sieben. Von mir aber ist - genau so wie das Spiegelbild - die Entstehung der Sieben abhängig."
"Wunderbar ist es, ehrwürdiger Nāgasena, erstaunlich ist es, wie du so vorzüglich meine Fragen beantwortet hast!"
Mil. 2.1.3. Diskussion nach Art eines Weisen - 2.1.3. Vīmaṃsanapañho
Der König sprach: "Ehrwürdiger Nāgasena, möchtest du noch weiter mit mir diskutieren?"
"Wenn du nach Art der Weisen diskutieren willst, o König, dann wohl; willst du aber nach Art der Könige diskutieren, dann nicht."
"Wie diskutieren denn Weise, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Bei den Diskussionen der Weisen, o König, zeigt sich ein Auf- und Abwickeln (des Themas), Widerlegung und Entgegnung, Differenzierung und Gegendifferenzierung (Dies sind Stadien und Methoden der Disputierkunst, auf deren genaue Erklärung hier verzichtet wurde). Und doch geraten die Weisen dabei nicht außer sich. So, o König, diskutieren Weise."
"Wie diskutieren nun aber Könige, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Wenn Könige während einer Diskussion etwas behaupten und da irgend einer widerspricht, so geben sie den Befehl, diesen Menschen zu bestrafen. So, o König, diskutieren Könige."
"So will ich denn, Ehrwürdiger, nach Art eines Weisen diskutieren und nicht nach der eines Königs. Mögest du, Ehrwürdiger, ganz unbefangen mit mir diskutieren! Mögest du genau so frei mit mir reden, wie du es etwa mit einem Mönche, Novizen, Anhänger oder Klosterdiener tun würdest! Du hast nichts zu befürchten."
"Nun gut, König", stimmte der Ordensältere bei.
Der König sprach: "Darf ich dich etwas fragen, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Ja, König, du magst mich fragen."
"Ich habe dich etwas gefragt, Ehrwürdiger."
"Das habe ich ja bereits beantwortet."
"Was hast du denn geantwortet, Ehrwürdiger?"
"Was hast du denn überhaupt gefragt?"
Da dachte der König Milinda: "Wahrlich, dieser Mönch ist weise und ist imstande, mit mir zu diskutieren. Und über gar viele Punkte habe ich ihn zu befragen. Doch die Sonne möchte untergehen, bevor ich ihm all diese Fragen gestellt hätte. Wie, wenn ich morgen im Palaste meine Diskussion mit ihm fortsetzte?" Und der König sprach zu Devamantiya: "Devamantiya, teile dem Ehrwürdigen mit, daß die Diskussion mit dem Könige morgen im Palaste fortgesetzt werden solle!"
Mit diesen Worten erhob sich der König von seinem Sitze und verabschiedete sich vom Ordensälteren Nāgasena. Darauf bestieg er sein Pferd und ritt davon, indem er beständig das Wort "Nāgasena, Nāgasena" vor sich hin murmelte.
Und Devamantiya teilte dem ehrwürdigen Nāgasena den Auftrag des Königs mit. "Gut!" versetzte der Ordensältere, indem er seine Einwilligung gab.
Und nach Ablauf jener Nacht begaben sich Devamantiya, Anantakāya, Mankura und Sabbadinna zum Könige Milinda und sprachen: "Soll nun der verehrte Nāgasena kommen, o König?"
"Ja, laßt ihn kommen!"
"Mit wie vielen Mönchen aber soll er kommen?"
"Mit so vielen, wie er will."
Sabbadinna aber sprach: "Laß ihn mit zehn Mönchen kommen, o König!"
Doch der König blieb bei seinem Wort. Als ihn indessen Sabbadinna zum zweitenmale und drittenmale mit seinem Vorschlage anging, sprach der König: "Jede Art Fürsorge ist getroffen. Also, ich sage, er mag mit so vielen Mönchen kommen, wie er will, wenn auch Sabbadinna etwas anderes sagt. Sollten wir denn wirklich nicht imstande sein, so viele Mönche zu speisen?"
Durch diese Worte aber wurde Sabbadinna ganz eingeschüchtert.
Darauf begaben sich Devamantiya, Anantakaya und Mankura zum ehrwürdigen Nāgasena und teilten ihm mit, was ihnen der König aufgetragen hatte. Und es kleidete sich der ehrwürdige Nāgasena am frühen Morgen an und begab sich, mit Gewand und Schale versehen, in Begleitung zahlreicher Mönche nach Sāgalā.
Mil. 2.1.4. Keine Seele - 2.1.4. Anantakāyapañho
Und Anantakāya, der ihm zur Seite ging, sprach zu ihm: "Wenn ich da das Wort
"Was meinst du denn wohl, was da
"Ich denke mir, o Herr, daß diese Seele (jīva, Lebensgeist, Lebenskraft), die da als innerliche (Atem-) Luft ein- und ausströmt, der Nāgasena ist."
"Wenn nun aber dieser Atem ausströmt, ohne zurückzukehren, oder einströmt ohne wieder auszuströmen, wird wohl da der Mensch noch leben können?"
"Gewiß nicht, Ehrwürdiger."
"Wenn nun aber ein Muschel-Trompeter oder ein Pfeifer oder Hornbläser in ihre Instrumente blasen, kehrt da etwa deren Wind wieder zu ihnen zurück?"
"Gewiß nicht, Ehrwürdiger."
"Und warum sterben sie dann nicht?"
"Ich bin nicht imstande mit einem solchen Gegner, wie dir, zu diskutieren. So erkläre mir denn, bitte, die Sache, Ehrwürdiger!"
"Das ist keine Seele. Ein- und Ausatmung sind körperliche Funktionen." Damit gab er ihm einen Ausspruch aus dem Abhidhamma.
Und Anantakāya erklärte sich alsbald als einen Anhänger (upāsaka).
Mil. 2.1.5. Ziel der Weltentsagung - 2.1.5. Pabbajjapañho
Der ehrwürdige Nāgasena traf nun im Palaste des Königs Milinda ein und setzte sich auf dem angewiesenen Sitze nieder. Und der König bewirtete ihn samt seinem Gefolge, indem er ihnen eigenhändig mit vorzüglichen harten und weichen Speisen aufwartete. Auch beschenkte er einen jeden der Mönche mit einem Gewänderpaar (das ist Ober- und Untergewand; bei den "drei Gewändern" kommt noch das Doppelgewand hinzu), den ehrwürdigen Nāgasena aber mit den drei Gewändern, und sprach: "Mögest du, ehrwürdiger Nāgasena, mit zehn Mönchen hier bleiben. Die übrigen lasse gehen."
Und sobald der König bemerkte, daß der ehrwürdige Nāgasena mit dem Mahle fertig war und seine Hand von der Almosenschale zurückgezogen hatte, nahm er einen niedrigen Sitz und setzte sich zur Seite hin. Darauf sprach er zu ihm: "Worüber sollen wir diskutieren, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Da wir alle nach einem Ziele streben, o König, so laß uns von diesem Ziele sprechen!"
Und der König sprach: "Welches Ziel verfolgt ihr denn bei eurem Mönchtum (pabbajjā), ehrwürdiger Nāgasena? Was ist euer höchstes Ziel?"
"Was anderes als dieses (gegenwärtige) Leiden eben schwinden und kein anderes (neues) Leiden mehr aufkommen zu lassen, dies ist das Ziel unseres Mönchstums, o König. Hanglose Erlösung (anupādā-parinibbāna, siehe nibbāna): das ist unser höchstes Ziel."
"Sag, ehrwürdiger Nāgasena, ziehen wohl alle dieses Zieles wegen ins Mönchtum hinaus?"
"Nicht doch, o König. Einige zwar tun es dieses Zieles wegen, andere aber aus Furcht vor der Strafe des Königs, wieder andere, da sie von Schulden bedrückt sind, und manche tun es gar, um sich dadurch ihren Lebensunterhalt zu erwerben. Wer aber auf rechte Weise Mönch wird, der tut es eben dieses höchsten Zieles wegen."
"Du aber, ehrwürdiger Nāgasena, bist doch wohl dieses höchsten Zieles wegen Mönch geworden?"
"Ich war noch ein Knabe, o König, als ich ins Mönchstum hinauszog. Ich konnte
daher noch nicht wissen, daß ich dieses Zieles wegen Mönch werden sollte. Ich
sagte mir nur:
"Gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.6. Wiedergeburt - 2.1.6. Paṭisandhipañho
Der König sprach: "Gibt es wohl irgend einen, ehrwürdiger Nāgasena, der nach dem Tode nicht mehr wiedergeboren wird?"
"Der eine wird wiedergeboren, der andere nicht."
"Wer aber wird wiedergeboren und wer nicht?"
"Der mit Leidenschaften Befleckte, o König, wird wiedergeboren, der Fleckenlose aber nicht."
"Wirst du wohl aber wiedergeboren, Ehrwürdiger?"
"Wenn ich (in der Sterbestunde) noch an der Welt hänge, werde ich wiedergeboren, sonst nicht."
"Gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.7. Aufmerksamkeit und Weisheit - 2.1.7. Yonisomanasikārapañho
Der König sprach: "Daß einer nicht wiedergeboren wird, ist dies, ehrwürdiger Nāgasena, etwa eine Folge gründlicher Aufmerksamkeit (yoniso manasikāra)?"
"Eine Folge gründlicher Aufmerksamkeit sowohl, o König, als auch eine Folge der Weisheit und anderer guter Eigenschaften."
"Ist denn aber nicht, o Ehrwürdiger, gründliche Aufmerksamkeit dasselbe wie Weisheit?"
"Nein, o König. Eines ist Aufmerksamkeit, ein anderes aber Weisheit. Denn auch die Schafe, Ochsen, Büffel, Kamele und Esel zeigen Aufmerksamkeit, Weisheit aber besitzen sie nicht!"
"Gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Der König sprach: "Was, o Ehrwürdiger, ist das charakteristische Merkmal der Aufmerksamkeit (manasikāra), und was dasjenige der Weisheit (paññā)?"
"Die (geistige) Einstellung ist das charakteristische Merkmal der Aufmerksamkeit, o König, das Abtrennen aber dasjenige der Weisheit."
"Inwiefern aber? Gib mir ein Beispiel!"
"Weißt du wohl, o König, wie es die Schnitter machen, wenn sie die Gerste mähen?"
"Gewiß weiß ich das, Ehrwürdiger."
"Nun, wie machen sie es denn, o König?"
"Mit der linken Hand, o Herr, faßt der Schnitter die Gerste zu einem Büschel zusammen, und mit der rechten Hand schneidet er sie vermittelst einer Sichel ab."
"Genau so, o König, faßt der in der Geistessammlung sich Übende vermittelst der Aufmerksamkeit seinen Geist zusammen, und vermittelst der Weisheit schneidet er die Leidenschaften ab. Insofern also, o König, ist die (geistige) Einstellung das charakteristische Merkmal der Aufmerksamkeit und das Abtrennen dasjenige der Weisheit."
"Ja, gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena."
? - 2.1.8. Manasikāralakkhaṇapañho
Mil. 2.1.8. Sittlichkeit - 2.1.9. Sīlalakkhaṇapañho
Und der König fuhr fort: "Du hattest da eben, ehrwürdiger Nāgasena, noch von anderen guten Eigenschaften gesprochen, Welche sind dies?"
"Sittlichkeit, o König, Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit und Sammlung: dies sind jene guten Eigenschaften."
"Welches charakteristische Merkmal aber, o Ehrwürdiger, besitzt die Sittlichkeit (sīla)?"
"Daß sie als Grundlage dient, o König, denn die Sittlichkeit bildet die Grundlage zu sämtlichen guten Geisteszuständen:
- den geistigen Fähigkeiten (bala) und Kräften,
- den Erleuchtungsgliedern (bojjhanga),
- dem (achtfachen) Pfad (magga),
- den Grundlagen der Achtsamkeit (satipatthāna),
- den rechten Anstrengungen (sammā-padhāna),
- den Machtfährten (iddhi pāda),
- den Vertiefungen (jhāna),
- den Freiungen, (vimokhā)
- der Sammlung (samādhi) und den Errungenschaften.
Solange einer die Sittlichkeit zur Grundlage hat, geht er all dieser guten Geisteszustände nicht verlustig."
"Gib mir eine nähere Erläuterung!"
"Gleichwie, o König, sämtliche Arten von Keim- und Pflanzenleben, bei denen sich ein Gedeihen, Wachsen und Entfalten zeigt, eben alle in Abhängigkeit von der Erde, eben dadurch, daß sie die Erde zur Grundlage haben, gedeihen, wachsen und sich entfalten: genau so, o König, bringt der in Sammlung des Geistes sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung, nämlich Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit."
"Gib mir noch ein anderes Gleichnis!"
"Gleichwie, o König, alle Kraft erfordernden Arbeiten eben in Abhängigkeit von der Erde ausgeführt werden, die Erde zur Grundlage haben: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung."
"Gib mir noch ein Gleichnis!"
"Gleichwie ein Stadtbaumeister, o König, wenn er eine Stadt bauen will, zuerst einen Platz für die Stadt lichten läßt, sodann denselben von Baumstümpfen und Dornen befreit, ebnet und nach einiger Zeit daran geht, denselben in Straßen, Plätze, Kreuzungspunkte usw. einzuteilen und auf diese Weise die Stadt baut: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Gleichwie, o König, ein Akrobat, wenn er seine Kunststücke zeigen will, erst die Erde umgräbt, dann die Steine und den harten Kies entfernt, den Boden ebnet und so auf weichem Boden seine Kunststücke vorführt: genau so, o König, bringt der in Sammlung sich Übende - eben indem er sich auf Sittlichkeit stützt, die Sittlichkeit zur Grundlage nimmt - die fünf geistigen Fähigkeiten zur Entfaltung. Auch der Erhabene, o König, hat gesagt:
Der Weise, der, auf Sittlichkeit gestützt,
Den Geist entfaltet, sich in Weisheit übt,
Ein solch entschlossener und weiser Jünger
Mag dieses Lebens Wirrsal einst entwirren.
(Diese Verse finden sich im Samyutta-Nikāya [S.1.23]. Buddhaghosa gebraucht dieselben als Motto und Richtschnur für sein großes Fundamentalwerk Visuddhi-Magga, Der Weg zur Reinheit.)
Gleichwie da alles Leben auf der Erde fußt,
So ist die Sittensatzung, die befreiende,
Der Grund und Boden zur Entfaltung alles Guten,
Der Ausgangspunkt der Lehre der Erleuchteten."
"Gar klug bist du, Ehrwürdiger Nāgasena."
Mil. 2.1.9. Vertrauen - 2.1.10. Sampasādanalakkhaṇasaddhāpañho
Der König sprach: "Welches charakteristische Merkmal, o Herr, besitzt das Vertrauen (saddhā)?"
"Die Läuterung (sampasādana), o König, und das Vorwärtsstreben: dies sind die charakteristischen Merkmale des Vertrauens."
"Inwiefern aber, o Ehrwürdiger, ist die Läuterung ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens?"
"Sobald das Vertrauen aufsteigt, o König, bringt es die geistigen Hemmungen (nīvarana) zum Schwinden. Der ungehemmte Geist aber ist klar, lauter, ungetrübt. Insofern, o König, ist die Läuterung ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens."
"Gib mir ein Beispiel!"
"Angenommen, o König, ein Weltherrscher durchschreitet mit seiner vierfachen Heeresmacht auf dem Marsche ein kleines Gewässer, und durch die Elefanten, Pferde, Wagen und Soldaten aufgewühlt, wird das Wasser trübe, schmutzig und schlammig. Der Herrscher aber ist bei seiner Ankunft am anderen Ufer durstig und befiehlt seinen Leuten, Trinkwasser für ihn zu besorgen. Und nimm an, der Herrscher besitzt einen wasserreinigenden Zauberstein, und die Leute werfen auf seinen Befehl jenen Zauberstein in das Wasser. So würden im selben Augenblicke die Muscheln und Wasserpflanzen verschwinden und der Schlamm sich setzen. Das Wasser aber würde hell, durchsichtig und klar sein. Und von diesem Wasser würde man dem Herrscher zum Trinken bringen. -
Unter dem Wasser nun hat man den Geist zu verstehen, unter den Leuten den in der Sammlung sich Übenden, unter den Muscheln, Pflanzen und dem Schlamme die geistigen Trübungen (kilesa) und unter dem wasserreinigenden Zauberstein das Vertrauen. Insofern nun, o König, ist die Läuterung ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens."
"Inwiefern aber, o Ehrwürdiger, ist das Vorwärtsstreben ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens?"
"Wenn, o König, der in der Sammlung sich Übende merkt, wie andere die Erlösung des Geistes gewinnen, so strebt er alsbald ebenfalls nach dem Ziele des Stromeintrittes, der Einmal-Wiederkehr, der Nie-Wiederkehr oder der Vollkommenen Heiligkeit (arahatta, siehe ariya-puggala). Und er strengt sich an, um das Unerreichte zu erreichen, das Unerrungene zu erringen, das Unverwirklichte zu verwirklichen. Insofern, o König, ist das Vorwärtsstreben ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens."
"Gib mir eine Erläuterung hierzu!"
"Gesetzt, o König, oben im Gebirge entlüde sich eine mächtige Regenwolke und das Wasser füllte beim Herabfließen die Gebirgstäler und verzweigten Schluchten und ergösse sich alsdann in einen Bach, so daß dessen beide Ufer überschwemmt würden. Und eine große Schar von Menschen käme des Wegs daher und bliebe furchtsam und zaudernd am Ufer stehen, da sie nicht weiß, ob der Bach seicht oder tief ist. Es käme aber ein Mann dazu, der sich seiner eigenen Kraft und Stärke bewußt ist. Der bände sein Lendentuch fest zum Schurze zusammen und setzte in einem Sprunge zum anderen Ufer über. Sobald ihn aber die Menschen am anderen Ufer erblickten, sprängen sie ebenfalls hinüber. Genau so, o König, ist es mit dem in der Sammlung sich Übenden. Sobald er nämlich merkt, wie andere die Erlösung des Geistes gewinnen, strebt er alsbald ebenfalls nach dem Ziele des Stromeintrittes, der Einmal-Wiederkehr, der Nie-Wiederkehr oder der Vollkommenen Heiligkeit. Insofern, o König, ist das Vorwärtsstreben ein charakteristisches Merkmal des Vertrauens. Auch der Erhabene, o König, sagt in der trefflichen Gruppierten Sammlung (Samyutta-Nikaya):
Mit Hilfe des Vertrauens kreuzt man den Strom,
Vermittelst Unermüdlichkeit das große Meer.
Durch Willenskraft stößt man das Leiden von sich ab;
Durch Weisheit wird vollkomm’ne Lauterkeit erreicht.
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
? - 2.1.11. Sampakkhandanalakkhaṇasaddhāpañho
Mil. 2.1.10. Willenskraft - 2.1.12. Vīriyalakkhaṇapañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, besitzt die Willenskraft (vīriya)?"
"Die Eigenschaft, daß sie als Stütze dient, denn solange die guten Eigenschaften alle durch Willenskraft gestützt sind, können sie nicht schwinden."
"Erläutere mir dies!"
"Wie ein Mann, o König, sein Haus, wenn es einzustürzen droht, durch einen Balken stützt und so vor dem Einstürzen bewahrt: genau so, o König, besitzt die Willenskraft die Eigenschaft, daß sie als Stütze dient, denn solange die guten Eigenschaften alle durch Willenskraft gestützt sind, können sie nicht schwinden."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Wenn, o König, ein großes Heer ein kleines gesprengt hat, der König des
kleinen Heeres aber darauf andere Truppen hinzuzieht und zur Verstärkung
nachschickt, so mag wohl, mit jenen vereint, das kleine Heer das große besiegen.
In gleicher Weise, o König, besitzt die Willenskraft die Eigenschaft, daß sie
als Stütze dient, denn solange die guten Eigenschaften alle durch Willenskraft
gestützt sind, können sie nicht schwinden. Auch der Erhabene, o König, hat
gesagt:
"Ja, gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.11. Achtsamkeit - 2.1.13. Satilakkhaṇapañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, hat die Achtsamkeit?"
"Die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnis entfahren zu lassen, o König, und die Eigenschaft des Festhaltens."
"Inwiefern aber, Ehrwürdiger, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnis entfahren zu lassen?"
"Solange die Achtsamkeit gegenwärtig ist, o König, läßt sie nichts von allen den Dingen aus dem Gedächtnisse entfahren, weder gute noch schlechte, tadelige noch untadelige, gemeine noch edle, noch die Gegensätze von Gut und Böse, und man erkennt:
- Dies sind die Vier Grundlagen der Achtsamkeit, (satipatthana)
- dies die Vier Großen Anstrengungen, (padhāna)
- dies die Vier Machtfährten, (iddhi-pāda)
- dies die Fünf Geistigen Fähigkeiten und Kräfte, (bala)
- dies die Sieben Glieder der Erleuchtung, (bojjhanga)
- dies ist der heilige Achtfache Pfad, (magga)
- dies die Gemütsruhe, (samatha)
- dies der Klarblick, (vipassana)
- dies das Wissen, (pañña)
- dies die Erlösung. (nibbana)
- Auf diese Weise hegt der in Sammlung sich Übende die zu hegenden Eigenschaften, und die nicht zu hegenden hegt er nicht, pflegt die zu pflegenden Eigenschaften, und die nicht zu pflegenden pflegt er nicht. Insofern, o König, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft, nichts aus dem Gedächtnisse entfahren zu lassen."
"Erläutere mir dies!"
"Es ist gerade so, o König, wie wenn der Schatzmeister eines Weltherrschers
seinen Fürsten früh und spät an seine Macht erinnern möchte, indem er spräche:
"Inwiefern aber, o Ehrwürdiger, hat die Achtsamkeit die Eigenschaft des Festhaltens?"
"Wenn die Achtsamkeit gegenwärtig ist, o König, erforscht man den Ausgang der heilsamen und schädlichen Dinge - ob diese oder jene Dinge heilsam oder unheilsam, nützlich oder schädlich sind. Darauf läßt der in der Sammlung sich Übende die unheilsamen und schädlichen Dinge fahren, und die heilsamen und nützlichen hält er fest. Insofern, o König, hat die Achtsamkeit die charakteristische Eigenschaft des Festhaltens."
"Gib mir eine Erläuterung!"
"Es ist gerade so, o König, wie wenn der höchste Ratgeber (wörtlich:
"Ratgeber-Juwel"; das ist eines der sieben Juwelen oder kostbaren Besitztümer
eines Weltherrschers) eines Weltherrschers genau weiß, wer seinem Fürsten
wohlgesinnt und wer ihm übelgesinnt ist:
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mit Achtsamkeit (sati), dem sechsten Glied des Achtfachen Pfades (magga), ist das beständige Klarsein und bei der Sache sein des Geistes gemeint, das geistige Gewärtighaben eines Objektes, das Gedenken, sich Erinnern usw. Auf dieser Eigenschaft beruht der ganze Fortschritt in der geistigen und moralischen Entwicklung des Menschen. Die meditative Entfaltung der Achtsamkeit wird in der "Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit" (satipatthāna-sutta) dargestellt. Hierüber siehe Geistestraining durch Achtsamkeit von Nyanaponika (Verlag Christiani, Konstanz 1979).
Mil. 2.1.12. Sammlung - 2.1.14. Samādhipañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, besitzt die Sammlung (samādhi)?"
"Die Eigenschaft, daß sie als Führer dient, o König, denn die guten Eigenschaften haben alle die Sammlung zum Führer, haben eine Neigung und einen Hang zu ihr, haben sie alle zum Treffpunkte."
"Mache mir dies durch ein Gleichnis verständlich!"
"Wie, o König, die Dachsparren eines Giebelhauses sämtlich zum Giebel hinführen, zum Giebel geneigt sind, im Giebel sich treffen und der Giebel da als Höchstes gilt: ebenso, o König, haben die guten Eigenschaften alle die Sammlung zum Führer, haben eine Neigung und einen Hang zu ihr, haben sie zum Treffpunkte."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Gleich wie, o König, wenn ein Fürst mit seiner vierfachen Heeresmacht in die Schlacht zieht, ihn seine sämtlichen Truppen - Elefanten, Pferde, Wagen und Schützen - zum Führer haben, zu ihm hinstreben, ihn zur Richtung nehmen und sich alle um ihn versammeln: ebenso, o König, haben die guten Eigenschaften alle die Sammlung zum Führer, haben eine Neigung und einen Hang zu ihr, haben sie zum Treffpunkte. Insofern, o König, hat die Sammlung die Eigenschaft, daß sie als Führer dient. Auch der Erhabene, o König, sagt:
<Übt Sammlung, ihr Mönche, denn der Gesammelte erkennt alle Dinge der Wirklichkeit gemäß.>"
"Ja, gar klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 2.1.13. Weisheit - 2.1.15. Paññālakkhaṇapañho
Der König sprach: "Welche charakteristische Eigenschaft, o Herr, besitzt die Weisheit (paññā)?"
"Ich habe dir ja, o König, bereits erklärt, daß die Weisheit die charakteristische Eigenschaft des Abtrennens besitzt. Sie besitzt auch außerdem die Eigenschaft des Aufhellens."
"Inwiefern aber, o Herr, besitzt die Weisheit die Eigenschaft des Aufhellens?"
"Die Weisheit, o König, zerstreut bei ihrem Aufsteigen das Dunkel des Nichtwissens und gebiert die Helligkeit des Wissens. Sie sendet der Erkenntnis Strahlen aus und offenbart die Edlen Wahrheiten, so daß der in der Sammlung sich Übende mit vollkommener Weisheit die Vergänglichkeit (Anicca), das Leiden (Dukkha) und die Ichlosigkeit (Anattā) zu schauen vermag."
"Gib mir ein Gleichnis hiefür!"
"Gleichwie, o König, wenn ein Mann eine Lampe in ein dunkles Gemach bringt, die Lampe das Dunkel zerstört, Helle erzeugt und Licht verbreitet, so daß die Gegenstände sichtbar werden: in derselben Weise, o König, besitzt die Weisheit die Eigenschaft der Erleuchtung."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!
Mil. 2.1.14. Der Zweck aller guten Eigenschaften - 2.1.16. Nānādhammānaṃ ekakiccaabhinipphādanapañho
Der König sprach: "Erfüllen, ehrwürdiger Nāgasena, diese so verschiedenen Eigenschaften wohl alle einen und denselben Zweck?"
"Ja, o König, alle diese Eigenschaften erfüllen trotz ihrer Verschiedenheit dennoch alle den einen Zweck, daß sie die geistigen Trübungen (Leidenschaften) zerstören."
"Inwiefern, Ehrwürdiger? Erläutere mir dies!"
"Gleichwie, o König, die Truppenteile - Elefanten, Pferde, Wagen und Schützen - trotz ihrer Verschiedenheit dennoch alle das eine Ziel haben, in der Schlacht das Feindesheer zu besiegen: genau so, o König, erfüllen diese Eigenschaften trotz ihrer Verschiedenheit dennoch alle den einen Zweck, daß sie die geistigen Trübungen zerstören."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Teil 2 · Milindapañha 2.2.1–2.4.2
Mil. 2.2.1. Wiedergeburt - 2.2.1. Dhammasantatipañho
Der König sprach: «Derjenige, ehrwürdiger Nāgasena, der wiedergeboren wird, ist dies wohl derselbe (wie derjenige, der stirbt) oder ein anderer?»
«Weder derselbe noch ein anderer.»
«Gib mir ein Beispiel!»
«Was meinst du, o König: bist du wohl jetzt, als Erwachsener, noch eben derselbe, der du damals als kleiner, junger, unmündiger Säugling warst?»
«Das nicht, o Herr! Denn eines war ja jener kleine, junge, unmündige Säugling, und ein anderer bin ich jetzt als Erwachsener.»
«Wenn dies wirklich so wäre, o König, so hättest du (der Erwachsene) ja weder Vater noch Mutter noch Lehrer und somit könnte es niemanden geben, der Kenntnisse, Sittlichkeit und Weisheit besitzt. Dann hatte wohl auch jeder der vier embryonalen Zustände eine andere Mutter und das Kind eine andere Mutter als der Erwachsene? Und derjenige, der eine Wissenschaft erlernt, sollte wohl gar eine andere Person sein als derjenige, der die Wissenschaft ausgelernt hat, und der Übeltäter eine andere Person als derjenige, dem zur Strafe dafür Hände und Füße abgehauen werden?»
«Nicht doch, o Herr! Wie würdest du aber die Sache erklären?»
«Ich, o König, war damals der kleine, junge, unmündige Säugling, und ich bin jetzt der Erwachsene. Denn basierend auf eben diesen Körper werden alle diese (Zustände des Kindes und des Erwachsenen) einheitlich zusammengefasst.»
«Gib mir ein Gleichnis!»
«Sagen wir, o König, ein Mann zündet eine Lampe an. Würde wohl diese Lampe die ganze Nacht hindurch brennen?»
«Gewiß, o Herr!»
«Wie aber, o König: ist die Flamme in der ersten Nachtwache dieselbe wie die Flamme in der mittleren, und die Flamme in der mittleren Nachtwache dieselbe wie die Flamme in der letzten?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Dann brennt wohl, o König, eine Lampe in der ersten Nachtwache, eine andere in der mittleren und wieder eine andere in der letzten Nachtwache?»
«Das nicht, o Herr! Denn das Licht war während der ganzen Nacht abhängig von ein und derselben Lampe.»
«Genau in derselben Weise, o König, schließt sich die Kette der Erscheinungen (Oder: "die Kontinuität der Daseinsvorgänge" dhamma-santati) aneinander. Eine Erscheinung entsteht, eine andere schwindet. Dies verläuft als gäbe es kein Vorher oder Nachher. Daher ist (das Kind) nicht dasselbe (wie der Erwachsene), aber ist auch kein anderer. In (seinem) früheren Bewußtsein ist das spätere Bewußtsein einbegriffen.»
Note:
Das ist als ein rein konventioneller Ich-begriff. - Diese Stelle kann auch auf die anfängliche Frage nach dem Vorgang der Wiedergeburt bezogen werden und wäre dann wie folgt zu übersetzen:
«Daher ist (der Wiedergeborene) nicht derselbe (wie der Verstorbene), aber auch kein anderer. Im früheren Bewußtsein (als Bedingung) ist das spätere (Wiedergeburts-) Bewußtsein einbegriffen.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Es ist genau derselbe Vorgang, o König, wenn die frische Milch nach einiger Zeit zu Dickmilch wird, die Dickmilch zu Butter und die Butter zu Butteröl. Wenn da nun einer sagen sollte, daß Milch und Dickmilch, oder Butter und Butteröl ein und dasselbe seien, spräche der wohl die Wahrheit?»
«Gewiß nicht, o Herr! Denn erst durch Abhängigkeit von dem einen Zustand ist der andere ins Dasein getreten.»
«Genau in derselben Weise, o König, schließt sich die Kette der Erscheinungen aneinander. Eine Erscheinung entsteht, eine andere schwindet. Dies verläuft, als gäbe es kein Vorher oder Nachher. Daher ist es weder derselbe noch ein anderer, (der wiedergeboren wird). Im früheren Bewußtsein ist das spätere Bewußtsein einbegriffen.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.2. Gewissheit hinsichtlich des Nichtwiedergeborenwerdens - 2.2.2. Paṭisandahanapañho
Der König sprach: «Ist wohl derjenige, ehrwürdiger Nāgasena, der nicht mehr wiedergeboren wird sich dessen bewußt (das ist der vom Begehren befreite Vollkommen-Heilige, arahatta)?»
«Gewiß, o König.»
«Woher aber weiß er das, o Herr?»
«Weil eben der Grund und die Bedingung zum Wiedergeborenwerden aufgehoben sind.» (Die Ursache der Wiedergeburt ist nämlich das in den Leidenschaften sich äußernde Begehren, tanhā)
«Erläutere mir dies!»
«Gesetzt, ein Landmann, o König, hätte sein Feld bestellt und gesät, und er füllt nun seine Scheune mit dem Korne. In der Folgezeit aber stellt er seine Arbeit ganz ein und lebt von dem aufgespeicherten Korne, oder er gibt es weg, oder verwendet es nach Bedarf. Wäre sich wohl da, o König, jener Landmann bewußt, daß seine Kornspeicher nicht mehr voll werden?»
«Gewiß, o Herr.»
«Woher aber weiß er das, o König?»
«Weil eben der Grund und die Bedingung, die erforderlich sind, daß sich seine Kornspeicher füllen, aufgehoben sind.»
«Genau so, o König, weiß man, wenn der Grund und die Bedingung zum Wiedergeborenwerden aufgehoben sind, daß man nicht mehr wiedergeboren wird.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.3. Erkenntnis und Weisheit - 2.2.3. Ñāṇapaññāpañho
Der König sprach: «Hat wohl derjenige, ehrwürdiger Nāgasena, dem Erkenntnis (ñāna) aufsteigt, ebenfalls Weisheit (paññā)?»
«Ja, o König.»
«Wie? Dann ist wohl, o Herr, Erkenntnis und Weisheit dasselbe?»
«Ja, o König.»
«Wer aber Erkenntnis oder - was dasselbe ist - Weisheit besitzt, kann der wohl noch Ungewißheit haben oder nicht?»
«In manchen Dingen wohl, in anderen nicht.»
«Worin aber, o Herr, kann er ungewiß sein?»
«In Gebieten des Wissens, die er nicht gelernt hat, oder hinsichtlich einer Gegend, in der er noch nicht war, oder in Namen und Begriffen, die er noch nie gehört hat.»
«Worin aber, o Herr, kann er nicht mehr ungewiß sein?»
«In der durch die Weisheit gewonnenen Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins: darin kann er nicht mehr ungewiß sein.»
«Was wird nun aus seiner Verblendung, ehrwürdiger Nāgasena?» (Wörtlich: «Wohin geht seine Verblendung?» So auch in der folgenden Frage über die Weisheit).
«Im Augenblicke, wo die Erkenntnis aufsteigt, schwindet die Verblendung.»
«Erläutere mir dies!»
«Gleichwie, o König, sobald ein Mann in einem finsteren Gemache ein Licht anzündet, das Dunkel verschwindet und Helle eintritt: gerade so, o König, schwindet die Verblendung im Augenblick, wo die Erkenntnis aufsteigt.»
«Und was, o Herr, wird aus der Weisheit?»
«Im Augenblicke, o König, wo die Weisheit ihren Zweck erfüllt hat, schwindet sie. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Gib mir eine Erläuterung für das, was du da eben sagtest, ehrwürdiger Nāgasena!»
«Nimm an, o König, ein Mann wolle noch des Nachts einen Brief senden. Und er ruft seinen Schreiber, läßt die Lampe anzünden und diktiert ihm den Brief. Darauf läßt er die Lampe wieder auslöschen. Obwohl nun die Lampe erloschen ist, ist doch der Brief keineswegs vernichtet. In derselben Weise, o König, schwindet die Weisheit in dem Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Gib mir ein weiteres Gleichnis!»
«In den östlichen Ländern, o König, haben die Leute die Sitte, längs ihrer Hütten je fünf Töpfe voll Wasser aufzustellen, um ein ausbrechendes Feuer sofort löschen zu können. Sobald nämlich eine Hütte Feuer gefangen hat, schütten sie diese fünf Töpfe voll Wasser darüber, so daß das Feuer alsbald erlischt. Wie nun aber, o König? Möchten darauf wohl jene Leute sich noch längerhin mit diesen Wassertöpfen abgeben?»
«Gewiß nicht, o Herr. Die Töpfe haben ja ihren Zweck erfüllt. Was haben sie dieselben denn noch weiter nötig?»
«Die fünf Töpfe voll Wasser nun, o König, bedeuten die fünf geistigen Fähigkeiten, nämlich: Vertrauen, Willenskraft, Achtsamkeit, Sammlung und Weisheit. Unter den Leuten aber ist der in der Sammlung sich Übende zu verstehen. Das Feuer sind die Leidenschaften. Und wie nun vermittelst jener fünf Töpfe voll Wasser das Feuer gelöscht wird, so werden vermittelst dieser fünf geistigen Fähigkeiten die Leidenschaften zum Erlöschen gebracht, sodaß dieselben, wenn sie einmal erloschen sind, künftighin nicht mehr entstehen können. Ebenso, o König, schwindet die Weisheit im Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins: die schwindet nicht.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Es verhält sich hiermit, o König, wie mit einem Arzt. Nehmen wir an, dieser geht mit fünf Arten von Arzneiwurzeln zu einem Kranken, preßt diese aus und gibt den Saft dem Kranken zu trinken, so daß dadurch alsbald seine Beschwerden schwinden. Möchte wohl, o König, daraufhin jener Arzt noch daran denken, für ihn längerhin diese Arzneien zu verwenden?»
«Gewiß nicht, o Herr. Die Arzneiwurzeln haben ja ihren Zweck erfüllt. Was hat er sie denn noch länger nötig?»
«Unter den fünf Arzneiwurzeln nun, o König, sind die fünf geistigen Fähigkeiten zu verstehen, unter dem Arzt der in Sammlung des Geistes sich Übende, unter der Krankheit die Leidenschaften und unter dem Kranken der Weltling. Wie nun vermittelst jener fünf Arzneiwurzeln die Beschwerden gestillt werden und der Kranke geheilt wird, so werden vermittelst dieser fünf geistigen Fähigkeiten die Leidenschaften gestillt, so daß dieselben, wenn sie einmal gestillt sind, künftighin nicht mehr entstehen können. Ebenso, o König, schwindet die Weisheit in dem Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Nimm an, o König, ein schlachtenkundiger Krieger ziehe mit seinen fünf Wurfspeeren versehen in den Zweikampf, um seinen Gegner zu besiegen. Wenn dieser nun während des Kampfes jene Wurfspeere geschleudert und seinen Gegner besiegt hat, wird er wohl dann noch daran denken, irgendwie länger von diesen Speeren Gebrauch zu machen?»
«Gewiß nicht, o Herr. Die Wurfspeere haben ja ihren Zweck erfüllt. Welchen Zweck sollten sie noch weiter haben?»
«Unter den fünf Wurfspeeren nun, o König, hat man die fünf geistigen Fähigkeiten zu verstehen, unter dem schlachtenkundigen Krieger den in der Sammlung sich Übenden und unter dem Gegner die Leidenschaften. Wie nun vermittelst der fünf Wurfspeere der Gegner besiegt wird, so werden vermittelst dieser fünf geistigen Fähigkeiten die Leidenschaften besiegt, so daß dieselben, wenn sie einmal besiegt sind, künftighin nicht mehr entstehen können. Ebenso, o König, schwindet die Weisheit im Augenblicke, wo sie ihren Zweck erfüllt hat. Die aber durch diese Weisheit gewonnene Überzeugung von der Vergänglichkeit, dem Leiden und der Ichlosigkeit des Daseins, die schwindet nicht.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.4. Schmerzen beim Heiligen - 2.2.4. Paṭisandahanapuggalavediyanapañho
Der König sprach: «Mag wohl, ehrwürdiger Nāgasena, einer, der nicht mehr wiedergeboren wird (das ist ein Vollkommen-Heiliger), noch irgend ein Schmerzgefühl empfinden?»
«Eine Art des Schmerzgefühls mag er wohl noch empfinden, eine andere aber nicht.»
«Welche aber sind dies?»
«Körperliches Schmerzgefühl, o König, mag er wohl noch empfinden, geistiges Schmerzgefühl aber nicht mehr.»
«Wieso aber, o Herr?»
«Da der Grund und die Bedingung zur Entstehung des körperlichen Schmerzgefühls noch nicht aufgehoben sind (denn die Entstehung körperlicher Schmerzen ist abhängig vom Körper, nicht vom Willen), darum mag er noch körperliches Schmerzgefühl empfinden. Da aber der Grund und die Bedingung zur Entstehung des geistigen Schmerzgefühls aufgehoben sind, darum mag er geistiges Schmerzgefühl nicht mehr empfinden.
[Die Entstehung geistiger Schmerzen ist bedingt durch die Willensverfassung des Einzelnen. Geistiges Schmerzgefühl (Kummer, Gram, Trübsal, Melancholie und Verzweiflung) ist stets mit einem Triebe des sich Widersetzens, Widerstrebens, Grollens oder Hassens (dosa, patigha vyāpāda) verbunden und wird daher im Buddhismus als unheilsam betrachtet. Wie kann man da den Buddhismus eine pessimistische Lehre nennen, wo bereits jede geistig trübe Stimmung schon als unheilsam verworfen wird und eine der Hauptmeditationen diejenige der universalen Freude (muditā-bhāvanā) ist?]
Auch der Erhabene, o König, sagt:
«Wenn er noch Schmerzen empfindet, warum erlöst er sich dann nicht völlig?» (parinibbāyati; d.h. warum zieht er dann nicht den Tod vor, denn durch den Eintritt des Todes tritt bei dem von Wiedergeburt befreiten Vollkommen-Heiligen die Erlösung vom Dasein (khandha-parinibbāna) ein.)
«Der Vollkommen-Heilige, o König, kennt weder Neigung noch Widerwillen. Die Vollkommen-Heiligen pflücken nicht die unreife Frucht. Weise warten sie ab die Zeit der Reife (*1). Sagt doch, o König, auch der Ordensältere Sāriputta, der Fürst der Wahrheitslehre:
Nicht wünsch’ ich mir den Tod herbei,
Nicht hänge ich ans Leben mich:
Ich warte eben ab die Zeit,
Gleich wie der Söldner seinen Lohn.
Nicht wünsch’ ich mir den Tod herbei,
Nicht hänge ich ans Leben mich:
Ich warte eben ab die Zeit,
Besonnen und im Geiste klar.» (*2)
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
(*1) Im Falle unheilbarer intensiver Körperschmerzen wird zwar der Heilige es vorziehen, seinem Leben ein Ende zu machen, wie auch von verschiedenen Heiligen berichtet wird. Der Freitod ist nach buddhistischer Auffassung keineswegs ein Verbrechen. Bei dem von Begehren noch Unerlösten ist er allerdings eine ganz zwecklose und törichte, auf Unwissenheit des Wiedergeburtsgesetzes beruhende Handlung. Vgl. Majjhima-Nikāya, Nr. 144: «Wer da, Sāriputta, einen Körper ablegt und einen anderen (neuen) Körper annimmt, der, sag ich, ist tadelhaft.»
(*2) Vgl. Theragāthā («Lieder der Mönche»), Verse 1002-1003, wo diese dem ehrw. Sāriputta zugeschriebenen Verse in umgekehrter Reihenfolge und in etwas anderem Wortlaut stehen. Der genaue Wortlaut unserer Stelle hat seine Parallele in den Versen des ehrw. Sankicca (Theragāthā 606-607).
Mil. 2.2.5. Moralische Relativität der Gefühle - 2.2.5. Vedanāpañho
Der König sprach: «Sind wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die angenehmen Gefühle heilsam oder sind sie unheilsam oder moralisch neutral?»
«Sie mögen entweder heilsam sein, o König, oder unheilsam oder moralisch (karmisch) neutral.»
«Wenn nun, o Herr, die heilsamen Gefühle nicht leidvoll sind und die leidvollen Gefühle nicht heilsam, dann kommt es nicht vor, daß Heilsames leidvoll ist.»
«Was meinst du, o König? Wenn da ein Mann in der einen Hand eine heiße Eisenkugel hält und in der anderen einen kalten Schneeball, möchten dem da nicht, o König, beide Hände vor Schmerzen brennen?»
«Gewiß, o Herr.»
«So sind wohl beide heiß, o König?»
«Das nicht, o Herr.»
«Oder beide kalt?»
«Das auch nicht, o Herr.»
«So siehe denn deinen Fehlschluss ein! Wenn es die Hitze ist, die das schmerzliche Brennen verursacht, aber nicht beide Hände heiß sind, so tritt der Schmerz nicht dadurch in Erscheinung. Ist es aber die Kälte, doch nicht beide Hände sind kalt, so ist es auch nicht die Kälte, durch die der Schmerz in Erscheinung tritt. Wo rühren denn nun, o König, die Schmerzen der beiden Hände her? Sie sind doch weder beide kalt, noch beide heiß, sondern die eine ist heiß und die andere kalt?»
«Ich bin nicht imstande, mit einem solchen Gegner wie dir, eine Diskussion zu führen. Erkläre mir also, bitte, die Sache!»
Und der Ordensältere Nāgasena unterwies den König in einer mit der höheren Lehre (*1) verbundenen Darstellung, indem er sprach: «Sechs mit der Weltlichkeit verbundene Freudgefühle gibt es, o König, und sechs mit der Weltentfremdung verbundene, sechs mit der Weltlichkeit verbundene Leidgefühle und sechs mit der Weltentfremdung verbundene, sechs mit der Weltlichkeit verbundene Gleichmutsgefühle und sechs mit der Weltentfremdung verbundene. Somit gibt es sechs Gruppen zu je sechs Gefühlen. Das macht sechs und dreißig Arten der vergangenen Gefühle, sechs und dreißig Arten der gegenwärtigen Gefühle und sechs und dreißig Arten der zukünftigen Gefühle. Wenn man nun diese zu einer Summe zusammenzählt, so erhält man hundert und acht Arten der Gefühle.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!
(*1) abhidhamma sainyuttāya kathāya. - Das Wort abhidhamma bezieht sich hier wohl kaum auf das Abhidhamma-Pitaka, die dritte kanonische Textsammlung, sondem hat wahrscheinlich die hier wiedergegebene allgemeine Bedeutung einer «höheren Lehre». Derselbe Ausdruck wird auch auf Seite 83 gebraucht.
Die hier folgende Einteilung der Gefühle findet sich in M.137.
Siehe auch die Vedanā-Samyutta, S.36.21.
Mil. 2.2.6. Wiedergeburt - 2.2.6. Nāmarūpaekattanānattapañho
Der König sprach: «Wer ist (es), ehrwürdiger Nāgasena, der wiedergeboren wird?»
«Eine geistig-körperliche Verbindung (nāma-rūpa).»
(Da es im absoluten Sinne keine «Ich-Wesenheit" attā, keine Persönlichkeit, gibt - sondern eben nur einen beständig wechselnden Prozeß geistiger und körperlicher Elemente, der irrtümlicherweise mit einer Wesenheit oder Person identifiziert wird - so kann es natürlich auch keine Person sein, die wiedergeboren wird. Es handelt sich eben bloß um diesen, jeden Augenblick eine andere Verbindung bildenden psycho-physischen Prozeß, der an einer Stelle abgeschnitten wird (Tod), um unmittelbar darauf anderswo sich wieder fortzusetzen (Wiedergeburt))
«Wie? Ist es eben diese (gegenwärtige)?»
«Nein, o König. Sondern durch diese gegenwärtige geistig-körperliche Verbindung wird ein gutes oder böses Wirken (kamma) betätigt, und zufolge dieses Wirkens wird wiederum eine neue geistig-körperliche Verbindung geboren.»
«Wenn es aber, o Herr, nicht diese gegenwärtige Geist-Körperlichkeit ist, die wiedergeboren wird, wird man dann nicht von der Folge böser Taten frei sein?»
(Der König meint dies offenbar, weil die nach dem Tode bestehende körperlich-geistige Verbindung eine ganz andere ist als diejenige, durch welche die bösen Taten gezeugt wurden. Er faßt beide irrtümlicherweise als Wesenheiten auf)
«Ja, wenn man nicht wiedergeboren wird, dann wohl; wird man aber wiedergeboren, o König, so entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Gib mir eine Erläuterung hierfür!»
«Nimm an den Fall, ein Mann habe von einem anderen Mangofrüchte gestohlen und
der Eigentümer der Mangofrüchte ergreife ihn und bringe ihn vor den König mit
der Anklage, seine Mangofrüchte gestohlen zu haben. Jener aber sage:
«Gewiß, o Herr!»
«Und aus welchem Grunde?»
«Was jener auch immer vorbringen mag, so verdient er eben Strafe wegen der letzten Mangofrüchte, denn diese konnten ohne die früheren Mangofrüchte nicht da sein.»
«Genau in derselben Weise nun, o König, wird durch diese gegenwärtige geistig-körperliche Verbindung ein gutes oder böses Wirken betätigt, und zufolge jenes Wirkens wird wiederum eine neue geistigkörperliche Verbindung geboren.»
(Das gleiche Argument wird hier noch mit Reis und Zuckerrohr wiederholt.)
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Gesetzt, o König, ein Mann zünde sich zur Zeit des Frostes ein Feuer an. Und
nachdem er sich gewärmt habe, gehe er weg, ohne das Feuer auszulöschen. Jenes
Feuer aber ergreife das Feld eines anderen. Und der Eigentümer jenes Feldes
nehme ihn fest und bringe ihn vor den König mit der Anklage, ihm sein Feld
eingeäschert zu haben. Jener aber sage:
«Gewiß, o Herr!»
«Und aus welchem Grunde?»
«Was jener auch immer vorbringen mag, so verdient er eben Strafe wegen des letzten Feuers, denn dieses konnte ohne das frühere Feuer nicht entstehen.»
«Genau in derselben Weise nun, o König, wird durch diese gegenwärtige körperlich-geistige Verbindung ein gutes oder böses Wirken betätigt, und zufolge jenes Wirkens wird wiederum eine neue körperlichgeistige Verbindung geboren.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Sagen wir, o König, ein Mann begebe sich mit einer Lampe hinauf in eine
Dachkammer, um dort sein Mahl einzunehmen. Die brennende Lampe aber setze das
Strohdach in Flammen, das Strohdach aber das Haus und das Haus das Dorf. Und
gesetzt, die Dorfbewohner nehmen jenen Menschen fest und fragen ihn, warum er
denn ihr Dorf in Brand gesetzt habe, worauf er ihnen erwidere:
«Für die Dorfbewohner, o Herr!»
«Und warum?»
«Was jener Mann auch immer vorbringen mag, so nahm doch auf alle Fälle das Feuer seinen Ursprung in jener brennenden Lampe.»
«Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Gib mir ein weiteres Gleichnis!»
«Gesetzt, o König, ein Mann wähle sich ein junges Mädchen zum Weibe und ginge
dann hinweg, indem er das Brautgeld hinterlegte. Jenes Mädchen aber wachse im
Laufe der Zeit heran und werde volljährig. Und ein anderer Mann gebe ihr darauf
das Brautgeld und heirate sie. Der erstere aber komme zurück und frage ihn,
warum er ihm denn sein Weib entführt habe. Jener aber spreche:
«Für die Sache des ersteren, o Herr.»
«Und warum?»
«Was der andere auch immer vorbringen mag, so ist doch auf alle Fälle das erwachsene, volljährige Mädchen die Fortsetzung des früheren.»
«Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Gib mir noch ein anderes Gleichnis!»
«Nimm an, o König, ein Mann kaufe von einem Kuhhirten einen Topf süße Milch.
Beim Weggehen aber übergebe er diesem den Topf Milch zum Aufbewahren mit der
Bemerkung, daß er morgen die Milch abholen wolle. Nehmen wir nun an, die Milch
werde am nächsten Tage zu Dickmilch. Und der Mann komme zurück und verlange nach
seinem Topfe Milch. Der andere aber zeige ihm die Dickmilch, worauf der erstere
ihm entgegne:
«Für die des Kuhhirten, o Herr.»
«Und warum?»
«Was jener andere auch immer vorbringen mag, so ist doch auf alle Fälle die Dickmilch aus der anderen Milch entstanden.»
«Ebenso auch ist, obgleich die mit dem Tode endende körperlich-geistige Verbindung eine andere ist als die im Momente der Wiedergeburt bestehende, dennoch diese aus der früheren entstanden. Und darum entgeht man nicht der Folge böser Taten.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.7. Ungehörige Frage - 2.2.7. Therapaṭisandahanāpaṭisandahanapañho
Der König sprach «Wirst du wohl noch wiedergeboren, ehrwürdiger Nāgasena?»
«Genug damit, o König! Was willst du denn mit jener Frage wieder? Habe ich dir denn nicht bereits schon erklärt, daß ich, falls ich (in der Sterbestunde) noch an der Welt hänge, wiedergeboren werde, im anderen Falle aber nicht?»
«Gib mir ein Gleichnis!»
«Nimm an, o König, irgend einer leiste dem Könige einen Dienst. Und der König sei mit ihm zufrieden und gebe ihm ein Amt, das ihn in den Stand setze, im Besitze und Genusse aller fünf Sinnesfreuden sein Leben zu verbringen. Wenn nun jener den Leuten sagen möchte, daß ihm der König nichts vergüte, würde da wohl jener Mann richtig handeln?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Genau aber so steht es mit dir, o König. Denn was soll deine Frage? Habe ich dir denn nicht bereits schon erklärt, daß ich, falls ich (in der Sterbestunde) noch an der Welt hänge, wiedergeboren werde, im anderen Falle aber nicht?»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.8. Die körperlich-geistige Verbindung - 2.2.8. Nāmarūpapaṭisandahanapañho
Der König sprach: «Was du da eben, ehrwürdiger Nāgasena,
«Was da, o König, grob (stofflich) ist, das gilt als das Körperliche (rūpa); und was es da an feinen (unstofflichen) Erscheinungen, wie Bewußtsein und Geistesfaktoren gibt, das gilt als das Geistige (nāma).»
«Aus welchem Grunde aber, ehrwürdiger Nāgasena, wird nie das Geistige allein oder das Körperliche allein wiedergeboren?»
«In gegenseitiger Abhängigkeit, o König, stehen diese Erscheinungen, und ganz gleichzeitig entstehen sie.»
«Erläurere mir dies!»
«Gleich wie, o König, es ohne Dotter kein Ei geben kann - da nämlich beide sich gegenseitig bedingen und eine ganz gleichzeitige Entstehung haben -: ebenso auch, o König, kann ohne das Geistige das Körperliche nicht existieren, denn beide stehen in gegenseitiger Abhängigkeit und entstehen ganz gleichzeitig; und so war es seit undenkbaren Zeiten.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.2.9. Zeit - 2.2.9. Addhānapañho
Der König sprach: «Du sprachst da eben von undenkbaren Zeiten, ehrwürdiger
Nāgasena. Was hat man denn unter dem Worte
«Vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zeit, o König.»
«Wie nun, o Herr, existieren alle diese Zeiten?»
[sabbe addhā atthī’ti. Dies ist die Lehre einer frühbuddhistischen Schule, der Sarvastivādins, deren Namen von eben dieser Formulierung abgeleitet ist: Sanskrit, sarvam asti, Pāli, sabbam atthi, d.h. «Jede (Zeitphase) existiert». Eine ausführliche Polemik dagegen vom Standpunkt des Theravāda enthält das Abhidhamma-Werk Kathā-Vatthu («Diskussionsthemen»)]
«Die eine Zeit existiert, die andere nicht.»
«Welche aber, o Herr, existiert und welche nicht?»
«Diejenigen Gebilde (sankhārā), o König, die vergangen, entschwunden, aufgelöst und verändert sind, deren Zeit existiert nicht. Diejenigen Erscheinungen (dhamma) aber, die (jetzt) Kamma-Ergebnisse sind oder fähig sind, Kamma-Ergebnisse zu haben (*) oder anderswo Wiedergeburt geben, deren Zeit existiert. Diejenigen Wesen (sattā), die gestorben und anderswo wiedergeboren sind, deren Zeit existiert. Für solche Wesen aber, die gestorben und anderswo nicht wiedergeboren sind, existiert Zeit nicht mehr. Ja, für diejenigen Wesen, welche die vollkommene Daseinslösung erreicht haben, existiert Zeit nicht mehr, da sie eben vollkommen erloschen sind.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
(*)ye dhammā vipākā ye ca vipākadhammadhammā. Der letztgenannte Begriff bezieht sich vor allem auf das heilsame und unheilsame Wirken (kamma), welches imstande ist, Ergebnisse zu zeitigen. Es ist dies ein charakteristischer Abhidhamma-Begriff, der sich im Dhammasangani 988 (PTS) findet. Die Nicht-Existenz zukünftiger Gebilde kann als hier impliziert angenommen werden.
3. Kapitel - 2.3. Vicāra Vagga
Mil. 2.3.1. Bedingtheit des Zeitablaufs - 2.3.1. Addhānamūlapañho
Der König sprach: «Worin, ehrwürdiger Nāgasena, wurzeln wohl der vergangene, der gegenwärtige und der zukünftige Zeitlauf?»
«Der vergangene, der gegenwärtige und der zukünftige Zeitlauf, o König, wurzeln im Nichtwissen. Und durch Nichtwissen bedingt sind die Kammaformationen (willentliches Wirken); durch die Kammaformationen bedingt ist das (Wiedergeburts-) Bewußtsein; durch das Bewußtsein bedingt ist das Geistige und Körperliche; durch das Geistige und Körperliche bedingt sind die sechs Sinnengrundlagen; durch die sechs Sinnengrundlagen bedingt ist der Sinneneindruck; durch den Sinneneindruck bedingt ist das Gefühl; durch das Gefühl bedingt ist Begehren; durch Begehren bedingt ist Anhaften; durch Anhaften bedingt ist der Werdeprozeß; durch den Werdeprozeß bedingt ist (Wieder-) Geburt; durch Geburt bedingt sind Altern und Sterben, Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung.
(Die aus diesen zwölf Gliedern bestehende Kausalkette ist bekannt unter dem Namen des «paticca-samuppāda» d.i. dem Gesetze von der Bedingten Entstehung. Der Paticca-samuppāda hat den Zweck darzutun, wie die sämtlichen das Dasein ausmachenden Faktoren stets einen zureichenden Grund zu ihrer Entstehung haben müssen, also nie entstehen können ohne die vorauszusetzenden Bedingungen. Siehe hierzu B. Wtb.: paticca-samuppāda, ausführlicher in Visuddhi-Magga, Kapitel XVII.)
Somit ist ein erster Anfang dieses ganzen Zeitlaufs undenkbar.»
(Wörtl. «kann nicht erkannt werden» (na paññāyati). Dies wird in den Kommentaren stets erklärt als «nicht auffindbar» (na upalabbhati), d.h. «gibt es nicht».)
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.2. Uranfangslosigkeit des Daseins - 2.3.2. Purimakoṭipañho
Der König sprach: «Du sagtest da eben, ehrwürdiger Nāgasena, ein erster Anfang sei undenkbar. Erläutere mir dies!»
«Nimm an, o König, ein Mann pflanzte ein kleines Samenkorn in den Boden, und der Keim ginge auf, wüchse und würde nach und nach größer und entfaltete sich zu einem Baume, der Früchte brächte. Und gesetzt, der Mann nähme stets den Samen aus diesen Früchten heraus und pflanzte ihn wieder, sodaß sich immer und immer derselbe Vorgang wiederholte. Gäbe es da wohl ein Ende in dieser ganzen Entwicklungsreihe?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, ist ein erster Anfang des Zeitlaufes undenkbar.»
«Gib mir ein weiteres Beispiel!»
«Aus der Henne, o König, kommt das Ei und aus dem Ei wieder eine Henne und aus dieser wieder ein Ei. Gibt es da wohl ein Ende in dieser ganzen Entwicklungsreihe?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Ebenso nun aber auch, o König, ist ein erster Anfang des Zeitlaufes undenkbar.»
«Gib mir noch ein Beispiel!»
Und der Ordensältere zog auf dem Boden einen Kreis und sprach zum König Milinda: «Gibt es wohl, o König, ein Ende dieses Kreises?»
«Nein, o Herr.»
«Gerade so auch, o König, hat der Erhabene folgende Kreisläufe gelehrt: Durch Sehorgan und Formen bedingt entsteht das Sehbewußtsein. Die Vereinigung der drei ergibt den Sinneneindruck. Durch den Sinneneindruck bedingt ist das Gefühl, durch das Gefühl bedingt ist das Begehren, durch das Begehren bedingt ist das Anhaften, durch das Anhaften bedingt ist das Wirken (kamma), und aus dem Wirken entspringt künftighin wieder das Sehorgan. Und ebenso verhält es sich mit den übrigen Sinnen.
(Der als heilsames oder unheilsames Wirken (kamma) sich darstellende bejahende Wille (cetanā), im Paticca-samuppāda mit sankhāra oder Kammaformation bezeichnet, ist die Ursache der jedesmaligen Wiedergeburt als ihres Ergebnisses (vipāka), der Same, aus dem nach dem Tode jedesmal wieder neues Leben emporkeimt. Es ist also der Trieb zum Sehen, der das Sehen bejahende Wille, der sich nach dem Tode die zum Sehen nötigen Organe jedesmal wieder neu schafft, und dementsprechend verhält es sich mit der Entstehung der übrigen Sinnesorgane. Über die Erlösung vom leidvollen Kreislauf des Samsāra siehe Seite 95f: Erlöschung des Begehrens (tanhā) und Anhaftens (upādāna). Ausführliche Anweisung für die diesbezügliche geistige Übung gibt Nyanaponika: Die Wurzel von Gut und Böse, Verlag Christiani, Konstanz 1981.)
Gibt es da wohl ein Ende in dieser ganzen Entwicklungsreihe?»
«Nein, o Herr.»
«Ebenso aber auch, o König, ist ein erster Anfang des Zeitlaufes undenkbar.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.3. Der erste Anfang - 2.3.3. Koṭipaññāyanapañho
Der König sprach: «Wenn du sagst, ehrwürdiger Nāgasena, ein erster Anfang sei
undenkbar, was soll denn da hierbei mit dem
«Der erste Anfang des vergangenen Zeitlaufes, o König.»
«Wie nun aber, o Herr: sollte bei allen Dingen ein erster Anfang undenkbar sein?»
«Bei einigen wohl, o König, bei anderen aber nicht.»
«Welche aber sind diese, o Herr?»
«Ein erster Anfang, o König, wo es ganz und gar nirgends und in keiner Form Nichtwissen gegeben hätte, ein solcher erster Anfang ist undenkbar.
(Das heißt mit anderen Worten: eine erste Entstehung der sogenannten Individuen ist undenkbar. Ihre jedesmalige Geburt ist nämlich notwendigerweise stets durch das vorangehende Nichtwissen oder die Verblendung (avijjā) bedingt) Bei einem Dinge aber, das, ohne vorher gewesen zu sein, entsteht und alsbald wieder verschwindet, da gibt es einen ersten Anfang.»
«Wenn nun aber, o Herr, etwas, ohne vorher gewesen zu sein, entsteht und alsbald wieder verschwindet, fällt es denn da nicht wohl der völligen Vernichtung anheim, da es doch an beiden Enden abgeschnitten ist?»
«Kann denn nicht etwas, das an beiden Enden abgeschnitten ist, vielleicht doch noch wachsen?»
«Gewiß, o Herr, das mag schon sein. Doch das wollte ich nicht wissen, sondern, ob es über den Endpunkt hinaus weiter wachsen kann.»
«Freilich kann es das.»
«Nun, so gib mir ein Beispiel!»
Und der Ordensältere wiederholte ihm das Gleichnis vom Baume und dem Samen und sagte, daß die Daseinsgruppen (Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein) der Samen seien, aus dem der Leidensbaum immer wieder von neuem emporkeime.
(Daß in diesem, durch und durch auf Abhängigkeit beruhenden, dem Unwissenden als Individualität erscheinenden psycho-physischen Daseinsprozesse es irgendwie einmal einen Zustand gegeben hätte, der nicht aus einem früheren Zustande als seiner Ursache hervorgegangen, also ohne Ursache wäre, das ist eine Denkunmöglichkeit)
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.4. Der Gebilde Entstehung - 2.3.4. Saṅkhārajāyamānapañho
Der König sprach: «Gibt es wohl, ehrwürdiger Nāgasena, Gebilde, die eine Entstehung haben?»
«Gewiß, o König. Es gibt Gebilde, die eine Entstehung haben.»
(Richtig wäre es gewesen, zu sagen, daß alle Gebilde eine Entstehung haben)
«Welche aber sind dies, o Herr?»
«Wo es ein Sehorgan und Formen gibt, da gibt es auch Sehbewußtsein; wo aber Sehbewußtsein da Seheindruck, wo Seheindruck da Gefühl, wo Gefühl da Begehren, wo Begehren da Anhaften, wo Anhaften da der Werdeprozeß, wo der Werdeprozeß da Geburt, und wo Geburt ist, da entstehen Alter und Tod, Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. Auf diese Weise kommt es zur Entstehung dieser ganzen Leidensfülle. Ohne das Sehorgan und die Formen aber gibt es kein Sehbewußtsein, ohne Sehbewußtsein keinen Seheindruck, ohne Seheindruck kein Gefühl, ohne Gefühl kein Begehren, ohne Begehren kein Anhaften, ohne Anhaften keinen Werdeprozeß, ohne Werdeprozeß keine Geburt, und wo keine Geburt ist, da können Alter und Tod, Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung nicht mehr entstehen. Auf diese Weise findet die Aufhebung dieser ganzen Leidensfülle statt.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.5. Allmähliche Entstehung - 2.3.5. Bhavantasaṅkhārajāyamānapañho
Der König sprach: «Gibt es wohl, ehrwürdiger Nāgasena, Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten?»
«Nein, o König, alle Gebilde treten durch ein allmähliches Werden ins Dasein.»
«Gib mir ein Beispiel!»
«Was glaubst du, o König: ist wohl dieses Haus, in welchem du eben sitzt, ohne ein allmähliches Werden ins Dasein getreten?»
«Nicht doch, o Herr. Es befindet sich hier nichts, das ohne ein allmähliches Werden ins Dasein getreten wäre. Alles hatte seine allmähliche Entstehung. Dieses Holz zum Beispiel ist im Walde entstanden, o Herr, dieser Ton in der Erde, und durch die entsprechende Arbeit von Männern und Frauen ist dieses Haus zustande gekommen.»
«Ebensowenig, o König, gibt es Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.»
«Gib mir ein weiteres Beispiel!»
«Gleichwie, o König, die in den Boden gepflanzten Samen und Gewächse nach und nach wachsen, größer werden und sich zu Bäumen entfalten, die Blüten und Früchte tragen, und somit jene Bäume nicht ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern eine allmähliche Entstehung haben: in genau derselben Weise, o König, gibt es keine Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.»
«Gib mir noch ein weiteres Beispiel!»
«Da, o König, nimmt zum Beispiel der Töpfer den Lehm aus der Erde und fertigt mancherlei Gefäße an. Diese Gefäße treten also nicht ohne ein allmähliches Werden ins Dasein, sondern haben eine allmähliche Entstehung. In genau derselben Weise, o König, gibt es keine Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.»
«Gib mir noch ein anderes Beispiel!»
«Nimm an, o König, zu einer Laute fehlten Steg, Fell, Resonanzkasten, Rumpf, Hals, Saiten und Bogen, und keiner nehme sich die nötige Mühe. Könnte da wohl ein Lautenton entstehen?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Wenn nun aber diese Dinge alle da sind, könnte da wohl ein Lautenton entstehen?»
«Gewiß, o Herr.»
«Oder wenn zu einem Feuerbohrer Reibholz, Quirl, Schnur, Matrize und Zunder fehlen, und keiner sich die nötige Mühe nimmt, kann da wohl Feuer entstehen?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Wenn nun aber, o König, diese Dinge alle vorhanden sind, könnte da wohl Feuer entstehen?»
«Gewiß, o Herr.»
«Oder wenn es einem an einem Brennglas, an Sonnenstrahlen und an Zunder fehlt, kann man da wohl Feuer erzeugen?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Wenn nun aber, o König, diese Dinge alle vorhanden sind, kann man da wohl Feuer erzeugen?»
«Gewiß, o Herr.»
«Und könnte, o König, ohne den Spiegel, die Helligkeit, und das Gesicht der Person dieselbe sich widerspiegeln?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Wenn aber diese Bedingungen alle erfüllt sind, kann da wohl das Spiegelbild der Person entstehen?»
«Gewiß, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, gibt es keine Gebilde, die ohne ein allmähliches Werden ins Dasein treten, sondern sie alle haben eine allmähliche Entstehung.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.6. Keine Seele im Innern - 2.3.6. Vedagūpañho
Der König sprach: «Gibt es wohl, o Herr, einen Wahrnehmer (vedagu)?»
«Was verstehst du unter diesem Wahrnehmer, o König?»
«Dieses Seelenwesen im Innern, o Herr, das mit dem Auge die Formen erblickt, mit dem Ohre die Töne vernimmt, mit der Nase die Düfte riecht, mit der Zunge die Säfte schmeckt, mit dem Körper die Tastobjekte tastet und mit dem Geiste die Geistobjekte wahrnimmt. Gerade nämlich wie wir, die wir hier in diesem Palaste sitzen, je nach Belieben durch irgend eines der Fenster blicken können - sei’s durchs östliche, westliche, nördliche oder südliche - ebenso, o Herr, schaut dieses im Innern befindliche Seelenwesen je nach Belieben durch dieses oder jenes der Sinnestore.»
Der Ordensältere aber sprach: «Die fünf Sinnentore will ich dir erklären, o König. So höre denn und sei recht aufmerksam! Wenn es im Innern ein Seelenwesen gäbe, das durch das Auge die Formen erblickt gerade wie wir hier durch irgend eines der Fenster die Gegenstände erblicken - so müßte dieses Seelenwesen ebenfalls durch Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist die Formen erblicken können. Und es müßte imstande sein, durch jedes einzelne der Sinnestore ebenfalls Töne zu vernehmen, Düfte zu riechen, Säfte zu schmecken, Tastobjekte zu tasten und Geistobjekte wahrzunehmen.»
«Das kann es freilich nicht, o Herr.»
«Ja, o König, du verbindest eben nicht das Erstere mit dem Letzteren und das Letztere mit dem Ersteren! Gerade wie wir, o König, die wir hier in diesem Palaste sitzen, wenn wir die Fenster öffnen, bei vollem Tageslichte die Gegenstände da draußen deutlicher erkennen: ebenso auch müßte dieses im Innern befindliche Seelenwesen, wenn die fünf Sinnentore herausgenommen würden, bei vollem Tageslichte besser die Gegenstände wahrnehmen können.»
«Das kann es freilich nicht, o Herr.»
«Ja, o König, du verbindest eben nicht das Erstere mit dem Letzteren und das Letztere mit dem Ersteren! Wenn da zum Beispiel dieser Dinna hinausgehen und sich (vor die offene Tür) in die Vorhalle stellen möchte, wüßtest du da wohl, o König, daß dem so ist?»
«Freilich wüßte ich das, o Herr.»
«Und wenn nun dieser selbe Dinna, o König, wieder hereinkommen und sich vor dich stellen möchte, wüßtest du da wohl ebenfalls, daß dem so ist?»
«Freilich, o Herr.»
«Wenn man nun, o König, einen geschmackbesitzenden Gegenstand auf die Zunge legen sollte, wüßte da wohl jenes im Innern befindliche Seelenwesen, ob derselbe sauer, salzig, bitter, scharf, herb oder süß ist?»
«Ja, o Herr, das wüßte es.»
«Wenn nun aber jener Gegenstand sich im Magen befinden möchte, könnte da wohl jenes Seelenwesen seinen Geschmack erkennen?»
(Der Geschmack, als rein subjektive Empfindung, ist bedingt durch Einwirkung einer stofflichen Lösung auf die Endorgane der Geschmacksnerven, ohne daß etwa bei diesem Vorgange irgend ein im Körper hausendes Ich-Wesen beteiligt wäre, das vermittelst des Schmeckorganes den Geschmack empfindet. Man sagt zwar «Ich schmecke», doch ist es in Wirklichkeit kein «Ich», welches schmeckt - ein «Ich» gibt es als etwas beständiges überhaupt nicht - sondern eben ein bloßes Schmecken findet statt. Bloße momentane Sinnesempfindungen und damit gleichzeitig entstehende und vergehende geistige Elemente, wie Gefühl, Wahrnehmung, Wille usw. sind anzutreffen aber keine Wesenheit, keine Person, kein Ich, das etwa der Besitzer derselben wäre, oder ihr Ausübender.)
«Das freilich nicht, o Herr.»
«Ja, o König, du verbindest eben nicht das Erstere mit dem Letzteren und das Letztere mit dem Ersteren. Nimm an, o König, ein Mann brächte hundert Töpfe voll Honig und füllte denselben in ein Faß. Darauf bände er einem anderen den Mund zu und steckte ihn in dieses Faß voll Honig. Könnte da wohl jener andere erkennen, ob diese Masse süß ist oder nicht?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Und warum nicht?»
«Weil ja gar kein Honig in seinen Mund eingedrungen ist.»
«Ja, o König, du verbindest eben nicht das Erstere mit dem Letzteren und das Letztere mit dem Ersteren.»
«Ich bin außerstande, mit einem solchen Gegner wie dir zu diskutieren. So erkläre mir denn, bitte, die Sache!»
Und der Ordensältere unterwies den König Milinda in einer mit der höheren Lehre (abhidhamma) verbundenen Darstellung, indem er sprach: «Die Entstehung des Sehbewußtseins, o König, ist durch das Sehorgan und die Formen bedingt. Und die gleichzeitig damit entstehenden Erscheinungen, wie Sinneneindruck, Gefühl, Wahrnehmung, Wille, Sammlung, Lebenskraft und Aufmerksamkeit,( Dies sind, dem Abhidhamma zufolge, die sieben jedem Bewußtsein gemeinsamen Geistesfaktoren (cetasika)) entstehen in Abhängigkeit davon. Und genau so verhält es sich mit den übrigen Sinnen. Ein erkennendes Seelenwesen aber ist da nicht anzutreffen.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.7. Sehbewußtsein und geistiges Bewußtsein - 2.3.7. Cakkhuviññāṇādipañho
Der König sprach: «Wo immer Sehbewußtsein aufsteigt, o Herr, steigt da auch stets geistiges Bewußtsein auf?»
(Mit Seh-, Hör-, Riech-, Schmeck- und Tastbewußtsein sind gemeint die durch die gleichzeitig bestehende äußere Sinnestätigkeit bedingten Sinnesempfindungen, unter dem geistigen Bewußtsein (mano-viññāna) dagegen die von der Anwesenheit der äußeren Sinnestätigkeit unabhängigen, rein inneren Vorstellungen. So ist z.B. das «Sehbewußtsein» (cakkhu-viññāna) nur möglich, so lange die Augen geöffnet sind und die physische Lichtquelle gegeben ist. Die bei geschlossenen Augen oder im Dunkeln auftauchenden Bilder, also auch die Träume und Gesichtshalluzinationen, werden bloß mit dem «Geistigen Bewußtsein» (mano-viññāna) wahrgenommen.)
«Ja, o König. Wo immer Sehbewußtsein ist, da ist auch geistiges Bewußtsein.»
«Wie nun aber, o Herr? Steigt da zuerst das Sehbewußtsein auf und dann das geistige Bewußtsein, oder aber zuerst das geistige Bewußtsein und dann das Sehbewußtsein?»
«Zuerst, o König, steigt das Sehbewußtsein auf und dann das geistige Bewußtsein.»
«Wie? Da befiehlt wohl gewissermaßen, o Herr, das Sehbewußtsein dem geistigen Bewußtsein, stets dort aufzusteigen, wo es selber aufsteigen wird? Oder benachrichtigt etwa das geistige Bewußtsein das Sehbewußtsein, daß es stets dort aufsteigen will, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt?»
«Nein, o König. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt.»
«Wie aber kommt es, o Herr, daß das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt?»
«Weil da eine Neigung besteht, o König, ein Tor, eine Gewohnheit, eine Übung.»
«Wie aber kommt es, o Herr, daß infolge einer bestehenden Neigung das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!»
«Was meinst du, o König, wo das Wasser hinfließt, wenn es regnet?»
«Wo immer eine Neigung des Bodens besteht, dort fließt es hin.»
«Wenn es nun aber späterhin wieder regnet, wo fließt das Wasser dann hin?»
«Genau dorthin, wo das frühere Wasser hingeflossen ist.»
«Wie? Da befiehlt wohl, o König, das frühere Wasser dem späteren Wasser stets dort hinzufließen, wo es selber hinfließt? Oder benachrichtigt etwa das spätere Wasser das frühere Wasser, daß es stets dort hinfließen will, wo das frühere hinfließt?»
«Nein, o Herr. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie fließen eben dorthin, weil da eine Neigung des Bodens besteht.»
«Ebenso auch, o König, steigt infolge einer Neigung das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo das Sehbewußtsein aufsteigt.»
«Wie aber kommt es, o Herr, daß, weil da ein Tor besteht, das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!»
«Was meinst du, o König: gesetzt, die Grenzstadt eines Königs sei mit starken Wällen und Bollwerken umgeben, und sie besäße nur ein einziges Tor. Wenn nun da ein Mann aus der Stadt hinausgehen wollte, wo würde der wohl hinausgehen?»
«Eben durch jenes Tor, o Herr.»
«Wenn nun aber darauf noch ein anderer Mann aus der Stadt hinausgehen wollte, wo würde der hinausgehen?»
«Durch dasselbe Tor, o Herr, durch das der Erste hinausgegangen ist.»
«Wie? Da befiehlt wohl der Erste dem Späteren dort hinauszugehen, wo er selber hinausgeht? Oder benachrichtigt etwa der Spätere den Ersten, daß er dort hinausgehen will, wo der Erste hinausgeht?»
«Nein, o Herr. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie gehen eben dort hinaus, weil sich da ein Tor befindet.»
«Ebenso auch, o König, steigt, weil da ein Tor besteht, das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt.»
«Wie aber kommt es, o Herr, daß aus Gewohnheit das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!»
«Was meinst du, o König? Wenn da ein Wagen voraus führe, an welcher Stelle würde da wohl der nächste Wagen fahren?»
«Genau an derselben Stelle, wo der vordere Wagen gefahren ist, o Herr.»
«Wie? Da befiehlt wohl, o König, der vordere Wagen dem hinteren Wagen, stets da zu fahren wo er selber fährt? Oder benachrichtigt etwa der hintere Wagen den vorderen Wagen, daß er stets dort fahren will, wo der vordere fährt?»
«Nein, o Herr. Keinerlei Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie fahren eben aus Gewohnheit so.»
«Ebenso auch, o König, steigt aus Gewohnheit das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt.»
«Wie aber kommt es, o Herr, daß infolge der Übung das geistige Bewußtsein stets dort aufsteigt, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt? Erläutere mir dies!»
«Gleichwie, o König, in den verschiedenen Künsten, wie der Zeichensprache, dem Addieren, Rechnen und Schreiben, beim Anfänger die Ausführung nur langsam voranschreitet, nach und nach aber infolge von Aufmerksamkeit und Übung schneller von statten geht: auf dieselbe Weise, o König, steigt das geistige Bewußtsein stets dort auf, wo immer das Sehbewußtsein aufsteigt. Nicht aber befiehlt das Sehbewußtsein dem geistigen Bewußtsein, stets dort aufzusteigen, wo es selber aufsteigt. Auch benachrichtigt nicht etwa das geistige Bewußtsein das Sehbewußtsein, daß es stets dort aufsteigen will, wo das Sehbewußtsein aufsteigt. Keinerlei gegenseitige Verständigung findet zwischen beiden statt. Sie steigen eben auf infolge der Übung. Und was nun beim Sehbewußtsein zutrifft, das trifft auch zu beim Hörbewußtsein, Riechbewußtsein, Schmeckbewußtsein und Tastbewußtsein.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.8. Gleichzeitigkeit der geistigen Daseinsaspekte
Der König sprach: «Wenn immer geistiges Bewußtsein aufsteigt, ehrwürdiger Nāgasena, steigt da auch stets Gefühl auf?»
«Gewiß, o König. Wo immer geistiges Bewußtsein aufsteigt, da entstehen ebenfalls Sinneneindruck, Gefühl, Wahrnehmung, Wille, Gedankenfassung und diskursives Denken (*); ja, sämtliche geistigen Vorgänge (dhamma, hier in diesem Sinne zu verstehen), mit Sinneneindruck als erstem, kommen da zur Entstehung.»
(*) Gedankenfassung und diskursives Denken treten nur im reflektierenden Bewußtsein auf. Auch außer dem Fünf-Sinnen-Bewußtsein (Sehbewußtsein usw.) gibt es noch andere Bewußtseinsarten, die nicht reflektierend sind.)
Mil. 2.3.9. Sinneneindruck - 2.3.8. Phassalakkhaṇapañho
«Welches charakteristische Merkmal aber, o Herr, besitzt der Sinneneindruck (phassa)?»
«Das der Berührung, o König.»
«Erläutere mir dies!»
«Es ist gerade so, o König, wie wenn zwei Widder miteinander kämpften. Den einen Widder nämlich hat man dabei als das Sehorgan zu betrachten, den anderen als das Sehobjekt und das Zusammentreffen beider als den Sinneneindruck.»
«Gib mir ein weiteres Gleichnis!»
«Der Vorgang läßt sich ebenfalls mit Händeklatschen vergleichen. Dabei hat man die eine Hand als das Sehorgan zu betrachten, die andere als das Sehobjekt und das Zusammenklatschen beider als den Sinneneindruck.»
«Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!»
«Man mag den Vorgang auch noch ferner mit dem Zusammenschlagen zweier Zymbeln vergleichen. Dabei ist die eine Zymbel das Sehorgan, die andere das Sehobjekt und das Zusammenschlagen beider der Sinneneindruck.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.10. Gefühl - 2.3.9. Vedanālakkhaṇapañho
Welches charakteristische Merkmal aber, o Herr, besitzt das Gefühl (vedanā)?»
«Das des Gefühltwerdens und Empfindens, o König.»
«Erläutere mir dies!»
«Nimm an, o König, es verrichte einer seinem Fürsten einen Dienst. Und weil
der König mit ihm zufrieden sei, gebe er ihm ein Amt, das ihn in den Stand
setze, im Besitze und Genusse der Sinnesfreuden sein Leben zu verbringen. Und
der Gedanke komme ihm:
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.11. Wahrnehmung - 2.3.10. Saññālakkhaṇapañho
«Welches charakteristische Merkmal aber, o Herr, besitzt die Wahrnehmung?»
«Das Merkmal des Wahrnehmens, o König. Und was nimmt man wahr? Blaue oder gelbe oder rote oder weiße oder braune Farben nimmt man wahr (*). Insofern, o König, besitzt die Wahrnehmung das charakteristische Merkmal des Wahrnehmens.»
«Erläutere mir dies!»
«Gleich wie, o König, der Schatzmeister eines Fürsten, wenn er in die Schatzkammer eintritt und die Gegenstände erblickt, seines Fürsten Schätze Sofort an ihrer blauen, gelben, roten, weißen und braunen Farbe erkennt: genau so, o König, besitzt die Wahrnehmung das charakteristische Merkmal des Wahrnehmens.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
(*) Wahrnehmung = saññā, das Wahrnehmen = sañjānana. Diese Erklärung des Substantivs durch eine Verbalform ist keine bloße Tautologie, sondern soll zum Ausdruck bringen, daß es sich hier um eine Funktionsweise handelt, um einen aktiven Vorgang, und nicht um eine statische Eigenschaft eines statischen Ichwesens.
(*) Die Farbwahrnehmung ist hier lediglich als ein Beispiel genannt. Die Wahrnehmung richtet sich auf alle fünf körperlichen Sinnenobjekte, sowie auch innerlich auf die geistigen Vorgänge.
Während das Bewußtsein, wenn man es so isolieren könnte, nur ein allgemeines Gewahrwerden des Objektes ergibt, so vermittelt die Wahrnehmung mehr differenzierte Eigenschaften des Objekts. Sie versieht das Objekt gleichsam mit Kennzeichen, die auch als Wiedererkennungszeichen für das Gedächtnis dienen.
Mil. 2.3.12. Wille - 2.3.11. Cetanālakkhaṇapañho
«Welches charakteristische Merkmal aber, o Herr, besitzt der Wille (cetanā)?»
«Das des Wollens, o König, und das des (karmischen) Gestaltens (abhisankharana).»
«Erläutere mir dies!»
«Nimm an, o König, ein Mann bereite ein Gift, trinke davon und gebe auch den anderen davon zu trinken. So würden doch sowohl er selber als auch die anderen dafür zu leiden haben. Genau so, o König, schafft da einer mit seinem Willen eine böse Tat und gerät dafür bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen Abweg, eine Leidensfährte, in verstoßene Welt, zur Hölle; und auch diejenigen, die es ihm nachmachen, trifft dasselbe Los. - Nimm nun aber an, o König, ein Mann stelle ein Gemisch von Ghee (Butteröl), Butter, Öl, Honig und Zucker her, trinke davon und gebe auch den anderen davon zu trinken. So würden doch sowohl er selber, als auch die anderen sich wohl befinden. Genau so, o König, schafft da einer mit seinem Willen eine gute Tat und gelangt infolgedessen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf eine glückliche Fährte, in himmlische Welt; und auch diejenigen, die es ihm nachmachen, trifft dasselbe Los. Demnach, o König, besitzt der Wille das charakteristische Merkmal des Wollens und das des (karmischen) Gestaltens.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.13. Bewußtsein - 2.3.12. Viññāṇalakkhaṇapañho
«Welches charakteristische Merkmal aber, o Herr, besitzt das Bewußtsein (viññāna)?»
«Daß es sich der Dinge bewußt ist, o König.»
«Erläutere mir dies!»
«Gleichwie, o König, der Stadtwächter, der inmitten der Stadt am Kreuzungspunkte der vier Hauptstraßen sitzt, sehen kann, wenn einer von Osten, Westen, Norden oder Süden her kommt; ebenso auch, o König, ist man sich der Form bewußt, die man mit dem Auge sieht, des Tones, den man mit dem Ohre hört, des Duftes, den man mit der Nase riecht, des Saftes, den man mit der Zunge schmeckt, des Tastobjektes, das man mit dem Körper tastet und des geistigen Objektes, das man mit dem Geist erkennt. Demgemäß, o König, besitzt das Bewußtsein das charakteristische Merkmal, daß es sich der Dinge bewußt ist.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.14. Gedankenfassung - 2.3.13. Vitakkalakkhaṇapañho
«Welches charakteristische Merkmal aber, o Herr, besitzt die Gedankenfassung (vitakka)?»
«Das des Befestigens, (alternative Wiedergabe: Einstellung, des Geistes auf ein Objekt) o König.»
«Gib mir ein Gleichnis!»
«Gleich wie, o König, ein Zimmermann einen gut bearbeiteten Balken in einer Fuge befestigt, genau so, o König, besitzt die Gedankenfassung das charakteristische Merkmal des Befestigens.»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.3.15. Diskursives Denken - 2.3.14. Vicāralakkhaṇapañho
«Welches charakteristische Merkmal aber, o Herr, besitzt das diskursive Denken (vicāra)?»
«Das des fortgesetzten Nachsinnens, o König.»
«Gib mir ein Gleichnis!»
«Es ist damit, o König, wie mit einem Bronze-Gong, der angeschlagen, noch lange nachklingt und erst allmählich zur Ruhe kommt. Dabei hat man nämlich unter dem Anschlagen die Gedankenfassung zu verstehen und unter dem Nachklingen das diskursive Denken (vitakka-vicāra).»
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.4.1. Untrennbarkeit der geistigen Erscheinungen - 2.4.1. Phassādivinibbhujanapañho
Der König sprach: «Ist es wohl möglich, ehrwürdiger Nāgasena, diese zur
Einheit verbundenen Erscheinungen voneinander zu trennen und ihre
Verschiedenheit zu zeigen, so daß man sagen könnte:
«Nein, o König. Das ist nicht möglich.»
«Gib mir eine Erläuterung hierfür!»
«Sagen wir, o König, der Koch eines Fürsten bereite eine Suppe oder eine
Sauce und füge etwas saure Milch, Salz, Ingwer, Kümmel, Pfeffer und andere
Gewürze hinzu. Wenn nun der Fürst zu ihm sprechen sollte:
«Gewiß nicht, o Herr! Das ist unmöglich. Dennoch aber sind die sämtlichen Gewürze mit ihren jeweiligen charakteristischen Merkmalen darin enthalten.»
«Ebenso auch, o König, ist es unmöglich, diese zur Einheit verbundenen
Erscheinungen wirklich voneinander zu trennen und ihre Verschiedenheit zu zeigen
und zu sagen:
«Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!»
Mil. 2.4.2. Salz - 2.4.2. Nāgasenapañho
Dieser Abschnitt ist in der 2. Auflage (1985) nicht enthalten.[WG]
Der Ordenssältere sprach: "Kann man wohl, o König, das Salz als solches sehen?" "Gewiss, o Herr." "Überlege dir’s recht wohl, o König!" "Wie? So wird es wohl durch den Geschmack erkannt, o Herr?" "Ja, o König." "Wie nun aber, o Herr: kann alles Salz als solches nur geschmeckt werden?" "Gewiss, o König."(*1) "Wenn dem aber so ist, o Herr, wie kann es denn von Ochsen in Wagen transportiert werden? Somit kann wohl auch das Salz als solches getragen werden?" "Nein, o König, Salz und Schwere: diese beiden Eigenschaften sind hier zu einer Einheit verbunden, gehören aber dennoch beide verschiedenen Sinnesgebieten an. Lässt sich aber nun wohl, o König, das Salz wiegen?" "Gewiss, o Herr, das kann man." "Unmöglich ist es, o König, das Salz zu wiegen. Denn bloß das Schwergewicht kann gewogen werden."(*2) "Weise bist du, ehrwürdiger Nagaseno!"
(*1) Was mit dem Sehsinn erkannt wird, ist nicht das Salz selber sondern eine weiße Farbempfindung, die bedingt ist durch das spezifische Schwingungs-verhältnis der Lichtwelle und den Sehnerv. Das Salz, genauer: die Salzigkeit, ist eine durch das physische Schmeckorgan (jivhâyatanam) und eine gewisse stoffliche Lösung (rasâyatanam) bedingte subjektive Schmeckempfindung (rasâramman).
(*2) Schwere ist eine als Druck sich äußernde Tastempfindung (kāya-viññanam).
Teil 3 · Milindapañha 3.1.1–3.4.15
1. Kapitel, Lösungen der Zweifel
Mil. 3.1.1. Ursachen der Sinnengrundlagen - 2.4.3. Pañcāyatanakammanibbattapañho
Der König sprach: "Sind wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die fünf Sinnengrundlagen (āyatana, umfaßt sowohl die Sinnenorgane wie auch die entsprechenden Sinnenobjekte) das Ergebnis verschiedener Taten oder aber das Ergebnis nur einer einzigen Tat (kamma)?"
"Das Ergebnis verschiedener Taten, o König, und nicht bloß einer einzigen Tat."
[Die Beschaffenheit der Sinnenorgane sowie der erwünschte oder unerwünschte Charakter der Sinnenobjekte ist die Wirkung (d.i. das Kamma-Ergebnis; vipāka des entsprechenden heilsamen oder unheilsamen Wirkens (kamma). Die "Verschiedenheit der Taten" ergibt sich also 1) aus den verschiedenen Sinnengrundlagen, auf die sich das verursachende Kamma beziehen mag, und 2) auf die moralische Differenziertheit jenes karmischen Wirkens.]
"Erläutere mir dies!"
"Was meinst du, o König: wenn man in einem Felde fünferlei Samen säen sollte, würden da nicht wohl aus diesen verschiedenen Samen verschiedene Keime entstehen?"
"Gewiß, o Herr."
"Genau so, o König, sind diese fünf Sinnesorgane das Ergebnis verschiedener Taten und nicht bloß einer einzigen Tat."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.2. Grund der Ungleichheit in der Welt - 2.4.4. Kammanānākaraṇapañho
Der König sprach: "Aus welchem Grunde wohl, o Herr, sind sich die Menschen nicht alle gleich? Warum sind zum Beispiel die einen kurzlebig und die anderen langlebig, die einen kränklich und die anderen gesund, die einen hässlich und die anderen schön, die einen machtlos und die anderen mächtig, die einen arm und die anderen reich, die einen von niedriger Abstammung und die anderen von hoher Abstammung, die einen dumm und die anderen weise?"
"Warum sind wohl, o König, nicht alle Kräuter gleich?" - fragte der Ordensältere- "sondern einige sauer, einige salzig, einige bitter, einige scharf, einige herb und einige süß?"
"Ich denke wohl wegen der Verschiedenheit des Samens, o Herr."
"Genau so, o König, sind wegen der Verschiedenheit ihrer (in früherem Leben
verübten) Werke nicht alle Menschen gleich, sondern die einen kurzlebig und die
anderen langlebig, die einen kränklich und die anderen gesund, die einen
hässlich
und die anderen schön, die einen machtlos und die anderen mächtig, die einen arm
und die anderen reich, die einen von niedriger Abstammung und die anderen von
hoher Abstammung, die einen dumm und die anderen weise. Auch der Erhabene, o
König, hat gesagt:
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.3. Zeitiges Kämpfen - 2.4.5. Vāyāmakaraṇapañho
Der König sprach: "Du sagtest mir da, o Herr, eure Weltentsagung habe zum Ziele, dieses gegenwärtige Leiden eben schwinden und kein anderes (neues) Leiden mehr aufkommen zu lassen."
"Ja, o König, das ist das Ziel unserer Weltentsagung."
"Wie nun aber: ist dieses Ziel das Ergebnis früherer Anstrengung, oder hat man wohl, wenn die Zeit herangekommen ist, immer noch zu kämpfen?"
"Ist einmal die Zeit herangekommen, o König, so hat das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt."
"Erläutere mir dies!"
"Was meinst du, o König: wenn du Durst hast und Wasser zu trinken wünschtest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke erst einen Brunnen oder eine Zisterne graben?"
"Gewiß nicht, o Herr!"
"Ebenso auch, o König, hat, sobald die Zeit erst einmal herangekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt."
"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"
"Was meinst du, o König: wenn du Hunger hast und zu essen wünschest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke es für nötig halten, erst das Feld zu pflügen, den Samen zu säen oder das Getreide herbeischaffen zu lassen?"
"Gewiß nicht, o Herr."
"Ebenso auch, o König, hat, sobald die Zeit erst einmal herangekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt."
"Gib mir noch ein weiteres Gleichnis!"
"Was meinst du, o König: wenn dir eine Schlacht bevorsteht, wirst du wohl erst dann Festungsgräben ziehen, Wälle aufwerfen, Verschanzungen und Warten errichten, Proviant herbeischaffen und damit anfangen, mit den Elefanten, Pferden und Streitwagen umgehen zu lernen und dich mit Schießen und Fechten vertraut zu machen?"
"Gewiß nicht, o Herr."
"Ebenso auch, o König, hat sobald die Zeit erst einmal heran gekommen ist, das Kämpfen keinen Zweck mehr; die frühere Anstrengung hat ja dann bereits ihren Zweck erfüllt. Auch der Erhabene, o König, sagt:
Was als heilsam man erkannt hat,
Das verrichte man beizeiten,
Denke nicht wie manch ein Kärrner,
Sondern kämpfe klug und stark.
G’rade wie so mancher Kärrner,
Der, den ebnen Weg verlassend,
Holperig-schlechtem Pfade folgt,
Klagt, wenn seine Achse bricht:
So auch klagt, wer’s Rechte flicht
Und wess’ Herz dem Bösen folgt,
In des Todes Schlund geraten,
Wie der Kärrner über seine Achse."
(S.2.23)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.4. Höllenfeuer - 2.4.6. Nerayikaggiuṇhabhāvapañho
Der König sprach: "Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß das Höllenfeuer stärker brenne als das gewöhnliche Feuer, und daß, obgleich selbst schon ein winziges Steinchen, das man in das gewöhnliche Feuer wirft, einen Tag glühen möge ohne sich aufzulösen, aber trotzdem ein Felsen so groß wie ein Giebeldach, in das Höllenfeuer geworfen, in einem Augenblicke zergehe. Solcher Behauptung mag ich keinen Glauben schenken. Und daß ihr da ferner behauptet, daß die dort wiedergeborenen Wesen, trotzdem sie für manche Jahrtausende in der Hölle zu brennen haben, nicht zergehen sollten: auch das kann ich nicht glauben."
Der Ordensältere aber erwiderte: "Was meinst du, o König? Fressen die weiblichen Haifische, Krokodile, Schildkröten, Pfauen und Tauben nicht wohl auch harte Steine und Kies? Und verzehren die weiblichen Löwen, Tiger, Leoparden und Hunde nicht wohl harte Knochen und Fleisch?"
"Gewiß, o Herr."
"Und zersetzen sich nicht wohl diese Dinge, sobald sie in ihren Leib gelangt sind?"
"Gewiß, o Herr."
"Löst sich aber der Embryo, der sich in ihrem Leibe befinden mag, ebenfalls auf?"
"Das freilich nicht, o Herr."
"Und warum nicht?"
"Ich denke, wohl zufolge des vorgeburtlichen Wirkens, o Herr."
"Genau so, o König, mögen die Wesen zufolge des vorgeburtlichen Wirkens gar manche Jahrtausende in der Hölle brennen, ohne daß sie sich auflösen."
"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"
"Was meinst du, o König? Essen die zarten Weiber der Griechen und der Adeligen, Brahmanen und Hausleute nicht wohl bisweilen harte, Kauen erfordernde Speisen und Fleisch?"
"Gewiß, o Herr."
"Löst sich nun aber der Embryo, der sich in ihrem Leibe befinden mag, ebenfalls auf?"
"Das freilich nicht, o Herr."
"Und warum nicht?"
"Ich denke, wohl zufolge des vorgeburtlichen Wirkens, o Herr."
"Genau so, o König, mögen die Wesen zufolge des vorgeburtlichen Wirkens gar
manche Jahrtausende in der Hölle brennen, ohne daß sie sich auflösen. Auch der
Erhabene, o König, hat gesagt:
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
7. Pathavisandhārakapañho
Mil. 3.1.5. Erlösung gleich Erlöschung - 2.4.8. Nirodhanibbānapañho
Der König sprach: "Ist wohl, o Herr, Erlösung (Nibbāna) dasselbe wie Erlöschung?"
"Ja, o König. Die Erlösung besteht in der Erlöschung."
"Inwiefern nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, besteht die Erlösung in der Erlöschung?"
"All die törichten Weltlinge, o König, finden Lust und Freude an den Sinnen und deren Objekten und hängen sich daran. Daher werden sie von jenem Strome der Leidenschaften fortgerissen und nicht erlöst von Geburt, Altern und Sterben, von Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung, werden nicht erlöst vom Leiden: das sage ich. Der kundige, heilige Jünger aber, o König, findet keine Lust und Freude an den Sinnen und deren Objekten und hängt sich nicht daran. Da er aber keine Lust und Freude daran findet und sich nicht daran hängt, so erlischt das Begehren. Durch Erlöschen des Begehrens erlischt der Daseinshang, durch Erlöschen des Daseinshanges der Tatenprozeß. Durch Erlöschen des Tatenprozesses aber kommt es künftighin zu keiner Geburt mehr. Und mit Aufhebung der Geburt schwinden Alter und Tod, Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung. Auf diese Weise kommt es zur Erlöschung dieser ganzen Leidensfülle. Insofern, o König, besteht die Erlösung in der Erlöschung."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.6. Werden alle erlöst? - 2.4.9. Nibbānalabhanapañho
Der König sprach: "Erlangen wohl alle die Erlösung, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Nicht alle, o König. Nur, wer recht wandelt, die zu erkennenden Dinge klar erkennt, die zu durchdringenden Dinge völlig durchdringt, die zu überwindenden Dinge überwindet, die zu erweckenden Dinge erweckt und die zu verwirklichenden Dinge verwirklicht: nur der erlangt die Erlösung."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.1.7. Vorkenntnis von der Erlösung - 2.4.10. Nibbānasukhajānanapañho
Der König sprach: "Mag wohl einer, o Herr, ohne die Erlösung selber erlangt zu haben, wissen, daß diese Glück bedeutet?"
"Freilich, o König."
"Wie kann er denn solches wissen, ohne selber die Erlösung erlangt zu haben?"
"Was meinst du, o König: kann man wohl wissen, daß das Abhacken von Händen und Füßen schmerzhaft ist, ohne daß einem zuvor selber Hände und Füße abgehackt wurden?"
"Gewiß, o Herr."
"Woher aber kann man das wissen?"
"Weil man das Jammergeschrei derer vernommen hat, denen Hände und Füße abgehackt wurden: daher weiß man es."
"Genau so, o König, weiß man, daß die Erlösung Glück bedeutet, da man den Freudenruf derer vernommen hat, die die Erlösung geschaut haben."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.1. Buddha eine historische Persönlichkeit - 2.5.1. Buddhassa atthinatthibhāvapañho
Der König sprach: "Hast du wohl, ehrwürdiger Nāgasena, den Erleuchteten schon gesehen?"
"Nein, o König."
"Oder haben ihn vielleicht deine Lehrer gesehen?"
"Nein, o König."
"Somit hat der Erleuchtete wohl gar nicht gelebt, o Herr?"
"Wie? Hast du denn schon wohl den Uhāfluß im Himalaja gesehen?"
"Nein, o Herr."
"So existiert der Uhāfluß wohl gar nicht?"
"Doch, o Herr! Wenn auch weder ich noch mein Vater ihn gesehen haben, so existiert er dennoch."
"Ebenso auch, o König, hat der Erhabene gelebt, obgleich weder ich noch meine Lehrer ihn gesehen haben."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.2. Buddhas Unübertroffenheit - 2.5.2. Buddhassa anuttarabhāvapañho
Der König sprach: "Ist wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Erleuchtete unübertroffen?"
"Ja, o König, der Erleuchtete ist unübertroffen."
"Woher aber weißt du denn das, wenn du den Erleuchteten gar nicht gesehen hast?"
"Was meinst du, o König? Mag wohl einer, ohne je zuvor das Meer gesehen zu haben, wissen, daß dasselbe tief, unermeßlich und unergründlich ist; dieses Meer, in das die fünf großen Ströme, wie Ganges, Jumnā, Aciravatī, Sarabhū und Mahī, beständig und unaufhörlich sich ergießen, ohne daß irgend welche Zu- oder Abnahme zu bemerken wäre?"
"Gewiß, o Herr. Das kann man wissen."
"Ebenso auch, o König, weiß ich, wenn ich die großen Jünger, die vom Wahn Erlösten, sehe, daß der Erhabene unübertroffen ist."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.3. Buddha in der Lehre nachweisbar - 2.5.3. Buddhassa anuttarabhāvajānanapañho
Der König sprach: "Kann man wohl wissen, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Buddha unübertroffen ist?"
"Freilich kann man das wissen, o König."
"Wieso denn, o Herr?"
"Einst, o König, lebte ein Ordensälterer namens Tissa, der ein großer Schriftsteller war. Viele Jahre sind nun aber seit dessen Tode verflossen. Wie kann man da etwas von ihm wissen?"
"Durch seine Schriften, o Herr."
"Ebenso auch, o König, sieht der den Erhabenen, wer seine Lehre sieht; denn die Lehre ward vom Erhabenen verkündet."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.4. Das Schauen der Lehre - 2.5.4. Dhammadiṭṭhapañho
Der König sprach: "Hast du wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Lehre geschaut?"
"Mit dem Erleuchteten als Führer, o König, mit dem Erleuchteten als Künder haben doch seine Jünger zeitlebens zu leben!"
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.5. Wiedergeburt ohne Seelenwanderung - 2.5.5. Asaṅkamanapaṭisandahanapañho
Der König sprach: "Vollzieht sich wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Wiedergeburt ohne eine Seelenwanderung?" (Wörtl.: "geht man nicht hinüber und wird (doch) wiedergeboren")
"Gewiß, o König."
"Wieso aber, o Herr, kann es Wiedergeburt geben ohne eine Seelenwanderung? Erkläre mir dies."
"Wenn zum Beispiel, o König, ein Mann eine Lampe an einer anderen Lampe anzündet, würde da wohl das Licht der einen Lampe zur anderen Lampe hinüberwandern?"
"Nicht doch, o Herr."
"Ebenso auch, o König, wird man wiedergeboren, ohne daß dabei irgend etwas hinüberwandert."
"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"
"Erinnerst du dich vielleicht, o König, daß du als Knabe von deinem Lehrer irgend ein Gedicht gelernt hast?"
"Gewiß, o Herr."
"Wie nun aber, o König: ist etwa jenes Gedicht von deinem Lehrer (während er es rezitierte) zu dir hinübergewandert?"
"Nicht doch, o Herr."
"Ebenso auch, o König, wird man wiedergeboren, ohne daß dabei irgend etwas hinüberwandert."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.6. Keine Seele - 2.5.6. Vedagūpañho
Der König sprach: "Gibt es wohl, ehrwürdiger Nāgasena, ein erkennendes Seelenwesen (vedagu)?"
"Im höchsten Sinne, o König, gibt es kein erkennendes Seelenwesen."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.7. Identität des Täters - 2.5.7. Aññakāyasaṅkamanapañho
Der König sprach: "Gibt es wohl ehrwürdiger Nāgasena, irgend ein Wesen, das beim Tode von dem einen Körper in einen anderen Körper hinüberwandert?"
"Nein, o König."
(Im absoluten Sinne (paramattha-vasena) gibt es überhaupt kein Wesen, also auch kein Wesen, das von einem Körper in einen anderen hinüberwandert, sondern eben bloß einen den Tod überdauernden psycho-physischen Prozeß).
"Wenn dies sich aber so verhält, o Herr, entgeht man denn dadurch nicht der Folge böser Taten?"
"Wenn man nicht mehr wiedergeboren wird, (Genauer: wenn der psycho-physische Daseinsprozeß zum Stillstande gelangt ist, also nach dem Tode des Vollkommen-Heiligen) dann wohl. Solange man aber noch wiedergeboren wird, entgeht man nicht der Folge böser Taten."
"Erkläre mir dies!"
"Wenn da irgend ein Mann vom Baum eines anderen Mangos gestohlen hätte, verdiente der wohl Strafe?"
"Gewiß verdiente er Strafe, o Herr."
"Wieso denn? Er hat doch gar nicht jene Mangos gestohlen, die der andere gepflanzt hat?"
"Jenen (gepflanzten) Mangos aber zufolge sind diese (gestohlenen) Mangos entstanden. Darum eben verdient er Strafe."
"Ebenso auch, o König, werden durch diese geistig-körperliche Verbindung gute oder böse Taten gewirkt, und zufolge jener Taten entsteht eine neue geistig-körperliche Verbindung. Darum eben entgeht man nicht der Folge böser Taten."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.8. Unaufzeigbarkeit verübter Taten - 2.5.8. Kammaphalaatthibhāvapañho
Der König sprach: "Durch diese geistig-körperliche Verbindung, ehrwürdiger Nāgasena, werden also die guten und bösen Taten gewirkt. Was wird nun aber aus jenen Taten?"
"Jene Taten, o Herr, folgen einem nach, gleich wie ein Schatten, der nicht schwindet."
"Kann man wohl aber, o Herr, angeben, wo sich jene Taten befinden?"
"Nein, o König."
"So gib mir denn eine Erklärung hierfür!"
"Was meinst du wohl, o König: kann man wohl bevor die Bäume Früchte tragen aufzeigen, daß sich hier und dort die Früchte befinden?"
"Gewiß nicht, o Herr."
"Ebensowenig, o König, kann man jene Taten in ununterbrochener Reihenfolge aufzeigen und sagen, daß sie hier oder dort seien."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.9. Wissensmöglichkeit des Wiedergeborenwerdens - 2.5.9. Uppajjatijānanapañho
Der König sprach: "Ehrwürdiger Nāgasena! Weiß wohl einer, dem noch Wiedergeburt bevorsteht, daß er wiedergeboren wird?"
"Gewiß weiß er das, o König."
"Gib mir einen Vergleich!"
"Nimm an, o König, ein Landmann hätte sein Feld bestellt und ein richtiger Regen gösse hernieder würde der wohl da wissen, daß sein Korn aufgehen wird?"
"Gewiß wüßte er das, o Herr."
"Ebenso auch, o König, weiß einer, dem noch Wiedergeburt bevorsteht, daß er wiedergeboren wird."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.2.10. Buddhas Nachweisbarkeit - 2.5.10. Buddhanidassanapañho
Der König sprach: "Gibt es denn den Buddha, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Gewiß gibt es den Buddha, o König."
"Kann man aber, ehrwürdiger Nāgasena, zeigen, daß der Buddha hier oder dort da ist?"
"Nein, o König, völlig erloschen ist ja der Erhabene in dem von jeder Daseinsspur freien Element der Erlösung (Nibbāna). Und es ist unmöglich, den Erhabenen irgendwo aufzuzeigen."
"Gib mir einen Vergleich!"
"Was meinst du, o König: kann man wohl, nachdem die Flamme einer großen brennenden Feuermasse erloschen ist, diese Flamme noch irgendwo aufzeigen?"
"Nein, o Herr, erloschen ist ja jene Flamme, ist unsichtbar geworden." (appaññattim gatā, wörtlich: "zur Unerkennbarkeit gegangen")
"Ebenso auch, o König, ist der Erhabene in dem von jeder Daseinsspur freien Elemente der Erlösung völlig erloschen und verschwunden. Und es ist unmöglich, den Erhabenen irgendwo aufzuzeigen. Im Körper seiner Lehre aber (Dhamma-kāya), o König, da kann man den Erhabenen nachweisen, denn vom Erhabenen, o König, wurde die Lehre verkündet."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
2.6. Sativaggo
Mil. 3.3.1. Der Körper eine Wunde - 2.6.1. Kāyapiyāyanapañho
Der König sprach: "Ist wohl, o Herr, den Hauslosen (Mönchen) ihr Körper lieb?"
"Nein, o König, Hauslose lieben nicht ihren Körper."
"Warum aber hegt und pflegt ihr dann euren Körper, o Herr?"
"Hat dich wohl, o König, schon einmal in der Schlacht ein Pfeil getroffen?"
"Freilich, o Herr, das kam schon vor."
"Und hat man da wohl nicht, o König, die Wunde mit Salbe bestrichen und eingeölt und einen weichen Verband angelegt?"
"Ja, o Herr."
"So war dir wohl die Wunde lieb, o König?"
"Nein, o Herr, die Wunde war mir nicht lieb. Sondern bloß, damit das Fleisch wieder nachwachse, hat man dieselbe mit Salbe bestrichen und eingeölt und einen Verband angelegt."
"Ebensowenig aber auch, o König, ist den Hauslosen ihr Körper lieb. Ohne irgendwie daran zu hängen, pflegen die Hauslosen ihren Körper, und zwar bloß um dem heiligen Wandel eine Stütze zu bieten. Auch der Erhabene hat den Körper mit einer Wunde verglichen. Und so pflegen denn die Hauslosen diesen Körper gleichsam wie eine Wunde, ohne irgendwie daran zu hängen. Auch der Erhabene, o König, hat folgendes gesagt:
Ganz von feuchter Haut umwickelt
Ist hier diese große Wunde
Und aus den neun Löchern allen
Strömet Kotgestank und Fäule."
(In den kanonischen Schriften nicht ermittelt. Dieser Vers erscheint jedoch, mit anderen, im Visuddhi-Magga, Übersetzung s. 229)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.2. Buddhas Allwissenheit - 2.6.2. Sabbaññūbhāvapañho
Der König sprach: "War wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Buddha wirklich allwissend und allerkennend?"
"Freilich, o König, war der Erhabene allwissend und allerkennend." "Warum hat er denn da für seine Jünger bloß ganz allmählich (und nicht gleich auf einmal) die Ordensregeln festgelegt?"
"Mag es wohl, o König, irgend einen Arzt geben, der alle Arzneien auf dieser Erde kennt?"
"Einen solchen mag es schon geben, o Herr."
"Sage, König! Verschreibt wohl jener Arzt seine Arzneien zu einer Zeit, wo man krank ist, oder zu einer Zeit, wo man nicht krank ist?"
"Zu einer Zeit, wo man krank ist, o Herr."
"Ebenso auch, o König, war der Erhabene allwissend und allerkennend. Und nur zur rechten, nicht zur unrechten Zeit verschrieb er seinen Jüngern die Ordensregeln, die man zeitlebens nicht zu übertreten hat."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.3. Buddhas Eigenart - 2.6.3. Mahāpurisalakkhaṇapañho
Der König sprach: "Ist es wohl wahr, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Buddha die zweiunddreißig Merkmale eines großen Mannes und die achtzig kleineren Merkmale besaß und daß seine Haut von goldener Farbe war und gleichsam wie Gold leuchtete, und daß ihn ein Schein umgab, der sechs Ellen Ausdehnung hatte?"
"Ja, o König, das ist wahr."
"Dann besaßen wohl, o Herr, auch seine Eltern diese Eigenschaften?"
"Nein, keineswegs, o König."
"Wenn dem so ist, o Herr, dann erscheint ein Buddha nicht mit diesen Eigenschaften. Denn ein Sohn gleicht doch seiner Mutter oder ihren Verwandten, oder dem Vater oder dessen Verwandten."
Der Ordensältere sprach: "Gibt es wohl, o König, irgend eine Lotusblume mit hundert Blütenblättern?"
"Gewiß, o Herr."
"Wo aber entsteht dieselbe?"
"Im Schlamme entsteht sie und gedeiht im Wasser."
"Gleicht nun etwa, o König, diese Lotusblume in Farbe oder Geruch oder Saft dem Schlamme?"
"Nein, o Herr."
"Oder dem Wasser?"
"Auch das nicht, o Herr."
"Ebenso auch, o König, besaß der Erhabene die zweiunddreißig Merkmale eines großen Mannes sowie die achtzig kleineren Merkmale, und seine Haut war von goldener Farbe und leuchtete gleichsam wie Gold, und ein Schein umgab ihn, der sechs Ellen Umfang hatte, obzwar seine Eltern keineswegs diese Eigenschaften besaßen.
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.4. Buddha und Gott - 2.6.4. Bhagavato brahmacāripañho
Der König sprach: "Führt wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Erleuchtete einen göttlichen Wandel (brahma-cariya)?"
"Freilich, o König."
"Dann war er wohl ein Schüler Gottes?"
"Besitzest du wohl, o König, einen Paradeelefanten?"
"Gewiß, o Herr."
"Und stößt nicht wohl jener Elefant dann und wann einen Reiherton (dies bezeichnet den Trompetenton des Elefanten) aus?"
"Ja, o Herr, das tut er."
"Dann ist wohl jener Elefant ein Schüler des Reihers?"
"Nicht doch, o Herr."
"Nun aber sage du mir, o König: ist Gott (Brahmā) verständnis-voll (sa-buddhiko) oder nicht?"
"Freilich, o Herr, er ist verständnisvoll."
"Dann ist wohl Gott ein Schüler des Erhabenen (des Buddha)?"
(Hiermit, wie auch vorher mit dem "Reiherton", weist Nāgasena daraufhin, daß Wortgleichheit oder Wortverwandtschaft nicht immer Bedeutungsgleichheit einschließt)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!
Mil. 3.3.5. Buddhas Mönchsweihe - 2.6.5. Bhagavato upasampadāpañho
Der König sprach: "Ist wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Weihe als Mönch etwas Gutes?"
"Freilich ist die Weihe etwas Gutes."
"Besaß denn aber, o Herr, der Buddha die Weihe oder nicht?"
"Der Erhabene, o König, wurde am Fuße des Bodhibaumes, gleichzeitig mit der Erlangung der Allwissenheit, der Weihe teilhaftig. Nicht aber haben andere dem Erhabenen die Weihe verliehen, so wie der Erhabene für seine Jünger die Ordensregel festsetzte, die zeitlebens nicht übertreten werden darf."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.6. Zweierlei Tränen - 2.6.6. Assubhesajjābhesajjapañho
Der König sprach: "Es mag da, ehrwürdiger Nāgasena, einer über den Tod seiner Mutter weinen, und es mag einer in Wahrheitsverzückung weinen. Für welchen aber von diesen beiden Weinenden sind die Tränen ein Heilmittel, und für welchen nicht?"
"Bei dem einen, o König, sind die Tränen infolge von Gier, Haß und Verblendung getrübt und voll Hitze, bei dem anderen dagegen infolge der Freude und Verzückung ungetrübt und kühlend. Die Kühle aber, o Herr, ist ein Heilmittel, die Hitze nicht."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.7. Eßgier - 2.6.7. Sarāgavītarāganānākaraṇapañho
Der König sprach: "Wodurch, ehrwürdiger Nāgasena, unterscheidet sich der Gierbehaftete von dem Gierlosen?"
"Der eine, o König, ist anhänglich, der andere nicht anhänglich."
"Was soll das heißen, o Herr?"
"Daß der eine Begehren hat, o König, und der andere nicht."
"Ich, o Herr, betrachte die Sache folgendermaßen. Der Gierbehaftete wie der Gierlose, beide finden Gefallen an guten Speisen, seien’s harte oder weiche. Einen schlechten Wunsch hegt darum keiner von beiden."
"Der Gierbehaftete, o König, empfindet beim Essen nicht nur den angenehmen Geschmack, sondern auch Gier. Der Gierlose empfindet dagegen bloß den angenehmen Geschmack, aber keine Gier."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
1. Kapitel, Lösungen der Zweifel
Mil. 3.3.8. Sitz der Weisheit - 2.6.8. Paññāpatiṭṭhānapañho
Der König sprach: "Wo, o Herr, mag wohl die Weisheit thronen?"
"Nirgends, o König."
"Dann gibt es wohl, o Herr, überhaupt keine Weisheit?"
"Wo mag denn wohl der Wind wohnen, o König?"
"Nirgends, o Herr."
"Dann gibt es wohl, o König, überhaupt keinen Wind?"
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.9. Kreislauf des Daseins - 2.6.9. Saṃsārapañho
Der König sprach: "Was ist es, ehrwürdiger Nāgasena, das du mit dem Kreislauf des Daseins (samsāra) bezeichnest?"
"Da, o König, wird einer hier geboren und stirbt wieder hierselbst. Hier abgestorben taucht er anderswo wieder auf. Dort geboren stirbt er wieder dortselbst. Dort gestorben taucht er anderswo wieder auf. Das, o König, ist der Kreislauf des Daseins."
"Gib mir ein Gleichnis!"
"Nimm an, o König, es hätte einer eine reife Mangofrucht gegessen und er pflanzte deren Kern. Daraus entstände ein großer Mangobaum, der Früchte trüge. Und jener Mann äße auch davon eine reife Frucht und pflanzte wiederum den Kern. Daraus entstände wiederum ein großer Mangobaum, der Früchte trüge. Auf diese Weise wäre doch wohl ein Ende dieser Bäume nicht abzusehen. Ebenso auch, o König, wird einer hier geboren, um wieder hierselbst zu sterben. Hier abgestorben taucht er anderswo wieder auf. Dort geboren stirbt er wieder dortselbst. Dort abgestorben, taucht er anderswo wieder auf. Das, o König, ist der Kreislauf des Daseins."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.10. Geist und Gedächtnis - 2.6.10. Cirakatasaraṇapañho
Der König sprach: "Womit, ehrwürdiger Nāgasena, erinnert man sich an etwas, das vergangen und bereits vor langer Zeit geschehen ist?"
"Mit dem Gedächtnis (sati), o König."
(In diesem Abschnitt und in den zwei folgenden hat das Pāli-Wort sati die Bedeutung von Gedächtnis, Erinnerung. Doch in den Lehrreden des Buddha (sutta) bedeutet es fast stets die rechte Achtsamkeit, im Sinne des siebenten Gliedes des Achtfachen Pfades)
"Wie denn, ehrwürdiger Nāgasena? Man erinnert sich doch wohl mit dem Geist (citta) und nicht mit dem Gedächtnis!"
"Gibst du wohl zu, daß du schon manchmal an ein Geschäft, das du verrichtet hast, dich später nicht mehr erinnern konntest?"
"Gewiß, o Herr."
"Fehlte dir denn nun damals der Geist?"
"Nein, o Herr, das Gedächtnis fehlte mir."
"Warum sagst du aber dann, o König, daß man sich mit dem Geiste erinnere und nicht mit dem Gedächtnisse?"
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.3.11. Von Außen her veranlaßte Erinnerung - 2.6.11. Abhijānantasatipañho
Der König sprach: "Ist wohl, ehrwürdiger Nāgasena, alle Erinnerung (sati), die aufsteigt, durch eigenes Erkennen bedingt oder von außen her veranlaßt?"
"Auch die von außen her veranlaßte Erinnerung, o König, ist ja durch eigenes Erkennen bedingt."
"Damit wäre ja, o Herr, alle Erinnerung durch eigenes Erkennen bedingt, und es gäbe gar keine von außen her veranlaßte Erinnerung."
"Wenn es keine von außen her veranlaßte Erinnerung gäbe, so brauchten ja die Lernenden sich gar nicht erst zu üben in Handwerk, Kunst und Wissenschaft, und die Lehrer hätten keinen Zweck. Doch dem ist nicht so, o König."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
2.7. Arūpadhammavavattanavaggo
Mil. 3.4.1. Erinnerung - 2.7.1. Satiuppajjanapañho
Der König sprach: "Aus wie vielen Anlässen, ehrwürdiger Nāgasena, mag die Erinnerung (sati) aufsteigen?"
"Aus sechzehn Anlässen, o König, mag die Erinnerung aufsteigen, und zwar: infolge eignen Erkennens oder durch äußere Veranlassung oder infolge eines starken Bewußtseinseindruckes oder beim Erkennen eines Vorteils oder Nachteils oder einer Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit oder durch Verstehen im Gespräch oder infolge eines Merkmales oder beim Nachsinnen oder infolge eines Zeichens oder beim Rechnen oder Auswendiglernen oder infolge geistiger Übung oder auf Grund eines Buches oder eines Unterpfandes oder der Erfahrung."
"Wieso aber mag infolge eignen Erkennens die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn zum Beispiel, o König, der ehrwürdige Ananda und die Laienschwester Khujjuttarā, oder irgend welche andere mit der Erkenntnis früherer Geburten begabte Personen, sich einer früheren Geburt erinnerten, so ist eben infolge eignen Erkennens in ihnen die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag durch äußere Veranlassung die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn zum Beispiel einen, der von Natur aus vergeßlich ist, die anderen immer wieder und wieder an etwas erinnern müssen, so steigt eben durch äußere Veranlassung in ihm die Erinnerung auf."
"Wieso aber mag infolge eines starken Bewußtseinseindruckes die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn da zum Beispiel einer zum Herrscher gekrönt wurde oder das Ziel des Stromeintrittes verwirklicht hat, so mag eben infolge jenes starken Bewußtseinseindruckes in ihm die Erinnerung daran aufsteigen."
"Wieso aber mag beim Erkennen eines Vorteils die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn sich da zum Beispiel einer erinnert, daß ihm unter diesem oder jenem Umstande Glück zuteil wurde, so steigt eben beim Erkennen eines Vorteils in ihm die Erinnerung auf."
"Wieso aber mag beim Erkennen eines Nachteils die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß man unter diesem oder jenem Umstande Leiden zu erdulden hatte, so ist eben beim Erkennen eines Nachteils in einem die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag beim Erkennen einer Ähnlichkeit die Erinnerung aufsteigen?"
"Man mag sich zuweilen an seine Eltern und Geschwister erinnern, wenn man ähnlich aussehende Personen erblickt. Oder man mag, wenn man ein Kamel oder einen Ochsen oder einen Esel erblickt, sich dabei an ein anderes ähnlich aussehendes Tier dieser Art erinnern. Auf diese Weise mag also beim Erkennen einer Ähnlichkeit in einem die Erinnerung aufsteigen."
"Wieso aber mag beim Erkennen einer Unähnlichkeit die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn man sich zum Beispiel erinnert, daß ein gewisser Gegenstand anders in Farbe, Klang, Geruch, Geschmack oder Berührung ist, so ist eben beim Erkennen einer Unähnlichkeit die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag infolge einer Andeutung in Worten die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn zum Beispiel einen, der von Natur aus vergeßlich ist, die anderen an etwas erinnern und er sich infolgedessen der Sache wieder entsinnt, so ist eben durch Verstehen im Gespräch in ihm die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag infolge eines Merkmales die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn man zum Beispiel einen Stier an einem Brandmale oder an irgend einem anderen Kennzeichen wiedererkennt, so ist eben infolge eines Merkmales in einem die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag beim Nachsinnen die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn da zum Beispiel einer von Natur aus vergeßlich ist, und man fordert ihn wiederholt auf, sich auf eine gewisse Sache zu besinnen, so mag eben beim Nachsinnen in ihm die Erinnerung aufsteigen."
"Wieso aber mag infolge eines Zeichens die Erinnerung aufsteigen?"
"Infolge der Übung im Schreiben weiß man, welchen Buchstaben man auf diesen oder jenen folgen lassen muß. Auf diese Weise mag infolge eines Zeichens in einem die Erinnerung aufsteigen."
"Wieso aber mag beim Rechnen die Erinnerung aufsteigen?"
"Infolge der Übung im Rechnen können die Rechner große Summen zusammenzählen. Somit also mag beim Rechnen die Erinnerung aufsteigen."
"Wieso aber mag beim Auswendiglernen die Erinnerung aufsteigen?"
"Infolge der Übung im Auswendiglernen erinnern sich die Auswendiglernenden gar vieler Dinge. So also mag beim Auswendiglernen in einem die Erinnerung aufsteigen."
"Wieso aber mag durch geistige Übung die Erinnerung aufsteigen?"
"Da erinnert sich zum Beispiel ein Mönch gar mancher früheren Daseinsform. Insofern ist eben durch geistige Übung in ihm die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag auf Grund eines Buches die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn da zum Beispiel Fürsten über eine Verordnung nachsinnen und sich ihr Buch bringen lassen und auf Grund dieses Buches sich an etwas erinnern, so ist eben auf Grund eines Buches in ihnen die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag auf Grund eines Unterpfandes die Erinnerung aufsteigen?"
"Wenn man zum Beispiel durch den Anblick eines deponierten Gegenstandes an etwas erinnert wird, so ist eben auf Grund dieses Unterpfandes in einem die Erinnerung aufgestiegen."
"Wieso aber mag auf Grund der Erfahrung die Erinnerung aufsteigen?"
"Man erinnert sich einer Gestalt, eines Tones, eines Geruches, eines Geschmackes, einer Berührung oder eines geistigen Objektes, weil man eben früher einmal diese Dinge wahrgenommen hat. Auf diese Weise steigt eben auf Grund der Erfahrung in einem die Erinnerung auf."
"Aus diesen sechzehn Anlässen, o König, mag die Erinnerung aufsteigen."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.2. Wirkungskraft des Guten - 2.7.2. Buddhaguṇasatipaṭilābhapañho
Der König sprach: "Ihr lehrt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß, wenn einer auch hundert Jahre lang Böses getan hat, aber in der Sterbestunde selbst nur eine einzige Betrachtung über den Erleuchteten anstellt, er unter den himmlischen Geistern wiedergeboren werde. So etwas kann ich nicht glauben. Andererseits lehrt ihr aber, daß man infolge der Tötung eines einzigen Lebewesens in der Hölle wiedergeboren werde. Auch so etwas kann ich nicht glauben."
"Glaubst du wohl, o König, daß selbst ein kleiner Stein ohne Boot auf dem Wasser schwimmen könnte?"
"Nein, o König."
"Könnten nicht aber wohl sogar hundert Fuhren Steine, o König, falls man sie auf ein Schiff lädt, auf dem Wasser schwimmen?"
"Freilich könnten sie das, o Herr."
"Als das Schiff aber, o König, hat man eben die guten Taten anzusehen."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.3. Zweck des geistigen Strebens - 2.7.3. Dukkhappahānavāyamapañho
Der König sprach: "Strebt ihr wohl, ehrwürdiger Nāgasena, nach Überwindung des vergangenen Leidens?"
"Nein, o König."
"Oder vielleicht des gegenwärtigen Leidens?"
"Nein, o König."
"Oder etwa des zukünftigen Leidens?"
"Nein, o König."
"Wenn ihr nun aber weder nach Überwindung des vergangenen noch des gegenwärtigen noch des zukünftigen Leidens strebt, wonach strebt ihr denn da überhaupt?"
"Daß sowohl dieses Leiden versiegen als auch kein künftiges Leiden mehr aufsteigen möge: danach streben wir."
"Ist denn das zukünftige Leiden wirklich da, ehrwürdiger Nāgasena?" "Nein, o König."
"Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, ehrwürdiger Nāgasena, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!"
"Haben sich nicht wohl schon einst, o König, irgendwelche Gegenkönige als Feinde und Gegner gegen dich erhoben?"
"Gewiß, o Herr."
"Wie nun, o König: ließest du wohl dann erst Gräben ziehen, Wälle aufwerfen, Verschanzungen und Wachtürme errichten und Proviant herbeischaffen?"
"Nein, o König, dafür hat man schon früher gesorgt."
"Oder fingst du etwa erst dann damit an, dich mit Elefanten, Pferden, Wagen, Bogen und Schwert vertraut zu machen?"
"Nein, o König, das habe ich schon früher besorgt."
"Aus welchem Grunde denn?"
"Um künftiger Gefahr vorzubeugen, o Herr."
"Ist denn wohl, o König, die künftige Gefahr wirklich da?"
"Nein, o Herr."
"Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, daß ihr etwas abzuwenden sucht, das gar nicht existiert!"
"Gib mir ein weiteres Gleichnis!"
"Was meinst du wohl, o König: wenn du Durst hast und Wasser zu trinken wünschest, wirst du da wohl zu diesem Zwecke erst einen Brunnen oder eine Zisterne graben?"
"Gewiß nicht, o Herr, dafür hat man schon früher gesorgt."
"Aus welchem Grunde denn?"
"Um künftigem Durste vorzubeugen, o Herr."
"Ist denn wohl, o König, der künftige Durst wirklich da?"
"Nein, o Herr."
"Dann seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, o König, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!"
"Gib mir noch ein anderes Gleichnis!"
"Was meinst du wohl, König: wenn du Hunger hast und zu essen wünschtest, wirst du wohl zu diesem Zwecke es für nötig halten, erst das Feld zu pflügen und Korn zu säen?"
"Gewiß nicht, o Herr, dafür hat man schon früher gesorgt."
"Aus welchem Grunde denn?"
"Um künftigem Hunger vorzubeugen, o Herr."
"Ist denn wohl, o König, der künftige Hunger wirklich da?"
"Nein, o Herr."
"Da seid ihr ja wahrlich überschlaue Leute, o König, daß ihr danach trachtet, etwas zu überwinden, was gar nicht existiert!"
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.4. Geschwindigkeit - 2.7.4. Brahmalokapañho
Der König sprach: "Wie weit, ehrwürdiger Nāgasena, ist es von hier bis zur Götterwelt?"
"Gar weit, o König, ist es von hier bis zur Götterwelt. Wenn da zum Beispiel ein Felsen, so groß wie ein Giebelhaus, von dort herabfallen sollte, so würde er erst nach vier Monaten die Erde erreichen, obzwar er schon in vierundzwanzig Stunden achtundvierzig tausend indische Meilen zurücklegt."
"Ihr behauptet aber doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß ein magiegewaltiger, geistbeherrschter Mönch imstande sei - gerade so schnell wie ein starker Mann seinen gebeugten Arm streckt oder seinen gestreckten Arm wieder beugt - von Indien zu verschwinden und in der Götterwelt wieder zu erscheinen. So etwas kann ich nicht glauben. Denn wie könnte wohl ein Mensch in dieser außerordentlichen Schnelligkeit so viele Hunderte von Meilen zurücklegen?"
Der Ordensältere sprach: "In welchem Lande, o König, bist du geboren?"
"Es gibt da ein Land zwischen zwei Flüssen, o Herr, mit Namen Alexandria. Dort bin ich geboren."
[Alexandria = Alasando nāma dīpo. - I.B. Horner, in ihrer englischen Übersetzung dieses Werkes ("Milinda’s Questions", London 1963) hat hier die folgende Anmerkung (Vol. 1. p. 114):
"Siehe Cambridge Hist. of India, I, 550 für diese Bedeutung von dvīpa (doab),
die hier zutrifft als ein Hinweis auf
"Wie weit, o König, ist es wohl von hier bis Alexandria?"
"Zweihundert Meilen, o Herr."
"Kannst du dich wohl, o König, an irgend etwas erinnern, das du dort getan hast?"
"Gewiß, o Herr, ich erinnere mich da eben gerade an etwas."
"Fürwahr, o König, gar schnell hast du die zweihundert Meilen zurückgelegt."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.5. Unmittelbarkeit der Wiedergeburt - 2.7.5. Dvinnaṃ lokuppannānaṃ samakabhāvapañho
Der König sprach: "Nehmen wir nun einmal an, ehrwürdiger Nāgasena, daß da einer nach seinem Abscheiden von hier in der Götterwelt wiedergeboren würde und ein anderer in Kaschmir. Wer würde da wohl später und wer früher an seinem Ziele anlangen?"
"Beide würden gleichzeitig anlangen, o König."
"Gib mir ein Gleichnis!"
"An welchem Orte bist du geboren, o König?"
"Es gibt da, o Herr, ein Dorf mit Namen Kalasi. Dort bin ich geboren."
"Wie weit, o König, ist es wohl von hier bis zum Dorfe Kalasi?"
"Zweihundert indische Meilen, o Herr."
"Wie weit aber, o König, ist es von hier bis Kaschmir?"
"Zwölf Meilen, o Herr."
"Nun, o König, so denke einmal an das Dorf Kalasi!"
"Gut, o Herr, ich denke eben daran."
"Und nun, o König, denke an Kaschmir!"
"Gut, ich habe es getan."
"Welchen Ort nun, o König, hast du in Gedanken schneller erreicht und welchen langsamer?"
"Gleich schnell, o Herr, habe ich an beide gedacht."
"Ebenso auch, o König, braucht ein jeder dieselbe Zeit um wiedergeboren zu werden, gleichviel ob er in der Götterwelt oder in Kaschmir wiedergeboren wird."
"Gib mir ein weiteres Gleichnis hierfür!"
"Nimm an, o König, zwei Vögel flögen durch die Luft. Und der eine von ihnen setzte sich auf einen hohen und der andere auf einen niedrigen Baum. Wenn nun beide zu ein und derselben Zeit sich setzen sollten, wessen Schatten würde da früher und wessen Schatten später auf den Boden fallen?"
"Beide Schatten, o Herr, würden ganz gleichzeitig auf den Boden fallen."
"Ebenso auch, o König, braucht ein jeder dieselbe Zeit um wiedergeboren zu werden, gleichviel ob er in der Götterwelt oder in Kaschmir wiedergeboren wird."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.6. Die Erleuchtungsglieder - 2.7.6. Bojjhaṅgapañho
Der König sprach: "Wieviel Erleuchtungsglieder (bojjhangā) gibt es, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Sieben, o König." (Diese sieben sind: Achtsamkeit, Wahrheitsergründung, Willenskraft, Verzückung, Ruhe, Sammlung und Gleichmut)
"Durch wieviel Erleuchtungsglieder aber, o Herr, kommt man zur Erleuchtung?"
"Durch ein einziges Erleuchtungsglied, o König, nämlich die Wahrheitsergründung."
"Aus welchem Grunde aber, o Herr, spricht man dann von sieben Erleuchtungsglieder?"
"Was meinst du, o König: könnte man wohl mit einem Schwerte, solange es noch in der Scheide steckt und man es nicht in die Hand nimmt, etwas zerschneiden?"
"Das nicht, o Herr."
"Ebenso aber auch, o König, ist es unmöglich, ohne das Erleuchtungsglied der Wahrheitsergründung - also bloß durch die übrigen sechs Erleuchtungsglieder - zur Erleuchtung zu kommen."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.7. Verdienst und Schuld - 2.7.7. Pāpapuññānaṃ appānappabhāvapañho
Der König sprach: "Was ist mehr, ehrwürdiger Nāgasena: Verdienst (puñña, dieser Begriff deckt sich im großen und ganzen mit kusala, karmisch heilsam, gut, moralisch) oder Schuld?" (apuñña, das Nicht-Verdienstvolle, Schlechte)
"Verdienst ist mehr, o König, Schuld ist geringer."
"Wieso?"
"Derjenige, o König, der eine Schuld begeht, fühlt Gewissensbisse darüber, daß er eine böse Tat begangen hat. Daher kann das Böse nicht weiter zunehmen. Wer aber etwas Verdienstvolles tut, o König, ist frei von Gewissensbissen. In einem aber, der keine Gewissensbisse hat, entsteht Freude, im Erfreuten die Verzückung, und das ganze Wesen des geistig Verzückten beruhigt sich; beruhigten Wesens aber empfindet er Glück, und des Glücklichen Geist sammelt sich; der Gesammelte aber erkennt die Dinge der Wirklichkeit gemäß. Aus diesem Grunde nimmt das Verdienst immer weiter zu.
Und wenn da zum Beispiel ein Mann mit verstümmelten Händen und Füßen, o König, auch nur eine einzige Hand voll Lotusblumen dem Erhabenen darreicht, so gerät er für einundneunzig Weltperioden nicht in die Hölle. Aus diesem Grunde, o König, behaupte ich eben, daß es mehr Verdienst gibt und weniger Schuld."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.8. Die größere Schuld - 2.7.8. Jānantājānantapāpakaraṇapañho
Der König sprach: "Wen, o Herr, trifft größere Schuld: denjenigen, der wissentlich eine böse Tat verübt, oder denjenigen, der, ohne es zu wissen, eine böse Tat verübt?"
"Denjenigen, o König, der, ohne es zu wissen, eine böse Tat verübt, trifft größere Schuld."
"Demnach müßten wir ja, o Herr, unsere Prinzen und Hofleute, die, ohne es zu wissen, eine böse Tat verüben, doppelt bestrafen!"
"Was meinst du, o König, wer sich da mehr verbrennen würde: derjenige, der mit Wissen eine glühendheiße, flammende und feurige Eisenkugel anfaßt, oder derjenige, der es ohne zu wissen tut?"
"Derjenige, o Herr, der es ohne zu wissen tut."
"Ebenso auch, o König, trifft denjenigen die größere Schuld, der, ohne es zu wissen, eine böse Tat verübt."
(Wer eine böse Tat begeht und sie als unheilvoll erkennt, wird eher von ihr ablassen als derjenige, der diese heilsame Erkenntnis nicht besitzt. Letzterer wird eben in seinem Wahne vielleicht noch lange Zeiten fortfahren, solch unheilvolle Tat auszuüben und auf solche Weise seine Schuld vergrößern, die er nach buddhistischer Auffassung eben durch Leiden abbüßen muß)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.9. Die Luft durchschweben - 2.7.9. Uttarakurukādigamanapañho
Der König sprach: "Gibt es wohl irgend jemanden, ehrwürdiger Nāgasena, der imstande wäre, mit dieser körperlichen Hülle nach Uttarakuru oder der Götterwelt oder nach irgend einem der anderen Weltteile zu schweben?"
"Gewiß gibt es welche, o König, die imstande sind, mit diesem aus den vier Elementen entstandenen Körper nach Uttarakuru oder der Götterwelt oder nach irgend einem der anderen Weltteile zu schweben."
"Wie ist wohl so etwas möglich, o Herr?"
"Erinnerst du dich vielleicht, o König, daß du wohl schon einmal ein oder zwei Fuß hoch über den Boden gesprungen bist?"
"Ja, o Herr, ich erinnere mich, daß ich sogar acht Fuß hoch über den Boden gesprungen bin."
"Wie aber konntest du so etwas fertig bringen?"
"Ich hatte den Gedanken gefaßt:
"Auf dieselbe Weise, o König, ist ein magiebegabter, geistesgewaltiger Mönch imstande, den Körper dem Geist gefügig zu machen und vermittelst der Geisteskraft durch die Lüfte zu schweben."
(Siehe Visuddhi-Magga XII; Iddhipāda-Samyutta, Sutta 22)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.10. Aufhebung des Atems - 2.7.10. Dīghaṭṭhipañho
Der König sprach: "Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß es möglich sei, Ein- und Ausatmung aufzuheben."
"Ja, o König, das kann man auch."
"Auf welche Weise aber bringt man das zustande, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Sage, König, du hast doch wohl schon irgend einen Menschen schnarchen hören?"
"Gewiß, o Herr."
"Wenn nun ein solcher, o König, sich mit dem Körper umdreht, hört da nicht wohl alsbald das Schnarchen auf?"
"Gewiß, o Herr."
"Wenn nun aber bei einem, o König, der sich in Hinsicht auf Körper, Sittlichkeit, Geist und Weisheit noch gar nicht geübt hat, schon infolge einer bloßen Körperdrehung jenes Geräusch aufhört, warum sollte denn da bei einem, der sich in diesen Dingen geübt hat, durch den Eintritt in die vierte Vertiefung nicht auch die Ein- und Ausatmung zur Aufhebung gelangen können?"
(Die zeitweilige Aufhebung des Atems vollzieht sich nämlich beim Eintritt in die vierte Vertiefung, jhāna)
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.11. Teilbarkeit - 2.7.11. Assāsapassāsanirodhapañho
Der König sprach "Kann man wohl, ehrwürdiger Nāgasena, das Allersubtilste teilen?"
"Freilich kann man das, o König."
"Was ist nun aber, o Herr, das Allersubtilste?"
"Der Dhamma (Gesetz, Lehre), o König, ist das Allersubtilste. Doch sind nicht etwa alle Dhammas (Erscheinungen, Dinge) subtil; die Dhammas werden entweder als subtil, oder als grob, bezeichnet. Alles aber, was irgendwie teilbar ist, kann nur durch die Weisheit geteilt werden; eine andere Teilung als durch Weisheit gibt es nicht."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.12. Bewußtsein, Weisheit und Seele
Der König sprach: "Sind, ehrwürdiger Nāgasena, diese Dinge, wie Bewußtsein, Weisheit und die Seele in einem Lebewesen, wirklich verschiedene Begriffe mit verschiedenem Inhalt, oder sind es bloß verschiedene Worte, die ein und dasselbe besagen?"
"Das Bewußtsein (viññāna), o Herr, besitzt das charakteristische Merkmal des Bewußtwerdens, die Weisheit (paññā) dasjenige des Erkennens, doch eine den Lebewesen innewohnende Seele gibt es überhaupt nicht."
"Wenn es aber keine Seele gibt, ehrwürdiger Nāgasena, wer ist es denn, der durch Auge, Ohr, Nase, Zunge, Tastorgan und Geist die Dinge wahrnimmt?"
Der Ordensältere sprach: "Wenn es wirklich eine Seele gäbe, die durch diese sechs Sinnestore die Dinge wahrnehmen könnte, müßte denn da, sobald die Sinnestore herausgenommen würden und sie gewissermaßen ihren Kopf herausstreckte, nicht wohl die Seele infolge des vollen Tageslichtes die Dinge besser wahrnehmen können?"
"Das ist allerdings unmöglich, o Herr."
"Folglich, o König, gibt es keine den Lebewesen innewohnende Seele."
"Klug bist du, ehrwürdiger Nāgasena!"
Mil. 3.4.13. Eine schwierige Aufgabe - 2.7.12. Samuddapañho
Der Ordensältere sprach: "Eine gar schwierige Aufgabe, o König, hat der Erhabene gelöst."
"Welche denn, ehrwürdiger Nāgasena?"
"Etwas Schwieriges, o König, wurde vom Erhabenen darin geleistet, daß er bei diesen unkörperlichen Vorgängen, nämlich dem Bewußtsein und den Bewußtseinsfaktoren, die mit einem einzigen Objekt auftreten, ihre Analyse darlegte: Dies ist Sinneneindruck, dies ist Gefühl, dies ist Wahrnehmung, dies ist Wille, dies ist Bewußtsein."
"Gib mir ein Gleichnis hierzu!"
"Nimm an, o König, ein Mann führe mit seinem Boote auf die hohe See hinaus, schöpfte dort mit der hohlen Hand etwas Wasser und kostete es. Würde da wohl, o König, jener Mann unterscheiden können, ob dieses Wasser aus dem Ganges stammt oder aus der Jumnā oder der Aciravatī oder der Sarabhū oder der Mahī?"
"Schwerlich würde er das können, o Herr."
"Eine aber noch viel schwierigere Aufgabe als diese, o König, hat der Erhabene gelöst, indem er bei diesen unkörperlichen Vorgängen, nämlich dem Bewußtsein und den Bewußtseinsfaktoren, die mit einem einzigen Objekt auftreten, ihre Analyse darlegte: Dies ist Sinneneindruck, dies ist Gefühl, dies ist Wahrnehmung, dies ist Wille, dies ist Bewußtsein."
"Ja, vortrefflich, o Herr!" stimmte da der König erfreut bei.
Mil. 3.4.14. Abschied
Der Ordensältere sprach: "Weißt du vielleicht, o König, welche Zeit wir eben haben?"
"Ja, o Herr, das weiß ich. Die erste Nachtwache ist nämlich gerade vorüber, und die mittlere Nachtwache hat begonnen. Denn die Fackeln werden eben angezündet, und der Befehl ist gegeben, die vier Fahnen zu hissen, und die Geschenke des Königs werden sogleich aus der Schatzkammer eintreffen."
Und die Griechen sprachen: "Ja, schlagfertig bist du, o König, und gar weise ist dieser Mönch!"
"Ja, weise ist der Ordensältere! Wo da ein solcher Lehrer ist und ein solcher Schüler wie ich, da mag ein Verständiger in gar kurzer Zeit die Wahrheit erfassen."
Und voll Freude über die Antworten die er von dem Ordensälteren Nāgasena auf seine Fragen erhalten hatte, beschenkte ihn der König mit einer wollenen Überdecke im Werte von hunderttausend Kahāpana-Münzen, indem er sprach: "Von heute ab, ehrwürdiger Nāgasena, will ich dich für achthundert Tage mit Almosenspeise versehen. Was es hier im Palaste an Gegenständen gibt, die dir als Mönch gestattet sind, davon lade ich dich ein auszuwählen"
"Lasse es bewenden, o König! Ich habe meinen Lebensunterhalt",
"Das weiß ich wohl, ehrwürdiger Nāgasena, daß du genug hast zum Leben. Doch solltest du sowohl dich als auch mich vor Unannehmlichkeiten bewahren, und zwar dich vor dem öffentlichen Gerüchte, daß du, obwohl du den König Milinda bekehrt hast, keinerlei Dankbezeugung erhalten hattest, mich aber vor dem öffentlichen Gerüchte, daß ich, obzwar ich bekehrt wurde, mich nicht erkenntlich gezeigt habe."
"Nun gut, o König, lasse es so geschehen."
"Gleich wie da etwa, o Herr, der Löwe, der König der Tiere, selbst wenn er in einem goldenen Käfig eingesperrt ist, stets seinen Blick (vorsichtig) nach außen gerichtet hält: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, trotzdem ich im Hause lebe, muß ich doch stets meinen Blick (vorsichtig) nach außen richten. Sollte ich aber, o Herr, von Hause fort in die Hauslosigkeit ziehen, so würde ich nicht mehr lange am Leben bleiben, denn meiner Feinde sind gar viele."
Mil. 3.4.15. Die Nacht nach der Diskussion
Darauf erhob sich der ehrwürdige Nāgasena, nachdem er die sämtlichen Fragen des Königs Milinda beantwortet hatte, von seinem Sitze und kehrte zum Kloster zurück. Nicht lange aber, nachdem der ehrwürdige Nāgasena gegangen war, dachte der König Milinda bei sich nach über die Fragen, die er gestellt, und die Antworten, die er von dem ehrwürdigen Nāgasena erhalten hatte. Und er kam alsbald zu dem Schluss, daß er sämtliche Fragen richtig gestellt, und daß der ehrwürdige Nāgasena sie alle richtig beantwortet hatte. Und auch der ehrwürdige Nāgasena machte, nachdem er ins Kloster zurückgekehrt war, dieselbe Erwägung. Und auch er kam zu demselben Schluss.
Nach Verlauf jener Nacht nun, in der Frühe, kleidete sich der ehrwürdige Nāgasena an und begab sich, mit Gewand und Almosenschale versehen, zum Palast des Königs Milinda. Dort angelangt setzte er sich auf dem angewiesenen Sitze nieder. Und der König Milinda begrüßte ehrfurchtsvoll den ehrwürdigen Nāgasena und setzte sich zur Seite nieder. Darauf sprach er zum ehrwürdigen Nāgasena:
"Möge der Ehrwürdige nicht denken, daß, wenn ich den Rest der Nacht nicht geschlafen habe, es etwa aus Freude darüber war, daß ich dem ehrwürdigen Nāgasena meine Fragen gestellt habe. Das sollst du nicht denken. Ich habe vielmehr den Rest der Nacht darüber nachgesonnen, welche Fragen von mir gestellt und welche Antworten von dem Ehrwürdigen gegeben wurden. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß ich sämtliche Fragen richtig gestellt und der Ehrwürdige sie alle richtig beantwortet hatte."
Und auch der Ordensältere sprach: "Mögest auch du nicht von mir denken, daß ich den Rest der Nacht in Freude darüber verbracht habe, daß ich deine sämtlichen Fragen beantwortet hatte. Das sollst du nicht denken, denn ich habe während des Restes der Nacht darüber nachgesonnen, welche Fragen du mir gestellt und welche Antworten ich gegeben hatte. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß du sämtliche Fragen richtig gestellt und ich sie alle richtig beantwortet hatte."
So freuten sich denn jene beiden großen Männer gegenseitig über ihre wohlgesprochenen Worte.
Teil 4 · Milindapañha 4.1.1–4.1.17
1. Kapitel
Ein Disputant und ein Sophist,
Von Einsicht und von Witz erfüllt,
Ging zum Asketen hin der Fürst,
Daß ihm Erkenntnis werd’ zuteil.
Und in seinem Schatten (in seiner Nähe) weilend
Stellt er ihm gar viele Fragen,
Bis zuletzt, gereift an Wissen,
Er des Dreikorbs (Tipitaka) Kenner ward.
Die Neunersatzung (sāsana) dacht er durch
Zur Nachtzeit, in der Einsamkeit,
Und fand manch schwieriges Problem,
Schwer lösbar, wie geeicht zum Streit.
Aussagen gibt es viererlei
In des Wahrheitsfürsten Satzung:
Die ausführlich oder knapp sind,
Den Sinn erklären oder nur den Kern erfassen. (*)
Ohne deren Sinn zu kennen
An den zweideutigen Stellen,
Möchte in zukünft’gen Zeiten
Streit darüber sich entspinnen.
Drum will dem Redner ich vertrauen,
Ihn lösen lassen die Probleme,
Damit nach seiner Weisung dann
Man sie erkläre künftighin.
(*) Die von der ersten Auflage abweichende Fassung dieses schwierigen Verses folgte dem in diesem Jahrhundert in Burma verfaßten Milinda-Kommentars des Ehrw. Mingun Jetava Sayadaw (Hamsavati Pitaka Press, Rangoon)
Als nun das Dunkel der Nacht gewichen war und der Morgen graute, wusch der König Milinda sein Haupt, hob darauf seine gefalteten Hände zur Stirne empor und gedachte der Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dann nahm er acht Observanzen auf sich, indem er sprach: "Von heute ab will ich sieben Tage lang in der Askese leben und die acht Observanzen befolgen. Darauf will ich dem Meister meine Aufwartung machen und ihn über zweischneidige Probleme befragen." Und der König zog seine beiden Alltagsgewänder aus, legte seinen Schmuck ab und kleidete sich in ein fahles Gewand. Den Kopf aber bedeckte er mit dem flachen Käppchen eines kahlhäuptigen Asketen. Darauf nahm er, wie ein Asket ausschauend, die acht Tugenden auf sich, indem er sprach: "Die nächsten sieben Tage darf ich kein Regierungsgeschäft unternehmen. Kein mit Gier verbundener Gedanke soll in mir aufsteigen, kein mit Haß verbundener Gedanke, kein mit Verblendung verbundener Gedanke. Desgleichen habe ich mich gegen meine Knechte und Arbeitsleute demütig zu erweisen. Körper und Wort habe ich zu bewachen, habe meine sechs Sinne vollkommen zu behüten, habe den Geist auf Erweckung der Allgüte (Mettā) zu richten."
Damit nahm er diese acht Tugenden auf sich, festigte sein Herz darin, und auf diese Weise, ohne sein Haus zu verlassen, verbrachte er volle sieben Tage. Am achten Tage aber nahm er bereits ganz in der Frühe, bei Tagesanbruch, sein Frühstück zu sich und begab sich darauf, mit gesenktem Blick, in Worten beherrscht, in seinen Körperhaltungen wohlbemessen, unzerstreuten Geistes, voll Freude, Begeisterung und Heiterkeit zum Ordensälteren Nāgasena. Und voller Ehrfurcht begrüßte er ihn, indem er mit dem Haupte seine Füße berührte. Darauf stellte er sich zur Seite hin und sprach:
"Ich habe da, ehrwürdiger Nāgasena, eine Sache mit dir zu besprechen Doch darf dabei kein Dritter zugegen sein. Im Walde oder an einsamer, abgeschiedener Stätte, die acht Eigenschaften besitzt und sich für Asketen eignet, da sollte dieses Problem vorgetragen werden. Auch darfst du mir dort nichts vorenthalten, nichts verheimlichen. Ich bin nun jetzt würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, alle Geheimnisse zu hören. Diese Tatsache ließe sich auch durch ein Gleichnis anschaulich machen. Gleichwie nämlich, ehrwürdiger Nāgasena, wenn man einen Schatz verbergen will, sich die Erde dazu am besten eignet, ihr denselben anzuvertrauen: ebenso auch, o Herr, bin ich nunmehr würdig, wenn wir in unsere edlen Diskussionen vertieft sein werden, die sämtlichen Geheimnisse zu hören."
Mil. 4.1.1. Zur Diskussion ungeeignete Plätze - Aṭṭhamantavināsakapuggalā
Der König begab sich daher zusammen mit seinem Meister an eine abgeschiedene Stelle im Walde und sprach: "Wer da eine Diskussion führen will, ehrwürdiger Nāgasena, der sollte acht Plätze meiden. Denn an solchen Plätzen mag kein verständiger Mensch eine Sache besprechen. Geschieht es aber dennoch, so gerät die Sache auseinander und führt zu nichts. Welches aber sind diese acht Plätze?
- Ein unebener Platz,
- ein Platz, der gefährlich ist
- oder zu windig
- oder versteckt
- oder den Göttern geweiht,
- eine Straße,
- eine Brücke und
- ein Badeplatz.
Diese acht Plätze sollten dabei gemieden werden."
"Welche Fehler besitzen denn derartige Plätze?" warf der Ordensältere ein.
"Auf unebenem Boden, ehrwürdiger Nāgasena, gerät die Diskussion auseinander, wird zerrissen, gestört, macht keinen Fortschritt.
In gefährlichen Plätzen ist der Geist aufgeregt und infolge der Aufregung bekommt man kein klares Bild.
- An einem windigen Platze kann man die Stimme nicht deutlich vernehmen.
- An einem versteckten Platze finden sich Lauscher ein.
- An einem den Göttern geweihten Platze wird die Sache leicht zu ernst genommen.
- Auf der Straße wird die Sache hinfällig,
- auf einer Brücke gerät sie gleichsam ins Schwanken, und
- an einem Badeplatze wird sie das Gemeingut aller.
Deshalb heißt es auch:
Sei’s Wind, Gefahr, Unebenheit,
Ein Heiligtum, sei s ein Versteck,
Ein Weg, ein Steg, ein Badeplatz:
Da meid man jede Diskussion."
Mil. 4.1.2. Zur Diskussion ungeeignete Menschen - Aṭṭhamantavināsakapuggalā
"Folgende acht Menschen, ehrwürdiger Nāgasena, bringen beim Diskutieren die besprochene Sache in Verwirrung. Welche acht? Derjenige, der einen begehrlichen oder gehässigen oder verblendeten oder dünkelhaften Charakter besitzt, der Habsüchtige, der Träge, der von einer fixen Idee Erfüllte und der Narr. Diese acht Menschen bringen den Gegenstand des Gespräches in Verwirrung."
"Worin besteht denn ihr Fehler?" fragte der Ordensältere.
"Der eine verdirbt die besprochene Sache infolge seiner Gier, der andere infolge seiner Gehässigkeit, der andere infolge seiner Verblendung, der andere infolge seines Dünkels, der andere infolge seiner Habsucht, der andere infolge seiner Trägheit, der andere infolge seiner fixen Idee, der andere infolge seiner Narrheit. Deshalb heißt es auch:
Der Mensch voll Gier, voll Haß und Wahn,
Voll Dünkel, Habsucht, Lässigkeit,
Der geistig Starre wie der Narr
Jedwede Diskussion verdirbt."
Mil. 4.1.3. Ausplauderer von Geheimnissen - Navaguyhamantavidhaṃsakaṃ
"Folgende neun Menschen gibt es, ehrwürdiger Nāgasena, die ein besprochenes Geheimnis verraten und nicht für sich behalten können. Und welche sind diese neun? Derjenige, der einen begehrlichen oder gehässigen oder verblendeten Charakter besitzt, der Feigling, der auf seinen Vorteil Bedachte, das Weib, der Trinker, der Eunuch und das Kind."
"Worin besteht denn deren Schwäche?" fragte der Ordensältere.
"Der eine verrät ein besprochenes Geheimnis aus Gier, der andere aus Gehässigkeit, der andere aus Verblendung, der andere aus Feigheit, der andere aus Gewinnsucht, das Weib aus mangelndem Verständnis (Obwohl betreffend des geistigen Fortschritts im Buddhismus den Frauen die gleichen Möglichkeiten wie den Männern zuerkannt werden, geben hier ’Die Fragen des Königs Milinda’ das zeitgenössische Verständnis der weiblichen Daseinsweise wieder. Zu jener Zeit erhielten die Frauen, mit wenigen Ausnahmen, eine minimale Erziehung, was einer abschätzigen Beurteilung Vorschub leistete), der Trinker in seiner Betrunkenheit, der Eunuch infolge seiner Zwiespältigkeit und das Kind in seiner Unstetigkeit. Deshalb heißt es auch:
Wer voller Gier und Haß und Wahn,
Ein Feigling ist, Gewinn erspäht,
Das Weib, der Trinker, der Eunuch,
Und dann als neuntes noch das Kind:
Neun Menschen sind dies in der Welt,
Die niedrig und zerfahren sind.
Durch die wird ein Geheimnis stets
Den Leuten allen bald bekannt!"
Mil. 4.1.4. Acht Fördernisse der Einsicht - Aṭṭha paññāpaṭilābhakāraṇaṃ
"Unter acht Umständen, ehrwürdiger Nāgasena, mag sich die Einsicht entfalten und Reife erlangen. Diese sind: die Altersreife, das Zunehmen an Ansehen, das Befragen, das Zusammenwohnen mit einem Meister, weise Erwägung, Zwiegespräch, Pflege der Freundschaft und der Aufenthalt an einem geeigneten Orte. Deshalb heißt es auch:
Alter, Anseh’n und Befragung,
Wie die Nähe eines Meisters,
Weiser Sinn, Gespräch und Freundschaft,
Und ein Wohnort, der sich eignet:
Dieses sind fürwahr acht Dinge,
Die die Einsicht lauter machen,
Denn wo immer sie sich finden,
Dort entfaltet sich die Einsicht!"
Mil. 4.1.5. Die Schülertugenden
"Diese Stätte nun, ehrwürdiger Nāgasena, ist frei von den acht für eine Diskussion störenden Umständen. Ich aber bin in aller Welt der beste Diskussionspartner. Ich kann ferner Geheimnisse für mich behalten, und ich werde auch solche zeitlebens hüten. Auch hat infolge der acht erwähnten Umstände meine Einsicht die nötige Reife erlangt. Schwerlich könnte man daher einen anderen Schüler finden, der mir gleich käme."
Mil. 4.1.6. Die Lehrertugenden - Ācariyaguṇaṃ
"Gegen einen Schüler aber, der sich richtig benimmt, hat der Meister sich in vollkommener Übereinstimmung mit den fünfundzwanzig Lehrertugenden zu benehmen. Und welche sind diese fünfundzwanzig Tugenden?
Der Meister, o Herr, soll den Schüler beständig und unablässig überwachen.
- Er soll wissen, was er zu tun und zu meiden hat, ob er träge oder fleißig ist, wann er zu schlafen hat, wann er krank ist, ob er Speise erhalten hat oder nicht, soll seine Eigenart kennen, soll das in der Almosenschale Erhaltene mit ihm teilen.
- Er soll ihn ermutigen und ihm sagen, daß er nichts zu befürchten habe und daß der Erfolg nicht ausbleiben werde.
- Er soll seinen Umgang kennen und wissen, mit wem er verkehrt, soll wissen, wie er sich in Dorf und Kloster zu benehmen hat, er soll sich auch mit ihm in keinerlei Scherze und Geplauder einlassen.
- Wenn er einen Fehler an ihm bemerkt, soll er Nachsicht üben.
- Er soll ihn gewissenhaft belehren, nichts übergehen, ihm nichts vorenthalten, alles vollständig mitteilen.
[In A.III.129, heißt es: "Drei Dinge, ihr Jünger, leuchten vor aller Welt, nicht im Geheimen: die Sonne, der Mond und die Lehre des Vollendeten." Esoterismus und Geheimnistuerei sind unvereinbar mit dem Geiste der für alle Wesen bestimmten Erlösungslehre des Erleuchteten.]
- Er soll gegen ihn eine väterliche Gesinnung hegen und denken, daß er ihn im Wissen gezeugt habe.
- Er soll die Absicht haben, ihn zu fördern und darüber nachdenken, was er zu tun habe, damit er nicht mehr zurückfalle.
- Er soll daran denken, ihn in der Schulung zu stärken, soll liebevolle Gesinnung gegen ihn hegen, ihn in der Not nicht im Stich lassen, seine Pflichten gegen ihn nicht vernachlässigen, und, wenn er fällt, soll er ihn durch die Lehre wieder aufrichten.
Dies, o Herr, sind die fünfundzwanzig Tugenden eines Lehrers. Und in Übereinstimmung mit eben diesen Tugenden mögest du mich recht behandeln. Zweifel sind mir da aufgestiegen, o Herr. In den Lehren des Siegreichen gibt es nämlich zweischneidige Probleme. Darüber möchte sich in späteren Zeiten Streit entspinnen, und Einsichtige deinesgleichen möchten dann wohl schwerlich zu finden sein. So verschaffe mir denn in diesen Fragen Klarheit, damit ich die Behauptungen der Gegner widerlegen kann."
Mil. 4.1.7. Die Tugenden eines Laienanhängers - Upāsakaguṇaṃ
"Gut", stimmte der Ordensältere bei und erklärte ihm sodann die zehn Tugenden eines Laienanhängers, indem er sprach: "Folgende zehn Tugenden eines Laienanhängers gibt es, o König. Welche zehn?
- Ein Laienanhänger, o König, teilt der Jüngerschaft Freuden und Leiden (Er nimmt tätigen Anteil an der Wohlfahrt des Klosters, mit dem er in Verbindung steht).
- Die Lehre nimmt er zum Führer (dhammādhipateyyo, er gibt der Lehre den Vorrang, sie ist das für ihn Bestimmende).
- Er findet Freude daran, nach Kräften Gaben zu verteilen.
- Bemerkt er einen Niedergang in der Lehre des Erhabenen, so strebt er nach ihrem erneuten Wachstum.
- Rechte Erkenntnis besitzt er.
- Er ist frei von Aberglauben (wie dem) an Vorzeichen und würde, selbst nicht für sein Leben, einen anderen Meister sich erwählen.
- Er beherrscht sich in Werken und Worten.
- Die Eintracht liebt er, an Eintracht findet er Freude.
- Keine Eifersucht kennt er, und führt nicht ein buddhistisches Leben in trügerischer, heuchlerischer Weise.
- Er hat seine Zuflucht genommen zum Erleuchteten, zur Lehre und zur Jüngerschaft (tiratana).
Dies, o König, sind die zehn Tugenden eines Laienanhängers. Und alle diese Tugenden sind in dir anzutreffen. Darum ist es richtig und in der Ordnung, dir angemessen und deine Pflicht, daß du, der du den Verfall der Lehre siehst, ihr erneutes Wachstum herbeisehnst. Ich gebe dir also die Erlaubnis, mir Fragen zu stellen, so viele du willst."
1. Kapitel - 1. Iddhibalavaggo
Mil. 4.1.8. Die Verehrung des Buddha - 4.1.1. Katādhikārasaphalapañho
Nachdem nun dem König diese Erlaubnis zuteil geworden war, fiel er seinem Meister zu Füßen und sprach, indem er seine zusammengelegten Hände zur Stirn erhob:
"Die Andersgläubigen, ehrwürdiger Nāgasena, behaupten da folgendes:
Dies ist ein zweischneidiges Problem und eine Aufgabe nicht etwa für einen geistig Unvollkommenen, sondern nur für große Männer. So zerreiße denn dieses Netz der Meinungen und werfe es beiseite. Ich habe dir nun dieses Problem gestellt. Schaffe also Klarheit für die künftigen Söhne des Siegers, damit sie die Behauptungen der Gegner widerlegen können!"
Der Ordensältere sprach: "Völlig erloschen, o König, ist der Erhabene, und nicht nach Verehrung verlangt er. Selbst damals, am Fuße des Bodhibaumes, war das Begehren in dem Vollendeten aufgehoben, geschweige denn, als er bereits in dem von jedem Daseinsrest freien Element der Erlösung völlig erloschen war. Auch der Ordensältere Sāriputta, der Heerführer der Lehre, hat gesagt:
Obgleich verehrt von Gott und Mensch,
Verlangen nicht nach Ruhm und Ehre
Die Unvergleichlichen der Welt,
Denn so ist aller Buddhas Brauch."
Der König sprach: "Ein Sohn mag wohl seinen Vater loben und ebenso der Vater seinen Sohn. Doch ist dies keineswegs ein Grund, die Aussagen anderer zu tadeln. Denn dies ist bloß der Ausdruck ihres Vertrauens. Gib mir also, bitte, eine wirkliche Begründung der Sache, zum Zweck, die eigene Lehre zu festigen und das Netz der Meinungen zu entwirren!"
Der Ordensältere sprach: "Trotzdem der Erhabene, o König, völlig erloschen ist und keine Verehrung verlangt, errichten dennoch Götter und Menschen Schreine zur Aufbewahrung seiner kostbaren Körperreste. Denn dadurch, daß sie, in der Vorstellung seines kostbaren Wissens, sich in vollkommenem Wandel üben, mögen sie der drei Segnungen - das ist der Erlösung, himmlischer Wiedergeburt oder der Wiedergeburt als Mensch - teilhaftig werden.
[Wenn auch dieserart Buddhaverehrung, mit richtigem innerlichem Verständnis ausgeübt, bisweilen heilsam auf das Innere eines Menschen einzuwirken vermag, so lehrt uns die Erfahrung jedoch, daß ein solcher Kult in der Praxis nur gar zu oft zu einem rein äußerlichen Bilderdienst herabsinkt und damit zu einer Fessel ("Hang an äußeren Sittenregeln und Riten") und Hemmung des geistigen Fortschrittes wird. Darum sagt auch der Erhabene noch kurz vor seinem Tode mit Hinsicht auf die äußerlichen Ehrenbezeigungen (Mahāparinibbāna-Sutta): "Aber nicht eben, Ānanda, insofern wird der Vollendete wertgehalten oder hochgeschätzt, geachtet oder geehrt und gefeiert. Wer da, Ānanda, als Mönch oder als Nonne, als Anhänger oder als Anhängerin, der Lehre lehrgemäß nachfolgend ausharrt, auf dem geraden Weg vorschreitend der Lehre gemäß wandelt: der wertet und schätzt, achtet und ehrt den Vollendeten mit der höchsten Ehre." Und: "Nicht sollt ihr, Ānanda, beschäftigt sein mit des Vollendeten Leichenfeier: laßt euch nur, lieber Ānanda, am eigenen Heile gelegen sein. usw." (Dīgha-Nikāya, 16)]
Nimm an, o König, es käme da ein großes, gewaltiges loderndes Feuer zum Verlöschen. Würde da wohl, o König, jenes Feuer noch nach Gras und Holz als Brennstoff verlangen?"
"Nein, nicht einmal wenn es brennt, würde es danach verlangen, geschweige denn, wenn es, ein empfindungsloser Gegenstand, erloschen und ausgegangen ist."
"Wenn nun aber, o König, dieses große, gewaltige Feuer erloschen und ausgegangen ist, ist dann wohl die Welt ohne Feuer?"
"Nein, o Herr. Das Holz bildet ja das Material und die Nahrung des Feuers. Wenn also die Menschen Feuer wünschen, so reiben sie zwei Hölzer zusammen und bringen vermittelst der jedem Menschen eigenen Kraft, Energie und Anstrengung Feuer hervor. Und jenes Feuers bedienen sie sich bei den Verrichtungen, zu denen sie es immer benötigen."
"Somit wäre also, o König, die Behauptung der Andersgläubigen verkehrt, daß die einem nicht danach Verlangenden dargebrachte Verehrung nichtig und ohne Ergebnis sei. Denn wie, o König, dies große, gewaltige Feuer aufleuchtet, so eben leuchtet in dem zehntausendfachen Weltsystem der Erleuchtete auf mit seiner Buddhaherrlichkeit. Und wie, o König, dies große, gewaltige Feuer, nachdem es aufgeleuchtet hat, wieder erlischt, so auch ist der Erhabene, nachdem er in dem zehntausendfachen Weltsystem mit seiner Buddhaherrlichkeit aufgeleuchtet hat, in dem von jedem Daseinsrest freien Element der Erlösung völlig erloschen. Und wie, o König, das erloschene Feuer nicht nach Stroh und Holz als Brennstoff verlangt, so auch ist in dem Wohltäter der Welt das Verlangen überwunden und gestillt. Gleichwie nun aber die Menschen, o König, wenn das Feuer erloschen und ohne Brennstoff ist, Hölzer Zusammenreiben und vermittelst der jedem Menschen eigenen Kraft, Energie und Anstrengung Feuer hervorbringen und sich jenes Feuers nach Bedürfnis bedienen: so auch mögen die Götter und Menschen, die einen Schrein zur Aufbewahrung der kostbaren Körperreste des völlig Erloschenen und von Verlangen freien Vollendeten errichten - eben dadurch, daß sie, in der Vorstellung des kostbaren Wissens, sich in vollkommenem Wandel üben - der drei Segnungen teilhaftig werden. Aus diesem Grund, o König, ist die dem Vollendeten dargebrachte Verehrung, trotzdem er völlig erloschen ist und nicht nach Verehrung verlangt, dennoch keineswegs fruchtlos und ohne Wert.
Aber auch noch einen weiteren Grund sollst du hierfür hören, o König. Wenn da, o König, ein mächtiger Wind wehen und plötzlich Windstille eintreten sollte, würde da wohl jener Wind, nachdem er sich einmal gelegt hat, noch danach verlangen, wieder von neuem zu entstehen?"
"Nein, o Herr. Für den Wind, der sich einmal gelegt hat, gibt es keine derartigen Gedanken und Erwägungen, denn das Windelement hat keinen Willen."
"Und wird wohl jener Wind, nachdem er einmal verschwunden ist, überhaupt noch als Wind wahrgenommen?"
"Das nicht, o Herr. Wohl aber läßt sich vermittelst eines Fächers von neuem Wind erzeugen. Wer also von Hitze bedrückt und gequält ist, kann vermittelst eines Fächers und der jedem Menschen eigenen Kraft, Energie und Anstrengung Wind erzeugen und damit seine Hitze abkühlen, seine Glut stillen."
"Demnach ist also auch, o König, die Behauptung der Andersgläubigen verkehrt, daß die einem nicht danach Verlangenden dargebrachte Verehrung nichtig und ohne Ergebnis sei. Denn gleichwie, o König, dieser mächtige Wind weht, so auch durchwehte der Erhabene die zehntausendfache Welt mit dem kühlenden, balsamischen, linden, sanften Winde seiner Güte (Mettā). Und wie, o König, nachdem dieser mächtige Wind geweht hat, Windstille eintritt, so auch ist der Erhabene, nachdem er mit dem kühlenden, balsamischen, linden, sanften Winde seiner Güte geweht hat, in dem von jeder Daseinsspur freien Element der Erlösung völlig erloschen. Und wie, o König, wenn einmal Windstille eingetreten ist, der Wind nicht danach verlangt, wieder von neuem zu entstehen, so auch ist in diesem Wohltäter der Welt jedwedes Verlangen erloschen und gestillt. Und wie, o König, die Menschen von der Hitze und Sonnenglut bedrückt sein mögen, so auch sind Götter und Menschen von der Hitze und Glut des dreifachen Feuers - der Gier, des Hasses und der Verblendung - gequält. Und wie der Fächer das Instrument bildet, um Wind zu erzeugen, so auch sind die Körperreste des Vollendeten, sowie sein kostbares Wissen, ein Mittel, der drei Segnungen teilhaftig zu werden. Und wie die von der Hitze bedrückten und gequälten Menschen vermittelst eines Fächers Wind erzeugen und die Hitze abkühlen und ihre Glut stillen, so auch bringen Götter und Menschen dadurch, daß sie die Körperreste und das kostbare Wissen des Vollendeten verehren - trotzdem er völlig erloschen und ohne Verlangen ist - dennoch die heilsamen Eigenschaften zum Entstehen. Und vermittelst eben jener heilsamen Eigenschaften kühlen und lindern sie die Hitze und Glut des dreifachen Feuers. Auch aus diesem Grund, o König, ist die dem Vollendeten dargebrachte Verehrung, trotzdem er völlig erloschen ist und nicht nach Verehrung verlangt, dennoch keineswegs fruchtlos und ohne Wert.
Aber auch noch einen weiteren Grund sollst du hören, o König. Wenn da, o König, ein Mann durch Anschlagen einer Trommel einen Schall erzeugt hat und jener verhallt ist, wird da jener Schall danach verlangen, wieder von neuem zu entstehen?"
"Nicht doch, o Herr. Verhallt ist ja jener Schall. Und für jenen Schall gibt es keine derartigen Gedanken und Erwägungen. Einmal entstanden und verhallt, ist eben jener Trommelschall für immer verschwunden. Die Trommel aber, o Herr, ist das Instrument um den Schall zu erzeugen, und der Mensch kann, wenn er will, dies erreichen, indem er vermittelst seiner eigenen Kraft die Trommel anschlägt."
"Ebenso auch, o König, hat der Erhabene dieses wegen seiner Sittlichkeit, Geistessammlung, Weisheit,(siehe magga) Erlösung und Erkenntnisblick der Erlösung so wertvoll gewordene Kleinod seiner Körperreste hinterlassen, und desgleichen die Lehre, Zucht und Unterweisung als unseren Meister; er selber aber ist in dem von jedem Daseinsrest freien Element der Erlösung völlig erloschen. Doch ist einem damit noch keineswegs der Zugang zu den drei Segnungen abgeschnitten. Denn die vom Elend des Daseins bedrückten, nach den drei Segnungen verlangenden Wesen, die das Kleinod seiner Körperreste, sowie die Lehre, Zucht und Unterweisung als Hilfsmittel nehmen, können dadurch der drei Segnungen teilhaftig werden. Auch aus diesem Grund, o König, ist, trotzdem der Vollendete völlig erloschen ist und nicht nach Verehrung verlangt, dennoch die ihm dargebrachte Verehrung keineswegs fruchtlos und ohne Ergebnis.
Auch der Erhabene, o König, hat die Zukunft vorausgeschaut und besprochen,
erklärt und mitgeteilt, wenn er sagt: - Aber auch noch einen ferneren Grund, o König, sollst du hören, weshalb die
dem Vollendeten dargebrachte Verehrung, trotzdem dieser erloschen ist und nicht
danach verlangt, dennoch keineswegs fruchtlos und ohne Zweck ist. Verlangt wohl
diese mächtige Erde danach, daß all diese Keime auf ihr wachsen sollen?" "Nicht doch, o Herr." "Warum aber wachsen sie denn auf der Erde, wenn diese doch gar nicht danach
verlangt, fassen feste Wurzel und entfalten sich zu stämmigen Bäumen mit Ästen
und Zweigen und bringen Blüten und Früchte hervor?" "Wenn auch die Erde nicht danach verlangt, o Herr, so bildet sie doch die
Grundlage für jene Keime und bietet die Möglichkeit zu ihrem Wachstum. Und auf
jene Grundlage gestützt, infolge jener Bedingung, wachsen die Keime, fassen
feste Wurzel und entfalten sich zu stämmigen Bäumen mit Ästen und Zweigen und
bringen Blüten und Früchte hervor." "So geben denn, o König, die Andersgläubigen durch ihre eigenen Worte sich
verloren, geschlagen und besiegt, wenn sie sagen, daß die einem nicht danach
Verlangenden dargebrachte Verehrung nichtig und ohne Ergebnis sei. Mit dieser
großen Erde nämlich, o König, ist der Vollendete zu vergleichen, der Heilige,
Vollkommen-Erleuchtete. Denn gleichwie diese große Erde nach nichts verlangt, so
auch ist in dem Vollendeten jegliches Verlangen überwunden. Und wie, o König,
jene Keime in Abhängigkeit von der Erde wachsen, feste Wurzel fassen und sich zu
stämmigen Bäumen mit Ästen und Zweigen entfalten und Blüten und Früchte
hervorbringen: so auch mögen - bedingt durch die Körperreste und das glorreiche
Wissen des völlig Erloschenen und von Verlangen freien Vollendeten - die Götter
und Menschen im Guten feste Wurzel fassen, den Stamm der Sammlung, den Kern der
Wahrheit und die Zweige der Sittlichkeit entfalten und die Blüten der Erlösung,
die Fruchte der Asketenschaft hervorbringen. Auch aus diesem Grund, o König,
ist, trotzdem der Vollendete völlig erloschen ist und nicht nach Verehrung
verlangt, dennoch die ihm dargebrachte Verehrung keineswegs fruchtlos und ohne
Wert. Noch einen anderen Grund, o König, sollst du hierfür hören. Verlangen wohl, o
König, die Kamele, Ochsen, Esel, Schafe, Ziegen oder gar die Menschen danach,
daß Würmer in ihren Leibern entstehen sollen? "Das freilich nicht, o Herrn." "Wie kommt es denn aber, o König, daß, trotzdem sie nicht danach verlangen,
dennoch Würmer in ihren Leibern entstehen, die durch ihre zahlreichen Jungen und
wiederum deren Jungen eine solche starke Vermehrung erreichen?" "Kraft ihres schlechten Wirkens, o Herr." "Ebenso auch, o König, ist kraft der Körperreste und der Vorstellung des
Wissens des Vollendeten - trotzdem er völlig erloschen ist und nicht nach
Verehrung verlangt - dennoch die ihm dargebrachte Verehrung keineswegs ohne
Zweck und Nutzen. Noch einen anderen Grund sollst du hören, o König. Haben wohl die Menschen
Verlangen danach, daß diese achtundneunzig verschiedenen Krankheiten in ihren
Körpern entstehen sollen?" "Das freilich nicht, o Herr." "Wie kommt es denn aber, o König, daß sie dennoch entstehen?" "Infolge ihres schlechten Wirkens, o Herr." "Wenn nun aber, o König, das frühere schlechte Wirken (kamma) hier wieder
fühlbar wird, so ist doch sowohl die früher begangene als auch die gegenwärtig
begangene gute, ebenso wie die böse Tat, keineswegs ohne Furcht und Wirkung (vipāka).
Auch aus diesem Grund, o König, ist - trotzdem der Vollendete völlig erloschen
ist und nicht nach Verehrung verlangt - dennoch die ihm dargebrachte Verehrung
keineswegs fruchtlos und ohne Zweck. Hast du wohl schon gehört, o König, daß einst ein Gespenst namens Nandaka,
dafür, daß es dem Ordensälteren Sāriputta einen Schlag gab, von der Erde
verschlungen wurde?" "Gewiß, o Herr. Davon hört man. Es ist in der Welt bekannt." "Hatte nun wohl aber, o König, der Ordensältere Sāriputta das Verlangen, daß
Nandaka, das Gespenst, von der Erde verschlungen werden sollte?" "Nein, o Herr. Nicht einmal, wenn die Welt samt den Göttern zerstört, Sonne
und Mond zur Erde herabstürzen oder der Meru, der König der Berge zerschmettert
werden sollte - selbst nicht einmal aus diesem Grund würde der Ordensältere
Sāriputta einem anderen Leiden wünschen. Und warum nicht? Weil eben die zum
Aufsteigen von Zorn und Ärger nötige Vorbedingung in dem Ordensälteren Sāriputta
zerstört und vernichtet ist. Aus diesem Grund könnte er nicht einmal gegen
denjenigen, der ihm nach dem Leben trachtet, Groll empfinden. Wenn nun aber, o
König, der Ordensältere Sāriputta nicht danach verlangt hatte, daß Nandaka, das
Gespenst, von der Erde verschlungen werden sollte, aus welchem Grunde konnte es
da dennoch geschehen?" "Kraft seiner bösen Tat, o Herr." "Wenn dem aber so ist, o König, so ist eben das einem Menschen zugefügte
Unrecht, selbst wenn jener keine Bestrafung verlangt, dennoch keineswegs ohne
Folge und Wirkung. Ebenso auch, o König, ist kraft des guten Wirkens die einem
Menschen dargebrachte Verehrung, auch wenn derselbe nicht danach verlangt,
dennoch keineswegs ohne Zweck und Nutzen. Auch aus diesem Grund, o König, ist -
trotzdem der Vollendete völlig erloschen ist und nicht nach Verehrung verlangt,
dennoch die ihm dargebrachte Verehrung keineswegs fruchtlos und ohne Zweck. Nun, wieviele Menschen sind es denn eigentlich, o König,
die von der Erde verschlungen wurden? Ist dir wohl etwas darüber bekannt?" "Gewiß, o Herr, ich habe davon gehört." "Nun gut, so lasse es mich wissen!" "Es sind Ciñcā, das Brahmanenweib, o Herr, der Sakyer Suppabuddha, der
Ordensältere Devadatta, Nandaka das Gespenst und der Brahmane Nanda. Von diesen
fünf Personen habe ich gehört, daß sie die Erde verschlungen habe." "Gegen wen hatten sich aber diese vergangen, o König?" "Gegen den Erhabenen, o Herr, und seine Jünger." "Haben nun aber wohl, o König, der Erhabene oder seine Jünger danach
verlangt, daß die Erde sie verschlingen solle?" "Gewiß nicht, o Herr." "Somit also, o König, ist - trotzdem der Vollendete völlig erloschen ist und
nicht nach Verehrung verlangt - dennoch die ihm dargebrachte Verehrung
keineswegs fruchtlos und ohne Ergebnis." "Vortrefflich erklärt und enthüllt, o Herr, hast du dieses tiefsinnige
Problem. Das Verborgene hast du aufgedeckt, den Knoten gelöst, das Dickicht
gelichtet, die Behauptungen der anderen zunichte gemacht, die verkehrten
Ansichten zerschmettert. Diese Verkehrtgläubigen aber haben ihren Glanz verloren
gegenüber dir, dem besten der Lehrer, den man finden kann." (Originaltext und
Übersetzung dieser letzten Phrase sind unsicher.)
1. Kapitel
Mil. 4.1.9. Buddhas Allwissenheit - 4.1.2. Sabbaññubhāvapañho
"War wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Erleuchtete allwissend?"
"Ja, o König, der Erleuchtete war allwissend. Zwar hatte er nicht etwa stets und ständig den Erkenntnisblick gegenwärtig. Die allwissende Erkenntnis des Erhabenen war nämlich von seiner geistigen Hinwendung abhängig. Wenn er aber seinen Geist auf etwas hinwendete, konnte er erkennen, was immer er erkennen wollte."
"Wenn dem Erleuchteten, o Herr, diese allwissende Erkenntnis bloß beim Nachforschen zuteil wurde, so war er doch gar nicht allwissend."
"Sage das nicht, o König. Es sind da zum Beispiel hundert Fuhren Reis da, mit je sieben und einem halben Ammana-Maß und noch zwei Tunda-Maßen. Wenn nun jemandem in einem Augenblick der Gedanke kommt festzustellen, wie viele hunderttausend Reiskörner es in diesen Fuhren gibt, so könnte er kaum damit zu Ende kommen."
"Es gibt da, o König, folgende sieben Geistesarten. Die da, o König, voll von Gier, Haß, Verblendung und Leidenschaften sind, ohne Kontrolle über ihren Körper, ungeübt in Geistigkeit und ungeübt in Weisheit, deren Geist ist schwerfällig und langsam, und zwar eben weil ihr Geist ungeübt ist. Wenn man da zum Beispiel, o König, ein dickes, großes, umfangreiches Bambusgebüsch fortziehen wollte, dessen Zweige dicht ineinander verwickelt und verschlungen sind, so möchte sich dasselbe - eben infolge der ineinander verwickelten und verschlungenen Zweige - nur schwer und langsam von der Stelle fortbewegen. Genau so schwerfällig und langsam aber, o König, ist der Geist jener Menschen, da derselbe eben in Leidenschaften verstrickt und verwickelt ist. Dies nun gilt als die erste Geistesart.
Die zweite Geistesart aber zeigt folgenden Unterschied. Die da, o König, in den Strom eingetreten (samyojanā) und der Wiedergeburt in niederer Welt entronnen sind, die Erkenntnis errungen haben und Verständnis besitzen für des Meisters Lehre, deren Geist tritt in Hinsicht auf drei Dinge leicht auf und geht leicht weiter, in den höheren Gebieten aber ist er schwerfällig und langsam. Und warum? Eben weil ihr Geist in drei Dingen geläutert, von den anderen Trübungen (kilesa) aber noch nicht befreit ist (Man möchte geneigt sein zu glauben, daß hier die drei vom Stromeingetretenen überwundenen Fesseln gemeint seien, wenn nicht der folgende Text dieser Annahme widerspräche). Wenn man da ein Bambusrohr, o König, das bis zum dritten Knoten hinauf gereinigt, darüber hinaus aber noch mit Zweigen verwachsen ist, fortzieht, so bewegt dasselbe sich wohl bis zum dritten Knoten ungehindert von der Stelle, darüber hinaus aber wird es gehemmt. Und warum? Eben weil es unterhalb gereinigt, darüber hinaus aber noch mit Zweigen verstrüppt ist. Ebenso auch, o König, tritt der Geist der in den Strom Eingetretenen in Hinsicht auf drei Dinge leicht auf und geht leicht weiter, in den höheren Gebieten aber ist er schwerfällig und langsam, da derselbe eben in diesen drei Dingen geläutert, von den anderen Leidenschaften aber noch nicht befreit ist. Dies nun gilt als die zweite Geistesart.
Die dritte Geistesart aber zeigt folgenden Unterschied. Die da, o König, Einmal Wiederkehrende sind, bei denen Gier, Haß und Verblendung sich vermindert haben, deren Geist tritt in Hinsicht auf fünf Dinge leicht auf und geht leicht weiter, in den höheren Gebieten aber ist er schwerfällig und langsam.
[Es können unmöglich die in der vorigen Anmerkung genannten zehn Fesseln sein, worauf sich obiger Text bezieht, denn der Einmal-Wiederkehrende ist von den fünf ersten Fesseln noch keineswegs vollkommen geläutert. Auch ist im folgenden von mehr als zehn Leidenschaften die Rede. Diese Stelle bezieht sich offenbar auf eine im Palikanon nicht vorkommende Klassifikation.]
Und warum? Eben weil derselbe in fünf Dingen geläutert, von den anderen Leidenschaften aber noch nicht befreit ist. Wenn man da ein Bambusrohr, o König, das bis zum fünften Knoten hinauf gereinigt, darüber hinaus aber noch mit Zweigen verwachsen ist, fortzieht, so bewegt sich dasselbe wohl bis zum fünften Knoten ungehindert von der Stelle, darüber hinaus aber wird es gehemmt. Und warum? Eben weil es unterhalb gereinigt, darüber hinaus aber noch mit Zweigen verstrüppt ist. Ebenso auch, o König, tritt der Geist dieser Menschen in Hinsicht auf fünf Dinge leicht auf und geht leicht weiter, in den höheren Gebieten aber ist er schwerfällig und langsam, da derselbe eben in diesen fünf Dingen geläutert, von den anderen Leidenschaften aber noch nicht befreit ist. Dies nun gilt als die dritte Geistesart.
Die vierte Geistesart aber zeigt folgenden Unterschied. Die da, o König, befreit von den fünf niederen Fesseln, nicht mehr (in die Sinnenwelt) wiederkehren, deren Geist ist in Hinsicht auf zehn Dinge geweckt und leicht beweglich, in den höheren Gebieten aber schwerfällig und langsam. Und warum? Eben weil derselbe in zehn Dingen geläutert, von den höheren Leidenschaften aber noch nicht befreit ist. Wenn man da ein Bambusrohr, o König, das bis zum zehnten Knoten hinauf gereinigt, darüber hinaus aber noch mit Zweigen verwachsen ist, fortzieht, so bewegt sich dasselbe wohl bis zum zehnten Knoten ungehindert von der Stelle, darüber hinaus aber wird es gehemmt. Und warum? Eben weil es unterhalb gereinigt, darüber hinaus aber noch mit Zweigen verstrüppt ist. Ebenso auch, o König, tritt der Geist dieser Menschen in Hinsicht auf zehn Dinge leicht auf und geht leicht weiter, in den höheren Gebieten aber ist er schwerfällig und langsam, da derselbe eben in diesen zehn Dingen geläutert, von den anderen Leidenschaften aber noch nicht befreit ist. Dies nun gilt als die vierte Geistesart.
Die fünfte Geistesart aber zeigt folgenden Unterschied. Die da, o König, Vollkommen-Heilige sind, die Triebbefreiten (āsava), von den Schlacken geläutert, befreit vom Schmutze der Leidenschaften, die ihr Lebensziel vollbracht, ihr Werk vollendet haben, die Last von sich geworfen und ihr Heil errungen haben, befreit von der Daseinsfessel, im Besitze der Analytischen Wissen, (Patisambhidā) auf den Gebieten der Jünger geläutert, deren Geist tritt auf dem Gebiete der Jünger leicht auf und geht leicht weiter, auf den Gebieten eines Einzelerleuchteten (pacceka-buddha) aber ist er schwerfällig und langsam. Und warum? Eben weil ihr Geist auf dem Gebiete der Jünger geläutert, auf dem Gebiete eines Einzelerleuchteten aber nicht geläutert ist. Gleichwie, o König, wenn man da ein von allen Knoten gereinigtes Bambusrohr fortzieht, sich dasselbe leicht und schnell von der Stelle bewegt - eben weil es von allen Knoten gereinigt ist und nicht hängen bleibt -: ebenso auch, o König, tritt der Geist dieser Menschen auf dem Gebiete der Jünger leicht auf und geht leicht weiter, auf dem Gebiete eines Einzelerleuchteten aber ist er schwerfällig und langsam, da derselbe eben auf ihrem eigenen Gebiete geläutert, auf dem Gebiete eines Erleuchteten aber nicht geläutert ist. Dies nun gilt als die fünfte Geistesart.
Die sechste Geistesart aber zeigt folgenden Unterschied. Die da, o König, Einzelerleuchtete sind, aus sich selber Gewordene, ohne Führung, allein wandernd wie das Nashorn, lauter und unbefleckten Geistes, deren Geist tritt auf ihrem eigenen Gebiete leicht auf und geht leicht weiter, auf dem Gebiete eines allwissenden Buddha aber ist er schwerfällig und langsam. Und warum? Eben weil ihr Geist auf ihrem eigenen Gebiete geläutert, das Gebiet eines allwissenden Buddha aber zu gewaltig ist. Es möchte da wohl jemand ein auf seinem eigenen Grundstücke befindliches kleines Flüßchen, wenn immer er will, sei’s bei Tag oder Nacht, ohne jede Furcht durchschreiten. Beim Anblicke des Weltmeeres aber, des tiefen, weiten, unergründlichen, uferlosen, möchte er sich doch fürchten und zögern und nicht wagen, hineinzugehen. Und warum dies? Weil er zwar sein eigenes Gebiet genau kennt, das Weltmeer aber zu gewaltig ist. Ebenso auch, o König, tritt der Geist dieser Menschen auf ihrem eigenen Gebiete leicht auf und geht leicht weiter, auf dem Gebiete eines allwissenden Buddha aber ist er schwerfällig und langsam. Denn auf ihrem eigenen Gebiete ist ihr Geist zwar geläutert, das Gebiet der allwissenden Buddhas aber ist zu gewaltig für sie. Dies nun gilt als die sechste Geistesart.
Die siebente Geistesart aber zeigt folgenden Unterschied. Die da, o König, Allerleuchtete sind, Allwissende, im Besitze der zehn Kräfte (dasa bala), in vierfachem Vertrauen (A.IV.7) erstarkt, mit den achtzehn Buddha-Eigenschaften (Dies sind die achtzehn speziellen Eigenschaften, avenika, eines Buddha, die nur in der Kommentarliteratur genannt werden) ausgerüstet, unbegrenzte Sieger, von unbeschränkter Erkenntnis, deren Geist tritt auf allen Gebieten leicht auf und geht leicht weiter, da sie eben auf allen Gebieten geläutert sind. Nimm an, o König, man hätte da einen Pfeil, der gut poliert wäre, frei von Rost, ohne irgend eine Unebenheit, mit einer scharfen Spitze versehen, kerzengerade, ohne Biegung, ohne Krümmung. Und ein kräftiger Bogenschütze schösse diesen Pfeil vermittelst eines straff gespannten Bogens durch weiche Leinwand oder Baumwolle oder durch eine Wolldecke hindurch. Würde da dieser Pfeil etwa langsam fliegen oder gar stecken bleiben?"
"Nein, o Herr. Der Stoff ist ja weich, der Pfeil geglättet, und der Bogenschütze ist ein kräftiger Mann."
"Ebenso auch, o König, tritt der Geist jener Menschen auf allen Gebieten leicht auf und geht leicht weiter, da derselbe eben auf allen Gebieten geläutert ist. Dies nun gilt als die siebente Geistesart.
Der Geist der allwissenden Buddhas, o König, ragt weit über den Wert der anderen sechs Geistesarten hinaus und ist in unermeßlichem Grade lauter und leicht beweglich. Und eben weil des Erhabenen Geist so lauter und leicht beweglich ist, darum bringt der Erhabene das doppelte Wunder zustande (das doppelte Wunder besteht darin, daß der Buddha zwei verschiedene magische Wirkungen so schnell hintereinander, sich beständig abwechselnd, zu erzeugen imstande war, so daß beide als ein einziges erschienen. Erwähnt in Patisambhidā-Magga I.) An dem doppelten Wunder aber, o König, läßt sich erkennen, wie der Geist des Erhabenen, des Erleuchteten, so leicht beweglich ist. Nicht kann man hierfür eine weiter reichende Begründung nennen. Jene durch den Geist der allwissenden Buddhas bedingten Wunder aber, o König, können weder gezählt noch berechnet noch eingeteilt noch zerlegt werden. Wenn auch, o König, die allwissende Erkenntnis des Erhabenen an die Hinwendung seines Geistes gebunden ist, so kann er doch durch solche Hinwendung erkennen, was immer er erkennen will. Und dies vollzieht sich schneller, als man imstande ist, etwas, das man in der Hand hält, einem anderen zu überreichen, oder mit dem bereits geöffneten Munde ein Wort auszusprechen, oder die bereits im Munde befindliche Speise hinunterzuschlucken, oder seine geöffneten Augen zu schließen, oder seine geschlossenen Augen wieder zu öffnen, oder den gebeugten Arm zu strecken, oder den gestreckten Arm wieder zu beugen. Sobald sich eben der Erhabene einer Sache zuwendet, kann er erkennen, was immer er erkennen will. Ja, und wenn auch die Erleuchteten einmal ohne (bestimmte) Hinwendung sind, so fehlt es ihnen dennoch keineswegs, etwa aus diesem Grunde, an Allwissenheit."
"Überzeuge mich denn durch ein Beispiel, ehrwürdiger Nāgasena, wieso das Hinwenden erforderlich ist, um eine Sache zu ergründen!"
"Nimm an, o König, es lebte da ein reicher, wohlhabender, hochbegüterter Mann. Der hätte Überfluß an Gold und Silber, Geld und Gütern, an Getreide und Gemüse, an verschiedenartigem Reis, an Gerste, Sesam und Bohnen, an Butteröl, Öl, Butter, Milch, Dickmilch, Honig, Zucker und Sirup und alle diese Nahrungsmittel wären in Töpfen, Krügen und anderen Arten von Behältern und Gefäßen aufbewahrt. Gesetzt nun, o König, es käme da ein Gast zu jenem Manne, einer, der die Gastfreundschaft verdient und ein Mahl erwartet. Weil aber im Hause keine gekochte Speise mehr da ist, nähme man aus einem Topfe rohen Reis heraus, um für ihn ein Mahl herzurichten. Könnte man da wohl, o König, jenen Mann schon wegen dieses bloßen Nichtvorhandenseins gekochter Speise als arm und elend bezeichnen?"
"Gewiß nicht, o Herr. Denn selbst im Hause eines Weltherrschers fehlt es außer der Zeit an gekochter Speise, geschweige denn im Hause eines Bürgers."
"Genau so aber, o König, steht es mit der Allwissenheit des Vollendeten, solange er sich nicht geistig hinwendet. Durch Hinwendung aber kann er erkennen, was immer er erkennen will. Angenommen, o König, es befände sich da ein fruchttragender Baum, dessen Zweige von der Last der dicht hängenden Früchte beschwert, hier und dort niedergedrückt wären. Es läge aber noch keine einzige abgefallene Frucht am Boden. Könnte man da wohl, o König, schon wegen dieses bloßen Nichtvorhandenseins von gefallenen Früchten sagen, daß der Baum keine Früchte trage?"
"Das nicht, o Herr. Denn jenes Fallobst ist ja bedingt durch das Herabfallen der Früchte. Wenn sie erst einmal herabfallen, dann kann man so viele haben wie man will."
"Ebenso auch, o König, ist die allwissende Erkenntnis des Vollendeten von seiner Hinwendung abhängig. Durch Hinwendung aber kann er erkennen, was immer er erkennen will."
"Erkennt nun aber wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Erleuchtete immer nur eine Sache durch Hinwendung?"
"Ja, o König. Es ist hiermit wie mit dem glorreichen Rade des Weltherrschers (das Rad des Weltherrschers ist ein mythologisches Herrschaftssymbol; siehe D.26. Im Buddhismus ist das Rad das Symbol der Lehrverkündung.) Sobald dieser nämlich an das Rad denkt und wünscht, daß es ihm erscheine, in demselben Augenblicke erscheint es ihm eben. Ebenso auch, o König, kann der Vollendete durch fortgesetzte Hinwendung erkennen, was immer er erkennen will."
Das sind triftige Gründe, ehrwürdiger Nāgasena, für die Allwissenheit des Erleuchteten, und auch ich bin davon überzeugt, daß der Erleuchtete allwissend war."
1. Kapitel
Mil. 4.1.10. Devadattas Mönchsweihe - 4.1.3. Devadattapabbajjapañho
"Von wem, ehrwürdiger Nāgasena, wurde Devadatta in den Orden aufgenommen?"
Die sechs adeligen Söhne: Bhaddiya, Anuruddha, Ananda, Bhagu, Kimbila, Devadatta und als siebenter Upāli, der Barbier, sie alle entsagten, als der Meister die völlige Erleuchtung erreicht hatte, dem Geschlechte der Sakyer, um dem Erhabenen, der ihre Begeisterung erweckte, nachzufolgen in die Hauslosigkeit. Und sie alle wurden von dem Erhabenen in den Orden aufgenommen."
"Hat denn nicht aber Devadatta, o Herr, nachdem er in den Orden aufgenommen war, in der Jüngerschaft Zwiespalt gestiftet?"
"Ja, o König, das hat er getan, und zwar nachdem er im Orden aufgenommen war. Denn weder Laienanhänger noch Nonnen, noch Lernende, noch männliche oder weibliche Novizen sind imstande, in der Jüngergemeinde Zwiespalt zu stiften. Das kann nur ein Mönch tun, der selber noch im Besitze seiner Mönchswürde ist und mit seinesgleichen zusammenlebt, mit den anderen in ein und demselben Bezirke wohnt."
"Und was für ein Los (kamma, "was für ein Wirken hat es betätigt ..."), o Herr, trifft denjenigen, der in der Jüngergemeinde Zwiespalt stiftet?"
"Ein Los, das für eine Weltperiode andauert."
"So wußte wohl der Erleuchtete, daß Devadatta, nach Aufnahme im Orden, in der Jüngergemeinde Zwiespalt stiften und dafür eine Weltperiode in der Hölle schmachten würde?"
"Ja, o König. Der Vollendete wußte das."
"Wenn dies der Erleuchtete wirklich wußte, o Herr, so ist es doch falsch zu behaupten, daß er voll Mitleid, Güte und Wohlwollen war, und daß er von allen Wesen das Übel abhielt und sie mit dem Heilsamen versah. Wenn dagegen der Erleuchtete dies nicht wußte, war er eben nicht allwissend. Dies ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle. Entwirre es denn, dieses gewaltige Dickicht! Zerbrich der anderen Behauptungen in Stücke! Denn in künftiger Zeit werden solche einsichtsvollen Mönche, wie du, schwerlich zu finden sein. So zeige denn hier deine Fähigkeit!"
"Der Erhabene, o König, war sowohl voll Mitleid als auch allwissend. Als
nämlich der Erhabene in seinem Mitleid und seiner allwissenden Erkenntnis über
den Ausgang Devadattas nachsann, erkannte er, daß Devadatta, durch Anhäufung
höllischer Taten, während vieler hunderttausend Weltperioden von Hölle zu Hölle,
von Abgrund zu Abgrund, würde zu eilen haben. Und in seiner allwissenden
Erkenntnis wußte er:
"Somit, ehrwürdiger Nāgasena, schlägt der Buddha dem Menschen erst eine Wunde, und dann reibt er diese Wunde mit Öl ein; erst stürzt er ihn in den Abgrund, und dann reicht er ihm wieder die Hand; erst tötet er ihn, und dann versucht er ihn wieder zu beleben; erst bereitet er ihm Schmerz, und später verschafft er ihm wieder Freude."
(Dies sind natürlich bildhafte und absichtlich schroffe Ausdrücke des Königs dafür, daß der Buddha die leidvollen Folgen schweren unheilsamen Wirkens wohl voraussah, sie aber nicht verhinderte. Er konnte sie jedoch nicht verhindern, d.h. er konnte nicht die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung aufheben. Er konnte die Folgen nur insoweit begrenzen und abschwächen, daß nach deren Auswirkung wieder ein Weg der Höherentwicklung für Devadatta offen stand.)
"Der Vollendete, o König, verwundet, wirft nieder und tötet die Wesen um ihres Heiles willen. Und wenn er dies tut, so erweist er ihnen dadurch eine große Wohltat. Obwohl nämlich, o König, die Eltern ihren Kindern, dadurch, daß sie dieselben schlagen oder gar zu Boden werfen, eine Wohltat erweisen mögen, so auch, o König, schlägt der Vollendete die Wesen, wirft sie nieder und tötet sie um ihres Heiles willen, und dadurch erweist er ihnen eine große Wohltat. Durch welche Mittel auch immer die Wesen in der Tugend vorwärts schreiten, durch eben diese erweist er ihnen allen eine große Wohltat. Wäre nämlich, o König, Devadatta nicht Mönch geworden, sondern im Hausleben verblieben, so hätte er durch Ausübung vieler böser, zur Hölle führender Werke manche hunderttausend Weltperioden Leiden zu ertragen und von Hölle zu Hölle, von Abgrund zu Abgrund zu eilen. Da nun dies der Erhabene erkannte, nahm er Devadatta aus Mitleid in den Orden auf. Da er also wußte, daß durch seine Aufnahme in den Orden seine Leiden begrenzt sein würden, so linderte er, von Mitleid erfüllt, sein heftiges Leiden.
Gleichwie, o König, eine durch Reichtum, Ansehen, Ruhm und Verwandtschaft mächtige Persönlichkeit für einen Verwandten oder Freund, den der Fürst mit schwerer Strafe belegt hat, kraft des ihm entgegengebrachten großen Vertrauens die schwere Strafe lindern läßt: ebenso auch, o König, nahm der Erhabene den Devadatta, der sonst viele hunderttausend von Weltperioden Leiden zu erfahren hätte, in den Orden auf und ließ ihn kraft seiner Tüchtigkeit in Sittlichkeit, Sammlung, Weisheit und Befreiung seine schweren Leiden lindern. Oder gleichwie, o König, ein geschickter Arzt eine schwere Krankheit durch ein wirksames Heilkraut lindern mag, ebenso auch nahm der Erhabene, in Kenntnis der Krankheit, den Devadatta, der sonst viele hunderttausend Weltperioden Leiden zu erfahren hätte, in den Orden auf, und vermittelst der durch die Macht seines Mitleids wirksamen Arznei der Wahrheitslehre linderte er seine schweren Leiden. Hat also etwa, o König, der Erhabene etwas Böscs begangen, wenn er dem Devadatta, der andernfalls schwer zu leiden hätte, seine Leiden linderte?"
"Nein, o Herr, auch nicht für einen Augenblick."
"Nimm also, o König, dies verständiger weise als Grund dafür an, daß der Erhabene den Devadatta in den Orden aufnahm.
Aber noch eine weitere Begründung, o König, sollst du hierfür hören. Gesetzt
nämlich, o König, Leute nähmen einen Dieb fest und brächten ihn vor den König
mit den Worten:
"Er hätte ihm ja dadurch sein Leben geschenkt, o Herr. Hat er ihm aber erst einmal das Leben geschenkt, was kann er da noch Besseres für ihn tun?"
"Und hat wohl jener Mann wegen der beim Abhauen der Hand oder des Fußes entstandenen Schmerzen irgend welche Schuld?"
"Nein, o Herr, infolge seiner eigenen Tat empfindet ja jener Räuber Schmerzen. Und der Mann, der ihm das Leben schenkte, hat nichts Böses begangen."
"Ebenso auch, o König, nahm der Erhabene den Devadatta aus Mitleid in den Orden auf. Denn er wußte, daß die Leiden des Devadatta durch seine Aufnahme in den Orden begrenzt sein würden. Und Devadattas Leiden wurden wirklich gelindert, o König. Denn Devadatta, o König, nahm in der Sterbestunde zeitlebens Zuflucht zum Erleuchteten, indem er sprach:
Mit diesen Knochen hier ehr’ ich den höchsten Menschen,
Den Gott der Götter, der die Unbezähmten zähmt,
Den Seher, dem hundert Tugendzeichen eignen,
Zum Buddha nehm’ ich meine Zuflucht lebenslang.
Wenn man, o König, das Weltzeitalter in sechs Zeitabschnitte einteilt, so war es nach Ablauf des ersten Zeitabschnittes, daß Devadatta die Jüngergemeinde entzweite. Die übrigen fünf Zeitabschnitte hat er in der Hölle zu schmachten. Danach wird er aus ihr befreit und erreicht den Zustand eines Einzelerleuchteten mit Namen Atthisara. Hat also, o König, der Erhabene durch eine solche Handlung Devadatta nicht wohl einen großen Dienst geleistet?"
"Alles, o Herr, hat ja der Vollendete dem Devadatta gegeben, wenn er ihn den Zustand eines künftigen Einzelerleuchteten hat erreichen lassen. Was könnte er wohl für ihn noch Besseres tun?"
"Daß nun aber, o König, Devadatta die Jüngergemeinde entzweite und in der Hölle Leiden zu erfahren hat, trifft dafür den Erhabenen wohl irgend welche Schuld?"
"Nein, o Herr. Für seine eigene Tat hat Devadatta ein Weltzeitalter in der Hölle zu schmachten, und der Meister, der sein Leiden begrenzte, hat dadurch keinerlei Schuld begangen."
"Nimm auch dies, o König, verständigerweise als Grund dafür an, daß der Erhabene den Devadatta in den Orden aufnahm.
Aber noch eine weitere Begründung sollst du hören, o König, warum der Erhabene den Devadatta in den Orden aufnahm. Nimm an, o König, ein geschickter Arzt wolle eine eiterige, blutige Wunde heilen, in deren Loch noch der Pfeil steckt und die unter dem gemeinsamen Einflusse der Körpergase, der Galle und des Schleimes und durch Temperaturwechsel und infolge ungeregelter Lebensweise und äußeren Verletzungen einen faulen, modrigen, durchdringenden Gestank angenommen hat. Und er bestriche die Öffnung der Wunde mit einer scharfen, beißenden, brennenden, stechenden Arznei, um sie zur Reife zu bringen. Später schneide er dann die reife und weich gewordene Wunde mit einer Lanzette auf und brenne sie mit einem Ätzstifte aus. Darauf wasche er sie mit Kalilauge und bestreiche sie von neuem mit Salbe, damit die Wunde ausheile und der Kranke genese. War es da wohl in übelwollender Gesinnung, o König, daß der Wundarzt die Arznei auf die Wunde strich oder sie mit einer Lanzette aufschnitt oder mit einen Ätzstifte ausbrannte oder mit Lauge auswusch?"
"Nein, o Herr. In wohlwollender Gesinnung und auf seine Heilung bedacht, hat ja der Arzt jene Behandlung bei dem Kranken vorgenommen."
"Und hat wohl, o König, jener Arzt wegen der bei der Anwendung von Arzneien entstandenen Schmerzen irgend welche Schuld begangen?"
"In wohlwollender Gesinnung und auf seine Heilung bedacht, hat er ja jene Behandlung vorgenommen. Wie sollte er dadurch wohl eine Schuld begangen haben? In den Himmel, o Herr, sollte jener Arzt gelangen!"
"Ebenso auch, o König, nahm der Erhabene voll Mitleid Devadatta in den Orden auf, damit er vom Leiden befreit würde.
Aber noch einen weiteren Grund sollst du hören. Gesetzt, o König, ein Mann sei von einem Dorn gestochen und ein anderer, der auf seine Heilung bedacht ist und sein Wohl wünscht, lege vermittelst eines scharfen Stachels oder einer Lanzette ringsherum die Haut bloß und ziehe unter Blutvergießen jenen Dorn heraus. Hätte da wohl, o König, jener Mann in übelwollender Gesinnung jenen Dorn entfernt?"
"Nein, o Herr. Weil er dem anderen wohl will und ihn zu heilen wünscht, darum tut er solches. Denn würde er es nicht tun, so würde jenen der Tod oder tödliche Schmerzen ereilen."
"Ebenso auch, o König, nahm der Vollendete voll Mitleid Devadatta in den Orden auf, damit er vom Leiden befreit würde. Denn hätte er ihn nicht in den Orden aufgenommen, so hätte Devadatta hunderttausend Weltzeitalter hindurch von Dasein zu Dasein in der Hölle zu schmachten."
"Wahrlich, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete hat Devadatta, der mit dem Strome der Leidenschaften entlang trieb, zu der dem Strome entgegen gehenden Lehre geführt. Und als Devadatta auf dem Irrwege wanderte, hat er ihn auf den rechten Pfad gebracht. Als er in den Abgrund geraten war, hat er ihm eine Stütze dargeboten. Als er auf rauhe Fährte geraten war, hat er ihn auf den ebenen Weg gebracht. Und kein anderer, ehrwürdiger Nāgasena, kann diese Gründe und Ursachen darlegen, sei er denn selber so weise wie du."
Mil. 4.1.11. Vessantaras Freigebigkeit - 4.1.4. Pathavicalanapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt, daß es acht Gründe und Ursachen zur Entstehung eines großen Erdbebens gebe. Dies ist eine, alle weiteren Möglichkeiten ausschließende, entscheidende, ausschlaggebende Behauptung. Einen weiteren neunten Grund kann es also nicht geben, denn sonst hätte ihn der Erhabene erwähnt. Weil es eben einen solchen nicht gibt, so hat der Erhabene auch nicht davon gesprochen. Nun wird aber dennoch (in den Schriften) noch eine weitere, eine neunte Ursache erwähnt. Als nämlich König Vessantara seine große Gabe spendete, soll siebenmal die Erde gebebt haben. Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, es bloß acht Ursachen gibt, so ist die letztere Behauptung falsch. Denn trifft letzteres zu, dann müßte die Behauptung, daß es bloß acht Gründe gebe, falsch sein. Dies, ehrwürdiger Nāgasena, ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, versteckt, schwer zu enthüllen, dunkel und tiefsinnig. Und kein anderer mit geringem Wissen vermag es zu lösen, sondern nur ein solcher Weiser wie du."
"Hast du nun aber auch gehört, o König, daß in der Vergangenheit oder in der Gegenwart wegen dieser oder jener Gabenspende ein- oder zwei- oder dreimal die Erde erbebte?"
"Nein, o Herr."
"Auch ich, o König, der ich die Botschaft (āgama, wörtl. Ankunft, Advent, Evangelium. "Buddh’āgama" ist die auch heute in Ceylon übliche Bezeichnung für die buddhistische Lehre) kenne, Wissen besitze, viel auswendig weiß, viel gehört habe, Fähigkeit im Lernen und Aufmerksamkeit besitze, viel erforscht, vielen Meistern gedient habe - auch ich habe noch nicht gehört, daß wegen dieser oder jener Gabenspende ein- oder zwei- oder dreimal die Erde erbebte, abgesehen von der erhabenen Gabe des mächtigen Königs Vessantara. Und innerhalb der Zeit, die zwischen diesen beiden Erleuchteten liegt - dem erhabenen Kassapa und dem erhabenen Weisen aus dem Sakyerstamme - in der unzählbare Reihen von Jahre dahingeflossen sind, auch da ist mir nichts derartiges bekannt. Nicht erbebt die Erde infolge bloßer Anstrengung und bloßer Kraft.
Nur dann, o König, wenn die Erde nicht mehr tragen kann, weil sie beschwert ist vom Gewichte der Tugenden, beschwert vom Tugendgewichte der Taten völliger Reinheit, nur dann erzittert, erbebt, erdröhnt die Erde. Es ist damit geradeso, o König, wie wenn bei einem Wagen, der mit zu schweren Lasten beladen ist, die Naben und Felgen der Räder zerspringen und die Achse bricht. Oder auch, o König, gleichwie der Himmel, von Sturm und Wolken überzogen und vom Gewichte der aufgetürmten Regenwolken beschwert, infolge des Geladenseins mit zu viel Wind erdröhnt, erkracht und Regen nieder strömen läßt: ebenso auch, o König, kam es, daß die Erde, von dem großen, aufgehäuften Gewichte der Macht der Gabe des Königs Vessantara überladen und ohnmächtig, dasselbe zu tragen, anfing zu erzittern, zu erbeben und zu erdröhnen.
Denn nicht wurde, o König, diese Gesinnung des Königs Vessantara
hervorgerufen durch Gier, Haß, Verblendung, Dünkel, Ansichten oder
Verderbtheiten, nicht durch Grübeln, noch durch Unzufriedenheit. Sondern es war
Freigebigkeit, mit der sich sein Geist künftig befasste. Sein Geist war stets und
ständig auf das Geben gerichtet, und er dachte:
Jali, meinen Sohn, die Tochter und den Hirsch,
Und mein treues Weib, die Fürstin Maddī,
Schenkt’ ich weg ohn’ irgend ein Bedenken,
Bloß um die Erleuchtung zu erlangen.
Durch Milde, o König, gewann der König Vessantara den Erzürnten, durch Güte gewann er den Bösen, durch Freigebigkeit den Geizigen, durch Wahrhaftigkeit den Lügner, und all das Schlechte überwand er mit seinen guten Eigenschaften.
Als er solches weggab, der Wahrheitslehre nachstrebend, die Wahrheitslehre
zum Ziele habend, gerieten - durch die weite Ausstrahlung seiner aus dem Geben
entstandenen Kraft - die mächtigen Winde unter der Erde in Erregung. Nach und
nach, einer nach dem anderen, wehten sie immer wilder durcheinander nach unten,
oben und den Seiten wirbelnd. Blätterlos stürzten die Bäume hernieder. In Massen
fegten die Wolken am Himmel dahin. Fürchterlich bliesen die staubgeschwängerten
Winde. Der Himmel verfinsterte sich. Mit Ungestüm bliesen und brausten nun die
Stürme, und ein ungeheures, schreckliches Tosen begann. Und während da jene
Stürme tobten wurden allmählich die Gewässer aufgestört. Und durch die
aufgestörten Gewässer gerieten die Fische und Schildkröten in Erregung.
Paarweise stiegen die Wellen empor, und alle die Wassertiere wurden von Grauen
ergriffen. Die Wasserwogen wälzten sich in dichter Folge vorwärts. Ein
Wogengetöse entstand, und schrecklich hob sich der Gischt, Schaumkränze bildend,
und immer höher stieg das gewaltige Meer, so daß sich die Wasser nach allen
Richtungen hin ergossen und ganze Wasserfluten stromaufwärts strömten. Von Angst
ergriffen wurden die Titanen, Drachen, Schlangengeister und Dämonen und voll
Grauen dachten sie:
Gleichwie, o König, wenn man da einen großen Topf Wasser mit Reis anfüllt und auf den Ofen stellt, das darunter brennende Feuer zuerst den Topf erhitzt, der heiße Topf darauf das Wasser zum Sieden bringt, das siedende Wasser den Reis zum Kochen bringt und der kochende Reis auf und nieder steigt und Blasen und Schaumringe bildet; ebenso auch, o König, hat der König Vessantara etwas weggegeben, auf das man schwer in der Welt verzichten kann. Und unter dem Einflusse der Beschaffenheit solchen Weggebens gerieten die unterirdischen, gewaltigen Winde, die nicht länger widerstehen konnten, in Erregung. Dadurch aber wurde das Wasser erregt, und dadurch die gewaltige Erde, so daß unter dem Einflusse der durch die gewaltige Gabe erzeugten großen Kraft alle drei - Wind, Wasser und Erde - gleichsam bloß noch einen einzigen Willen hatten. Keines anderen Menschen Gabe, o König, hat einen solchen Einfluß, wie die gewaltige Gabe des Königs Vessantara.
Gleichwie, o König, in der Erde vielerlei Edelsteine sich finden - Saphir, Großer Saphir, Lichttau, Katzenauge, Flachsblüte, Akazienblüte, Herzenlust, Sonnenlieb, Mondlieb, Kristall, Kajjopakkamaka, Topas, Rubin, Smaragd - und das Kleinod eines Universalkönigs diese alle übertrifft und als das alleredelste gilt - denn dieses leuchtet ja eine Meile im Umkreis -: ebenso auch, o König, übertrifft die hehre Gabe des Königs Vessantara alle, selbst die unvergleichlichsten und höchsten Gaben auch der ganzen Erde und gilt daher als die edelste Gabe. Und als der König Vessantara diese hehre Gabe spendete, da erbebte siebenmal die gewaltige Erde."
"Wunderbar ist es doch mit dem Erleuchteten, ehrwürdiger Nāgasena, unfaßbar, daß der Vollendete selbst während er noch nach der Erleuchtung strebt, in aller Welt ohne seinesgleichen ist, von solcher Geduld, solcher Gesinnung, solchem Entschlusse und solchen Absichten. Die Tatkraft des Anwärters auf Buddhaschaft (Bodhisatta) (Vessantara war nämlich der Überlieferung nach eine der früheren Wiedergeburten des Buddha. Siehe 8.4.) hast du mir klar gemacht, ehrwürdiger Nāgasena, die Vollkommenheiten des Siegers von allen Seiten beleuchtet. Du hast gezeigt, wieso der Zustand eines Vollendeten, infolge seines Wandels, in aller Welt der beste ist. Mit Recht, o Herr, hast du des Siegers Lehre gepriesen und seine Vollkommenheiten beleuchtet, durchschnitten die Glaubensfessel der Irrgläubigen, zerbrochen die Gefäße der Andersgläubigen, das tiefsinnige Problem gelöst, das Dickicht gelichtet, und die Jünger des Siegers haben ihren rechten Zweck erreicht. So ist es, o bester unter den besten der Meister. Und so nehme ich es an.
1. Kapitel
Mil. 4.1.12. Der Wahrheitsakt - 4.1.5. Sivirājacakkhudānapañho
"Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der König Sivi einem Bettler seine eigenen Augen hingab und daß dem der Augen Beraubten alsbald himmlische Augen entstanden. Dies ist eine fade, tadelnswerte, verwerfliche Behauptung. In der Sammlung der Lehrreden heißt es doch, daß nach Aufhebung der Ursache, also ohne Ursache und eine Grundlage, das himmlische Auge nicht entstehen kann (der König nimmt offenbar an, daß die fleischlichen Augen die Grundlagen der himmlische seien). Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, der König Sivi dem Bettler wirklich seine Augen hingegeben hat, so ist die Behauptung, daß ihm darauf neue entstanden seien, eben falsch. Ist es aber dennoch wahr, daß ihm himmlische Augen entstanden sind, so muß eben die Behauptung, daß er seine Augen weggegeben hatte, falsch sein. Dies ist ein zweischneidiges Problem, das dir da gestellt ist, verknüpfter denn ein Knoten, spitzer denn eine Pfeilspitze, dichter denn ein Dickicht. So nimm dir also vor, die Sache zum Abschluß zu bringen, um die Gegner zu überführen."
"Daß der König Sivi, o König, dem Bettler seine Augen hingegeben hat, darüber brauchst du keine Bedenken zu hegen. Und daß ihm danach himmlische Augen entstanden sind, auch daran brauchst du nicht zu zweifeln."
"Kann denn, ehrwürdiger Nāgasena, wenn die Ursache einmal zerstört ist, also ohne die nötige Bedingung und Ursache, das himmlische Auge zum Entstehen kommen?"
"Gewiß nicht, o König."
"Was war denn nun aber in diesem Falle die Ursache, o Herr? Mache mich doch mit jener Ursache bekannt!"
"Nun gut, o König. Gibt es wohl in der Welt so ein Ding wie die Wahrheit, vermöge welcher diejenigen, die sie aussprechen, einen Wahrheitsakt auszuüben imstande sind?"
"Gewiß, o Herr. Es hat damit seine Richtigkeit. Die einen Wahrheitsakt ausführen, können Wolken herabregnen lassen, Feuer löschen, Gift unwirksam machen und mannigfache andere Leistungen vollbringen."
"So hat es also damit seine Richtigkeit, o König, und trifft zu, daß dem König Sivi durch die Kraft der Wahrheit das himmlische Auge entstanden ist. Ja, durch die Kraft der Wahrheit, ohne irgend welche weitere Grundlage, ist ihm das himmlische Auge entstanden. Die Wahrheit bildete eben die Grundlage zur Entstehung des himmlischen Auges.
Wenn da irgend ein Magier, o König, eine Beschwörungsformel hersagt, wie zum
Beispiel
"Nein, o Herr. Die Beschwörungsformel selber ist da die Ursache."
"Ebenso auch, o König, war es bei König Sivi keine gewöhnliche Ursache. Die Wahrheit selber war eben die Ursache, der zufolge ihm das himmlische Auge entstand.
Oder nimm an, o König, irgend ein Magier sage (bei einer Feuersbrunst) die
Beschwörungsformel her:
"Nein, o Herr. Die Beschwörungsformel selber bildete da die Ursache."
"Ebenso auch, o König, war es bei König Sivi keine gewöhnliche Ursache. Die Wahrheit selber war eben die Ursache, der zufolge ihm das himmlische Auge entstand.
Oder nimm an, o König, irgend ein Magier sage die Beschwörungsformel her:
"Nein, o Herr. Die Beschwörungsformel bildet da die einzige Ursache."
"Ebenso auch, o König, war es bei König Sivi keine gewöhnliche Ursache, sondern die Wahrheit war die einzige Ursache dafür, daß ihm die Augen entstanden. Auch zur Durchschauung der Vier Edlen Wahrheiten, o König, bedarf es keiner anderen Grundlage, denn wer eben die Wahrheit zur Grundlage nimmt, vermag die Vier Edlen Wahrheiten zu schauen.
Es lebt da ein König im Chinalande. Wenn derselbe dem Meer ein Opfer darzubringen wünscht, führt er alle vier Monate einen Wahrheitsakt aus und fährt dann mit seinem Wagen eine Meile weit in das Meer hinaus. Und vor dem Vorderteile seines Wagens weicht die mächtige Wassermasse zurück, und beim Zurückfahren flutet sie wieder heran. Könnte wohl jemals in der Welt von Göttern oder Menschen vermittelst der natürlichen Körperkraft das gewaltige Meer zum Zurückweichen gebracht werden?"
"Nein, o Herr. Nicht einmal bei einem ganz winzigen Teich wäre dies möglich, geschweige denn bei dem gewaltigen Meer."
"Auf solche Weise, o König, hat man die Wirkungskraft der Wahrheit aufzufassen. Und es gibt nichts, was nicht durch die Wirkungskraft der Wahrheit zu erreichen wäre.
Einst, o König, da befand sich der tugendhafte König Asoka in seiner Stadt
Pātaliputta von Stadt- und Landvolk, Räten, Söldnertruppen und Großen umgeben.
Und da gerade sein Blick auf den fünfhundert indische Meilen langen und eine
Meile breiten Gangesstrom fiel, wie er, randvoll mit frischem Wasser,
vorbeifloss, fragte er:
Es erfuhr aber eine gewisse Kurtisane, namens Bindumatī, die ebenfalls am
Ufer stand, von dieser Frage des Königs. Und sie sprach:
Somit also, o König, gibt es nichts, was die in der Wahrheit Gefestigten nicht imstande wären zu erreichen. Und wenn der König Sivi einem Bettler seine eigenen Augen hingab und ihm darauf himmlische Augen entstanden, so geschah das eben bloß zufolge des Wahrheitsaktes. Wenn es in den Lehrreden heißt, daß nach Aufhebung der Ursache, also ohne Grund und Ursache, das himmlische Auge nicht zur Entstehung gelangen kann, so ist dies eben bloß mit Hinsicht auf das durch geistige Übung gezeugte Auge gesagt (die Grundlage zur Entstehung des himmlischen Auges ist demnach nicht das fleischliche Auge, sondern die "geistige Übung" (bhāvanā - wörtl. Entfaltung). So hast du dies zu verstehen, o König."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut hast du das Problem gelöst, meinen Einwand beantwortet und die Ansichten der anderen gänzlich zunichte gemacht. So ist es. Das gebe ich zu."
Mil. 4.1.13. Die Empfängnis - 4.1.6. Gabbhāvakkantipañho
Dieser Abschnitt ist der ersten Auflage von 1914 entnommen und im Original von 1985 (Zweite Auflage) nicht enthalten.
"Folgendes, o Herr, wurde vom Erhabenen gesagt:
,Durch das Zusammentreffen von drei Umständen, o Mönche, kommt es zur Entstehung des Embryo: Wenn Vater und Mutter zusammen sind, und die Mutter hat ihre Zeit und der Genius (*2) ist bereit, so kommt es, o Mönche, durch das Zusammentreffen dieser drei Umstände zur Entstehung des Embryo.’ -
Dies ist eine ausschlaggebende Behauptung, die keinen Raum für eine weitere Möglichkeit übrig lässt, eine entscheidende, rückhaltlose Behauptung, die da vom Erhabenen, während er inmitten von Göttern und Menschen dasaß, gemacht wurde. Nun weiß man aber doch aus der Erfahrung, daß auch schon durch das Zusammentreffen zweier Umstände die Entstehung des Embryo zustande kommen mag. Als zum Beispiel die Büßerin Pārikā gerade ihre Zeit hatte, berührte sie der Büßer Dukūlo am Nabel, und infolge dieser Berührung wurde der Prinz Sāmo geboren. Auch ein Einsiedler aus der niedrigsten Kaste berührte mit dem Daumen seiner rechten Hand den Nabel eines Brahmanenmädchens, während diese gerade ihre Zeit hatte, und infolge dieser Berührung wurde der Brahmanenjüngling Mandabyo geboren. Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete sagt, daß durch das Zusammentreffen von drei Umständen die Entstehung des Embryo zustande kommt, so muß die Behauptung, daß diese beiden - Sāmo und Mandabyo - infolge der Berührung des Nabels geboren seien, eben falsch sein. Wenn aber der Vollendete wirklich gesagt hat, daß Sāmo und Mandabyo infolge der Berührung des Nabels geboren seien, so muss eben jene Behauptung, dass die Entstehung des Embryo durch das Zusammentreffen von drei Umständen bedingt ist, falsch sein. Dies ist wieder einmal ein zweischneidiges Problem, das dir da gestellt wird, äußerst tiefsinnig und subtil, ein Gegenstand für scharfe Denker. So zerstöre denn diese Gasse des Zweifels und halte empor das hehre Licht der Erkenntnis!"
"Ja, o König, der Erhabene hat wohl gesagt, daß durch das Zusammentreffen von drei Umständen die Entstehung des Embryo bedingt ist. Hinwiederum hat er gesagt, daß Sāmo und Mandabyo infolge der Berührung des Nabels geboren wurden."
"So lasse mich denn deine Begründung hören, die das Problem richtig stellt!"
"Auch Prinz Sāmo, o König, und der Brahmanenjüngling Mandabyo gehören zu den durch das Zusammentreffen der drei Umstände Geborenen, und beide hatten ein und denselben Charakter in früherer Geburt. Ich will dir nun hier diese Sache erklären.
"Der Büßer Dukūlo, o König, und die Büßerin Pārikā lebten beide im Walde, neigten zur Abgeschiedenheit und suchten nach dem höchsten Ziele, und kraft des Feuers ihres Bußeifers drangen sie bis hinauf zur Brahmanwelt. Sakko, der Götterkönig, kam damals früh und spät um ihnen aufzuwarten. Und in ehrfurchtsvoller Liebe über sie nachsinnend erkannte er, daß in späteren Jahren beide ihre Augen verlieren würden. Dies erkennend, sprach er zu ihnen: ,Hört, Verehrte, auf meine Worte! Gut wäre es, wenn ihr einen Sohn gebären wolltet. Derselbe könnte euch aufwarten und eure Stütze sein.’ ,Genug damit, o Indra! Sprich nicht solches!’ erwiderten jene und nahmen seine Worte nicht an. Aus Mitleid und Wohlwollen aber wiederholte Sakko, der Götterkönig, zum zweiten und dritten Male sein Anliegen. Aber auch auf seine dreimalige Bitte hin sprachen jene: ,Genug damit, o Indra, stürze uns nicht ins Verderben! Wie wird es wohl jemals möglich sein, daß dieser Körper nicht zerfallen sollte? Möge dieser dem Verfall unterworfene Körper nur ruhig zerfallen! Ja, sollte selbst die Erde auseinander brechen, oder dieser Felsengipfel zusammenbrechen, oder der Himmel zerplatzen, oder Sonne und Mond herabstürzen: wir wollen mit weltlichen Dingen nichts mehr zu schaffen haben! Trete nicht vor unser Angesicht! Wenn du dich uns näherst, müssen wir annehmen, daß du gewissermaßen ein Unheilstifter bist.’
Da nun Sakko, der Götterkönig, ihre Herzen nicht gewinnen konnte, bat er von neuem, indem er voll Ehrfurcht die zusammengelegten Hände zur Stirne erhob; ,Wenn ihr diese meine Worte nicht befolgen könnt, so mögest du wenigstens, o Herr, wenn die Büsserin ihre Zeit, ihre Regel, hat, mit dem Daumen der rechten Hand ihren Nabel berühren, und dadurch wird sie befruchtet werden. Also bloß die Berührung ist nötig zu ihrer Befruchtung.’ - ,Diese Weisung kann ich freilich befolgen, denn durch eine solche Handlung wird meine Askese nicht gestört.’ Und mit den Worten: ,Sei es denn,’ willigten beide ein. Zu jener Zeit nun aber lebte in der Götterwelt ein Göttersohn, dessen Triebe zum Guten stark entwickelt waren, und dessen Leben abgelaufen, der an seinem Lebensende angelangt war, und der, wenn er wollte, selbst in der Familie eines Weltherrschers wieder ins Dasein treten konnte. Und Sakko, der Götterkönig, begab sich zu jenem Göttersohne und sprach zu ihm: ,Geh, Verehrter! Glücklich dämmert dir dein neuer Tag. Erfolg hast du erreicht, an einem entzückenden Orte, zu den ich mich deinetwegen hinbegab, sollst du wohnen. In einer passenden Familie sollst du wiedergeboren werden, und gute Eltern sollen dich erziehen.’ Und er bat ihn, seinen Worten Folge zu leisten. Und auch zum zweiten Maie und dritten Male bat er ihn also, indem er seine gefalteten Hände zur Stirne emporhob. Und es erwiderte jener Göttersohn: ,Welche Familie ist dies, o Herr, die du da immer wieder rühmst?’ ,Der Büßer Dukūlo und die Büßerin Pārikā.’ Und auf seine Worte hin willigte er zufrieden ein, indem er sprach: ,Gut, o Herr. Dein Wille soll geschehen.’
Und Sakko, der Götterkönig, rechnete den Tag der Geburt aus und teilte dem Büßer Dukūlo mit, daß an dem und dem Tage die Büßerin ihre Zeit, ihre Regel, haben werde, und daß er dann mit dem Daumen der rechten Hand ihren Nabel berühren solle. Und an jenem Tage, o König, hatte die Büßerin ihre Zeit, ihre Regel und der Göttersohn war dort erschienen und stand bereit. Darauf berührte der Büßer mit dem Daumen der rechten Hand den Nabel der Büßerin, und dadurch waren alle drei vereinigt. Infolge der Berührung ihres Nabels aber wurde in der Büßerin die Begierde wachgerufen. Ihre Begierde aber war bloß bedingt durch diese Berührung ihres Nabels. Glaube also nicht, daß diese Vereinigung eine Ausschreitung war. Es mag durch Scherzen zu einer Vereinigung der drei Bedingungen kommen oder durch Plaudern oder durch Nachsinnen. Bei Berührung aber findet infolge der durch frühere Zeiten bedingten Gier die Vereinigung statt. Und durch die Vereinigung kommt es zur Empfängnis. So also, o König, mag, selbst ohne Ausschreitung, bei bloßer Berührung die Entstehung des Embryo stattfinden. "Gleichwie, o König, ein brennendes Feuer, selbst ohne es zu berühren, bei den Dabeistehenden die Kälte verscheucht: ebenso auch, o König, mag, selbst ohne Ausschreitung, bei bloßer Berührung die Entstehung des Embryo stattfinden.
"Unter dem Einfluss von vier Bedingungen, o König findet der Wesen Empfängnis statt:
- unter dem Einfluss der Werke,
- unter dem Einfluss der Art,
- unter dem Einfluss der Gattung und
- unter dem Einfluss eines Wunsches,
trotzdem nichts desto weniger alle Wesen gemäß ihrer Werke geboren werden, aus ihren Werken hervorgehen. "Wie nun, o König, findet unter dem Einfluss der Werke der Wesen Empfängnis statt? Die in den Grundlagen des Guten hervorragenden Wesen, o König, können wiedererscheinen, wo immer sie wollen, sei’s in einer mächtigen Adelsfamilie oder einer mächtigen Brahmanenfamilie oder einer mächtigen Bürgersfamilie oder unter den Göttern oder unter den giergeborenen Wesen oder im Schosse der lebendig gebärenden oder der im Schmutz entstehenden oder der spontan entstehenden.
"Nimm an, o König, es lebe da ein reicher, vermögender, hochbegüterter Mann, mit Überfluss an Gold und Silber, Geld und Gut, Korn und Reichtum und umgeben von einer großen Verwandtenschar. Gleich wie nun jener alles, was sein Herz begehrt, nach Wunsch sich verschaffen kann - sei’s Magd, Knecht, Feld, Boden, Dorf, Stadt oder Land - indem er eben den doppelten oder dreifachen Preis dafür zahlt: ebenso auch, o König, können die in den Grundlagen des Guten hervorragenden Wesen wiedererscheinen, wo immer sie wollen. So also findet unter dem Einfluss der Werke der Wesen Empfängnis statt.
"Wie aber findet unter dem Einfluss der Art der Wesen Empfängnis statt? Bei den Hühnern, o Herr, findet unter dem Einfluss des Windes die Befruchtung statt (*3), bei den Kranichen unter dem Einfluss des Donners, und sämtliche Götter sind nicht leibgeborene Wesen. Deren Empfängnis geschieht in mannigfacher Art. Zum Beispiel. Auch in der Welt, o König, leben Menschen von mannigfacher Art: einige bedecken sich von vorn, einige von hinten, einige sind nackt, einige sind kahl geschoren und tragen weiße Gewänder, einige haben ihre Haare zu einem Knoten gebunden, einige sind kahl geschoren und in gelbe Gewänder gekleidet, einige sind in gelbe Gewänder gehüllt und haben ihre Haare zu einem Knoten gebunden, einige haben ihre Haare geflochten und tragen Gewänder aus Rinde, einige sind in Felle gehüllt, einige in Flechtwerk. Alle diese verschiedenartigen Menschen leben in der Welt. In derselben Weise aber auch, o König, gelten diese alle eben als Wesen, ihre Empfängnis aber findet statt nach verschiedener Art. So also findet unter dem Einfluss der Art der Wesen Empfängnis statt.
"Wie aber findet unter dem Einfluss der Gattung der Wesen Empfängnis statt? Mit Gattung, o König, bezeichnet man diese vier Gattungen: die eierlegenden, lebendig gebärenden, im Schmutze entstehenden und spontan entstehenden Wesen. Wenn da nun ein Genius, von wo er auch immer gekommen sein mag, in der eierlegenden Gattung wiedergeboren wird, so wird er eben dort aus dem Ei geboren. Und in allen den Gattungen entstehen eben immer nur die entsprechenden Wesen. Gleichwie nämlich, o König, sämtliche Tierarten, sobald sie zum Merugebirge gelangen, ihr eignes Aussehen verlieren und goldenen Glanz annehmen: so auch, o König, verliert jedweder Genius, von wo er auch immer gekommen sein mag, wenn er in der Gattung der eierlegenden Wesen wieder erscheint, seine ursprüngliche Form und wird zu einem eierlegenden Wesen. Dementsprechend verhält es sich bei den anderen Gattungen. So findet also unter dem Einfluss der Gattung der Wesen Empfängnis statt.
"Wie aber findet unter dem Einfluss eines Wunsches der Wesen Empfängnis statt? Da, o König, ist eine Familie ohne Kinder, aber hochvermögend, voll Vertrauen und Zuversicht, sittenrein, dem Guten ergeben, der Enthaltsamkeit zugetan. Und ein in den Grundlagen des Guten hervorragender Göttersohn ist zum Abscheiden bestimmt, und Sakko, der Götterkönig, bittet aus Mitleid mit jener Familie den Göttersohn: ,Wünsche dich doch, Verehrter, in den Schoss der edlen Frau in jener Familie.’ Und infolge seiner Bitten wünscht sich der Göttersohn in jene Familie. Gleichwie da wohl, o König, nach dem Guten strebende Menschen einen verehrungswürdigen Asketen einladen und zu ihrem Hause führen, in dem Gedanken, daß dieser durch seinen Besuch der ganzen Familie Glück bringen möchte: ebenso auch o König, bat Sakko, der Götterkönig, den Göttersohn und führte in zu jener Familie. So also findet unter dem Einfluss eines Wunsches der Wesen Wiedergeburt statt.
"Prinz Sāmo nun, o König, ist auf die Bitte Sakkos, des Götterkönigs, in den Leib der Büßerin Pārikā hinabgestiegen. Prinz Sāmo nämlich, o Herr, hatte viel Gutes getan, beide Eltern waren sittenrein, dem Guten ergeben, und der Bittende war eine würdige Persönlichkeit. So kam es also infolge der Herzensneigung dieser drei zur Geburt des Prinzen Sāmo. Wenn da, o König, ein erfahrener Mann auf gut bearbeiteten, feuchten Boden Samen sät, kann es da wohl, falls jener dabei alles Nachteilige meidet, irgend ein Hindernis geben für des Gedeihen dieses Samens?"
"Nein, o Herr. Ungehindert würde der Samen gar schnell in die Höhe schießen."
"Ebenso auch, o König, wurde Prinz Sāmo, der von den Geburtshindernissen frei war, unter dem Einfluss der Herzensneigung jener drei Personen geboren. Hast du wohl aber schon einmal gehört, daß durch der Seher Zorngedanken ein reiches gesegnetes, dicht bevölkertes großes Land verheert wurde?"
"Gewiss, o Herr. Es ist ja bekannt in der ganzen Welt von dem Dandaliawald, dem Mejjhāwald, dem Kālingawald, und dem Mātangawald, daß diese sämtlichen Wälder verödeten und all diese Orte durch der Seher Zorngedanken vernichtet wurden."
"Wenn nun aber, o König, reichgesegnete Länder durch der Seher Zorngedanken vernichtet werden konnten, konnte, vielleicht da nicht ebenso gut auch infolge deren Herzensneigung irgend etwas zum Entstehen kommen?"
"Gewiss, o Herr."
Somit also, o König, ist infolge der Herzensneigung jener drei mächtigen Wesen Prinz Sāmo ins Leben getreten: durch einen Seher gezeugt, durch einen Gott gezeugt, durch eignes Verdienst gezeugt. Das magst du dir merken, o König! Folgende drei Göttersöhne, o König, wurden auf die Bitten Sakkos, des Götterkönigs, in edlem Hause wiedergeboren: Prinz Sāmo, Mahāpanādo und Kusarājā und alle drei waren sie Anwärter auf Buddhaschaft."(*4) "Vortrefflich erklärt hast du die Entstehung des Embryo, o Herr, die Sache richtig dargelegt, die Finsternis erhellt, den Knoten gelöst und die Behauptungen der Anderen über den Haufen geworfen. So ist es, und so nehme ich es an."
(*2) Eine metaphorische Bezeichnung der beim Tode überspringenden und in einem neuem Schosse als ein scheinbar neues Wesen sich wieder manifestierende Kraft.
(*3) Das soll offenbar heißen, daß der Wind die Übertragung des Spermas veranlasst, analog wie im Pflanzenreiche.
(*4) Unter einem Bodhisatto, wörtl. "Erleuchtungswesen" ist ein Wesen zu verstehen, das später einmal die Buddhaschaft erreicht.
1. Kapitel
Mil. 4.1.14. Die Dauer der Lehre - 4.1.7. Saddhammantaradhānapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat einst den Ausspruch getan:
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Doch sind diese beiden Aussagen sowohl dem Sinne als auch dem Wortlaute nach ganz und gar verschieden. Die eine nämlich betrifft die Zeitdauer der Satzung, die andere aber deren Ausübung: zwei Dinge, die einander vollständig ausschließen und von einander so weit entfernt sind wie der Himmel von der Erde, oder wie die Hölle vom Himmel, oder wie das Gute vom Bösen, oder das Glück vom Leiden.
Dennoch, o König, soll deine Frage nicht umsonst sein. Ich will dir dieselbe
erklären, indem ich beide Aussagen nach ihrem wesentlichen Sinne miteinander
vergleiche. Wenn der Erhabene sagt, daß die Satzung nunmehr bloß fünfhundert
Jahre lang bestehen bleibt, so hat er durch solche Angabe ihres Verfalles die
Grenze der noch übrig bleibenden Zeit festgestellt. Daher sagt er:
"Das nicht, o Herr."
"Der Erhabene, o König, setzte fest, was verloren gegangen und das, was übrig
geblieben war. Gleichwie ein Mann, o König, der an seinem Vermögen Einbuße
erlitten hat, alles übrig Gebliebene an sich nehmen und den Leuten erklären
sollte, daß ihm soviel Vermögen verloren, soviel übrig geblieben ist: ebenso
auch, o König, erklärte der Erhabene den Göttern und Menschen das, was verloren
gegangen, und das, was noch übrig geblieben war, wenn er sagte:
Nimm an, o König, es befinde sich da ein Teich, der mit frischem Wasser gefüllt und bis zum Rand angeschwollen sei, eingefaßt, von einem Damm umgeben. Falls nun das Wasser in eben jenem Teich nicht abnimmt und außerdem noch beständig Regen fällt, wird da wohl das Wasser in jenem Teich abnehmen oder schwinden?"
"Nein, o Herr."
"Und weshalb nicht?"
"Eben wegen dieses beständigen Regens, o Herr."
"Ebenso auch, o König, ist der glorreiche Behälter der guten Lehre des Siegers gefüllt und angeschwollen mit den ungetrübten, frischen Wasser der Ausübung eines reinen Wandels, der Sittlichkeit, Tugend und Pflicht. Und dieses Wasser steigt höher, bis es schließlich den Gipfel des Daseins erreicht. Wenn da nun die Jünger des Erleuchteten immer wieder von neuem solches Wasser nachfüllen, nachströmen lassen, so wird dieser glorreiche Behälter der guten Lehre des Siegers eben lange, lange Zeit bestehen bleiben und die Welt nicht ohne Vollkommen-Heilige sein. (Nāgasena will offenbar sagen, daß die Kenntnis der Lehre nur dann bloß fünfhundert Jahre bestehen bleibt, falls nicht immer wieder von neuem nachgefüllt wird, d.h. falls die Mönche die Lehre nicht wirklich ausüben)
Oder wenn da, o König, ein mächtiges Feuer brennen und man immer wieder von neuem dürres Stroh und Holz und ausgetrockneten Kuhmist darauf legen sollte, würde da vielleicht wohl, o König, jenes Feuer ausgehen?"
"Nein, o Herr. Immer stärker würde es lodern, immer mächtiger aufleuchten."
"Ebenso auch, o König, strahlt und leuchtet in dem tausendfachen Weltsystem
die glorreiche Lehre des Siegers infolge der Ausübung eines reinen Wandels, der
Sittlichkeit, Tugend und Pflicht. Wenn aber außerdem noch, o König, die Jünger
des Erleuchteten, mit den fünf Kampfesgliedern (bala) ausgerüstet,
allzeit unermüdlich weiterkämpfen, gefestigten Willens sich in den drei
Schulungen (sikkhā) üben, die Gebote und Verbote vollkommen beachten, so
wird eben diese glorreiche Lehre des Siegers lange, lange Zeit bestehen bleiben
und die Welt nicht ohne Vollkommen Heilige sein. In diesem Sinne eben hat der
Erhabene die Worte gesprochen:
Wenn man da, o König, einen blanken, glatten, ganz und gar reinen, glänzenden, fleckenlosen Spiegel immer wieder von neuem mit ganz feinem, weichem Kreidepulver polieren möchte, würden sich da wohl, o König, auf jenem Spiegel Flecken, Unreinigkeit, Schmutz und Staub bilden können?"
"Nein, o Herr. Immer reiner, wahrlich, würde der Spiegel werden."
"Ebenso auch, o König, ist die glorreiche Lehre des Siegers an sich
fleckenlos, frei von dem Schmutze und Unrat der befleckenden Leidenschaften.
Wenn da überdies die Jünger des Erleuchteten vermittels der in der Ausübung
eines reinen Wandels, der Sittlichkeit, Tugend und Pflicht bestehenden Läuterung
und Reinigung vom Schmutze die glorreiche Lehre des Siegers aufhellen, so wird
dieselbe noch gar lange bestehen bleiben und die Welt nicht ohne
Vollkommen-Heilige sein. In diesem Sinne eben hat der Erhabene gesagt:
"Du sprachst da, ehrwürdiger Nāgasena, von dem Schwinden der guten Lehre. Was ist darunter zu verstehen?"
"Das Schwinden der guten Lehre, o König, ist dreierlei Art. Es gibt nämlich ein Schwinden ihrer Verwirklichung, ein Schwinden ihrer Ausübung und ein Schwinden ihrer äußeren Form. Zu einer Zeit nämlich, wo der guten Lehre Verwirklichung geschwunden ist, o König, da erlangt selbst der die Lehre richtig Ausübende keine Durchdringung derselben. Ist aber die Ausübung der Lehre geschwunden, so schwindet auch die in den Sittenregeln bestehende Vorschrift, und bloß die äußere Form bleibt bestehen. Wo aber die äußere Form der Lehre geschwunden ist, da ist auch ihre Überlieferung abgeschnitten. Dies, o König, ist das dreifache Schwinden der guten Lehre."
"Trefflich erklärt und enthüllt hast du das tiefsinnige Problem, den Knoten gelöst, die Behauptungen der Gegner zunichte gemacht und zerschmettert, und verloren haben sie ihren Glanz vor dir, dem besten und edelsten unter den Meistern."
Mil. 4.1.15. Krankheitsursachen - 4.1.8. Akusalacchedanapañho
"Hatte wohl, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete schon alles Böse in sich getilgt, als er die Allweisheit erlangte oder war noch ein Rest des Bösen in ihm?"
"Alles Böse, o König, war bereits in dem Erhabenen getilgt, als er die Allweisheit erlangte, und nichts mehr Böses war in ihm zurückgeblieben."
"Wieso denn, o Herr? Sind denn nicht dem Vollendeten ehemals körperliche Schmerzgefühle aufgestiegen?"
"Gewiß, o König. Zum Beispiel wurde ihm einmal zu Rājagaha von einem Felssplitter der Fuß aufgerissen; ein anderes Mal hatte er Ruhr; und es war damals, als er Verstopfung hatte, daß ihm Jīvaka ein Abführmittel bereitete; und einmal, als er Blähungen hatte, besorgte ihm sein Aufwärter, ein Ordensälterer, heißes Wasser."
"Falls der Vollendete bei Erlangung der Allweisheit bereits alles Böse in sich getilgt hatte, so muß eben die Behauptung, daß er noch krank wurde, falsch sein ("denn ohne böse Taten gibt es keine Leiden" - ist offenbar die stillschweigende Annahme des Königs). Ist letztere Behauptung aber dennoch wahr, so muß jene Behauptung, daß der Vollendete bei seiner Erlangung der Allweisheit bereits alles Böse in sich getilgt hatte, eben falsch sein. Denn ohne böse Tat, o Herr, gibt es keine Schmerzen; alle Schmerzen wurzeln im Wirken; zufolge des Wirkens (kamma) entstehen die Schmerzen. Dies ist ebenfalls ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du nun zu lösen hast."
"Nein, o König. Nicht alle Schmerzen wurzeln im (früheren) Wirken (kamma). Aus acht Gründen nämlich mögen Schmerzen entstehen, und zufolge dieser haben viele Menschen Schmerzen zu leiden. Und welche sind diese acht? Einige Krankheiten, o König, entstehen zufolge der körperlichen Gase, einige zufolge der Galle, einige zufolge des Schleimes, einige zufolge der Zusammenwirkung der drei letzteren, einige zufolge des Temperaturwechsels, einige zufolge ungeregelter Lebensweise, einige zufolge von Verletzungen, einige als Ergebnis (früheren) Wirkens. Aus diesen acht Gründen, o König, haben so viele Menschen Schmerzen zu erleiden. Diejenigen Leute, die da sagen möchten, es sei (nur das frühere) Wirken, das die Wesen bedrückt, diese verwerfen die anderen sieben Gründe, und deren Aussage ist falsch."
"Doch auch die anderen sieben Gründe, ehrwürdiger Nāgasena, sie alle haben ihren Ursprung eben bloß im (früheren) Wirken; eben durch (früheres) Wirken kommen sie alle zum Entstehen."
"Wenn, o König, alle Krankheiten bloß durch (früheres) Wirken verursacht wären, so hätten sie ja gar keine unterscheidenden Merkmale.
Die Erregung der körperlichen Gase nämlich mag aus folgenden zehn Gründen eintreten:
- durch Kälte, Hitze, Hunger, Durst, Überessen, Stehen, Überanstrengung, Laufen, Verletzung oder als Ergebnis (früheren) Wirkens.
Von diesen treten die neun ersten Gründe weder im vergangenen noch im zukünftigen Dasein auf, sondern bloß in diesem gegenwärtigen Dasein. Deshalb darf man nicht sagen, daß sämtliche Schmerzen durch (früheres) Wirken verursacht sind.
Die Erregung der Galle mag eintreten aus drei Gründen:
- infolge der Kälte
- oder der Hitze
- oder ungeeigneter Speise.
Die Erregung des Schleimes mag eintreten aus diesen drei Gründen infolge der Kälte oder infolge der Hitze oder infolge des Essens und Trinkens. Wenn die körperlichen Gase, die Galle und der Schleim erregt werden und zusammenwirken, so ziehen sie jedesmal das ihnen eigentümliche Schmerzgefühl nach sich.
Die übrigen Schmerzen entstehen
- durch Temperaturwechsel und
- ungeregelte Lebensweise.
Und die durch Verletzungen bedingten körperlichen Schmerzen entstehen entweder
- durch bloße physische Vorgänge
- oder aber als Ergebnisse früheren Wirkens.
Also bloß diese letzteren entstehen durch früher begangene Werke. Somit, o König, sind die durch früheres Wirken verursachten Schmerzen seltener, bei weitem häufiger aber alle übrigen. Es gehen eben darin die Toren zu weit, wenn sie behaupten, daß alles bloß das Ergebnis früheren Wirkens sei. Jenes frühere Wirken kann man doch, ohne das Wissen eines Erleuchteten zu besitzen, gar nicht feststellen.
[Unter den "durch (unheilsames) Wirken verschuldeten Krankheiten" (kammavipākajā ābādhā) sind solche Krankheiten zu verstehen, die ausschließlich durch frühere schlechte Werke bedingt, also gänzlich unabhängig sind von den erwähnten äußeren Entstehungsbedingungen. Nichtsdestoweniger aber setzen auch die anderen Krankheiten sämtlich die immoralischen Taten als unerläßliche Bedingungen voraus, ja, als die eigentlichen, wirklichen Ursachen. Nach dem Abhidhamma sind nämlich sämtliche körperlichen Schmerzgefühle, ebenso wie sämtliche körperlichen Wohlgefühle, unter allen Umständen "kamma-vipākā" (Kamma-Wirkungen), d.i. verursacht entweder durch vorgeburtliches oder in diesem Leben begangenes Wirken.]
Die Schmerzen des Erhabenen, o König, die damals entstanden, als sein Fuß durch einen Felsensplitter verletzt wurde, sind weder durch körperliche Gase hervorgerufen, noch durch Galle oder Schleim, auch nicht durch das Zusammenwirken dieser drei, noch durch Temperaturwechsel oder ungeregelte Lebensweise, noch auch sind sie eine Wirkung früherer Werke. Bloß infolge einer Verletzung sind sie entstanden. Devadatta nämlich hegte viele hunderttausende Geburten hindurch Haß gegen den Vollendeten. Und von jenem Hasse erfüllt, nahm er einen mächtigen, schweren Steinblock und ließ ihn (einen Berg) hinabrollen, damit er auf das Haupt des Vollendeten falle. Zwei andere Felsen jedoch die im Wege waren, fingen jenen Stein auf, bevor er den Vollendeten erreicht hatte. Und infolge dieses Zusammenpralles sprang ein Felsstück los und traf gerade auf den Fuß des Erhabenen, so daß derselbe zu bluten begann. Diese Schmerzen müssen also entweder ein Ergebnis früheren Wirkens (kamma-vipāka) sein oder aber die Folge eines bloßen physischen Vorganges, denn darüber hinaus gibt es keine weiteren Schmerzen. Gerade so nämlich, wie es bloß eine Folge des schlechten Bodens oder des schlechten Samens sein kann, wenn letzterer nicht aufgeht, oder gerade, wie es bloß eine Folge entweder des schlechten Wassers oder der verdorbenen Speise sein kann, wenn dieselbe nicht verdaut wird: - ebenso auch müssen diese Schmerzen des Erhabenen entweder ein Ergebnis früheren Wirkens sein oder aber die Folge eines bloßen physischen Vorganges. Trotzdem, o König, der Erhabene keine durch früheres Wirken verursachte Schmerzen mehr zu empfinden hatte oder solche, die eine Folge ungeregelter Lebensweise sind, so stiegen ihm immerhin noch aus den sechs übrigen Gründen Schmerzen auf. Solcherart Schmerzen aber hätten den Erhabenen nie das Leben kosten können. Es befallen eben, o König, diesen aus den vier Elementen entstandenen Körper erwünschte und unerwünschte Gefühle, angenehme und unangenehme. Wenn da zum Beispiel ein Klumpen Erde, den man in die Luft geworfen hat, die Erde trifft, ist das wohl das Ergebnis früheren (üblen) Wirkens der Erde?"
"Nein, o Herr. Es gibt für die Erde keine Ursache, daß sie das Ergebnis guten oder bösen Wirkens erfahren sollte. Es ist eben infolge eines gegenwärtigen, von früherem Wirken ganz unabhängigen Grundes, daß jener Klumpen die Erde trifft."
"Wie die große Erde aber, o König, hat man den Vollendeten anzusehen. Und gleichwie jener Erdklumpen unabhängig von früherem Wirken die Erde trifft, ebenso auch, o König, hat unabhängig von früherem Wirken jener Stein den Fuß des Vollendeten getroffen. Oder wenn da, o König, die Menschen die Erde hacken und aufwühlen, ist das wohl ein Ergebnis früheren Wirkens (der Erde)?"
"Nein, o Herr."
"Genau so aber auch, o König, verhält es sich mit dem Abspringen des Felssplitters. Auch die Ruhr, die den Erhabenen befiel, ist nicht zufolge früheren Wirkens entstanden, sondern eben nur durch das Zusammenwirken von körperlichen Gasen, Galle und Schleim. Und was auch immer für körperliche Leiden den Erhabenen befielen, so waren diese niemals ein Ergebnis früheren Wirkens, sondern entstanden lediglich aus den sechs erwähnten Gründen. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat in der herrlichen Gabe der Gruppierten Sammlung (Samyutta-Nikaya) in der Antwort auf Moliyasīvakas Frage gesagt:
Somit also, o König, sind nicht alle Schmerzen das Ergebnis früheren Wirkens. Und erst nach Tilgung alles Unheilsamen, o König, hat der Erhabene die Allweisheit erlangt. Das merke dir."
"Gut, ehrwürdiger Nāgasena. Das ist so, und so nehme ich es an."
Mil. 4.1.16. Abgeschiedenheit - 4.1.9. Uttarikaraṇīyapañho
"Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß, was der Vollendete zu erreichen hatte, er dies alles bereits am Fuße des Bodhibaumes völlig erreicht hat, und daß er weder etwas weiteres zu erreichen, noch das Erreichte zu vervollständigen hatte. Andererseits aber wieder heißt es, daß der Vollendete drei Monate lang in der Abgeschiedenheit verweilte (an vielen Stellen des Kanons wird berichtet, daß der Erhabene von Zeit zu Zeit kürzer oder länger, bis auf drei Monate, in der Abgeschiedenheit verweilte). Wenn das erstere wahr ist, so ist die Behauptung, daß er drei Monate lang in der Abgeschiedenheit verweilte, falsch. Ist aber diese Behauptung richtig, dann muß die erstere Behauptung falsch sein. Denn einer, der seine Aufgabe erfüllt hat, braucht sich nicht mehr in die Abgeschiedenheit zurückziehen, sondern nur einer, der noch zu kämpfen hat. Es braucht doch nur ein Kranker Arznei, nicht aber etwa ein Gesunder; und nur der Hungrige braucht Essen, nicht der Gesättigte. Dieses ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle. So löse es denn!"
"Beide Aussagen, o König, sind richtig. Abgeschiedenheit aber, o König, hat mancherlei gute Eigenschaften. Alle Vollendeten haben in der Abgeschiedenheit die Allwissenheit errungen, und eingedenk der guten Eigenschaften der Abgeschiedenheit suchen sie dieselbe immer wieder auf. Sie gleichen darin einem Manne, der im Dienste des Königs zu hohem Rang und Reichtum gelangt ist, und der nun, eingedenk der guten Eigenschaften des Königs, immer wieder zu ihm geht und ihm aufwartet. Oder auch gleichwie ein siecher, elender, schwer kranker Mann einen Arzt aufsucht, Heilung erlangt und, eingedenk der guten Eigenschaften jenes Arztes, ihn auch nachher häufig besucht: so auch haben alle die Vollendeten in der Abgeschiedenheit die Allweisheit errungen, und eingedenk der guten Eigenschaften der Abgeschiedenheit suchen sie dieselbe immer wieder auf.
Achtundzwanzig gute Eigenschaften, o König, besitzt die Abgeschiedenheit. Und eingedenk dieser Eigenschaften, suchen die Vollendeten die Abgeschiedenheit auf. Welche aber sind diese?
- Abgeschiedenheit, o König, beschützt den darin Verweilenden,
- verlängert das Leben,
- gibt Kraft,
- hält das Verwerfliche ab,
- beseitigt den üblen Ruf und
- verschafft einem Ehre.
- Sie verscheucht die Unlust und
- weckt Eifer,
- nimmt die Furcht und
- weckt das Selbstvertrauen,
- vertreibt die Trägheit und
- weckt die Willenskraft,
- läßt Gier, Haß und Verblendung schwinden,
- macht den Dünkel zunichte,
- hemmt die vielen Gedanken und
- läßt den Geist sich sammeln,
- macht ihn geschmeidig,
- weckt die Heiterkeit,
- macht ihn gesetzt, schafft Gewinn,
- macht verehrungswürdig,
- erzeugt Begeisterung,
- verschafft Freude und
- läßt einen die wahre Natur aller Gebilde erkennen,
- führt zur Aufhebung der Wiedergeburt und
- gewährt einem die vollen Früchte des Asketentums.
Diese achtundzwanzig guten Eigenschaften, o König, besitzt die Abgeschiedenheit. Und dieser Eigenschaften eingedenk suchen die Vollendeten die Abgeschiedenheit auf.
Auch wenn sie das stille, selige Glück der Vertiefungen zu genießen wünschen, pflegen sie die Abgeschiedenheit, mit einer darauf gerichteten Absicht. Auch noch aus folgenden vier Gründen suchen die Vollendeten die Abgeschiedenheit auf: weil sie ein Zustand des Wohlbefindens ist; wegen ihrer vielen untadelhaft-guten Eigenschaften; als ein Weg aller Heiligen; als von allen Buddhas gelobt, gepriesen und geschätzt. Auch aus diesen vier Gründen suchen sie die Abgeschiedenheit auf.
Somit, o König, suchen sie die Abgeschiedenheit nicht etwa deshalb auf, weil sie noch etwas zu erringen hätten oder das Errungene erweitern wollten, nein, weil sie die hervorragenden Eigenschaften der Abgeschiedenheit erkannt haben, nur deshalb suchen sie dieselbe immer wieder auf."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.1.17. Die Macht der Magie - 4.1.10. Iddhibaladassanapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat folgendes gesagt:
"Beide Aussprüche, o König, hat wohl der Erhabene getan. Doch hat man hier
unter einem Zeitalter (kappa) ein
Lebenszeitalter zu verstehen. Und nicht etwa seine eigene Macht wollte der
Erhabene mit diesen Worten rühmen, sondern eben bloß die Macht der Magie (abhiññā).
Nimm an, o König, ein Fürst besitze ein edles, flinkes Roß, das mit
Windesgeschwindigkeit laufen kann. Und vor seinen Räten, vor Städtern, Landvolk,
Söldnern, Kriegern, Brahmanen und Bürgern preise er die Macht seiner
Geschwindigkeit, indem er spreche:
Ebenso auch, o König, pries der Erhabene die Macht der Magie, als er inmitten
der dreiwissensmächtigen und sechsfach geistesmächtigen Heiligen, der
Unbefleckten, Wahnerlösten, sowie der Götter und Menschen dasaß und die Worte
sprach:
"Gewiß nicht, o Herr."
"So war es also bloß, o König, um die Macht der Magie zu zeigen, daß er solchen Löwenruf erschallen ließ."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Teil 4 · Milindapañha 4.2.1–4.2.8
2. Kapitel - Abhejja Vagga
Mil. 4.2.1. Abschaffung der kleinen Ordensregeln - 4.2.1. Khuddānukhuddakapañho
«Der Erhabene, o Herr sagt:
«Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Das letztere aber hat der
Vollendete gesagt, um seine Mönche auf die Probe zu stellen, ob sie, wenn er es
erlaubte, nach seinem Dahinscheiden die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln
wirklich fahren lassen, oder daran festhalten möchten. Es ist hiermit gerade so,
o König, wie wenn ein Weltherrscher zu seinen Söhnen sprechen möchte:
«Gewiß nicht, o Herr. Herrscher sind gar habgierig. Die Prinzen möchten in ihrer Herrschgier am liebsten noch zwei- oder dreimal soviele Länder an sich reißen. Wie sollten sie da die bereits in ihren Besitz gelangten Gebiete preisgeben?»
«Ebenso auch, o König, hat der Erhabene bloß deshalb diese Worte gesprochen, weil er seine Mönche auf die Probe stellen wollte. Zum Zwecke der Leidenserlösung aber, o König, und aus Liebe zur Lehre (wörtl.: Lust an der Lehre, dhamma-lobhena; im Vergleich entsprechend der obigen «Herrschgier« rajja-lobhena) würden die Jünger des Erleuchteten am liebsten noch weitere einhundertundfünfzig Ordensregeln halten. Wie sollten sie da die ursprünglich festgesetzten Ordensregeln aufgeben?»
«Hinsichtlich dessen aber, ehrwürdiger Nāgasena, was der Erhabene als die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln bezeichnet, da sind sich die Menschen im Unklaren, hegen Zweifel, sind uneinig und in Ungewißheit darüber verfallen, welches wohl die kleinen und nebensächlichen Ordensregeln sein mögen.»
«Die kleinen Ordensregeln, o König, beziehen sich auf
«Das also, was lange Zeit verborgen geblieben ist, ehrwürdiger Nāgasena, dieses Geheimnis des Siegers hast du nun heute der Welt enthüllt und klar gemacht.»
[In Vinaya, Cūlavagga, XI, I, 10, wird berichtet, daß auf dem Konzil zu Rājagaha die Ordensälteren es dem Ananda zum Vorwurfe machten, nicht den Erhabenen noch bei Lebzeiten um eine Erklärung dieser beiden Ausdrücke gebeten zu haben]
Mil. 4.2.2. Die Fragen des Mālunkyaputta - 4.2.2. Abyākaraṇīyapañho
«Der Erhabene, o Herr, hat einst von sich gesagt:
«Es ist wahr, o König, daß der Erhabene jenen Ausspruch getan hat. Daß er aber die Frage des Ordensälteren Mālunkyaputta unbeantwortet ließ, beruht weder auf Unwissenheit noch auf der Absicht, etwas zu verheimlichen. Es gibt nämlich, o König, viererlei Weisen, wie man Fragen zu beantworten hat.
- Es gibt da Fragen, die eine direkte Antwort zulassen;
- es gibt Fragen, die eine aufklärende Antwort verlangen,
- es gibt ferner Fragen, die durch Gegenfragen zu beantworten sind;
- und schließlich gibt es solche Fragen, die zu verwerfen sind.
- Auf die Frage zum Beispiel, ob Körper, Gefühl, Wahrnehmung, Geistesformationen und Bewußtsein vergänglich sind, da läßt sich bloß eine direkte Antwort geben.
- Auf die Frage aber, ob das, was vergänglich ist, wohl Körperlichkeit sei, oder ob es Gefühl sei, oder Wahrnehmung oder Geistesformation oder Bewußtsein, da läßt sich bloß eine aufklärende Antwort geben.
- Die Frage aber, ob es das Auge sei, mit dem man sich aller Dinge bewußt ist, das ist eine Frage, die sich durch Gegenfrage beantworten läßt.
- Die Fragen aber, ob die Welt ewig sei oder nicht ewig, endlich oder unendlich, oder teilweise endlich, teilweise unendlich oder weder endlich noch unendlich, ob Leben und Körper identisch seien oder etwas voneinander Verschiedenes, ob der Vollendete nach dem Tode fortbestehe oder nicht fortbestehe, oder teilweise fortbestehe, teilweise nicht fortbestehe, oder weder fortbestehe noch nicht fortbestehe: alles dies sind Fragen, die man zu verwerfen hat.
Weil aber die Frage des Ordensälteren Mālunkyaputta eine solche zu verwerfende Frage war, deshalb hat sie der Erhabene unbeantwortet gelassen. Und warum ist eine solche Frage zu verwerfen? Weil es keinen Grund, keine Ursache, geben kann, eine solche zu beantworten, deshalb ist sie zu verwerfen. Denn nicht ohne Grund und Ursache tun die Erleuchteten, die Erhabenen, irgend eine Äußerung.»
«Richtig, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es. Das gebe ich zu.»
Mil. 4.2.3. Die Furchtlosigkeit des Heiligen - 4.2.3. Maccubhāyanābhāyanapañho
«An einer Stelle, ehrwürdiger Nāgasena, sagte der Erhabene:
«Nicht hat, o König, der Erhabene mit Beziehung auf den Vollkommen-Heiligen
diesen Ausspruch getan:
Nimm an, o König, ein Fürst habe vier ergebene, geehrte vertraute Räte in
hoher, einflussreicher Stellung. Und bei irgendeinem aufgetretenen Umstand
erlasse er für alle Untertanen seines ganzen Reiches den Befehl:
«Das nicht, o Herr.»
«Und warum nicht?»
«Jene bekleiden ja die höchsten Ämter, haben mit Steuer gar nichts zu schaffen, sind der Steuerpflicht enthoben. Nur für die übrigen hat der Fürst den Befehl erlassen.»
«Ebenso auch, o König, hat der Erhabene nicht etwa angesichts der
Vollkommen-Heiligen diesen Ausspruch getan. Der Vollkommen-Heilige ist
ausgenommen in dieser Sache, denn in dem Vollkommen-Heiligen ist jeder Grund zur
Furcht zerstört. Nur mit Beziehung auf die mit Leidenschaften behafteten Wesen,
in denen starke Selbstverblendung lebt, die von Freude und Leid hin und her
gezerrt werden, nur mit Beziehung auf diese hat der Erhabene den Ausspruch
getan:
«Dieser Ausdruck
«Nimm an, o König, der Dorfherr in einem Dorfe befehle dem Ausrufer:
Es gibt eben, o König, begrenzte Begriffe, mit begrenztem Sinn; es gibt begrenzte Begriffe mit unbegrenztem Sinn; es gibt unbegrenzte Begriffe mit begrenztem Sinn; und es gibt unbegrenzte Begriffe mit unbegrenztem Sinn («Alles» wäre also in unserem speziellen Falle ein unbegrenzter Begriff mit begrenztem Sinn). Und durch den einen oder den anderen dieser Begriffe hat man jedesmal die Sache festzustellen. Und dies mag auf fünffache Weise geschehen: gemäß des Zusammenhanges, gemäß des inneren Gehaltes, gemäß der Überlieferung der Meister, gemäß der eigenen Auffassung und gemäß der Gewichtigkeit des Grundes. Dabei hat man unter dem Zusammenhang die Worte der Lehrreden zu verstehen, unter dem inneren Gehalte die innere Übereinstimmung mit den Lehrreden, unter der Überlieferung der Meister die Lehre der Meister, unter der eigenen Auffassung die eigene Meinung, und unter der Gewichtigkeit des Grundes die Übereinstimmung eben dieser Dinge miteinander. Auf diese fünffache Weise läßt sich der Sinn feststellen. Somit ist denn dieses Problem völlig gelöst.»
«Mag sein, ehrwürdiger Nāgasena; ich will es zugeben. So möge also der Vollkommen-Heilige in dieser Sache ausgenommen sein, alle übrigen Wesen aber noch Furcht empfinden. Doch wie steht es mit den Wesen in der Hölle, die da scharfe, bittere Schmerzen zu erleiden haben, am ganzen Körper und allen Gliedern von den Flammen verzehrt werden, das Antlitz erfüllt von Klagen, Erbarmungsschreien, Jammer und Wehe, von unerträglich heftigen Schmerzen übermannt, ohne Zuflucht, Schutz und Hilfe, von gewaltigem Kummer gepeinigt, auf unterster, niederster Daseinsstufe stehend und dazu noch zu lauter Qualen verdammt, in glühenden, heftigen, wilden, grausamen Feuersgluten brennend, Furcht und grauenerregenden Lärm und mächtiges Getöse erzeugend und in die verschlungenen sechsfachen Flammenkränze eingehüllt. Sollten denn diese Wesen, wenn sie aus der nach allen Seiten hundert Meilen weit dringende Flammenwogen aussendenden, elenden, feurigen Erzhölle endlich einmal abscheiden, sich noch vor dem Abscheiden fürchten?»
[Da alles vergänglich ist, muß auch das Leben in der Hölle einmal sein Ende erreichen, trotzdem das Kalpa (Äon) für das menschliche Denken eine Ewigkeit bedeuten mag; das aber berechtigt nicht dazu, das Wort «Äon» in der Bibel nun auch tatsächlich mit «Ewigkeit» zu übersetzen. Auch die christliche Hölle ist eben im letzten Grunde nicht mehr und nicht weniger ewig als die buddhistische.]
«Ja, o König.»
«Ist denn, o Herr, die Hölle nicht ganz und gar bloß eine Leidenserfahrung? Wie sollten da diese Wesen sich vor dem Sterben fürchten? Wie? Dann gefällt ihnen wohl die Hölle?»
«Nein, o König. Befreit möchten sie von ihr sein. Aber die Macht des Todes ist es, o König, vor der sie sich fürchten.»
«Das kann ich nicht glauben, ehrwürdiger Nāgasena, daß sie, die doch nach Befreiung lechzen, sich vor dem Tode noch fürchten sollten. Daß sie das Ersehnte endlich erlangen, müßte ihnen doch ein Grund zur Freude sein. So lege mir denn die Sache klar!»
«Der Tod, o König, ist für einen, der die Wahrheit noch nicht durchschaut hat, ein Grund zur Furcht; vor ihm ist alle Welt in Angst und Aufregung. Wer zum Beispiel Furcht hat vor schwarzen Schlangen, Elefanten, Löwen, Tigern, Leoparden, Bären, Hyänen, Büffeln, Rindern, Feuer, Wasser, Stacheln, Dornen oder Pfeilen, der fürchtet sich eben bloß deshalb davor, weil er Furcht hat vor dem Tode. Das, o König, ist die Macht der wahren Natur des Todes, und ihr zufolge haben die mit Leidenschaften befleckten Wesen Furcht und Angst vor ihm. Und daher kommt es auch, daß selbst die Wesen in der Hölle, trotzdem sie nach Befreiung lechzen, dennoch vor dem Tode in Furcht und Angst geraten.
Nimm an, o König, es habe einer an seinem Körper eine Fettgeschwulst. Und von jener Krankheit belästigt, bestelle er einen Wundarzt, um dieses Übel loszuwerden. Und der Wundarzt willige ein und mache sein Instrument zurecht, um das Übel zu beseitigen, sei es, daß er eine Lanzette scharf macht oder Ätzstifte im Feuer ausglüht oder Kalisalz auf einem Reibsteine zerreibt. Möchte da jener Kranke sich nicht wohl fürchten vor dem Schneiden mit der scharfen Lanzette oder dem Ausbeizen mit den zwei Stiften oder der Anwendung von Kalisalz?»
«Gewiß, o Herr.»
«So also, o König, steigt in jenem Kranken, trotzdem er der Krankheit entrinnen möchte, dennoch aus Furcht vor den Schmerzen die Angst auf. In derselben Weise aber auch, o König, geraten die Wesen in der Hölle, trotzdem sie ihr entrinnen möchten, dennoch aus Furcht vor dem Tode in Angst. Oder nimm an, o König, einen Staatsverbrecher, der mit Ketten im Kerker daliege, möchte es danach verlangen, frei gelassen zu werden. Der König aber, mit der Absicht ihm seine Freiheit zu schenken, lasse ihn zu sich rufen. Möchte da jener Verbrecher, im Bewußtsein seiner begangenen Schuld, beim Anblick des Herrschers nicht etwa doch in Angst geraten?»
«Gewiß, o Herr.»
«Somit also gerät der Verbrecher, trotzdem er nach seiner Befreiung verlangt, dennoch vor dem Könige in Angst.»
«Gib mir noch ein weiteres Beispiel, o Herr, um mich zu überzeugen!»
«Gesetzt, o König, ein Mann sei von einer giftigen Schlange gebissen worden; und unter der Einwirkung des Giftes stürze er zu Boden, springe alsbald empor um sich von neuem wieder auf dem Boden hin und her zu wälzen. Ein anderer aber zwinge durch das Hersagen einer mächtigen Zauberformel jene giftige Schlange zurückzukommen und das Gift wieder aus der Wunde auszusaugen (Auch noch heutzutage soll dies vielfach vorkommen, wie mir in Sri Lanka versichert wurde). Möchte da nicht wohl der Gebissene vor jener Schlange, die doch bloß seines eigenen Wohlseins wegen herankommt, dennoch in Angst geraten?» «Gewiß, o König.»
«Wie also jener Mensch, o König, vor einer Schlange, trotzdem sie bloß seines eigenen Wohlseins wegen kommt, in Angst geraten kann, ebenso auch sind die Wesen in der Hölle, trotzdem sie ihr entrinnen möchten, dennoch vor dem Tode in Furcht und Angst. Der Tod, o König, ist eben allen Wesen unerwünscht. Daher kommt es auch, daß selbst die Wesen in der Hölle, trotzdem sie nach ihrer Befreiung lechzen, sich dennoch vor dem Tode fürchten.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Es ist so. Das gebe ich zu.»
Mil. 4.2.4. Die Macht der Schutztexte - 4.2.4. Maccupāsamuttipañho
«Der Erhabene, o Herr, hat den Ausspruch getan:
Nicht in den Lüften, nicht in Meeresmitte,
Nicht im Verstecke wilder Bergesklüfte
Nicht ist in aller Welt der Ort zu finden,
Wo frei man würde von des Todes Fessel.
Andererseits aber wieder hat der Erhabene die Schutztexte (paritta) gelehrt, als wie:
- die Rede vom (dreifachen) Kleinod, (Ratana-Sutta)
- die Rede von der Allgüte, (Metta Sutta)
- das Khandhaparitta (A.IV.67),
- das Moraparitta, (Mora Jātaka 159)
- das Dhajaggaparitta, (S.11.3)
- das Ᾱtānātiyaparitta (D.32)
- das Angulimālaparitta. (M.86)
Wenn man also weder in den Lüften noch in des Meeres Mitte, noch in hohen Türmen, Gemächern, Verstecken, Höhlen, Grotten, Spalten, Klüften oder Öffnungen in den Bergen der Fessel des Todes entgehen kann, so ist eben das Rezitieren von Schutztexten widersinnig. Könnte man aber durch solches Rezitieren von der Fessel des Todes befreit werden, so müßte eben jener Vers des Erhabenen falsch sein. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, verknüpfter denn ein Knoten. Das hast du nun zu lösen.»
«Zwar hat, o König, der Erhabene diesen Vers gesprochen und trotzdem die Schutztexte gelehrt. Doch sind diese bloß für einen solchen bestimmt, dem noch Lebensjahre bevorstehen, der noch lebenskräftig ist und auch nicht durch übles Wirken gehemmt ist. Ein Mittel oder eine Methode aber, das Leben eines bereits Abgelebten zu verlängern, das gibt es nicht, o König. Ebenso wenig nämlich, o König, wie an einem abgestorbenen Baume, das ausgedörrte, saftlose, leblose, aller Lebenskraft beraubte Holz jemals wieder frisch werden, sprossen oder grünen wird, selbst wenn man tausend Töpfe voll Wasser darüber gießen sollte: ebenso wenig auch, o König, enthält irgend eine Arznei oder Schutzformel das Mittel oder die Möglichkeit, das Leben eines Abgelebten zu verlängern. Alle Heilkräuter und Arzneien, die es in der ganzen Welt geben mag, sind für einen solchen nutzlos. Nur einem, dem noch Lebensjahre bevorstehen, der lebenskräftig ist und auch nicht durch übles Wirken gehemmt ist, nur diesem bietet ein Schutztext Hilfe und Schutz. Und nur ihm zuliebe hat der Erhabene die Schutztexte gelehrt. Gleichwie nämlich, o König, wenn das Korn reif ist und die Kornhalme abgestorben sind, der Bauer den Zufluss des Wassers abhält, obwohl doch das junge, grüne, grasartige, lebensfrische Korn gerade infolge des Wassers zum Wachsen gelangt: ebenso auch, o König, wird bei einem Abgelebten die Anwendung heilender Schutztexte vermieden und nur für diejenigen, denen noch Lebensjahre bevorstehen und die noch lebenskräftig sind, nur für diese werden heilende und Schutztexte vorgetragen. Denn nur solche mögen davon Nutzen haben.»
«Wenn aber, ehrwürdiger Nāgasena, der Abgelebte sterben muß und der, dem noch Lebensjahre bevorstehen, ohnehin am Leben bleibt, dann sind doch heilende und Schutztexte ganz zwecklos.»
«Hast du niemals gesehen, wie durch Arznei eine Krankheit zum Schwinden gekommen ist?»
«Gewiß, o Herr. Viele hundert Male.»
«So ist es also falsch, o König, zu behaupten, daß heilende Schutztexte zwecklos seien.»
«In der ärztlichen Methode, o Herr, bekommt man heilwirkende Getränke und Salben zu sehen. Durch eine solche Methode mag allerdings eine Krankheit zum Schwinden kommen.»
«Man kann aber doch, o König, beim Vortrag der Schutztexte die Stimme der Vortragenden vernehmen. Die Zunge der letzteren mag austrocknen, ihr Herz stille stehen, ihre Stimme heiser klingen. Dadurch nämlich werden Krankheiten aller Art geheilt, und jedwede Plage schwindet. (Das soll offenbar besagen, daß die Lebenskraft, die den Vortragenden infolge solcher Überanstrengung schwindet, auf die Anwesenden übergeht und ihrer Gesundheit zugute kommt, gerade wie es auch der Fall sein soll bei magnetischen Medien oder bis zum ohnmächtigen Zusammenbrechen tanzenden indischen Beschwörungstänzern) Hast du auch noch nie davon gehört, wie ein von einer Schlange Gebissener unter dem Einfluss einer Zauberformel das Schlangengift (durch die betreffende Schlange) hat wieder entfernen, ausscheiden, oberhalb und unterhalb aussaugen lassen?»
«Gewiß, o Herr. Noch heutzutage geschieht das in der Welt.»
«So ist es also falsch, o König, zu behaupten, daß heilende Schutztexte zwecklos seien. Wenn eine Schlange einen Mann beißen will, über den ein Schutztext gesprochen wurde, so kann sie das nicht, und ihr aufgerissener Rachen wird sich wieder schließen. Und selbst die bereits erhobene Keule eines Räubers wird einen solchen nicht berühren. Der Räuber wird die Keule fallen lassen und ihm Liebe erweisen. Ein wütender Elefant, der auf ihn losstürzt, wird stehen bleiben. Eine flackernde, gewaltige Feuersbrunst, die gegen ihn antreibt, wird verlöschen. Das Halāhala-Gift, das er verschluckt, wird unwirksam werden und ihm als Nahrung dienen. Mörder, die auf ihn stürzen, um ihn zu erschlagen, werden zu seinen Dienern. Und die Falle, in die er tritt, wird ihn nicht fangen.»
«Gewähren nun aber, o Herr, die Schutztexte allen Menschen Schutz?»
«Den einen wohl, o König, den anderen aber nicht.»
«Somit wäre also, o Herr, der Schutztext nicht für alle von Nutzen.»
«Erhält denn wohl, o König, die Nahrung etwa alle Menschen am Leben?»
«Die einen wohl, o Herr, die anderen aber nicht.»
«Und warum nicht?»
«Wenn da zum Beispiel die einen zu viel essen, mögen sie am Durchfall sterben.»
«Somit erhält also die Nahrung, o König, nicht alle Menschen am Leben.»
«Zwei Umstände, o Herr, bewirken, daß die Nahrung das Leben gefährden mag: Überessen und Verdauungsschwäche. Somit mag also selbst die lebensspendende Nahrung, o Herr, durch verkehrten Gebrauch einem das Leben kosten.»
«Ebenso auch, o König, gewährt der Schutztext für die einen Schutz, für die anderen aber nicht. Drei Umstände sind es eben, o König, unter denen die Schutztexte keinen Schutz gewähren:
- Hemmung durch unheilsames Wirken (kamma),
- Hemmung durch geistige Trübungen (kilesa) und
- Mangel an Vertrauen.
Der Schutztext, o König, der sich sonst als ein Schutz für die Wesen erweist, verliert durch das was man selber (an Schlechtem) tut, seine schützende Wirkung. Es ist hiermit gerade so wie mit einer Mutter und ihrem Kind. Die Mutter ernährt das in ihrem Leibe befindliche Kind in aller Liebe, und mit größter Sorgfalt bringt sie es zur Welt. Nach seiner Geburt entfernt sie von ihm alle Unsauberkeit, Schmutz und Schleim und salbt es mit den besten und feinsten wohlriechenden Salben. Solche, die es schimpfen oder schlagen, schleppt sie erregten Herzens vor ihren Gatten. Wenn ihr Sohn aber späterhin unartig ist oder sich verspätet, so schlägt sie ihn mit einem Stock oder einem Prügel, stößt ihn mit dem Knie, versetzt ihm Hiebe mit der Hand. Wird man nun wohl deshalb der Mutter des Kindes Gewalt antun, sie packen und vor ihren Gatten bringen?»
«Das wohl nicht, o Herr.»
«Und warum nicht?»
«Weil ja der Knabe es selber verschuldet hat.»
«Ebenso auch, o König, wird der Schutztext, der sich sonst als Schutz für die Wesen erweist, durch eigene Übeltat unwirksam gemacht.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut gelöst hast du das Problem, das Dickicht gelichtet, die Finsternis erhellt, entwirrt das Netz der Ansichten, du, der du der beste und edelste bist unter allen den Meistern.»
Mil. 4.2.5. Buddhas Almosenempfang - 4.2.5. Buddhalābhantarāyapañho
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete reichlich beschenkt wurde mit den Bedarfsgegenständen, als wie Gewand, Almosen, Lagerstatt, Heilmittel und Arzneien. Andererseits aber behauptet ihr wieder, daß der Vollendete bei dem Almosengange in dem Brahmanendorfe Pañcasāla nichts erhielt und mit einer wie frisch gewaschenen Schale weiterziehen mußte. Wenn nun die erste Behauptung wirklich zutrifft, so muß die zweite eben falsch sein; trifft aber die zweite zu, so muß die erste falsch sein. Dies ist wieder ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, ein äußerst gewichtiges, schwer zu durchdringendes. Das magst du mir nun lösen.»
«Beide Aussagen, o König, sind richtig. Daß der Vollendete jedoch dieses eine Mal mit leerer Almosenschale weiterziehen mußte, das war das Werk Māras, des Bösen.»
«So war wohl, ehrwürdiger Nāgasena, das vom Erhabenen während unzähliger Weltzeitalter aufgespeicherte Verdienst damals gerade zu Ende gelangt? Oder konnte wohl der erst kürzlich erschienene Māra, der Böse, die Ausdehnung der Macht und Wirksamkeit seines Verdienstes abschneiden? Es ergibt sich also in dieser Sache an beiden Stellen ein Vorwurf, nämlich der, daß entweder das Böse mächtiger sei als das Gute oder daß die Macht des Māra die Macht des Erleuchteten übertreffe. Somit wäre also der Gipfel eines Baumes schwerer als dessen Wurzel, und der Böse mächtiger als der von Tugend Erfüllte.»
«Nein, o König. Das Böse ist darum nicht mächtiger als das Gute, und auch ist
die Macht des Māra nicht größer als die des Erleuchteten. Übrigens wäre hier ein
Beispiel erwünscht. Nimm an, o König, ein Mann brächte zum König Honig oder eine
Honigscheibe oder irgend ein anderes Geschenk. Der Torwächter des Königs aber
spräche zu ihm:
«Nicht doch, o Herr. Von Neid erfüllt hätte zwar der Torwächter jene Gabe verhindert, doch könnte durch ein anderes Tor ein hunderttausendmal wertvolleres Geschenk zum Könige gelangen.»
«Ebenso auch, o König, brachte zwar Māra, der Böse, von Neid erfüllt, die brahmanischen Hausleute in Pañcasāla in seine Gewalt; viele tausende unter den anderen Geistern aber begaben sich, mit ambrosischer, himmlischer Speise versehen, zum Erhabenen, um seinem Körper Nahrung zuzuführen. Und dem Erhabenen huldigend, blieben sie mit gefalteten Händen stehen.»
«Das mag sein, ehrwürdiger Nāgasena. Leicht ist es wohl für den Erhabenen, den edelsten Menschen in der Welt, die vier Bedarfsgegenstände zu erlangen; ja, stets bloß auf die Bitten der Götter und Menschen hin machte er davon Gebrauch. Aber immerhin ist dem Māra insofern sein Plan geglückt, als er den Erhabenen um sein Essen brachte. Hierin ist mein Zweifel noch nicht gelöst, o Herr. Hierüber bin ich noch in Ungewissheit und hege Bedenken, denn mein Geist gefällt sich nicht in dem Gedanken, daß Māra auf so abscheuliche, niederträchtige, kleinliche, boshafte und unheilige Weise es verhinderte, daß man dem Vollendeten Almosen reichte, dem Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten, dem Besten unter den Edelsten in aller Welt mitsamt der Götter, dem von erhabenen heilsamen und guten Eigenschaften Erfüllten, dem Unvergleichlichen, Beispiellosen, Unerreichten.»
«Vier Arten des Verhinderns gibt es, o König:
- Hinderung einer noch nicht versprochenen Gabe,
- Hinderung einer versprochenen Gabe,
- Hinderung einer vorbereiteten Gabe und
- Hinderung eines Genusses.
- Wenn zum Beispiel einer eine Gabenspende hindert, für die noch niemand
bestimmt und ausersehen wurde, etwa mit den Worten:
- so gilt dies als Hinderung einer noch nicht versprochenen Gabe. - Wenn man dagegen einen Menschen ausersehen und die für ihn bestimmte Speise vorbereitet hat, und ein anderer legt dem ein Hindernis in den Weg, so gilt dies als Hinderung einer versprochenen Gabe.
- Wenn da aber einer irgend eine Gabe verhindert, die vorbereitet aber noch nicht in Empfang genommen wurde, so gilt dies als Hinderung einer vorbereiteten Gabe.
- Und wenn da einer dem Gebrauche irgendwelcher empfangenen Gabe ein Hindernis in den Weg legt, so gilt dies als Hinderung eines Genusses.
Diese vier Arten des Verhinderns gibt es, o König. Damals aber, als Māra, der Böse, in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla gefahren war, wurde der Erhabene weder am Genusse einer Gabe gehindert, noch wurde einer für ihn zubereiteten oder versprochenen Gabe ein Hindernis in den Weg gelegt. Denn bevor noch irgend jemand herangekommen war, ohne daß schon irgend jemand da war oder ausersehen wurde, geschah die Hinderung. Diese aber galt nicht etwa bloß dem Erhabenen, sondern von allen denen, die zu jener Zeit ausgingen und dorthin kamen, erhielt an jenem Tage auch nicht ein einziger irgendwelche Nahrungsspende. Ich sehe nämlich niemanden, o König, in der Welt mitsamt der Götter, Māras und Brahmas noch unter der Schar der Asketen, Priester, Geister und Menschen, der etwas, was für jenen Erhabenen bestimmt oder vorbereitet ist, oder was der Erhabene gerade genießt, zu verderben imstande wäre. Denn wenn einer in seinem Neide dies wirklich zu tun vermöchte, so würde ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zerspringen.
Folgende vier Dinge, o König, kann keiner dem Vollendeten rauben, nämlich:
- die für den Erhabenen bestimmte, vorbereitete Gabe,
- den sechs Fuß breiten von seinem Körper ausgehenden Lichtschein,
- den Wissensschatz und die Allweisheit des Erhabenen,
- das Leben des Erhabenen.
Diese vier Dinge, o König, kann keiner dem Vollendeten rauben. Diese Dinge, o König, sind alle gleich in ihrer Beschaffenheit, sie sind frei von Hinfälligkeit, unzerstörbar, nicht gefährdet durch andere, sind unversehrbar durch irgend welche Handlung. Ungesehen, o König, und heimlich fuhr Māra, der Böse, in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla. Wenn da zum Beispiel, o König, in einer unzugänglichen Gegend im Grenzlande ungesehen Räuber im Hinterhalte liegen und die Straßen unsicher machen und der König die Räuber zu Gesicht bekommen sollte, würde es da wohl jenen Räubern gut ergehen?»
«Gewiß nicht, o Herr. Mit einer Axt würde man sie in hundert und tausend Stücke zerspalten.»
«Ebenso auch, o König, fuhr Māra, der Böse, ungesehen und heimlich in die Brahmanen und Hausleute von Pañcasāla. Es möchte auch eine verheiratete Frau sich wohl ungesehen und heimlich mit einem anderen Manne abgeben. Wenn sie dies aber angesichts ihres Mannes tun möchte, würde es ihr da wohl gut ergehen?»
«Gewiß nicht, o Herr. Ihr Gatte möchte sie schlagen, umbringen, binden oder versklaven.»
«Ebenso auch, o König, fuhr Māra, der Böse, ungesehen und heimlich in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla. Hätte aber Māra, der Böse, irgend etwas, was für den Erhabenen bestimmt oder vorbereitet war, oder das der Erhabene gerade genoß, verhindert, so wäre ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zersprungen.»
«So ist es, ehrwürdiger Nāgasena. Wie ein Dieb hat Māra, der Böse, gehandelt, denn ganz heimlich ist er in die brahmanischen Hausleute von Pañcasāla gefahren. Wenn er aber irgend etwas, das für den Erhabenen bestimmt oder vorbereitet war, oder das der Erhabene gerade genoß, verwehrt hätte, so wäre ihm sein Haupt in hundert und tausend Stücke zersprungen oder sein Körper wäre zerstoben wie eine Handvoll Streu. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena, so ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.2.6. Unwissentliches Vergehen - 4.2.6. Apuññapañho
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena:
«Beide Aussprüche, o König, hat der Erhabene allerdings getan. Doch hat man in letzterem zweierlei Gesichtspunkte zu unterscheiden. Es gibt nämlich, o König, Vergehen (gegen die Ordensdisziplin), wo (gegenwärtiges) Unwissen freispricht und solche, wo es nicht freispricht. Und eben mit Beziehung auf die ersteren hat der Erhabene gesagt, daß bei Unwissenheit ein Vergehen nicht rechnet.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.2.7. Die Leitung der Mönchsgemeinde - 4.2.7. Bhikkhusaṅghapariharaṇapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat einst den Ausspruch getan:
«Beide Aussprüche, o König, hat zwar der Erhabene getan. In diesem Probleme
jedoch, o König, hat die eine Aussage einen begrenzten Sinn, die andere aber
einen unbegrenzten. Nicht, o König, läuft etwa der Vollendete den Anhängern
nach, sondern die Anhänger laufen dem Vollendeten nach. Der Ausdruck
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Gut gelöst hast du das Problem durch mancherlei Beispiele. Du hast dieses tiefsinnige Problem offenbar gemacht, den Knoten zerteilt, das Dickicht gelichtet, die Finsternis erhellt. Die Behauptungen der Gegner aber hast du zerschmettert und den Jüngern des Siegers die Augen geöffnet.»
Mil. 4.2.8. Unentzweibare Anhängerschaft - 4.2.8. Abhejjaparisapañho
«Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß die Anhängerschaft des Vollendeten nicht entzweit werden könne. Andererseits aber sagt ihr, daß Devadatta auf einen Schlag fünfhundert Mönche abtrünnig machte. Wenn also die erste Aussage richtig ist, so muß eben die zweite falsch sein; ist aber die zweite richtig, so ist die erste falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, tiefsinnig, schwer zu enthüllen, verknüpfter denn ein Knoten. In diesem Punkte ist nämlich der Menschen Blick beschränkt, gehemmt, gehindert, verschlossen, gänzlich verhüllt. So beweise denn hier die Fähigkeit deiner Einsicht angesichts der Behauptungen der Gegner!»
«Die Anhängerschaft des Vollendeten, o König, kann nicht entzweit werden. Und doch hat Devadatta auf einen Schlag fünfhundert Mönche abtrünnig gemacht. Dies geschah aber bloß unter dem Einfluss dieses Zwiespaltstifters. Denn wo ein Zwiespaltstifter ist, da gibt es nichts, was nicht entzweit werden könnte. Da entzweit sich gar die Mutter mit ihrem Sohne, der Sohn mit seiner Mutter, der Vater mit seinem Sohne, der Sohn mit seinem Vater. Da entzweit sich Bruder mit Schwester, Schwester mit Bruder, Freund mit Freund. Auch ein aus vielerlei Hölzern gezimmertes Schiff muß infolge der Gewalt und des Anpralles der Wogen zerschellen. Und ein mit nektargleichen, reifen Früchten beladener Baum muß brechen, wenn er gerüttelt wird unter dem Einfluss und der Gewalt des Sturmes. Ja, selbst das feinste Gold zerbricht unter dem Einfluss des Erzes. Aber dennoch, o König, ist es nicht die Absicht der Verständigen, hat nicht die Zustimmung der Erleuchteten, ist nicht der Wunsch der Weisen, daß die Anhängerschaft des Vollendeten entzweit werden könne. Denn es gibt einen gewissen Grund, weshalb man die Anhängerschaft des Vollendeten unentzweibar nennt. Man hat nämlich noch nie davon gehört, daß irgendwie durch das Verhalten des Vollendeten - sei es durch Mangel an Freigebigkeit, freundlichen Worten, wohlwollendem Benehmen oder Unparteilichkeit - seine Anhängerschaft entzweit wurde. In diesem Sinne eben heißt es, daß die Anhängerschaft des Vollendeten unentzweibar ist. Und es dürfte dir, o König, auch dies bekannt sein, ob es irgendwo im neungliedrigen Buddha-Wort einen Lehrtext (Sutta) gibt, wonach durch das von einem Anwärter auf die Buddhaschaft (Bodhisatta) Getane des Vollendeten Anhängerschaft entzweit worden wäre.»
«Eine solche Stelle findet sich nicht, o Herr. Davon hat man in aller Welt noch nichts gesehen oder gehört. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. Es ist so. Ich gebe es zu.»
Teil 4 · Milindapañha 4.3.1–4.4.8
3. Kapitel - 3. Paṇāmita Vagga
Mil. 4.3.1. Die Verehrungswürdigkeit des Mönchsstandes - 4.3.1. Seṭṭhadhammapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat den Ausspruch getan:
«Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Das aber hat seinen Grund. Es gibt nämlich, o König, zwanzig Eigenschaften und zwei äußere Kennzeichen, die einen zum Asketen machen und zufolge deren der Asket es verdient, daß man ihn ehrfurchtsvoll begrüßt, sich vor ihm erhebt und ihm Achtung und Ehre erweist. Und welche sind diese?
Die beste Art der Zügelung, höchste Selbstbeherrschung, rechter Wandel, rechtes Verweilen (vihāra), Zurückhaltung, Zügelung der Sinne, Geduld, Liebenswürdigkeit, Pflege der Einsamkeit, Gefallen an Einsamkeit, Abgeschiedenheit, Schamgefühl und sittliche Scheu, Tatkraft, Unermüdlichkeit, das Aufsichnehmen der geistigen Übung, Studium, Befragung über die Lehre, Freude an Sittlichkeit, Sammlung und Weisheit, Begehrlosigkeit, Erfüllung der Sittenregeln, sowie das Tragen des fahlen Gewandes und das Geschorensein. Diese Eigenschaften eignet sich der Mönch an und wenn ihm keines dieser Dinge fehlt und er darin vollkommen ist, sie besitzt und mit ihnen ausgerüstet ist, dann betritt er das Gebiet eines «Schulungsledigen» (asekha), eines Vollkommen-Heiligen, betritt er das höchste aller Bereiche.
Weil nun ein Mönch gleichsam in die Nähe der Heiligkeit gegangen, ist es auch für einen in den Strom (zur Heiligkeit) eingetretenen Laienanhänger angebracht, einen Mönch, sei dieser auch nur ein Weltling, ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben.
Und er soll dies auch tun, weil der Mönch in die Gemeinschaft der Triebbefreiten eingetreten ist, während er selber diese Gelegenheit nicht hatte;
weil der Mönch sich der Schar der Edelsten anschloß, ihm selber aber diese Möglichkeit sich nicht bot;
weil der Mönch den Vortrag der Ordenssatzung hören kann, er selber aber nicht;
weil der Mönch andere als Novizen oder voll ordinierte Mönche aufnehmen und so die Religion des Meisters verbreiten kann, während er selber dies nicht zu tun vermag;
weil der Mönch sich auch in den geringsten Übungsregeln vervollkommnet, er selber aber mit diesen nicht befaßt ist;
weil der Mönch die Kennzeichen eines Asketen trägt, gemäß der Absicht des Erleuchteten, während er selber davon weit entfernt ist;
weil der Mönch, mit langen Haaren in der Achselhöhle und ungepflegt und ungeschmückt, doch vom Tugendduft umgeben ist, er selber aber noch an Schmuck und Zierat Gefallen findet;
weil ferner alle diese zum Asketen gehörigen zwanzig Tugenden und zwei äußere Kennzeichen nur in einem Mönche angetroffen werden und nur der Mönch diese Eigenschaften besitzt und andere darin unterweist, er selber aber an solcher Disziplin und am Unterweisen keinen Anteil hat, -
deshalb eben hat selbst der in den Strom eingetretene Laienanhänger einen Mönch, sei dieser auch nur ein Weltling, ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben.
Gleichwie nämlich, o König, ein königlicher Prinz, der bei seinem Hauspriester die Wissenschaften und Pflichten eines Adeligen erlernt hat, noch in späteren Jahren, selbst wenn er bereits gekrönt ist, seinem Lehrer ehrfurchtsvollen Gruß darbietet und sich vor ihm erhebt, weil er ihn eben als seinen Lehrer betrachtet: ebenso auch, o König, hat selbst der in den Strom eingetretene Laienanhänger einen Mönch - und sei dieser auch nur ein Weltling - ehrfurchtsvoll zu begrüßen und sich vor ihm zu erheben, denn dieser ist der Lehrer und Erhalter der Überlieferung.
Aber auch aus folgender Tatsache, o König, magst du die Größe und unvergleichliche Erhabenheit des Mönchstandes ersehen. Wenn da nämlich, o König, ein in den Strom eingetretener Laienanhänger die Vollkommene Heiligkeit verwirklicht, so bleiben ihm bloß zwei Wege offen, kein anderer: entweder er stirbt noch an eben demselben Tage, oder aber er tritt in den Mönchstand ein. Denn der Gang in die Hauslosigkeit, nämlich der Mönchstand, o König, ist etwas Unerschütterliches, Gewaltiges und äußerst Erhabenes.»
«Dieses tiefsinnige Problem, ehrwürdiger Nāgasena, hast du trefflich gelöst, du mächtiger, hoher Weiser. Und kein anderer wäre imstande gewesen, auf eine solche Weise dieses Problem zu lösen, sei er denn selber so weise wie du.»
Mil. 4.3.2. Buddhas Wohlwollen - 4.3.2. Sabbasattahitapharaṇapañho
«Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete von allen Wesen das Unheilsame fernhielt und sie mit dem Heilsamen versah. Andererseits aber sagt ihr, daß während der Darlegung des Feuergleichnisses (A.VII.68) sechzig Mönchen das heiße Blut aus dem Munde quoll. Durch diesen Vortrag, o Herr, hielt der Vollendete von den Wesen doch gerade das Heilsame ab und brachte ihnen Unheil. Ist demnach die erste Behauptung richtig, so ist die zweite falsch; ist aber die zweite Behauptung richtig, dann muß die erste falsch sein. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir zu lösen hast.»
«Beide Aussagen, o König, treffen zu. Doch geschah es nicht durch eine Handlung des Vollendeten, sondern bloß zufolge der eigenen Taten jener Mönche, daß ihnen das Blut aus dem Munde quoll.»
«Wenn nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete nicht diesen Lehrvortrag gehalten hätte, wäre da wohl den Mönchen das heiße Blut aus dem Munde gequollen?»
«Gewiß nicht, o König. Doch wegen ihres schlechten Lebenswandels befiel sie beim Hören des Lehrvortrags ein Fieber im Körper und infolge dieses Fiebers quoll ihnen das heiße Blut aus dem Munde.»
«So geschah es also dennoch, o Herr, infolge der Handlung des Vollendeten, daß ihnen das heiße Blut aus dem Munde quoll, und der Vollendete war eben der Hauptgrund zu ihrem Verderben. Gesetzt, ehrwürdiger Nāgasena, eine Schlange kriecht in einen Termitenhaufen und ein Mann, der nach Lehmerde sucht, zerbricht denselben und nimmt sich den Lehm. Beim Nehmen des Lehmes aber verstopft sich das Loch des Termitenhaufens, und jene Schlange bekommt keine Luft mehr und geht zugrunde. Ist da nicht wohl, o Herr, die Schlange infolge der Handlung dieses Mannes umgekommen?»
«Gewiß, o König.»
«Ebenso aber auch, ehrwürdiger Nāgasena, war der Vollendete der Hauptgrund, daß jene Mönche zu Fall kamen.»
«Der Vollendete, o König, wies die Lehre, ohne irgendwelche Zuneigung oder Abneigung an den Tag zu legen. Frei von Zuneigung und Abneigung legte er die Lehre dar. Diejenigen unter den Hörern dieses Lehrvortrages, die einen guten Lebenswandel geführt hatten, gelangten zur Erkenntnis; diejenigen aber, die einen schlechten gehabt hatten, kamen zu Fall.
Gerade wie etwa, wenn ein Mann einen Mango-, Rosenapfel- oder Honig-Baum schüttelt, die gesunden, festhängenden Früchte noch daran bleiben ohne herabzufallen, während die lose hängenden Früchte, deren Stengel an einem Ende abgefault sind, zu Boden fallen. Oder wie ein Bauer, der Korn säen will, sein Feld pflügt und dabei viele hunderte und tausende von Gräsern umkommen: ebenso auch, o König, legte der Vollendete, während er die geistig reifen Wesen belehrte, frei von Zuneigung und Abneigung die Wahrheit dar, und während seiner Darlegung gelangten die gut Wandelnden zur Erkenntnis, während die schlecht Wandelnden wie die Gräser umkamen. Oder gleichwie, o König, wenn die Menschen zur Gewinnung von Zuckersaft das Zuckerrohr in einer Mühle pressen und die dabei in die Öffnung der Mühle geratenen Insekten zermalmt werden: ebenso auch, o König, drehte der Vollendete, während er die geistig reifen Wesen belehrte, die Wahrheitsmühle, und dabei kamen die schlecht Wandelnden wie die Insekten um.»
«Jene Mönche, ehrwürdiger Nāgasena, sind also doch wohl infolge jenes Lehrvortrages zu Fall gekommen.»
«Kann denn wohl, o König, ein Zimmermann einen Baumstamm gerade und glatt machen, wenn er ihn unangetastet liegen läßt?»
«Nein, o Herr. Dadurch, daß er die schlechten Stellen entfernt, macht er den Baumstamm gerade und glatt.»
«Ebenso auch, o König, kann der Vollendete, wenn er die Menschen unangetastet läßt, die erkenntnisfähigen Wesen nicht belehren. Sondern nur dadurch, daß er diejenigen mit schlechtem Wandel entfernt, kann er die erkenntnisfähigen Wesen zur Erkenntnis führen. Also durch ihre eigene Handlung, o König, kamen jene schlecht Wandelnden zu Falle.
Oder wie, o König, sowohl der Pisang als auch der Bambus als auch der Maulesel infolge ihrer eigenen Frucht zugrunde gehen: ebenso auch, o König, richten sich Menschen schlechten Wandels durch ihre eigenen Taten zugrunde und kommen um.
Oder gleichwie, o König, die Räuber infolge ihrer eigenen Taten sich die Blendung, die Pfählung und die Enthauptung selber zuziehen: ebenso auch, o König, gehen die Übelgesinnten infolge ihrer eigenen Taten zugrunde und fallen ab von der Lehre des Siegers. Daß also den sechzig Mönchen das heiße Blut aus dem Munde quoll, geschah weder infolge einer Handlung des Erhabenen noch infolge der Taten eines anderen, sondern war eben bloß eine Folge ihrer eigenen Taten.
Nimm an, o König, einer verabreichte aller Welt den Unsterblichkeitstrank, und diejenigen, die davon genössen, würden gesund, langlebig und von jedem Siechtum befreit, während einer unter ihnen durch dessen Mißbrauch beim Genusse sich den Tod zuzöge. Würde wohl deshalb, o König, jenen Spender des Unsterblichkeitstrankes irgendwelche Schuld treffen?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, spendete der Vollendete den Menschen und Göttern des zehntausendfachen Weltsystems die unsterbliche Gabe der Wahrheit, so daß die Fähigen unter ihnen durch den Unsterblichkeitstrank der Wahrheit zur Erkenntnis gelangten, während die Unfähigen daran zugrunde gingen und erlagen. Die Nahrung, o König, ist zwar dasjenige, was alle Menschen am Leben erhält. Doch kommt es vor, daß einige nach ihrem Genusse an der Ruhr sterben. Trifft aber wohl deshalb den Spender der Speise irgendwelche Schuld?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, spendete der Vollendete den Menschen und Göttern des zehntausendfachen Weltsystems die unsterbliche Gabe der Wahrheit, so daß die Fähigen unter ihnen durch den Unsterblichkeitstrank der Wahrheit zur Erkenntnis gelangten, während die Unfähigen daran zugrunde gingen und erlagen.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
? 4.3.3. Vatthaguyhanidassanapañho
Mil. 4.3.3. Buddhas harte Worte - 4.3.4. Pharusavācābhāvapañho
«Der Ordensältere Sāriputta, o Herr, der Heerführer der Lehre, hat einstmals
folgenden Ausspruch getan:
[Das hier erwähnte erste «mit Ausstoßung verbundene Ordensvergehen» (pārājikā, wörtl.: «Niederlage») ist der Geschlechtsakt. Der Fall des Mönches Sudinna findet sich in dem dieses Vergehen behandelnden ersten Teil des Sutta-Vibhanga (Vinaya-Pitaka). Dort wird allerdings nicht erwähnt, daß Sudinna nach des Buddha strengen Worten «Furcht und Gewissensbisse» empfand, obwohl es psychologisch wahrscheinlich ist, daß sich in ihm die schon vorher empfundene Reue verstärkt hatte. Formell gesehen hatte er, wie die Kommentare bemerken, noch keine Ordensregel gebrochen, da die hierauf bezügliche erst durch seinen Fall veranlaßt wurde.]
Wenn nun der Vollendete wirklich ein lauteres Benehmen in Worten hatte, so muß diese letztere Behauptung falsch sein. Ist diese aber richtig, dann ist eben die erstere falsch. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir nun lösen magst.»
«Beide Aussagen sind richtig, o König. Daß jedoch der Vollendete harte Worte gebrauchte, geschah nicht etwa erbosten Herzens oder aus Wut, sondern bloß um eine Tatsache festzustellen. Denn wer da, o König, in diesem Leben, die vier Wahrheiten nicht durchdringt, dessen Menschsein gilt eben als nichtig. Und was ein solcher auch immer unternimmt, das fällt stets anders aus. Deshalb heißt man ihn eben einen nichtigen Menschen. Somit hat also, o König, der Erhabene den Ehrwürdigen Sudinna, den Kalander, mit einem zutreffenden Wort angeredet, nicht mit einem unwahren.»
«Wenn aber, o Herr, jemand Tatsachen mit Schimpfworten vorbringt, so belegen wir ihn dennoch mit einem Groschen Strafe. Denn er macht sich schuldig, wenn er aus irgendeinem Anlaß die normale Sprechweise verläßt und ins Schimpfen gerät.»
«Hast du wohl schon jemals gehört, o König, daß man einen Verbrecher ehrfurchtsvoll begrüßt, sich vor ihm erhebt, ihm Achtung erweist und Geschenke darbringt?»
«Gewiß nicht, o Herr. Wie und wo auch immer ein Mensch ein Verbrechen begangen hat, da verdient er Tadel und Vorwurf. Und man enthauptet, foltert, bindet oder tötet ihn oder zieht ihm seine Güter ein.»
«Somit hat also der Erhabene, o König, etwas Rechtes getan und nichts Unrechtes.»
«Auch wenn jemand, ehrwürdiger Nāgasena, etwas Rechtes tut, hat er es auf
eine rechte und angemessene Weise zu tun. Daher, o Herr, werden die Menschen
samt den Göttern, selbst wenn sie nur von einem
«Möchte wohl, o König, wenn bei einem Kranken der ganze Organismus angegriffen ist und alle Säfte erregt sind, ein Arzt milde Arzneien verschreiben?»
«Nein, o Herr. Da der Arzt auf seine Gesundheit bedacht ist, verschreibt er dem Kranken scharfe, einschneidende Arzneien.»
«Ebenso auch, o König, gibt der Vollendete seine Unterweisung zur Stillung aller Übel der Leidenschaften. Auch selbst die scharfen Worte des Vollendeten, o König, machen die Wesen sanft und mild. Gleichwie etwa, o König, selbst das kochende Wasser einen zu erweichenden Gegenstand biegsam und weich macht: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Oder gleichwie, o König, die Worte eines Vaters zu seinen Kindern segensreich und voll von Mitleid sind: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Ja, auch die harten Worte des Vollendeten, o König, führen die Wesen zur Überwindung ihrer Leidenschaften. Gleichwie nämlich, o König, selbst durch das Trinken des übelriechenden Rinderurins oder das Einnehmen widerlich schmeckender Arzneien der Wesen Leiden geheilt werden mögen: ebenso auch, o König, waren selbst die harten Worte des Vollendeten segensreich und voll von Mitleid. Oder gleichwie, o König, selbst ein großer Knäuel Baumwolle, der jemandem auf den Körper fällt, keine Schmerzen hervorruft: ebenso auch, o König, gereichen selbst die harten Worte des Vollendeten keinem zum Leiden.»
«Gut gelöst, o Herr, hast du das Problem mit Hilfe vielartiger Beweisgründe. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
[Rinderurin gilt in ganz Indien seit Jahrtausenden als eine wirksame Arznei. Es dürfte wohl hauptsächlich der Gehalt an Harnstoff sein - der auch in der europäischen medizinischen Wissenschaft eine große Rolle spielt - dem man die mitunter geradezu wunderwirkende Heilkraft des Urins zuzuschreiben hat. In Angereihter Sammlung, Vierer-Buch, Nr. 27, heißt es: «Fauler Rinderurin, ihr Jünger, ist unter den Arzneien unscheinbar, ist leicht zu erlangen und ist untadelhaft.»]
Mil. 4.3.4. Der redende Baum - 4.3.5. Rukkhaacetanābhāvapañho
(Dieser Abschnitt ist der ersten Auflage von 1914 entnommen. Ist in der 2. Auflage von 1985 nicht enthalten. WG)
"Der Vollendete, ehrwürdiger Nāgaseno, hat folgenden Ausspruch getan:
,Der du stets rüstig, stark und wohlgemut Und selber doch Verstand besitzest, Was fragst, Brahmane du den tauben Baum, Der weder Wissen noch Bewußtsein hat?
"An einer anderen Stelle dagegen heißt es:
,Darauf nun sprach der Espenbaum Und gab die Antwort ihm zurück:- ,Auch mir die Sprache eigen ist; So, Bhāradvājo, hör’ mich an!’
"Wenn, ehrwürdiger Nāgaseno, ein Baum ohne Bewußtsein ist, so ist die Behauptung, daß der Espenbaum zu Bhāradvājo gesprochen habe, eben falsch. Hat aber der Espenbaum wirklich zu Bhāradvājo gesprochen, dann muss die Behauptung, daß der Baum ohne Bewußtsein sei, falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast." "Wohl hat, o König, der Erhabene den Baum als bewußtlos bezeichnet, und dennoch hat der Espenbaum zu Bhāradvājo gesprochen. Doch diese letzteren Worte sind nur im Sinne einer landläufigen Ausdrucksweise gebraucht, denn ein bewußt-loser Baum kann nicht reden, o König. Der Baum ist nämlich hierbei bloß eine Bezeichnung der auf ihm lebenden Gottheit. Wenn es also heißt, daß der Baum spreche, so ist dies bloß ein landläufiger Ausdruck. Es nennt ja auch das Volk einen mit Getreide beladenen Wagen einen Getreidewagen - obzwar der Wagen doch keineswegs aus Getreide sondern aus Holz besteht - eben weil derselbe mit Getreide beladen ist. Oder wenn jemand Milch schlägt, sagt man, daß er Butter schlage, obzwar es doch keine Butter ist, die er schlägt, sondern Milch. Oder wenn jemand etwas herstellen will - das also doch noch gar nicht da ist - und man sagt, daß er etwas noch nicht Daseiendes herstelle, also etwas Nichthergestelltes als etwas Hergestelltes bezeichnet, so ist dies eben bloß eine landläufige Ausdrucksweise. -
Ebenso auch, o König, kann ein Baum nicht reden, da er ohne Bewußtsein ist. Und der Baum ist hier bloß eine Bezeichnung der in ihm hausenden Gottheit. Wenn es also heißt, daß der Baum redet, so ist dies bloß eine landläufige Ausdrucksweise. Selbst bei Darlegung der Lehre machte der Erhabene Gebrauch von jener landläufigen Ausdrucksweise, deren sich das Volk im Verkehre miteinander bedient." "Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgaseno. So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.3.5. Buddhas letztes Mahl - 4.3.6. Piṇḍapātamahapphalapañho
«Von den Ordensälteren, o Herr, die die Rezitation der Lehre vornahmen (*), wurde folgendes vorgetragen:
Als Cundas Mahl beendet war,
Des Kupferschmieds - so hörte ich
Da wurd’ der Buddha plötzlich krank,
Und heftig litt er tödliche Schmerzen.
(*) [Das hier gemeinte erste Konzil (sangīti, wörtl. Rezitation) soll zu Rājagaha, unmittelbar nach des Buddhas Tode, von fünfhundert Vollkommen-Heiligen abgehalten worden sein, die unter dem Vorsitze des Ordensälteren Mahākassapa die jetzt in den Sammlungen der Ordensdisziplin und der Lehrreden (Vinaya- und Sutta-Pitaka) vorliegenden Texte vortrugen.]
Andererseits aber sagte der Erhabene:
Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, nach dem Mahle des Cunda im Erhabenen wirklich eine heftige Krankheit ausbrach und starke tödliche Schmerzen sich einstellten, dann muß doch diese letzte Behauptung falsch sein. Sollte vielleicht gar, ehrwürdiger Nāgasena, jene letzte Almosenspende deshalb verdienstvoller sein, weil sie Giftiges enthielt, Krankheit erzeugte, lebensvernichtend wirkte und den Erhabenen das Leben kostete? Begründe mir denn diese Sache zur Überführung der Gegner. Denn die Leute denken törichterweise, daß diese Ruhr durch Überessen, also durch Gier, verursacht wurde. Dieses zweischneidige Problem sei dir gestellt. So löse es denn.»
«Die Ordensälteren haben tatsächlich jene erste Aussage gemacht. Und dennoch hat der Erhabene beide Almosenspenden gleichgestellt: diejenige vor seiner Erleuchtung und sein letztes Mahl. Diese letzte Almosenspende nämlich besaß viele Vorzüge und brachte mancherlei Segen. Erfreut und frohen Geistes, o König, flößten die Gottheiten himmlischen Saft in das Gericht Eberpilze, da sie wußten, daß dies des Erhabenen letztes Mahl war. Und jenes Gericht war völlig gar gekocht, lecker, äußerst schmackhaft und leicht verdaulich für den Magen. Nicht etwa wegen dieser Speise, o König, ist im Erhabenen die zuvor noch nicht bestehende Krankheit ausgebrochen, sondern nur, weil der Körper des Erhabenen schon an und für sich schwach und seine Lebenskraft gewichen war, konnte die ausgebrochene Krankheit sich stärker entwickeln. Gerade wie etwa ein gewöhnliches Feuer stärker brennt, sobald man frischen Brennstoff auflegt - oder wie ein gewöhnlicher Strom bei starkem Regen mächtig anschwillt und überfließt - oder auch wie einem der Leib von normalem Körperumfang bei neuer Nahrungszufuhr noch dicker anschwillt. So auch, o König, konnte sich die Krankheit des Erhabenen nur deshalb stärker entwickeln, weil sie in einem schon an und für sich schwachen Körper entstand, in dem die Lebenskraft bereits erschöpft war. Die Schuld liegt also nicht an jener Almosenspende, o König. Ihr kann man keinerlei Schuld zuschreiben.»
«Aus welchem Grunde, ehrwürdiger Nāgasena, zeitigen nun aber jene beiden Almosenspenden genau die gleichen Früchte, die gleiche Wirkung und sind bei weitem verdienstvoller als alle die anderen Almosenspeisen?»
«Wegen der damit verbundenen Erreichung des Eintritts in geistige Zustände.»
«Welcher geistigen Zustände, o Herr?»
«Wegen des fortschreitenden und rückschreitenden Eintretens in die Folge der neun meditativen Erreichungszustände.»
(anupubba-vihāra-samāpatti, die Folge dieser neun Erreichungszustände besteht aus den vier feinkörperlichen und den vier unkörperlichen Vertiefungen, jhāna, sowie dem Zustand der Erlöschung von Gefühl und Wahrnehmung, s. nirodha-samāpatti)
«Geschah denn solches, o Herr, bloß an diesen beiden Tagen in einem erhöhten Maße?»
«Ja, o König.»
«Wunderbar ist es, ehrwürdiger Nāgasena, unglaublich ist es, daß selbst die unvergleichlich erhabenste Gabe an den Buddha mit diesen beiden Almosenspenden sich nicht vergleichen läßt. Wunderbar ist es, o Herr, unglaublich ist es, wie gewaltig die Erreichungen der neun meditativen Folgezustände sind, insofern nämlich dadurch einer Gabe um so höhere Frucht und höherer Segen beschieden ist. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.6. Reliquienverehrung - 4.3.7. Buddhapūjanapañho
«Der Vollendete, o Herr, hat einst gesagt
Verehrt die Körperreste dessen,
Dem ihr Verehrung schuldet,
Denn solche Tat führt euch
Von hier hinauf zur Himmelswelt.
Wenn also die erste Behauptung richtig ist, dann muß die zweite falsch sein. Ist aber die zweite Behauptung richtig, so ist eben die erste falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.»
«Beide Aussprüche, o König, hat wohl der Erhabene getan. Doch nicht für alle,
sondern nur mit Bezug auf die Jünger des Siegreichen - die Mönche - hat der
Erhabene den Ausspruch getan:
Die königlichen Prinzen in aller Welt haben sich abzugeben mit Elefanten, Pferden, Wagen, Bogen und Schwertern, müssen das Schreiben und die Zeichensprache erlernen, sich bekannt machen mit der Staatsverwaltung, sowie den Traditionen und Konventionen der Adligen, sie haben auch zu kämpfen und Kriege zu führen; während Ackerbau, Handel und Viehzucht die Aufgabe ist für die übrige große Masse aus der Bürger- und Dienerkaste. Ebenso wenig wie dies ist (kultische) Verehrung eine Tätigkeit für Mönche.
Die Brahmanenjünglinge wiederum haben die Pflicht, sich bekannt zu machen mit dem Rigveda, Yajurveda, Sāmaveda und Atharvaveda, mit den Körpermerkmalen, den Volkssagen, den Purānas, dem Wörterverzeichnis, der Dichtkunst, Wortzergliederungslehre, Lautlehre, Grammatik, Etymologie, der Deutung von Omen, Träumen und Zeichen, mit den sechs Hilfsbüchern der Veden, der Sonnen- und Mondfinsternis, mit dem Fluge der Kometen, der Opposition von Mond und Planeten, dem Donnern der Götter, den Konjunktionen, dem Fallen von Sternschnuppen, dem Erdbeben, dem Wetterleuchten, mit irdischen und himmlischen (Vorzeichen), Astronomie, Naturphilosophie, der (astrologischen) Hund-Runde, Wild-Runde und Zwischen-Runde, (sā-cakka miga-cakka antara-cakka, der letztgenannte Begriff stammt aus der indischen Astrologie und dies dürfte daher auch für die beiden vorhergehenden zutreffen, die Wiedergabe von cakka mit «Runde» ist unsicher) mit gemischten Omen und mit dem Zwitschern und Schreien der Vögel. Die übrige große Masse aus der Bürger- und Dienerkaste aber hat sich mit Ackerbau, Handel und Viehzucht zu beschäftigen.
In derselben Weise nun aber auch, o König, ist das Darbringen von
(kultischer) Verehrung keine Beschäftigung für Mönche. Das Erfassen aller
Daseinsgebilde, weise Erwägung, Betrachtung der
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.7. Buddhas Verletzung - 4.3.8. Pādasakalikāhatapañho
«Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena: Wenn der Vollendete über diese bewußtlose Erde dahin schreitet, so bewirkt dieselbe, daß die Versenkungen sich heben und die Erhebungen sich senken. Andererseits aber behauptet ihr, daß der Erhabene von einem Steinsplitter am Fuße verletzt wurde. Warum konnte denn jener Steinsplitter, der den Erhabenen auf den Fuß traf, nicht ebenso gut von seinem Fuß abgeleitet werden? Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so muß diese zweite Behauptung falsch sein. Ist diese aber richtig, so ist die erstere falsch. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.»
«Beide Behauptungen treffen zu, o König. Doch ist jener Steinsplitter nicht etwa aus eigenem Antrieb herabgefallen, sondern durch den Eingriff Devadattas. Devadatta nämlich hegte durch viele hunderttausende von Geburten hindurch Haß gegen den Vollendeten. Und von jenem Haß erfüllt, nahm er einen mächtigen, schweren Steinblock in der Größe eines Giebelhauses und ließ ihn (den Berg) hinabrollen, damit er auf das Haupt des Vollendeten falle. Aber zwei andere Felsen erhoben sich aus der Erde und fingen jenen Steinblock auf, und infolge ihres Zusammenpralles sprang von dem Steinblock ein Splitter ab, und indem dieser hier und dorthin flog, traf er auch auf den Fuß des Erhabenen.»
«Gerade aber, ehrwürdiger Nāgasena, wie die beiden Felsen den Steinblock auffangen konnten, ebensogut hätte doch auch wohl der Steinsplitter aufgefangen werden können.»
«Auch aufgefangen mag etwas immerhin noch durchschlüpfen, entgleiten und entgehen. So mögen zum Beispiel Milch, Buttermilch, Honig, ausgelassene Butter, Fisch- oder Fleischbrühe, wenn man sie mit der Hand schöpft, wieder zwischen den Fingern durchsickern. Oder wenn man feinen, staubartigen Sand in der geschlossenen Hand hält, mag er zwischen den Fingern wieder durchrinnen. Oder von einer Handvoll Reis, die man in den Mund gesteckt hat, mag etwas wieder herausfallen. Genau so, o König, sprang infolge des Zusammenpralles des Steinblockes mit den beiden Felsen - die, um ihn aufzufangen, zusammengetroffen waren - ein Steinsplitter ab, und indem dieser hier und dorthin flog, traf er auf den Fuß des Erhabenen.»
«Gut, ehrwürdiger Nāgasena, es sei zugegeben, daß der Steinblock von den beiden Felsen aufgefangen wurde. Doch hätte der Steinsplitter dem Erhabenen nicht ebensogut Achtung erweisen können wie die Erde?»
«Folgende zwölf, o König, kennen keine Ehrfurcht, und zwar:
- der Begierige in seiner Gier,
- der Gehässige in seinem Hasse,
- der Betörte in seiner Torheit,
- der Aufgeblasene in seinem Dünkel,
- der Tugendlose in seiner Unedelkeit,
- der Hartnäckige in seiner Unbeugsamkeit,
- der Niedrige in seiner Niedrigkeit,
- ein Diener weil er nicht Meister ist,
- der Selbstsüchtige in seinem Geize,
- der Bedrückte in seiner Rachsucht,
- der Habsüchtige beherrscht von seiner Habsucht,
- der Besitz Anhäufende weil er auf seinen Vorteil bedacht ist.
Diese Zwölf, o König, kennen keine Ehrfurcht.
Jener Steinsplitter aber, der infolge des Zusammenpralles absprang, flog ganz unbestimmt in irgend eine Richtung und traf dabei den Erhabenen auf den Fuß, gleichwie etwa auch ganz feiner, dünner Staub, vom Winde fortgeweht, ganz unbestimmt in irgend einer Richtung zerstiebt. Wenn jener Steinsplitter, o König, sich nicht von dem Steinblock losgelöst hätte, so hätten auch ihn jene beiden emporragenden Felsen aufgefangen. Doch jener, Steinsplitter, o König, hatte weder am Boden noch in der Luft einen Halt und fiel, nachdem er durch die Gewalt des Anpralles abgesprungen war, ganz unbestimmt in irgend eine Richtung, wobei er den Erhabenen auf den Fuß traf, gleichwie etwa ein durch einen Wirbelwind aufgewehtes Blatt ganz unbestimmt in irgend eine Richtung fliegt. Ja, o König, nur zum Leiden gereichte es dem undankbaren, unedlen Devadatta, daß jener Steinsplitter den Erhabenen auf den Fuß traf.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.8. Der wahre Asket - 4.3.9. Aggaggasamaṇapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Wem vier Bedingungen zu eigen sind,
Ja, der wird in der Welt Asket genannt.
Diese vier Bedingungen aber sind:
- Geduld,
- Mäßigkeit beim Mahle,
- Entsagung der Lust und
- innere Ledigung (ākiñcaññam).
Alle diese Eigenschaften aber mag auch einer besitzen, der noch nicht von den Trieben frei, also noch mit geistigen Trübungen behaftet ist. Wenn man somit, ehrwürdiger Nāgasena, erst nach dem Schwinden der Triebe zum Asketen wird, dann muß die Behauptung, daß nur der mit den vier Bedingungen Ausgerüstete ein Asket sei, eben falsch sein. Gilt aber nur der mit den vier Bedingungen Ausgerüstete als Asket, dann ist eben jene Behauptung falsch, daß man erst nach dem Schwinden der Triebe zum Asketen wird. Dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.»
«Beide Aussagen, o König, hat der Erhabene wohl getan. Wenn er jedoch gesagt hat, daß man durch diese vier Eigenschaften zum Asketen wird, so hat er es nur mit Hinsicht auf gewisse Menschen gesagt. Die Behauptung aber, daß man nach dem Schwinden der Triebe zum Asketen wird, ist eine allumfassende Aussage. Denn wenn man alle die um Überwindung der geistigen Trübungen Kämpfenden der Reihe nach miteinander vergleicht, so gilt derjenige Asket als der beste, in dem die Triebe geschwunden sind. Auch unter den auf der Erde oder im Wasser wachsenden Blumen gilt der Jasmin als die beste; alle die übrigen zahlreichen Blumenarten gelten eben einfach als Blumen. Unter ihnen nämlich ist der Jasmin die bei den Menschen beliebteste und geschätzteste Blume. Auch gilt zum Beispiel unter allen den Kornarten der Reis als bestes. Denn wenn man den Reis mit allen den übrigen zahlreichen als Speisen zur Ernährung des Körpers dienenden Kornarten der Reihe nach miteinander vergleicht, so gilt eben der Reis als die beste Nahrung. Genau so auch, o König, gilt unter allen denen, die um Überwindung der Trübungen kämpfen, der triebfreie Asket als der beste.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.9. Buddhas Selbstlob - 4.3.10. Vaṇṇabhaṇanapañho
«Der Erhabene, o Herr, hat einst folgenden Ausspruch getan:
Fürwahr, ein König bin ich, Sela,
Ein Wahrheitsfürst unübertroffen;
In Wahrheit lenke ich das Reich,
Das Reich, das keiner überwirft.
Wenn, o Herr, die erste Behauptung richtig ist, dann muß die zweite falsch sein; ist aber die zweite Behauptung richtig, dann ist eben die erste falsch. Dies ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun lösen sollst.»
«Beide Aussprüche hat zwar der Erhabene getan, o König. Doch geschah der erste bloß deshalb, um die echte, unverfälschte, wirkliche, wahre, innere Natur, Beschaffenheit und Eigenart der Lehre zu beleuchten. Und es war nicht etwa des Gewinnes oder Ruhmes wegen oder um Anhänger und Schüler zu gewinnen, sondern bloß aus Wohlwollen, Mitleid und Liebe - damit nämlich dadurch jener Brahmane und weitere dreihundert Brahmanenjünglinge die Durchschauung der Wahrheit gewinnen möchten - daß er den Ausspruch tat:
Fürwahr, ein König bin ich, Sela,
Ein Wahrheitsfürst unübertroffen;
In Wahrheit lenke ich das Reich,
Das Reich, das keiner überwirft.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.10. Züchtigung - 4.3.11. Ahiṃsāniggahapañho
«Der Vollendete, o König, hat einst den Ausspruch getan:
Bring deinem Nächsten keine Leiden,
Sei mild und gut zu jedermann!
Andererseits aber sagt er:
Wer Strafe braucht, den strafe man,
Und schenke Gunst, wem Gunst gebührt.
Das Strafen, ehrwürdiger Nāgasena, besteht aber doch im Abschneiden von Händen und Füßen, im Schlagen, Binden, Foltern, Töten und in dauernder Schädigung. Solche Worte passen sich doch nicht für den Erhabenen, und nicht darf der Erhabene solche Rede führen. Wenn also die erste Behauptung richtig ist, dann ist die zweite falsch. Ist aber die zweite richtig, dann ist die erste falsch. Auch dieses ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du mir nun lösen magst.»
«Beides, o König, hat zwar der Erhabene gesagt. Daß man nämlich seinem Nächsten nicht wehe tun, sondern zu jedermann mild und gut sein soll, das, o König, lehren alle Vollendeten. Das ist ihr Gebot, das ist ihre Weisung. Das wesentliche Merkmal der Lehre ist eben das Wohlwollen (ahimsā, wörtl.: das Nichtschädigen, Gewaltlosigkeit). Dieses ist also ein wahrer Ausspruch. Wenn aber andererseits der Vollendete sagt, daß man den Strafwürdigen bestrafen und dem, der Gunst verdient, seine Gunst schenken soll, so bedeuten diese Worte folgendes: die hochfahrende Gesinnung soll man niederzwingen, die demütige Gesinnung aber aufsteigen lassen; die schlechte Gesinnung niederzwingen, die gute Gesinnung aber aufsteigen lassen; die unweise Erwägung niederzwingen, die weise Erwägung aber aufsteigen lassen; und den auf dem üblen Pfad Befindlichen soll man niederzwingen, den auf dem guten Pfad Befindlichen aber hochhalten; den Unheiligen niederzwingen, den Heiligen aber hochhalten; den Gauner niederzwingen, den Ehrlichen aber hochhalten.»
«Das sei zugegeben, ehrwürdiger Nāgasena. Doch jetzt bist du auf meinen Punkt zurückgekommen. Die Sache nämlich, um die ich dich befragen wollte, hast du nun selber berührt, nämlich auf welche Weise der Strafende einen Gauner bestrafen soll.»
«Folgendermaßen, o König, hat der Strafende einen Gauner zu bestrafen: der zu Tadelnde gehört getadelt, der zu Strafende bestraft, der zu Verbannende verbannt, der zu Fesselnde gefesselt und der Hinzurichtende hingerichtet.»
«Haben denn wohl, ehrwürdiger Nāgasena, die Vollendeten die Hinrichtung eines Gauners gut geheißen?»
«Gewiß nicht, o König.»
«Warum haben sie aber die Unterweisung eines Gauners gut geheißen?»
«Wenn jemand hingerichtet wird, o König, so geschieht dies nicht mit Gutheißung des Vollendeten; sondern infolge seiner eigenen Tat erleidet er den Tod. Aber er wird auf gerechte Weise belehrt. Würde denn wohl, o König, ein vernünftiger Mensch je imstande sein, einen Mann, der nichts verbrochen hat und ruhig seiner Wege zieht, festzunehmen und hinrichten zu lassen?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«Und warum nicht, o König?»
«Weil jener ja gar nichts verbrochen hat, o Herr.»
«Ebenso auch, o König, wird ein Gauner nicht mit Gutheißung der Vollendeten umgebracht, sondern auf Grund seiner eigenen Tat erleidet er den Tod. Trifft da den Unterweiser also irgend welche Schuld?»
«Gewiß nicht, o Herr.»
«So ist also die Unterweisung der Vollendeten, o König, eine gerechte Unterweisung.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.3.11. Buddhas Haßlosigkeit - 4.3.12. Bhikkhupaṇāmitapañho
Der Erhabene ehrwürdiger Nāgasena, hat einmal gesagt:
«Wohl hat, o König, der Erhabene gesagt, daß er frei sei von Zorn und Haß, und trotzdem hat er die Jüngerschaft entlassen. Dies geschah nämlich nicht aus Verdruß. Wenn da zum Beispiel jemand über eine Wurzel oder einen Stumpf oder einen Stein oder über Scherben oder unebenen Grund stolpert und zu Boden fällt, ist es da wohl in diesem Falle die Erde, o König, die aus Zorn seinen Fall verursacht?»
«Gewiß nicht, o Herr. Denn die Erde empfindet weder Verdruß noch Vergnügen, ist frei von Zuneigung und Abneigung. Es kommt eben bloß von der eigenen Unachtsamkeit, daß jener stolpert und fällt.»
«Ebenso aber auch, o König, empfinden die Vollendeten weder Verdruß noch Vergnügen. Befreit von Neigung und Abneigung sind sie, diese Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Und nur infolge ihres eigenen, selbstverschuldeten Vergehens wurden die Jünger entlassen. Wenn zum Beispiel das Meer keinen Leichnam in sich duldet und ihn schleunigst wieder auswirft und ans Land schwemmt, handelt da wohl das Meer aus Verdruß?»
«Nein, o König. Das Meer empfindet weder Verdruß noch Vergnügen, ist frei von Zuneigung und Abneigung.»
«Ebenso aber auch, o König, empfinden die Vollendeten weder Verdruß noch Vergnügen. Befreit von Zuneigung und Abneigung sind sie, diese Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Und eben nur infolge ihres eigenen, selbstverschuldeten Vergehens wurden die Jünger entlassen. Gleichwie nämlich, o König, wenn jemand über den Boden stolpert, zu Falle kommt oder ein im Meere befindlicher Leichnam ausgeworfen wird, ebenso auch wird, wer in der erhabenen Lehre des Siegers stolpert, entlassen. Daß aber, o König, der Vollendete damals die Jünger entlassen hat, geschah ihrem eigenen Wohl, Heil und Glück und ihrer Erlösung zuliebe. Denn er wußte, daß jene dadurch die Erlösung erlangen würden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena. So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.4.1. Kann der Magiegewaltige eigenen Schaden verhüten? - 4.4.1. Iddhikammavipākapañho
Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt: [Der Ehrwürdige Mahā-Moggallāna war, neben dem Ehrwürdigen Sāriputta, einer
der beiden Hauptjünger des Buddha. Als Auswirkung eines schweren Vergehens in
einer lange vergangenen früheren Existenz geschah es, daß Mahā-Moggallāna
eines gewaltsamen Todes starb. Eifersüchtige andersgläubige Asketen hatten
eine Räuberbande gedungen, um ihn zu töten. Sechsmal konnte ihnen Mahā-Moggallāna
durch seine magische Macht entgehen. Doch bei einem siebenten Versuch der
Angreifer wirkte sich seine karmische Belastung aus: seine magischen
Fähigkeiten versagten und er wurde von den Banditen niedergeschlagen. - Über
das Leben Mahā-Mogallānas siehe Hellmuth Hecker in «Wissen und Wandel», Jahrg.
XXII (1976), Heft 9/10 (Buddhistisches Seminar, D-8581 Bindlach-Benk).] Andererseits heißt es, daß Moggallāna mit Keulen geschlagen wurde, so daß er
mit zerhauenem Schädel, zerschmetterten Knochen, zerquetschtem Fleisch und
zerrissenen Sehnen aus dem Dasein schied. Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, der
Ordensälteste Mahā-Moggallāna wirklich das Höchste in den magischen Kräften
erreicht hat, so muß diese Aussage falsch sein. Ist sie aber richtig, dann ist
es falsch, zu behaupten, daß er das Höchste in den magischen Kräften erreicht
habe. Wie kann nämlich einer, der nicht einmal imstande ist, vermittels seiner
magischen Kräfte eigenen Schaden abzuwehren, der Welt mit ihren Göttern eine
Zuflucht bieten? Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir
da stelle und das du nun zu lösen hast.» «Der Vollendete, o König, hat jenen Ausspruch getan, und doch starb der
ehrwürdige Mahā-Moggallāna infolge der Keulenschläge. Das aber geschah, weil er
noch unter der Macht seines (vorgeburtlichen) Wirkens stand.» «Gehören denn, ehrwürdiger Nāgasena, nicht beide, der Machtbereich der
Magiegewaltigen und das Ergebnis vorgeburtlichen Wirkens, zu den unerfaßbaren
Dingen (acinteyya)? Und
kann wohl das eine durch das andere aufgehoben werden? Wenn da, o Ehrwürdiger, zum Beispiel einer Früchte wünscht, so wirft er mit
dem einen Holzapfel einen anderen, oder mit der einen Mango eine andere vom
Baume herunter. Könnte wohl auch ebenso, ehrwürdiger Nāgasena, vermittels des
einen unerfaßbaren Dinges das andere - also durch den Einfluß des
vorgeburtlichen Wirkens die magische Fähigkeit - zerstört und aufgehoben
werden?» «Auch von diesen beiden unerfaßbaren Dingen, o König, ist eines am stärksten
und mächtigsten. Gleichwie nämlich, o König, in aller Welt die Könige ihre Räte
haben und auch unter diesen Räten einer über alle die anderen herrscht und
gebietet so auch, o König, ist unter jenen beiden unerfassbaren Dingen der
Einfluß des früheren Wirkens am stärksten und mächtigsten. Und der Einfluß des
früheren Wirkens ist es, der über alle Dinge herrscht und gebietet. Denn während
einer unter der Macht des früheren Wirkens steht, können alle die übrigen
Handlungen keinen Boden mehr finden. Wenn zum Beispiel einer, o König, etwas bei irgendeiner Gelegenheit
verbrochen hat, so können ihn weder Schwester, Bruder, Freund noch Bekannte
schützen, sondern bloß der König hat in diesem Falle die Macht und gebietet. Und
warum? Eben wegen des begangenen Vergehens. Ebenso auch, o König, ist von jenen
beiden unerfaßbaren Dingen der Einfluß des früheren Wirkens am stärksten und
mächtigsten. Und der Einfluß des früheren Wirkens ist es, der über alle Dinge
herrscht und gebietet. Denn während einer unter der Macht des früheren Wirkens
steht, vermögen alle die übrigen Handlungen keinen Einfluß mehr auszuüben. Oder gleichwie, o König, bei einem ausgebrochenen Waldbrand nicht einmal
tausend Eimer Wasser das Feuer zu löschen vermögen, sondern das Feuer allein die
Macht hat und gebietet, eben wegen der Heftigkeit der Glut; ebenso auch, o
König, ist von jenen beiden unerfaßbaren Dingen der Einfluß des früheren Wirkens
am stärksten und mächtigsten. Aus diesem Grunde auch, o König, hatten bei der
Ermordung Mahā-Moggallāna’s, das ist während er unter der Macht seines früheren
Wirkens stand und mit Keulen geschlagen wurde, die magischen Kräfte keine
Wirkung mehr.» «Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Das ist so, und so nehme ich es an.»
? 4.4.2. Dhammavinayapaṭicchannāpaṭicchannapañho
Mil. 4.4.2. Ist die Lüge ein leichtes oder ein schweres Vergehen? - 4.4.3. Musāvādagarulahubhāvapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, lehrt, daß durch eine bewußte Lüge man
sich eines
(Dies gilt natürlich nur für das vierte Pārājikā-Vergehen, d.i. die wissentlich falsche Aussage, irgendwelche höheren Kräfte oder Fähigkeiten wie die Vertiefungen, die vier Grade der Heiligkeit usw., erreicht zu haben).
Andererseits aber sagt er, daß man durch eine bewußte Lüge ein leichtes Vergehen verübe, das eine Geständnisablegung vor einem andern Mönche erfordere.
(Bewußte Lüge ist das erste von den 32 in der Liste der Ordensvergehen (Pātimokkha) aufgezählten sog. Pācittiya-Vergehen).
Was sollte da wohl der Unterschied in, ehrwürdiger Nāgasena, was der Grund, daß man bei der einen Lüge ausgestoßen wird, bei der andern aber noch zu retten ist? Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so ist die letzte falsch. Ist die letzte Behauptung aber richtig, so muß die erste falsch sein. Auch dies wiederum ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast.»
«Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Doch eine Lüge mag, je nach dem Gegenstande, schwer oder leicht sein. Sag mir, o König: wenn da zum Beispiel einer einem andern mit der Hand einen Schlag versetzt, welche Strafe möchtest du dem wohl auferlegen?»
«Wenn, o Ehrwürdiger, dieser andere sagt, daß er jenem nicht verzeihen wolle, so lassen wir jenen an den nicht Verzeihenden einen Groschen zahlen.»
«Wenn nun aber, o König, dieser selbe Mann dir einen Schlag mit der Hand versetzen sollte, welche Strafe würde wohl diesen treffen?»
«Hand oder Fuß würden wir ihm abschlagen, oder gar den Kopf wie einen abzuschneidenden Bambusschößling abtrennen, oder wir würden sein ganzes Haus beschlagnahmen, oder seine Familie beiderseits bis ins siebente Glied ausrotten lassen.»
«Was ist nun da der Unterschied, o König, was der Grund, daß den, der einem andern einen Schlag mit der Hand versetzt, eine leichte Geldstrafe von einem Groschen trifft, während derjenige, der dir einen Schlag versetzt, mit solch schwerer Strafe belegt wird?»
«Es ist wegen des Unterschiedes in der Person, o Ehrwürdiger.»
«Ebenso auch, o König, mag die bewußte Lüge, je nach dem Gegentande, schwer oder leicht sein.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.4.3. Wie kann der Bodhisatta über seine Zukunft bestimmen, da diese doch schon vorher bestimmt ist? - 4.4.4. Bodhisattadhammatāpañho
«In der
[Dhammatā-dhammapariyāya. Ein Text dieses Namens konnte nicht ermittelt werden. Möglicherweise ist der Buddhavamsa gemeint, ein zum Khuddaka-Nikāya gehörendes Verswerk, worin die oben erwähnten Angaben über mehrere Buddhas der Vorzeit gemacht werden; oder auch das Mahāpadāna-Sutta D.14), wo diese Aussagen lediglich für den vorzeitlichen Buddha Vipassi gegeben werden.]
Ehrwürdiger Nāgasena, sagt der Erhabene, daß die Eltern aller zukünftigen
Buddhas vorherbestimmt seien, ebenso der Baum, unter dem sie die Erleuchtung
finden, sowie ihre Hauptjünger, ihr Sohn und ihr Aufwärter. Andererseits aber
sagt er, daß der Bodhisatta, während er noch im
Bei unreifem Wissen, ehrwürdiger Nāgasena, gibt es kein Erkennen; bei
gereiftem Wissen aber kann man auch nicht einmal für den Zeitpunkt eines
Augenblickes zögern; denn ein gereifter Geist kann nicht fehlgehen. Warum also
überlegt der Bodhisatta den Zeitpunkt (seiner Wiedergeburt) und denkt:
«Wohl sind, o König, die Eltern des Bodhisatta schon lange vorher bestimmt.
Und dennoch überlegt er sich die Familie (in der er wiedererscheinen will). Und
in welcher Weise?
Acht Menschen, o König, haben schon im Voraus Zukünftiges zu bedenken. Welche acht?
- Der Kaufmann hat schon im Voraus über die zum Verkauf bestimmte Ware nachzudenken;
- der Elefant hat schon im Voraus mit seinem Rüssel einen noch nicht begangenen Weg zu untersuchen;
- der Kärrner hat schon im Voraus den späteren Weg zu bedenken;
- der Bootsmann hat schon im Voraus das noch nicht erreichte Ufer zu betrachten, bevor er sein Schiff dorthin sendet;
- der Arzt hat zuerst das Alter in Erwägung zu ziehen, bevor er den Kranken behandelt;
- der Wanderer hat, bevor er eine Brücke betritt, sich vorher über deren Festigkeit zu vergewissern,
- der Mönch hat, bevor er eine Speise genießt, zuerst die (bis 12 Uhr) übrig bleibende Zeit zu ermessen (der Mönch darf nämlich während der Zeit von 12 Uhr des Mittags bis zum Morgengrauen des folgenden Tages keinerlei Speise zu sich nehmen ), und
- die Bodhisattas haben vorher die Familie zu erwägen, in denen sie wiedergeboren werden, ob Adelsfamilie oder Brahmanenfamilie.
Diese acht Menschen, o König, haben schon im Voraus Zukünftiges zu erwägen.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Mil. 4.4.4. Hat der Buddha die Selbsttötung gelobt oder getadelt? - 4.4.5. Attanipātanapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
(*) Dies ist der Sinn, den Milinda der betreffenden kanonischen Textstelle gibt und den er für seine Argumentation benutzt. Die wörtliche Bedeutung und der Sinnzusammenhang im Originaltext sind jedoch unterschiedlich:
Na bhikkhave attānam pātetabbam, wörtl.: «man soll sich nicht hinabfallen lassen», d.i. sich nicht mit selbstmörderischer Absicht in einen Abgrund stürzen (Pārājikā Pāli III 5,13). Dies tat nämlich ein Mönch und fiel dabei auf einen untenstehenden Mann, der dadurch starb. Der Mönch selber aber blieb am Leben. Die über diesen Fall getroffene Entscheidung war, daß sich dieser Mönch keines schweren Vergehens (pārājikā), d.i. eines Mordes, schuldig gemacht hatte, sondern nur eines Dukkata, eines leichteren Vergehens. Im Originaltext folgt dem obigen Satz: Yo pāteyya āpatti dukkatassā’ti («Wer sich hinabstürzt, begeht ein dukkata-Vergehen»), im Milindapañha steht hier jedoch Yo pāteyya yathā-dhammo kāretabbo’ti.
Im Originaltext steht also nicht der Selbstmord, sondern die unabsichtliche Tötung eines anderen zur Debatte.
«Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Es gibt aber einen Grund dafür, daß der Erhabene sowohl (die Selbsttötung) verwarf, als auch (zur Daseinsaufhebung) anspornte.»
«Was ist nun dieser Grund, ehrwürdiger Nāgasena?»
«Der Sittenhafte, o König, in Sittlichkeit Vollkommene ist für die Wesen
- wie eine Arznei, die das Gift der Leidenschaft unwirksam macht;
- wie ein Kraut, das die Krankheiten der Leidenschaft heilt;
- wie Wasser, das den Staub und Schmutz der Leidenschaften zum Verschwinden bringt;
- wie das magische Edelsteinjuwel, das alle Wünsche gewährt;
- wie ein Schiff, auf dem man die vierfache Flut durchkreuzt;
- wie ein Karawanenführer, der die Wesen aus der Wildnis der Geburten herausführt;
- wie der Wind, der die dreifache Feuersglut - der Gier, des Hasses und der Verblendung - zum Erlöschen bringt;
- wie eine mächtige Regenwolke, die das Herz erfrischt;
- wie ein Lehrer, der im Guten unterweist;
- wie ein guter Führer, der den sicheren Weg zeigt.
Damit aber, o König, solch’ sittenhafter,
mit großen, unermeßlichen Tugenden ausgerüsteter Mönch, der ein wahrer Berg und
Hort der Tugenden und eine Stütze der Wesen ist, nicht ums Leben komme, darum
erließ der Erhabene aus Mitleid mit den Wesen die Ordensregel:
[Die Selbsttötung wird keineswegs als ein Verbrechen betrachtet, sondern für gewöhnlich d.i. für das durch sein Daseinbegehren (tanhā) noch in den Kreislauf der Wiedergeburt verstrickte Wesen - bloß als eine verblendete Handlung. Denn nach buddhistischer Auffassung kann der Tod einen nicht befreien von Wiedergeburt und leidvollem Geschicke - d.i. von den Folgen des früheren bösen Wirkens - sondern einzig und allein die aller Wiedergeburt, und damit allem Leiden ein Ende machende Aufhebung alles daseinbejahenden Begehrens.
Die Selbsttötung gehört zu den im Pātimokkha aufgezählten leichtesten Vergehen, den sog. Dukkata-Vergehen.]
Der Ordensältere Kumāra-Kassapa, o König, der vielseitige Redner, hat, als er
dem König Pāyāsi die nächste Welt schilderte, folgendes gesagt:
«Aus welchem Grunde aber spornte der Erhabene wohl die Mönche (zur Daseinsaufhebung) an?»
- «Geburt, o König, ist leidvoll,
- Altern ist leidvoll,
- Krankheit ist leidvoll,
- Sterben ist leidvoll.
- Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal und Verzweiflung sind leidvoll.
- Mit Unlieben verbunden sein ist leidvoll, von Liebem getrennt sein ist leidvoll.
- Etwas Leidvolles ist der Tod von Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Söhnen, Weib und Verwandten.
- Etwas Leidvolles ist der Verlust an Gesundheit und Vermögen, an Sittlichkeit und Erkenntnis.
- Etwas Leidvolles ist die Gefährdung durch Könige, Räuber, Rache, Hungersnot, Feuer und Wasser, durch Woge und Strudel, Krokodile und Alligatoren.
- Etwas Leidvolles ist die Furcht vor eigenem und fremdem Tadel, vor Strafe, vor schlechter Daseinsfährte, vor Befangenheit unter den Leuten, die Sorge um den Lebensunterhalt und die Furcht vor dem Tode.
- Leidvoll sind Peitschen-, Stock- und Rutenhiebe, das Abhacken von Hand oder Fuß oder von beiden, das Abschneiden von Ohren und Nase oder von beiden, (Foltern wie) der Breitopf, die Muscheltonsur, der Teufelsrachen, der Lichtkranz, die Fackelhand, die Grashalme, das Rindenkleid, die Antilope, der Fleischhaken, das Geldstück, die Laugenätze, der Drehbalken, das Strohpolster, die Beträufelung mit siedendem Öle, das Zerreißen durch Hunde, das lebendige Aufspießen, die Enthauptung.
Solcherart, o König, sind die mannigfachen, zahlreichen Leiden, welche der die Daseinsrunde Durcheilende zu erdulden hat. Gleichwie, o König, das dem Himālaja-Gebirge entströmende Regenwasser als Gangesstrom über Felsen, Geröll und durch dürre Grassteppen strömt und in Strudeln, Wirbeln und Wogen an gewundenen Ufern entlang über Wurzeln und Äste seinen Weg nimmt: ebenso auch, o König, hat der die Daseinsrunde Durcheilende solche mannigfachen, zahlreichen Leiden zu erdulden. Leidvoll, o König, ist der Daseinsstrom, ein Glück aber des Daseinsstromes Stillstand. Und dadurch, daß der Erhabene den Vorzug dieses Stillstandes und die Gefahren des Daseinsstromes schilderte, spornte er eben an zur Verwirklichung dieses Stillstandes und zur Überwindung von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Dies, o König, ist der Grund, daß der Erhabene (zur Daseinsaufhebung) anspornte.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es und so nehme ich es an.»
Mil. 4.4.5. Feit Liebe wirklich gegen Gefahren? - 4.4.6. Mettābhāvanānisaṃsapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat einst den Ausspruch getan: Andererseits aber sagt ihr, daß der in Liebe weilende Prinz Sāma, der, von
einem Hirschrudel gefolgt, den Wald durchstreifte, durch den König Piliyakkha
von einem giftbestrichenen Pfeile getroffen wurde, so daß er auf der Stelle
erschöpft niedersank (Jātaka. Nr 540).
Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, die erste Aussage richtig ist, so ist die
letzte falsch. Ist aber die letzte Aussage richtig, so muß die erste falsch
sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle,
und das so scharfsinnig, so äußerst versteckt, subtil und tiefsinnig ist, daß
dabei selbst scharfsinnigen Männern der Schweiß am ganzen Körper ausbrechen mag.
So entwirre denn dieses gewaltige, dichte Gestrüpp und öffne den künftigen
Söhnen des Siegers die Augen, um sie davor zu retten!» «Mit beiden Aussagen, o König, hat es seine Richtigkeit. Daß aber der junge
Sāma von einem Pfeile getroffen zu Boden sank, dafür gibt es einen Grund. Der
Grund nämlich ist der, o König, daß diese Eigentümlichkeiten (des
Unverwundbarmachens usw.) nicht etwa der Person angehören, sondern eben
Eigentümlichkeiten der Liebesentfaltung (Mettā-bhāvanā) sind. In dem Augenblick
nun, als der junge Sāma den Wasserkrug (auf seine Schulter) hob, war er
nachlässig in der Entfaltung des Liebesgefühls. In dem Augenblick nämlich, o
König, wo der Mensch von Liebe erfüllt ist, kann weder Feuer, noch Gift, noch
Waffe ihm etwas anhaben. Und diejenigen, die herankommen, um ihm Leiden
zuzufügen, können ihn nicht erblicken und finden keinen Zugang zu ihm. Diese
Eigentümlichkeiten gehören also nicht der Person an, sondern sind
Eigentümlichkeiten der Liebesentfaltung. Nimm an, o König, ein Mann, ein Kampfesheld lege sich ein undurchdringliches
Panzerhemd an und zöge in die Schlacht hinaus. Wenn nun die abgeschossenen
Pfeile, die auf ihn zufliegen, vor ihm niederfallen, abseits fallen und keinen
Zugang zu ihm finden, so geschieht dies, o König, nicht etwa infolge der
Eigenschaften des Kämpfers, sondern eben nur zufolge des undurchdringlichen
Panzerhemdes. Ebenso auch, o König, gehören diese Eigentümlichkeiten nicht der
Person an, sondern sind durch die Liebesentfaltung bedingte Eigentümlichkeiten.
Oder wenn da, o König, ein Mann eine unsichtbar machende Zauberwurzel in die
Hand nimmt und ihn, solange er jene Wurzel in der Hand hält, kein anderer
gewöhnlicher Mensch zu sehen bekommt, so ist das doch, o König, nicht ein
Verdienst des Mannes, sondern geschieht eben bloß kraft der Wurzel. Oder wenn da, o König, einen Mann, der sich in einer wohlgebauten großen
Schutzhalle befindet, ein mächtiger Regenschauer nicht durchnässen kann, so ist
das doch nicht etwa durch die Fähigkeit des Mannes bedingt, sondern geschieht
eben bloß zufolge der Schutzhalle. Ebenso auch, o König, gehören diese
Eigentümlichkeiten nicht etwa der Person an, sondern sind durch die
Liebesentfaltung bedingte Eigentümlichkeiten» «Wunderbar ist es doch, o Ehrwürdiger, erstaunlich ist es, wie da die
Entfaltung der Liebe allem Übel Einhalt tut.» «Die Entfaltung der Liebe, o König, führt alle heilsamen Dinge herbei, ob bei
Freund oder Feind. Auf alle mit Bewußtsein begabten Wesen sollte sich daher
diese segenbringende Entfaltung der Liebe erstrecken.»
Mil. 4.4.6. Haben das Gute und Böse gleichen oder ungleichen Ausgang? - 4.4.7. Kusalākusalasamavisamapañho
«Trifft wohl, ehrwürdiger Nāgasena, bei dem, der Gutes tut, dasselbe Ereignis ein, wie bei dem, der Böses tut, oder besteht da irgend ein Unterschied?»
«Ja, o König, es besteht ein Unterschied: das Gute nämlich, o König bringt gute Früchte und führt zum Himmel, das Böse aber bringt schlechte Früchte und führt zur Hölle.»
«Ihr behauptet aber doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß Devadatta ein ganz übler Mensch war, und ganz üble Eigenschaften besaß; daß der Bodhisatta dagegen völlig lauter war und völlig lautere Eigenschaften besaß. Und dennoch sagt ihr, daß Devadatta in manchen Daseinsformen an Ansehen und Anhängern dem Bodhisatta ganz gleich war, ja ihn bisweilen gar übertraf.
Damals als Devadatta in der Stadt Benares der Sohn des Hofpriesters des Königs Brahmadatta war, damals war der Bodhisatta ein elender Ausgestoßener (Candāla), ein Zauberkünstler, der durch Hersagen einer Zauberformel außer der Zeit Mangofrüchte hervorbrachte. (Amba-Jātaka, Nr. 474) Damals wahrlich war der Bodhisatta der Abstammung und dem Ansehen nach geringer als Devadatta.
Als ferner Devadatta ein König war, ein mächtiger Weltherrscher, im Besitze
aller Genüsse, damals war der Bodhisatta sein mit allen vorzüglichen Merkmalen
ausgestatteter Lieblingselefant. Und als der König seinen anmutigen Gang und
seine Manieren nicht mehr leiden konnte und seinen Tod wünschte, sprach er zum
Elefantenbändiger:
Als ferner Devadatta einst, als Mensch wiedergeboren, vom Ackerbau lebte, da war der Bodhisatta ein Affe mit Namen Mahāpāthavi. (Mahākapi-Jātaka, Nr. 516) Auch damals wahrlich ist dieser Unterschied von Mensch und Tier zu bemerken. Also auch in jener Geburt war der Bodhisatta der Abstammung nach niedriger als Devadatta.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, ein Jäger namens Sonuttara war, - stark, gewaltig, gleichsam mit Elefantenkraft begabt, - da war der Bodhisatta der König der Elefanten mit Namen Sechserzahn. Und damals tötete jener Jäger den Elefanten. (Chaddanta-Jātaka, Nr. 514) Auch in jener Geburt war Devadatta der Überlegene.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, hauslos im Walde umherschweifte, da war der Bodhisatta ein Vogel, und zwar ein Rebhuhn, das Zaubersprüche vortrug. Und jener Waldmensch erschlug den Vogel. (Tittira-Jātaka, Nr. 438) Auch in jener Geburt wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, der König Kalābu von Benares war, da war der Bodhisatta ein Büßer, der die Duldung lehrte. Und damals ließ jener König im Zorn dem Büßer Hände und Füße abhauen, gerade als wären es Bambusschößlinge (Khantivādi-Jātaka, Nr. 313). Auch in jener Geburt wahrlich war Devadatta sowohl der Abstammung als auch dem Ansehen nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, im Walde umherschweifte, da war der Bodhisatta ein Affenkönig mit Namen Nandiya. Und jener Waldmensch erschlug den Affenkönig samt seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder (Cullanandiya-Jātaka, Nr. 222). Auch in jener Geburt wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, ein Nacktbüßer mit Namen Kārambhiya war, da war der Bodhisatta ein Schlangenkönig mit Namen Pandaraka (Pandara-Jātaka, Nr.518). Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta, als Mensch wiedergeboren, als Asket mit struppigem Haar im Walde lebte, da war der Bodhisatta ein großes Wildschwein mit Namen Tacchaka (dies mag sich beziehen auf Jātaka, Nr. 283 und 492). Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta der König der Cetiyer mit Namen Sura-Paricara war und über den Köpfen der Menschen hinweg durch die Lüfte schwebte, da war der Bodhisatta ein Brahmane namens Kapila (Cetiya-Jātaka, Nr. 422). Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung und dem Ansehen nach der Höhere.
Als ferner Devadatta als ein Mensch mit Namen Sāma wiedergeboren wurde, da war der Bodhisatta der König der Hirsche mit Namen Ruru (Rurumiga-Jātaka, Nr. 482, obwohl Unterschiede bestehen). Auch damals wahrlich war Devadatta der Abstammung nach der Höhere.
Als ferner Devadatta unter Menschen wiedergeboren, als Jäger im Walde umherstreifte, da war der Bodhisatta ein Elefant. Und jener Jäger brach dem Elefanten siebenmal die Zähne und nahm sie mit sich (Sīlava-nāgarāja-Jātaka, Nr. 72). Auch damals wahrlich war Devadatta dem Schoße der Geburt nach der Höhere.
Als ferner Devadatta ein Schakal von kriegerischer Natur war, der sämtliche Landesfürsten Indiens zu seinen Untergebenen machte, da war der Bodhisatta ein Gelehrter mit Namen Vidhura (Sabbadāthi-Jātaka, Nr. 241). Auch damals wahrlich war Devadatta dem Ansehen nach der Höhere.
Damals aber, als Devadatta als Elefant die Jungen einer Wachtel umbrachte, da war ebenfalls der Bodhisatta ein Elefant und der Führer der Herde (Lakutika-Jātaka, Nr. 357). Damals also waren jene beiden ganz gleich.
Und als ferner Devadatta ein Dämon war mit Namen
Als ferner Devadatta ein Schiffer und Herr über fünfzig Familien war, da war ebenfalls der Bodhisatta ein Schiffer und Herr über fünfzig Familien (Samuddavānijja-Jātaka, Nr. 466). Auch damals waren jene beiden ganz gleich.
Als ferner Devadatta ein Karawanenführer und Herr über fünfzig Wagen war, da war ebenfalls der Bodhisatta ein Karawanenführer und Herr über fünfzig Wagen (Apannaka-Jātaka, Nr. 1). Auch damals waren beide ganz gleich.
Als ferner Devadatta König der Hirsche war, mit Namen Sākha, da war auch der Bodhisatta ein König der Hirsche, mit Namen Nigrodha (Nigrodha-migarāja-Jātaka, Nr. 12). Auch damals waren beide ganz gleich.
Als ferner Devadatta ein Feldherr mit Namen Sākha war, da war der Bodhisatta ein Fürst mit Namen Nigrodha (Nigrodha-Jātaka). Auch damals waren jene beiden ganz gleich.
Damals aber, als Devadatta ein Brahmane mit Namen Khandahāla war, da war der Bodhisatta ein königlicher Prinz mit Namen Canda (Khandahāla-Jātaka, Nr. 542). Damals also war dieser Canda der Überlegene.
Als ferner Devadatta ein König war mit Namen Brahmadatta, da war der Bodhisatta sein Sohn namens Prinz Mahā-Paduma. Und damals ließ jener König seinen eigenen Sohn den Räuber-Abhang hinabwerfen (Mahā-Paduma-Jātaka, Nr.472). Insofern aber ein Vater seinem Sohn überlegen und höher ist als er, so war eben damals Devadatta der Überlegene.
Als ferner Devadatta ein König war namens Mahā-Patāpa, da war der Bodhisatta sein Sohn namens Prinz Dhammapāla. Damals aber ließ jener König seinem eigenen Sohn Hände und Füße mitsamt seinem Haupte abschlagen. (Culla-Dhammapāla-Jātaka, Nr. 358) Auch damals wahrlich war Devadatta der Höhere, der Überlegene.
Auch in dem gegenwärtigen Zeitalter wurden beide im Sakyerstamme wiedergeboren. Der Bodhisatta wurde der Erleuchtete, Allerkenner und Führer der Welt, während Devadatta in dem Orden dieses über allen Göttern Erhabenen Aufnahme findend, sich die magischen Kräfte erwarb und den Ehrgeiz hatte, ein Erleuchteter zu sein.
Sag, ehrwürdiger Nāgasena: Was ich da gesagt habe, verhält sich das wohl alles so, oder nicht?»
«Diese verschiedenen Dinge, o König, die du da vorgebracht hast, verhalten sich alle so, nicht anders.»
«Wenn nun aber, ehrwürdiger Nāgasena, dem Reinen und dem Unreinen genau derselbe Ausgang beschieden ist, so muß doch auch das Gute und das Böse genau dieselben Früchte zeitigen.»
«Nein, o König, das Gute und das Böse zeitigen nicht dieselben Früchte. Nicht war aber, o König, Devadatta gegen alle Menschen feindselig gesinnt, sondern nur gegen den Bodhisatta. Und seine Feindschaft gegen ihn kam jedesmal schon in demselben Dasein zur Reife und brachte da seine Früchte. Auch als Devadatta einst ein Herrscher war, gewährte er seinen Untertanen Schutz, ließ Brücken, Gerichtshöfe und Ruhehallen erbauen und spendete nach Herzenslust Gaben an Asketen, Priester, arme Reisende und Bettler, an Mächtige wie an Hilflose. Und zum Lohne dafür erlangte er in den verschiedenen Wiedergeburten solch große Macht. Von wem könnte man auch wohl behaupten, o König, daß er ohne Almosengaben, ohne Bezähmung, Selbstbeherrschung und Einhaltung des Feiertages im nächsten Leben Wohlstand erlangen werde? Wenn du ferner sagst, o König, daß Devadatta und der Bodhisatta zusammen die Daseinsrunde durchkreisten, so trafen sie nicht jedesmal etwa nach hundert oder tausend oder zehntausend Geburten zusammen, sondern nur dann und wann, nach Verlauf langer Zeiträume. Wie der Erhabene, o König, in dem Gleichnis von der blinden Schildkröte (M.129) die Menschwerdung erklärte, in diesem Sinne hast du das zusammentreffen beider zu betrachten. Und nicht bloß mit Devadatta, o König, ist der Bodhisatta zusammengetroffen, auch der Ordensältere Sāriputta war in vielen tausenden von Geburten des Bodhisatta Vater, Großvater, Onkel, Bruder, Sohn, Neffe und Freund. Und auch der Bodhisatta, o König, war in vielen tausenden von Geburten des Ordensälteren Sāriputta Vater, Großvater, Onkel, Bruder, Sohn, Neffe und Freund. Ja, alle Wesen, o König, die in den sieben Welten einbegriffen sind und den Daseinsstrom durchlaufen, vom Strom des Daseins mitgerissen werden, treffen mit erwünschten und unerwünschten Dingen zusammen, gleichwie das von der Flut fortgeführte Wasser mit reinen und unreinen, edlen und gemeinen Dingen zusammentrifft. Dafür, o König, daß Devadatta als Dämon selber ungerecht war und andere zum Unrecht anspornte, dafür hatte er siebenundfünfzig Koti und sechs Millionen Jahre lang in der Erzhölle zu leiden. Und dafür, daß der Bodhisatta als Dämon selber gerecht war und andere zum Rechten anspornte, dafür sollten ihm für lange Zeiten himmlische Wonnen und der Besitz aller Genüsse beschieden sein. Und in diesem letzten Dasein, o König, wurde Devadatta von der Erde verschlungen, nachdem er den Buddha, den man wahrlich nicht angreifen sollte, angegriffen und die einträchtige Jüngergemeinde entzweit hatte. Der Vollendete aber, der alle Dinge erkannt hatte, wurde durch Vernichtung der Daseinssubstrate völlig erlöst.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
? 4.4.8. Amarādevīpañho
Mil. 4.4.7. Empfinden die Heiligen noch Furcht? - 4.4.9. Arahantaabhāyanapañho
«Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt, daß die Heiligen (Arahats) frei seien von Furcht und Zittern. Als aber die fünfhundert triebversiegten Heiligen in der Stadt Rājagaha bemerkten, daß der Elefant Dhanapālaka (der wütende Elefant Dhanapālaka, anderen Orts Nālagiri genannt, wurde auf Anstiftung Devadattas betrunken gemacht und auf den Buddha losgelassen, um ihn zu töten. Doch der Buddha besänftigte ihn durch die Kraft seiner Güte, mettā) auf den Erhabenen losstürzte, ließen sie - mit der einzigen Ausnahme des Ordensälteren Ananda - den hehren Siegreichen im Stich und rannten nach allen Seiten auseinander.
Sind nun wohl, ehrwürdiger Nāgasena, jene Heiligen aus Furcht geflohen, und
sind sie weggeeilt um den Zehnfach-Mächtigen umkommen zu lassen, in dem
Gedanken:
«Beide Aussagen, o König, haben ihre Richtigkeit. Daß die Heiligen aber wegeilten geschah nicht aus Furcht, auch nicht mit der Absicht, den Erhabenen umkommen zu lassen. Ein Grund, daß die Heiligen etwa sich noch fürchten oder erbeben könnten, ein solcher Grund besteht für die Heiligen nicht mehr. Darum sind sie frei von Furcht und Zittern.
Fürchtet sich wohl, o König, die große Erde, wenn sie aufgegraben und gespalten wird, oder weil sie das Meer samt den Gebirgen und Felsengipfeln zu tragen hat?»
«Gewiß nicht, o Ehrwürdiger.»
«Und warum nicht?»
«Weil es für die Erde keinen Grund gibt, daß sie sich fürchten oder zittern sollte.»
«Ebenso auch, o König, gibt es für die Heiligen keinen Grund mehr, daß sie sich fürchten oder zittern sollten. Und möchte wohl, o König, ein Felsengipfel sich fürchten, wenn er zerstört oder zerbrochen wird, oder wenn er einstürzt oder in Flammen aufgeht?»
«Gewiß nicht, o Ehrwürdiger.»
«Und warum nicht?»
«Weil es, o Ehrwürdiger, für den Felsengipfel keinen Grund gibt, daß er sich fürchten oder zittern sollte.»
«Ebenso auch, o König, gibt es für die Heiligen keinen Grund mehr, daß sie
sich noch fürchten oder zittern sollten. Und möchten selbst, o König, die in dem
hunderttausendfachen Weltsysteme in den sieben Gattungen eingeschlossenen Wesen
alle mit Speeren in den Händen auf einen einzigen Heiligen losstürzen, um ihm
Furcht einzujagen, so würde sein Herz doch nicht aus der Fassung geraten. Und
warum nicht? Weil eben kein Grund und keine Möglichkeit dafür da ist. Übrigens,
o König, hatten alle jene Leidenschaftsbefreiten dabei den Gedanken:
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena, hast du das Problem auseinandergesetzt. Es ist wahr: Heilige kennen weder Furcht noch zittern. Und nur angesichts dieser Vorteile rannten jene Heiligen nach allen Seiten auseinander.»
Mil. 4.4.8. War der Buddha allwissend? - 4.4.10. Buddhasabbaññubhāvapañho
«Ihr behauptet da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete allwissend
gewesen sei. Andererseits aber berichtet ihr:
«Der Vollendete, o König, ist zwar allwissend. Aber doch wurde er durch jene Gleichnisse beschwichtigt, nachgiebig und besänftigt und versöhnlich gestimmt. Herr des Gesetzes ist der Vollendete, und durch die vom Vollendeten verkündeten Gleichnisse haben jene des Vollendeten Verzeihung erreicht, ihn heiter und zufrieden gestimmt. Und voll Zufriedenheit gab ihnen der Vollendete seinen Beifall. Es war gerade so, o König, wie wenn ein Weib durch die dem Gatten selber gehörenden Schätze den Gatten versöhnlich, heiter und zufrieden stimmt und ihr der Gatte seinen Beifall spendet. Oder, wie wenn der Barbier, dadurch daß er mit des Königs eigenem Goldkamme des Königs Haar kämmt, den König versöhnlich, heiter und zufrieden stimmt und ihm der König seinen Beifall spendet. Oder wie wenn der junge Mönch die von seinem Vorgesetzten (upajjhāya) mitgebrachten Almosen nimmt und dadurch, daß er sie diesem überreicht, seinen Vorgesetzten versöhnlich, heiter und zufrieden stimmt und ihm dieser voll Zufriedenheit seinen Beifall spendet: genau so, o König, versöhnten die Sakyer aus Catuma und der Brahma-Sahampati den Vollendeten durch die von ihm selber verkündeten Gleichnisse; und der Vollendete wies ihnen darauf das Gesetz zur Erlösung von allem Leiden.»
«Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an.»
Teil 4 · Milindapañha 4.5.1–4.6.10
4.5. Kapitel - 4.5. Santhava Vagga
Mil. 4.5.1. Das Wohnen in Häusern - 4.5.1. Santhavapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Dem Anhaften die Frucht entspringt,
Das Hausleben den Schmutz gebiert.
Den, der kein Haus und Haften kennt,
Sieht man als weisen Denker an.
Sn 207.
Andererseits aber hat der Erhabene gesagt:
Man richte schöne Klöster auf,
Lass’ wohnen Wissensreiche da.
Culla-Vagga VI. und Samyutta-Nikāya
Wenn, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene den ersten Ausspruch getan hat, so ist der Ausspruch, daß man liebliche Klöster erbauen solle, falsch. Hat aber der Erhabene gesagt, daß man liebliche Klöster erbauen solle, so muß eben der erste Ausspruch falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle und das du nun zu lösen hast."
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Doch wenn der Erhabene gesagt hat, daß das Hausleben den Schmutz gebiert, so ist das ein der wahren Beschaffenheit gemäßes Urteil, eine umfassende Aussage, die keine weitere Möglichkeit offen läßt, eine bedingungslose Aussage, für Asketen passend, den Asketen entsprechend, den Asketen angemessen, der Asketen würdig, dem Asketengebiet angehörend, eine Asketenweise, ein Asketenbrauch.
Gleichwie, o König, der Hirsch des Waldes in Wald und Hag umherschweift und, ohne Haus und Heim, hineilt wohin er will: in diesem Sinne, o König, hat man jenen Ausspruch zu verstehen.
Wenn aber, o König, der Erhabene gesagt hat, daß man liebliche Klöster errichten solle, um dort Wissensreiche wohnen zu lassen, so hat der Erhabene das aus zwei Gründen gesagt. Aus welchen beiden? Die Schenkung eines Klosters nämlich wurde von allen Erleuchteten gepriesen, anerkannt, gelobt und gerühmt; denn durch Schenkung eines Klosters (als ersten Anstoß zum heiligen Leben) kann man die Erlösung erlangen von Geburt, Alter und Tod. Dies ist der erste Segen der Klosterschenkung. Fernerhin, wenn ein Kloster da ist, so können die Nonnen mit erfahrenen Mönchen zusammentreffen, und wer will, kann diese leicht besuchen. Ist aber kein Kloster da, so ist es schwer, sie aufzufinden. Dies ist der zweite Segen der Klosterschenkung.
Angesichts dieser beiden Gründe hat der Erhabene gesagt, daß man liebliche Klöster errichten solle, um dort Wissensreiche wohnen zu lassen. Nicht aber darf da des Buddha Jünger an seiner Behausung hangen."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.2. Maßhalten beim Mahle - 4.5.2. Udarasaṃyatapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat den Ausspruch getan:
Raffe dich auf und sei nicht schlaff!
Dhp. 168
Im Zaume halte deinen Leib!
Sn 716
Andererseits aber sagt der Erhabene
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Wenn er aber sagt:
Raffe dich auf und sei nicht schlaff,
Im Zaume halte deinen Leib!
Wer, o König, seinen Leib bezwingt,
- durchdringt die vier Wahrheiten,
- verwirklicht die vier Früchte der Asketenschaft (Damit sind gemeint die 4 Stufen der Heiligkeit),
- erlangt Herrschaft über die vier Analytischen Wissen (patisambhidā),
- die acht Erreichungszustände (samāpatti),
- die sechs höheren Geisteskräfte (abhiñña) und
- erfüllt das vollständige Asketengesetz.
Hat denn nicht wohl, o König, einst ein junger Papagei dadurch, daß er seinen
Leib bezwang, die Götterwelt der Dreiunddreißig (Tāvatimsa) zum Wanken gebracht
und Sakka, den Götterkönig, gezwungen, ihm zu dienen? (Jātaka
429 und 430) Angesichts vieler solcher Gründe hat der Erhabene den Ausspruch
getan:
Wenn aber, o König, der Erhabene sagt, daß er bisweilen eine ganze Almosenschale voll esse, so hat das der Allwissende, der Vollendete von sich selbst gesagt, nachdem er seine Aufgabe erfüllt, das Werk vollendet, sein Ziel erreicht, zum Ende seines Weges gelangt, frei von Hindernissen. Gleichwie, o König, für einen Kranken, der sich erbricht, Durchfall hat und jeder Aufwartung entbehrt, heilsame Behandlung wünschenswert ist: ebenso auch muß, o König, wer noch von den Leidenschaften befleckt ist, die Wahrheit noch nicht erkannt hat, seinen Leib bezwingen. Gleichwie man, o König, einen hell-leuchtenden, echten, von Natur aus lauteren Edelstein nicht mehr durch Schleifen und Reiben zu polieren braucht, ebenso auch, o König, gibt es für den Vollendeten, im Buddhabereiche zur Vollkommenheit Gelangten, keine Hemmung (durch Leidenschaften) mehr bei der Ausübung seiner Handlungen."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.3. War Bakkula dem Buddha überlegen? - 4.5.3. Buddhaappābādhapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Letzteres jedoch wurde gesagt
hinsichtlich der außerhalb von ihm selber (das ist bei Jüngern) anzutreffenden
Lehrtraditionen, Erreichungen und Lehrkenntnissen. Es gibt nämlich, o König,
unter den Jüngern des Erhabenen solche, die im Stehen oder Auf- und Abwandeln
sich vertiefen; diese verbringen stehend oder auf und ab wandelnd Tag und Nacht.
Der Erhabene jedoch, o König, verbringt Tag und Nacht gehend oder stehend,
sitzend oder liegend. Somit sind jene dem Erhabenen in diesem Punkte überlegen.
Und es gibt, o König, unter den Jüngern des Erhabenen solche, die bloß bei
einmaligem Niedersitzen speisen. Diese nehmen, selbst wenn sich’s um ihr Leben
dreht, keine zweite Mahlzeit an. Der Erhabene jedoch nahm zweimal, auch sogar
dreimal Speise zu sich. Somit sind jene Mönche dem Erhabenen in diesem Punkte
überlegen. So viele solche Punkte gibt es, o König, die einmal von diesem,
einmal von jenem Jünger berichtet werden. Der Erhabene aber, o König, ist
unübertroffen in Sittlichkeit, Sammlung, Weisheit, Erlösung und dem
Erkenntnisblicke der Erlösung, in den zehn Kräften (eines Buddha), dem
vierfachen Selbstvertrauen, den achtzehn Buddha-Fähigkeiten, den sechs
außerordentlichen Wissen und in dem gesamten Buddha-Bereiche. Und mit Hinsicht
hierauf hat er gesagt:
Da, o König, ist unter den Menschen der eine von edler Geburt, der eine reich, der eine ein Weiser, der eine ein tüchtiger Handwerker, der eine ein Held, der eine voll Scharfsinn. Alle aber übertrifft der König und ist unter ihnen der Höchste. Ebenso auch, o König, ist der Erhabene unter allen Wesen der Höchste, der Edelste, der Beste. -
Daß aber der ehrwürdige Bakkula frei war von Krankheit, das war infolge
seines Entschlusses (in früherer Geburt), weil er nämlich, selber ein Asket, mit
vielerlei Arzneien den erhabenen Anomadassi-(Buddha) heilte, der von einer
Blähung im Leibe befallen war, und ebenso den erhabenen Vipassī-(Buddha) und die
68000 Mönche, die von "Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.4. Hat der Buddha den Achtfachen Pfad selber geschaffen? - 4.5.4. Magguppādanapañho
"Ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene hat gesagt:
Andererseits aber sagte er:
Wenn also die erste Behauptung richtig ist, so ist die zweite falsch. Ist aber die zweite Behauptung richtig, so muß eben die erste falsch sein. Auch dies ist wiederum ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du nun zu lösen hast."
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Und beides sind den Tatsachen
entsprechende Aussagen. Mit dem Verschwinden der früheren Erleuchteten nämlich,
o König, ist, da es an einem Unterweiser fehlte, auch (allmählich) der Pfad
verschwunden. Insofern aber der Vollendete den zerstörten, zerfallenen,
verborgenen, versteckten, verhüllten Pfad, den nicht mehr betretenen, mit seinem
Weisheitsauge wieder entdeckt hat, hat er eben den schon von den früheren
Vollkommen Erleuchteten betretenen Pfad wieder erkannt. Aus diesem Grund sagte
er:
Da, o König, liegt nach dem Verschwinden des einen Weltherrschers das magische Edelsteinjuwel im Innern des Berggipfels verborgen; beim rechten Wandel eines andern Herrschers aber erscheint es wieder. Hat nun dieser letztere, o König, jenen Edelstein erzeugt?" (Dieses geheimnisvolle Edelsteinjuwel ist eines der sogenannten sieben Kleinode eines Weltherrschers)
"Nein, o Ehrwürdiger, sondern das ursprüngliche Edelsteinjuwel hat er bloß wieder erscheinen lassen."
"Ebenso auch, o König, war der ursprüngliche, schon von den früheren
Erleuchteten befolgte, achtfache, glückverheißende Pfad, - da es an einem
Unterweiser fehlte, - zerstört, zerfallen, verborgen, versteckt und verhüllt und
unbetreten, und der Erhabene hat ihn mit seinem Weisheitsauge wieder entdeckt
und hat ihn erschlossen und gangbar gemacht. Aus diesem Grunde eben hat er
gesagt:
Es ist damit genau so, o König, wie wenn man die Mutter, die den doch schon
vorher in ihrem Leibe befindlichen Sohn zur Welt bringt, als seine Erzeugerin
bezeichnet. Oder wenn ein Mann etwas Verlorengegangenes wieder gefunden hat, so
sagt man, daß er jenen Gegenstand wieder Zutage gefördert habe. Oder wenn, o
König, ein Mann den Wald lichtet und ein Stück Land erschließt, so sagen die
Leute von ihm, daß dies sein Land sei, obwohl doch dieses Land gar nicht von ihm
erschaffen wurde; aber weil er dieses Land nutzbar gemacht hat, gilt er als der
Herr des Landes. Genau so, o König, hat der Vollendete den bereits vorhandenen,
aber noch unbetretenen Pfad mit seinem Weisheitsauge wieder entdeckt und hat ihn
erschlossen und gangbar gemacht. Und aus diesem Grunde sagte er: "Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.5. War der Bodhisatta jemals grausam gesinnt? - 4.5.5. Buddhaaviheṭhakapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Beide Aussagen, o König, haben ihre Richtigkeit. Daß der Bodhisatta die vielen hunderte von Tieren hat schlachten lassen, geschah aus Begehren und als er von Sinnen war, nicht bei klarem Geiste."
"Acht Arten von Menschen sind es, ehrwürdiger Nāgasena, die lebende Wesen umbringen. Welche acht?
- Der Gierige tötet aus Gier,
- der Gehässige aus Haß,
- der Verblendete aus Verblendung,
- der Dünkelhafte aus Dünkel,
- der Habsüchtige aus Habsucht,
- der Mittellose des Lebensunterhaltes wegen,
- das Kind aus Torheit (oder: "der Tor zu seinem Vergnügen", bālo-hassavasena) und
- der König der Disziplin wegen.
Nach seiner natürlichen Veranlagung, ehrwürdiger Nāgasena, hat also der Bodhisatta gehandelt."
"Nein, o König, nicht hat der Bodhisatta nach seiner natürlichen Veranlagung gehandelt; denn hätte er in seiner natürlichen Veranlagung die Neigung gehabt, das große Opfer darzubringen, so hätte er nicht den Vers gesprochen:
Nicht möcht’ ich selbst die weite Welt,
Vom Meer umgrenzt, vom Meer umringt,
Besitzen, wenn mir’s Schande bringt:
Das wahrlich, Sayho, merke dir!
Trotz dieser Worte, o König, war der Bodhisatta schon beim bloßen Anblick der Königstochter Candavatī von Sinnen, im Geiste verwirrt, außer Fassung gebracht, durch und durch verworren und erregt. Und in diesem verwirrten, unsteten, aufgewühlten Geisteszustand brachte er das von dem dahinfließenden Blut der Tiermorde begleitete außerordentlich große Krafttrankopfer dar (Jātaka 310).
Ein Geistesgestörter, o König, mag in seiner verwirrten Geistesverfassung selbst in ein brennendes Feuer hineinlaufen, oder eine gereizte Giftschlange anfassen, oder auf einen wilden Elefanten losstürzen, oder sich ins Meer hinauswagen, ohne auf das Ufer zu achten, oder vielerlei andere verkehrte Handlungen verüben. Genau so, o König, stand es mit dem Bodhisatta.
Das in verwirrtem Geisteszustand verübte Böse, aber, o König, ist weder für dieses Leben ein großes Übel, noch auch hinsichtlich seiner Wirkung in einem zukünftigen Leben. Wenn da ein Geistesgestörter einen Mord verübt, mit welcher Strafe würdest du diesen wohl belegen?"
"Was sollte wohl ein Wahnsinniger für eine Strafe erhalten? Wir würden einem solchen Prügel zuerteilen und ihn dann wieder laufen lassen. Das würde seine ganze Strafe sein."
"Für das Vergehen eines Geistesgestörten, o König, gibt es also keine Strafe. Darum ist die von einem Geistesgestörten verübte Handlung kein Verbrechen und ist verzeihlich. So auch, o König, war der Einsiedler Somasa-Kassapa schon beim bloßen Anblick der Königstochter Candavatī von Sinnen, im Geiste verwirrt, außer Fassung gebracht, durch und durch verworren und erregt. Und in diesem verwirrten, unsteten, aufgewühlten Geisteszustand brachte er das von dem dahinfließenden Blut der Tiermorde begleitete außerordentlich große Krafttrankopfer dar. Als er aber wieder in seinen natürlichen Zustand zurückgekehrt war, da zog er wieder in die Hauslosigkeit hinaus. Und nachdem er die fünf höheren Geisteskräfte (Die sechste Geisteskraft des Wissens von der Triebversiegung, āsava-kkhaya-ñāna, erreicht nur der Heilige, arahat) sich erwirkt hatte, gelangte er in der Brahmawelt wieder zum Dasein."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.6. Hatte der Bodhisatta Ehrfurcht vor dem gelben Gewande? - 4.5.6. Chaddantajotipālārabbhapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat mit Beziehung auf den Elefantenkönig Chaddanta, den Bodhisatta, gesagt:
Als er ihn töten wollt’, umfassend mit dem Rüssel,
Merkt’ er des Mönches Abzeichen, das gelbe Kleid,
Und schmerzerfüllt dacht er, daß niemals gute Wesen
Dies Abzeichen der Heiligen entweihen würden.
Chaddanta-Jātaka, Nr.514
Andererseits aber hat der Erhabene gesagt:
"Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Letzteres aber hat der Bodhisatta
unter dem Einfluss seiner Herkunft, seiner Familie getan. Der Brahmanenjüngling
Jotipāla nämlich stammte aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie: Vater,
Mutter, Bruder, Schwester, Diener und Dienerinnen, Knechte und Aufwärter waren
Brahma-Anbeter, Brahma-Verehrer; und im Glauben, daß eben die Brahmanen die
Höchsten und Edelsten seien, tadelten und verachteten sie alle fremden Mönche.
Und da Jotipāla immer von ihnen solche Worte gehört hatte, gebrauchte er, als
ihn der Töpfer Ghatikāra zum Besuche des Meisters aufforderte, diese Worte:
Gleichwie, o König, Ambrosia durch Gift bitter, oder kaltes Wasser durch Feuer heiß wird: ebenso auch kam es, o König, daß der Brahmanenjüngling Jotipāala, dadurch daß er aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie stammte, infolge seiner Familie im Wahne befangen, den Vollendeten schmähte und beschimpfte.
Oder: gleichwie, o König, ein brennendes, loderndes, mächtiges, helleuchtendes Feuer, durch Wasser abgekühlt, seinen Glanz und seine Leuchtkraft verliert und die schwarze Farbe von reifen Niggundifrüchten annimmt: genau so, o König, verhielt es sich mit dem Brahmanenjüngling Jotipāla. Zwar war dieser voll Tugend und Vertrauen und leuchtete weithin mit seinem Wissen, doch da er aus einer ungläubigen, vertrauenslosen Familie stammte, kam es, daß er, infolge seiner Familie im Wahne befangen, den Vollendeten schmähte und beschimpfte. Als er aber hingegangen war und des Erleuchteten Vorzüge erkannt hatte, da nahm er gleichsam die Stellung eines Dieners an. Und unter des Siegers Weisung der Welt entsagend, erwirkte er die höheren Geisteskräfte und die Erreichungszustände, und gelangte in der Brahmawelt wieder zum Dasein."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.7. Konnte sich der Buddha vor Schaden schützen? - 4.5.7. Ghaṭikārapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Mit beiden Aussagen, o König, hat es seine Richtigkeit. Ghatīkāra, der
Töpfer, o König, war sittenrein, dem Guten ergeben, hatte in sich die Grundlagen
des Guten entwickelt und pflegte seine alten, blinden Eltern; und in seiner
Abwesenheit, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten, nahm man das Stroh von seinem
Hause fort und bedeckte damit die Hütte des Erhabenen. Infolge der Wegnahme des
Strohes aber empfand er ein unerschütterliches, unbeirrtes, tiefwurzelndes,
großes Glück ohnegleichen. Und eine um so größere, unvergleichliche Freude
empfand er bei dem Gedanken:
Daß es, o König, in die Hütte des Vollendeten hinein regnete, geschah aus Mitleid mit der großen Menge. Angesichts von zwei Gründen nämlich, o König, nehmen die Vollendeten keine, von ihnen selber (durch Magie) erzeugten Bedarfsgegenstände, und zwar: damit, in dem Gedanken, daß er der höchste unter den der Gaben würdigen Meistern sei, die Himmelswesen und Menschen dem Erhabenen die Bedarfsgegenstände spenden und dadurch einst von all den Leidensfährten Befreiung finden; und ferner, damit die anderen sie nicht tadeln und sagen können, daß sie durch Zauberei sich ihren Lebensunterhalt beschaffen. Wenn, o König, Sakka oder Brahma jene Hütte vor Regen geschützt hätte, oder wenn sie von selber so geblieben wäre, so wäre eine solche Handlung tadelnswert gewesen, fehlerhaft und verwerflich, denn die Leute möchten sagen, daß die Buddhas durch ihre Zauberkraft die Welt betören und die Herren spielen wollen. Darum, o König, ist jene Handlung verwerflich. Nicht suchen, o König, die Vollendeten irgend einen Vorteil; und da sie nicht auf ihren Vorteil ausgehen, verdienen sie auch keinen Tadel."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.5.8. Warum nannte sich der Buddha einen Priester und König? - 4.5.8. Brāhmaṇarājavādapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Das aber hat seinen Grund. Weil nämlich die üblen, schuldvollen Erscheinungen in dem Vollendeten ausgeprustet sind, verlassen, verschwunden, vergangen, zerstört, versiegt, zur Versiegung gelangt, erloschen und gestillt sind: darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt (das Wortspiel ausgeprustet-Priester ist eine versuchte Wiedergabe der Entsprechung in Pali brāhmano-bāhita). Priester ist einer, der dem Schwanken und dem mannigfaltigen Zweifelspfade entronnen ist.
Weil nun aber auch der Erhabene, o König, dem Schwanken entronnen ist, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt. Ein Priester ist einer, der von allen Daseinsfährten losgelöst ist, befreit von Schmutz und Staub, einzigartig, weil nun aber auch der Erhabene, o König, losgelöst ist von allen Daseinsfährten, befreit von Schmutz und Staub, einzigartig: darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt.
Als Priester bezeichnet man den Besten, den Höchsten, der häufig in den edlen, erhabenen, himmlischen Zuständen verweilt; weil nun aber auch der Erhabene häufig in den edlen, erhabenen, himmlischen Zuständen verweilte, darum wird eben der Erhabene ein Priester genannt. Priester ist einer, der die im Lernen und Lehren, im Gabenempfangen, der Zügelung, Beherrschung und Zurückhaltung bestehenden alten Unterweisungen, Bräuche und Überlieferungen aufrecht erhält; weil nun aber auch der Erhabene diese Unterweisungen, Bräuche und Überlieferungen der früheren Sieger (Buddhas) aufrecht erhält, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt.
Ein Priester ist einer, der sich in die Versenkungen vertieft, in erhabenste Glückszustände; weil nun aber auch der Erhabene sich in die Versenkungen vertieft, in erhabenste Glückszustände, darum wird eben der Vollendete ein Priester genannt. Ein Priester ist einer, der bei allen Daseinsfährten weiß, was da an Gattungen (der Wiedergeburt) existiert und vorkommt; weil nun aber auch der Erhabene dies weiß, wird eben der Vollendete ein Priester genannt.
Der Name Priester, o König, wurde dem Erhabenen weder von seinen Eltern
gegeben, noch von seinem Bruder oder seiner Schwester oder seinen Freunden und
Genossen, noch von Vettern oder Blutsverwandten, noch von Asketen oder Priestern
oder Göttern, sondern eben auf Grund ihrer Erlösung tragen alle die
Erleuchteten, die Erhabenen diesen Namen. Nachdem diese am Fuße des
Erleuchtungsbaumes die Heerschar des Māra vernichtet und die üblen, schuldvollen
Erscheinungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgeprustet haben, wird
ihnen gleichzeitig mit Erlangung der Allwissenserkenntnis, im Augenblicke, wo
ihnen dieselbe zuteil wird, sich offenbart und aufsteigt, die wahre Bezeichnung
"Aus welchem Grunde aber, ehrwürdiger Nāgasena, wird der Vollendete ein König genannt?"
"König nennt man einen, o König, der die Herrschaft ausübt und die Welt unterweist; weil nun aber, o König, der Erhabene in dem zehntausendfachen Weltsystem mit Gerechtigkeit seine Herrschaft ausübt und die Welt mit ihren Himmelswesen, Māras und Göttern und der Schar der Asketen und Priester unterweist, aus diesem Grunde wird der Vollendete ein König genannt.
König ist einer, o König, der, über allen Menschen und Geschöpfen stehend, seinem Verwandtenkreise Freude bringt und die Schar seiner Feinde in Sorge versetzt und seinen außerordentlich glanz- und würdevollen, lauteren, fleckenlosen, lichten Schirm (seiner Herrschaft) ausbreitet, der mit einem festen Stocke aus Kernholz versehen und mit vielen hundert Speichen ausgestattet ist; weil nun aber, o König, der Erhabene, die auf verkehrtem Pfade wandelnde Heerschar Māras in Angst versetzend und die auf dem rechten Pfade wandelnden Menschen und Himmelswesen erfreuend, über das zehntausendfache Weltsystem seinen Schirm ausbreitet, seinen mächtig großen, glanz- und würdevollen, mit dem Stab der Geduld und Willenskraft versehenen und den Strahlen der Erkenntnis ausgestatteten, lauteren, fleckenlosen, lichten Schirm der höchsten, erhabensten Erlösung: darum eben wird der Vollendete ein König genannt.
König ist einer, o König, der von den vielen Menschen, die ihn aufsuchen oder ihn treffen ehrfurchtsvoll begrüßt wird; weil nun aber auch der Erhabene, o König von den vielen Himmelswesen und Menschen ehrfurchtsvoll begrüßt wird, aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt. König ist einer, o König, der an jedem Tüchtigen Gefallen findet, ihm ein auserwähltes Geschenk spendet und ihn nach seinem Wunsch befriedigt, weil nun aber auch der Erhabene, o König, dem in Werken, Worten und Gedanken Tüchtigen ein auserwähltes Geschenk spendet, nämlich die höchste Erlösung von allen Leiden, und ihn so in seinem lauteren Wunsche befriedigt: aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt.
König ist, wer dem gegen das Gesetz Verstoßenden einen Verweis gibt oder ihn mit einer Geldstrafe belegt oder zum Tode verurteilt; weil nun aber auch, o König, der im Orden des Erhabenen gegen die Vorschrift Verstoßende infolge seiner Schamlosigkeit und seines Mißbetragens verachtet wird, Schande erfährt, getadelt wird und aus dem hehren Orden des Erhabenen ausgestoßen wird: aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt.
König ist, wer der ehemaligen, gerechten Könige Überlieferung durch seine
Belehrung dem Gesetze gemäß erklärt, in Gerechtigkeit die Herrschaft führt und
dadurch den Menschen teuer, lieb und angenehm ist und so für lange Zeiten dem
Königshause durch die Eigenschaft seiner Gerechtigkeit Festigkeit verleiht; nun
hat aber auch der Erhabene, o König, der ehemaligen
Aus diesem Grunde wird eben der Vollendete ein König genannt. Somit, o König, gibt es zahlreiche Gründe dafür, daß der Vollendete als Priester gelten mag und auch als König. Nicht einmal während eines ganzen Weltzeitalters könnte selbst ein äußerst scharfsinniger Mönch alle Gründe dafür aufzählen. Wozu also noch der vielen Worte? Nimm an, was ich dir kurz dargelegt habe!"
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich an."
Mil. 4.5.9. Darf der Mönch betteln? - 4.5.9. Gāthābhigītabhojanakathāpañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Das Angepries’ne darf ich nicht verzehren,
Das, Priester, ist der Seher Eigenart.
Das Angepriesene verschmäh’n die Buddhas;
Wo ihr Gesetz besteht, gilt das als Brauch.
Sutta-Nipāta 81 (Kasi-Bhāradvāja-Sutta). Vergl. z.B. A.VIII.12
Wenn aber andererseits der Erhabene dem Volke das Gesetz wies und eine stufenweise Darlegung gab, so lehrte er als Allererstes das Geben, darauf die Sittlichkeit. Und die Himmelswesen und Menschen, die die Worte des Meisters aller Welten vernahmen, richteten Gaben her und gaben sie als Spende hin. Die Gabe aber, zu der der Meister sie angespornt hatte, verzehrten seine Jünger. Wenn also, ehrwürdiger Nāgasena, der Erhabene gesagt hat, daß er das Angepriesene nicht verzehren dürfe, dann ist es falsch, zu behaupten, daß er als Allererstes das Geben lehrte; hat er aber das Geben als Allererstes gelehrt, dann kann die Behauptung nicht zutreffen, daß er das Angepriesene nicht verzehren dürfe. Nachdem eben der der Gaben Würdige den Hausleuten den Segen des Gebens dargelegt hatte, spendeten alle, die das Gesetz vernommen hatten, vertrauensvollen Herzens immer wieder Gaben. Diejenigen aber, die jene Gaben verzehrten, alle diese verzehrten eben das in Sprüchen vorher Angepriesene. Auch das ist wiederum ein zweischneidiges, subtiles, tiefsinniges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun lösen sollst."
"Beides, o König, hat seine Richtigkeit. Alle Vollendeten aber gehen in dieser Weise vor, daß sie zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter stimmen und dann erst zur Sittlichkeit anspornen.
Gleichwie, o König, die Menschen ihren Kindern zuerst noch Spielzeuge schenken, wie einen Kinderpflug, Spielstöcke, ein Maßgefäß aus Blättern, eine Windmühle, ein Wägelchen oder eine Armbrust, sie aber später alle zu ihrer jeweiligen Arbeit anspornen: ebenso auch, o König, hat der Vollendete zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter gestimmt und dann erst zur Sittlichkeit angespornt. Oder: gleichwie ein Arzt zuerst seine Kranken vier oder fünf Tage lang Öl einnehmen läßt um ihren Körper kräftig und fügsam zu machen und erst dann das Abführmittel verschreibt: ebenso auch, o König, hat der Vollendete zuerst durch Gespräche über das Almosengeben die Herzen heiter gestimmt und dann erst zur Sittlichkeit angespornt. Denn beim Geber, o König, beim edlen Gabenherrn ist das Herz geschmeidig, nachgiebig und fügsam. Und auf diesem Brückendamme des Gebens, auf diesem Fahrzeuge des Gebens gelangt man zum anderen Ufer des Daseinsmeeres. Darum zeigte der Vollendete den Menschen zuerst den Boden für ihr Wirken; dadurch aber machte er sich keineswegs einer Andeutung schuldig."
"Du sprichst da, ehrwürdiger Nāgasena, von Andeutungen. Wievielerlei solcher Andeutungen gibt es wohl?"
"Zweierlei, o König: Andeutungen in Gebärden und Andeutungen in Worten. Unter diesen nun gibt es wiederum solche, die tadelhaft, und solche, die untadelhaft sind. Welche Andeutung in Gebärden aber ist tadelhaft? Da begibt sich ein Mönch zu den Familien hin, und an einer unpassenden Stelle sich hinstellend, versperrt er den Platz; oder dort stehend, streckt er seinen Nacken vor und hält wie ein Pfau erwartungsvoll Ausschau, in der Hoffnung, daß ihn auf diese Weise die Leute bemerken werden; oder er macht Zeichen mit dem Unterkiefer, oder den Augenbrauen, oder dem Daumen. Diese Andeutung in Gebärden ist tadelhaft, und nicht verzehren die Edlen etwas, das sie etwa auf diese Weise vorher angedeutet hätten. Und jener Mensch wird von der Gemeinschaft der Edlen verachtet, verabscheut, verurteilt, gering geschätzt, nicht verehrt und rechnet als im Lebenswandel verkommen. Welche Andeutung in Gebärden aber ist untadelhaft? Da begibt sich ein Mönch zu den Häusern der Familien hin; und wenn er, der Weisung gemäß achtsam, gesammelt und klaren Geistes, zu passenden wie unpassenden Plätzen gelangt ist, bleibt er am passenden Orte stehen. Er wartet bei denen, die zu geben willens sind; bei denen aber, die nichts geben wollen, geht er weiter. Diese Andeutung in Gebärden ist untadelhaft, und das auf diese Weise Angedeutete verzehren die Edlen. Jener Mensch aber wird von der Gemeinschaft der Edlen gelobt, geschätzt, gepriesen und gilt als lauter im Wandel und rein in der Lebensweise. Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat gesagt:
Nicht bettelt der Verständige,
Die Bettelei der Edle haßt.
Auf Gaben wartend bleibt er steh’n,
Er kennt bloß solchen Bettelgang.
Jātaka, Nr. 403
Welche Andeutung in Worten aber ist tadelhaft? Da, o König, gibt der Mönch
für mancherlei Dinge, wie Gewand, Almosenspeise, Lagerstatt und Heilmittel und
Arzneien, Winke in Worten; oder er teilt es den Andern mit, daß er diese oder
jene Dinge nötig habe. Und dadurch, daß er die Anderen in diesen Worten bittet,
fällt ihm das Geschenk zu. Oder er macht durch weitschweifige Worte die Leute
darauf aufmerksam, daß man auf diese oder jene Weise den Mönchen Almosen zu
geben habe. Und nachdem diese seine Worte vernommen haben, bringen sie das
Angepriesene heran. Diese Andeutung in Worten ist tadelhaft, und nicht verzehren
die Edlen etwas, das sie etwa auf diese Weise vorher angedeutet hätten. Und
jener Mensch wird von der Gemeinschaft der Edlen verachtet, verabscheut,
verurteilt, gering geschätzt, nicht verehrt und rechnet als im Lebenswandel
verkommen. Hat nicht wohl, o König, auch der Ordensältere Sāriputta, als er
einstmals nach Sonnenuntergang, zur Nachtzeit, krank war, von dem Ordensälteren
Mahā-Moggallāna betreffs Arznei befragt, sich in Worten vergangen? Und ist ihm
durch dieses Vergehen in Worten nicht wohl die Arznei zuteil geworden? Und hat
daraufhin nicht wohl der Ordensältere Sāriputta gedacht:
Welche Andeutung in Worten aber ist untadelhaft? Wenn da, o König, der Mönch der Arznei bedarf und deutet dies an unter den verwandten Familien, die ihn eingeladen haben, so ist eine solche Andeutung in Worten untadelhaft; und das auf diese Weise Angedeutete verzehren die Edlen. Jener Mensch aber wird von der Gemeinschaft der Edlen gelobt, geschätzt, gepriesen und gilt als lauter im Wandel und rein in der Lebensweise; und sie wurde gebilligt von den Vollendeten, Heiligen, Vollkommen-Erleuchteten. Die Speise des Brahmanen Kasī-Bhāradvāja aber, die der Vollendete zurückwies, war dargebracht worden, um ihn zu verwirren, um ihn sich herauswinden zu lassen, ihn abzulenken, zu überführen und zum Nachgeben zu zwingen. Darum wies der Vollendete jene Almosenspeise von sich und verzehrte sie nicht."
"Träufelten wohl, ehrwürdiger Nāgasena, jedesmal, wenn der Vollendete speiste, die Gottheiten himmlischen Lebenssaft in seine Almosenschale, oder geschah dies bloß bei zwei Almosenspeisen: dem weichen Eberfleisch(*) und dem süßen Reisbrei (den er kurz vor seiner Erleuchtung genoß)?"
"Jedesmal, o König, standen die Gottheiten dabei und träufelten ihm von dem himmlischen Lebenssafte auf jeden Bissen, den er zum Munde führte. Gleichwie, o König, während der Fürst beim Speisen ist, der königliche Koch mit der Brühe dabeisteht und etwas davon auf jeden Bissen träufelt: ebenso auch, o König, standen jedesmal, wenn der Vollendete speiste, die Gottheiten mit himmlischem Lebenssafte neben ihm und träufelten ihm etwas davon auf jeden Bissen, den er zum Munde führte. Auch während der Vollendete in Verañjā ausgedörrte Gerstenkörner verzehrte, (Vinaya, Mahāvagga) befeuchteten die Gottheiten, jedesmal bevor sie ihm eines reichten, dasselbe mit himmlischem Lebenssafte. Und dadurch wurde der Körper des Vollendeten gestärkt."
"Heil jenen Gottheiten, ehrwürdiger Nāgasena, die immer und jederzeit mit solchem Eifer den Körper des Vollendeten behüteten. Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
(*) Eberpilz? Der Bericht über dieses, den Tod des Buddha herbeiführende Mahl ist überliefert im Dīgha-Nikāya, Mahāparinibbāna-Sutta. Siehe auch Seite 182ff
Mil. 4.5.10. Warum weigerte sich anfangs der Buddha, die Lehre darzulegen? - 4.5.10. Dhammadesanāya appossukkapañho
"Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Vollendete durch unzählige Weltzeitalter hindurch das allerkennende Wissen zur Reife gebracht hat, um die große Menschenmenge (der Leidenswelt) zu entziehen. Andererseits aber, ehrwürdiger Nāgasena, sagt ihr, daß nach Erlangung der Allerkenntnis sein Herz zur Zurückhaltung neigte und nicht zur Darlegung des Gesetzes. (M.26)
Gerade, ehrwürdiger Nāgasena, wie ein Bogenschütze oder sein Schüler, der sich erst viele Tage in der Bogenkunst geübt hat, um sich zum Kampfe vorzubereiten, am Tage des großen Kampfes sich plötzlich zurückhalten möchte: ebenso auch, ehrwürdiger Nāgasena, hat der Vollendete, als er schließlich die Allerkenntnis erlangt hatte, sich geweigert, das Gesetz darzulegen. Oder: wie ein Ringkämpfer oder dessen Schüler, der sich erst viele Tage hindurch beständig geübt hat, plötzlich am Tage des Ringkampfes sich weigern möchte: so auch neigt das Herz des Vollendeten zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes.
Sage, ehrwürdiger Nāgasena hat wohl der Vollendete sich aus Furcht geweigert, oder aus Unfähigkeit, oder aus Schwäche, oder weil er eben noch nicht die Allerkenntnis besaß? Was war wohl damals der Grund? Erkläre mir, bitte, diesen Grund, damit ich meine Zweifel los werde! Wenn nämlich, ehrwürdiger Nāgasena, die eine Behauptung richtig ist, so muß die andere Behauptung falsch sein. Tiefsinnig und schwer zu entwirren ist dieses zweischneidige Problem, das dir hier gestellt wird; das sollst du mir nun lösen."
"Wohl neigte, o König, nach der Erlangung der Allerkenntnis des Vollendeten
Herz zur Zurückhaltung und nicht zur Darlegung des Gesetzes. Denn als er
erkannte, wie tiefsinnig, subtil, schwer zu erkennen und zu verstehen, wie
abstrus und schwer zu durchdringen dieses Gesetz ist, und wie andererseits die
Wesen der Gier ergeben sind und krampfhaft sich anklammern an den
Persönlichkeitsglauben, da dachte er:
Gleichwie, o König, ein Arzt, der sich zu einem von vielerlei Krankheiten
bedrückten Manne hinbegeben hat, darüber nachdenkt, durch welche
Behandlungsweise und Arznei seine Leiden wohl gelindert werden möchten: ebenso
auch tat es der Vollendete, als er die von dem Elend der vielen Leidenschaften
bedrückte Menschheit erblickte; denn als er erkannte, wie schwer dieses Gesetz
zu durchdringen war, da dachte er:
Übrigens, o König, ist es die Gepflogenheit aller Vollendeten, daß sie erst auf die Bitten Brahmas hin das Gesetz darlegen. Und warum? Weil nämlich zu einer solchen Zeit alle Menschen, Büßer und Pilger, Asketen und Brahmanen eben Brahma-Anbeter sind, Brahmaverehrer sind, bei Brahma ihre Zuflucht suchen. Denn zufolge der Neigung jenes so Mächtigen, Ruhmreichen, so Verehrten, Anerkannten, Hervorragenden und Erhabenen wird auch die Welt samt ihren Göttern Neigung empfinden, zustimmen und sich hingezogen fühlen. Aus diesem Grunde, o König, legen die Vollendeten erst auf die Bitte Brahmas hin das Gesetz dar.
Gleichwie einem Menschen, dem irgend ein König oder ein königlicher Rat geneigt ist und Ehrfurcht erweist, auch alle übrigen Menschen Neigung und Ehrfurcht erweisen - eben weil jener Mächtigere ihm geneigt ist -: ebenso auch, o König, wird, wenn der Brahma zum Vollendeten eine Neigung zeigt, auch die ganze Welt samt ihren Göttern zum Vollendeten Neigung empfinden. Denn über und über verehrt wird er ja in der Welt. Darum eben ersucht jedesmal der Brahma alle die Vollendeten um Darlegung des Gesetzes. Und aus diesem Grunde legen die Vollendeten erst auf die Bitten Brahmas hin das Gesetz dar."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! Gut entwirrt hat du das Problem, sehr treffend waren deine Erklärungen. So ist es, und so nehme ich es an."
6. Kapitel
Mil. 4.6.1. Hatte der Buddha einen Lehrer? - 4.5.11. Ācariyānācariyapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Nicht hab’ ich irgend einen Lehrer,
Nicht einen gibt es, der mir gleicht.
In aller Welt mit ihren Göttern
Gibt’s keinen, der mir ähnlich ist. (MV.I.06.8)
Andererseits aber hat er gesagt:
Ist also die eine Behauptung richtig, so muß die andere Behauptung falsch sein. Auch dies ist ein zweischneidiges Problem, das ich dir da stelle, und das du mir nun lösen sollst."
"Beides, o König, hat der Erhabene gesagt. Letzteren Ausspruch jedoch hat er getan, um anzudeuten, wen er zum Lehrer hatte vor seiner vollen Erleuchtung, damals als er noch nicht erleuchtet, sondern noch ein Bodhisatta war. Vor seiner vollen Erleuchtung nämlich, o König, hatte der Bodhisatta fünferlei Lehrer, durch die unterwiesen, er an verschiedenen Orten weilte. Und welches waren jene fünferlei Lehrer?
Jene acht Brahmanen, o König, die bei dem eben geborenen Bodhisatta die körperlichen Merkmale untersuchten - als wie Kāma, Dhaja, Lakkhana, Mantī, Yañña, Suyāma, Subhoja und Sudatta - und die über sein Wohlergehen berichteten und seine Überwachung übernahmen: diese waren seine ersten Lehrer.
Fernerhin: der Brahmana Sabbamitta, der aus edlem, vornehmen Geschlechte
stammte und ein Sprachkundiger war, ein Grammatiker, in den sechs Hilfsbüchern
des Veda bewandert, den des Bodhisattas Vater Suddhodana zu jener Zeit holen
ließ und, während man das Weihwasser aus einem goldenen Gefäße ausgoß, dem
Knaben als Lehrer übergab, mit den Worten:
Fernerhin: Alāra Kālāma, der ihm den Weg zum meditativen Gebiet der Weder-Wahrnehmung-noch-Nicht-Wahrnehmung (siehe jhāna) wies: dieser war sein vierter Lehrer.
Sein fünfter Lehrer aber war Uddaka Rāmaputta.(siehe M.26) Das also, o König, sind die fünf Lehrer, die der Bodhisatta vor der Erreichung der vollkommenen Erleuchtung als noch Unerleuchteter gehabt hat. Und diese waren bloß seine Lehrer in weltlichen Dingen. Doch im überweltlichen Gesetze, o König, und zur Durchdringung der Allerkenntnis, da hatte der Vollendete keinen Unterweiser. Aus sich selber heraus geworden (sayam-bhū), o König, ist der Vollendete, ist ohne Lehrer. Eben aus diesem Grunde hat der Vollendete erklärt:
Nicht hab’ ich irgend einen Lehrer.
Nicht einen gibt es, der mir gleicht.
In aller Welt mit ihren Göttern
Gibt’s keinen, der mir ähnlich ist."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.6.2. Warum leben in ein und demselben Weltsystem gleichzeitig niemals zwei Buddhas? - 5.1.1. Dvinnaṃ buddhānaṃ anuppajjamānapañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
Alle Vollendeten aber, ehrwürdiger Nāgasena, legen doch in ihren Vorträgen die siebenunddreißig zur Erleuchtung führenden Dinge (bodhipakkhiyā-dhammā) dar; sie erklären in ihren Belehrungen die vier edlen Wahrheiten, beim Unterweisen unterweisen sie in den drei Übungen (Das ist in der Übung Hoher Sittlichkeit, Hoher Geistigkeit (Meditation) und Hoher Weisheit), beim Ermahnen ermahnen sie zum Wege der Strebsamkeit.
Wenn nun, ehrwürdiger Nāgasena, bei allen Vollendeten derselbe Vortrag, dieselbe Belehrung, dieselbe Übung und dieselbe Ermahnung gilt, warum sollten da denn nicht zwei Vollendete zu gleicher Zeit erstehen? Denn schon durch die Geburt eines einzigen Erleuchteten wird diese Welt aufgehellt, sodaß, wenn noch ein zweiter leben möchte, durch das Licht beider diese Welt in noch stärkerem Maße aufgehellt würde. Auch beim Ermahnen und Unterweisen möchten es zwei Erleuchtete leichter haben. Erkläre mir also den Grund hierfür, auf daß ich meine Zweifel los werde!"
"Dieses zehntausendfache Weltsystem, o König, vermag bloß einen einzigen Erleuchteten zu tragen, bloß die Tugend eines einzigen Erleuchteten. Sollte ein zweiter Erleuchteter erstehen, so vermöchte dieses zehntausendfache Weltsystem ihn nicht zu tragen, würde erzittern, erbeben, sich biegen und hin und her biegen, sich spalten, bersten, zerspringen und zugrunde gehen.
Gesetzt, o König, es befände sich da ein Boot, das nur einen einzigen Mann zu tragen imstande sei, und das, solange es ein einzelner Mann bestiegen hat, gerade noch über dem Wasserspiegel hervorrage. Sollte nun aber ein zweiter Mann dazukommen, ihm gleich an Lebenskraft, Aussehen, Alter, Größe, hager und stark in allen Gliedern, und sollte er auch noch in jenes Boot steigen, vermöchte da wohl, o König, das Boot alle beide zu tragen?"
"Nein, o Ehrwürdiger. Es möchte ins Schwanken kommen, brechen, auseinanderfallen, in Stücke gehen, untergehen und im Wasser versinken."
"Genau so, o König, möchte es der Erde ergehen, wenn ein zweiter Erleuchteter erstünde.
Oder: gesetzt, o König, ein Mann nähme nach Herzenslust Speise zu sich; und nachdem er sich bis zum Halse mit Speisen vollgepfropft habe, sei sein Hunger gestillt und er fühle sich satt und voll, träge und steif wie ein Stock. Nun aber verschlinge er von neuem noch einmal ebenso viele Speisen. Möchte da, o König, jener Mann sich etwa wohl fühlen?"
"Nein, o Ehrwürdiger. Nach nochmaligem Essen würde er sterben."
"Genau so, o König, möchte die Welt untergehen, sobald ein zweiter Erleuchteter erstünde."
"Wie, ehrwürdiger Nāgasena? Die Erde würde infolge der allzu großen Schwere des Gesetzes erzittern?"
"Nimm an, o König, es befänden sich da zwei bis zum Rande mit Juwelen angefüllte Wagen. Wenn man nun von dem einen Wagen die Juwelen herab nehmen und noch auf den anderen Wagen aufladen möchte, wäre da wohl, o König, dieser eine Wagen imstande, die Lasten aller beider zu tragen?"
"Nein, o Ehrwürdiger Die Naben der Räder würden ihm platzen, die Felgen springen, der Radreif abfallen und die Achse brechen."
"Sage, o König, wäre das wohl nicht eine Folge der allzu großen Last der Juwelen?"
"Gewiß, o Ehrwürdiger."
"Genau so, o König, möchte infolge des allzu großen Gewichtes des Gesetzes die Erde erzittern.
Übrigens, o König, habe ich diesen Vergleich vorgebracht, um die Macht der
Erleuchteten zu veranschaulichen. Aber höre noch einen weiteren treffenden Grund
dafür, daß zwei Erleuchtete nicht zu gleicher Zeit erscheinen. Sollte nämlich
dieses eintreten, so möchte unter ihren Anhängern Streit entstehen; und
Ausdrücke gebrauchend, wie:
Übrigens, o König, liegt es im Charakter und der Natur des Erleuchteten, der Erhabenen, daß jedesmal bloß einer in der Welt erscheint. Und warum? Weil eben die Tugenden der allerkennenden Buddhas gar gewaltig sind. Auch alles andere Große in der Welt, o König, tritt immer nur einzeln auf. Die Erde, o König, ist gewaltig: und nur diese eine gibt es. Das Meer ist gewaltig: und nur dieses eine gibt es. Der Sineru, der König der Berge, ist gewaltig: und nur diesen einen gibt es. Der Raum ist gewaltig: und nur diesen einen gibt es. Der Große Brahma ist gewaltig: und nur diesen einen gibt es. Der Vollendete, Heilige, Vollkommen-Erleuchtete ist gewaltig: und nur einen einzigen solchen mag es geben in der Welt. Wo immer in der Welt ein solcher erscheint, da ist für einen zweiten kein Platz mehr. Darum, o König, wird jedesmal nur ein einziger Vollendeter, Heiliger, Vollkommen-Erleuchteter in der Welt geboren."
"Vortrefflich aufgehellt, ehrwürdiger Nāgasena, hast du das Problem durch Gleichnis und Erklärungen. Sollte selbst ein unverständiger Mensch deine Worte vernommen haben, so möchte er damit zufrieden gestellt sein, um wie viel mehr einer, der solch großes Wissen besitzt wie ich! Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.6.3. Warum gilt die Gabe an die Mönchsgemeinde mehr als die an Buddha? - 5.1.2. Gotamivatthadānapañho
"Als, ehrwürdiger Nāgasena, dem Erhabenen von seiner Tante Mahā-Pajāpatī
Gotamī ein Regengewand geschenkt wurde, hat der Erhabene gesagt:
Sage, ehrwürdiger Nāgasena, ist der Vollendete nicht wohl hervorragender, bedeutender, der Gaben würdiger, als das Kleinod der Mönchsgemeinde? Warum aber ließ er dann der Mönchsgemeinde das ihm von seiner Tante angebotene Regengewand schenken, das jene aus selbst gekardeter, selbst zugeschnittener, selbst geschlagener Wolle hergestellt und selbst gesponnen und gewebt hatte? Wäre, ehrwürdiger Nāgasena, der Vollendete wirklich höher, erhabener und vorzüglicher, als das Kleinod der Mönchsgemeinde, so hätte er doch seine Tante jenes Regengewand nicht der Mönchsgemeinde schenken lassen, wissend, daß dieses, wenn es ihm geschenkt würde, den Gebern hohen Lohn bringen möchte. Er ließ es aber der Mönchsgemeinde schenken, weil er selber nicht davon profitierte, selber nicht davon abhing." (Die Wiedergabe dieser beiden Ausdrücke ist unsicher)
"Wohl hat, o König, der Erhabene den Ausspruch getan. Doch geschah dies nicht, weil die ihm dargebrachte Verehrung etwa keinen Segen brächte, oder er nicht etwa der Erste wäre unter den der Gaben Würdigen. Sondern aus Wohlwollen und Mitleid wollte er durch seine Worte die in der Mönchsgemeinde anzutreffenden Vorzüge hervorheben, damit auch in den späteren Zeiten, nach seinem Dahinscheiden, die Mönchsgemeinde verehrt werden möchte. Er hat es genau so gemacht wie ein Vater, der noch bei seinen Lebzeiten mitten unter den Ministern, Soldaten, Heerführern, Torhütern, Leibwächtern und der Gefolgschaft, in des Königs Gegenwart die bei seinem Sohne anzutreffenden Vorzüge rühmt, damit dieser, wenn er einstmals hier angestellt wird, von der Menge geachtet werden möchte. Nicht ist, o König, schon wegen dieses bloßen Schenkens eines Regengewandes die Mönchsgemeinde höher und vorzüglicher als der Vollendete. Wenn da zum Beispiel, o König, die Eltern ihr Kind salben massieren, baden und abreiben, ist deswegen etwa schon das Kind höher und besser als seine Eltern?"
"Nein, o Ehrwürdiger. Gegen den Willen der Kinder handeln ja die Eltern so."
"Und gegen den Willen seiner Tante, o König, ließ der Vollendete jenes Regengewand der Mönchsgemeinde schenken. Wenn da, zum Beispiel, o König, irgend ein Mann dem Fürsten ein Geschenk bringt und der König dieses Geschenk nun einem seiner Soldaten, Boten, Feldherrn oder Hauspriester verehren möchte, wäre da wohl schon wegen des bloßen Empfangens dieses Geschenkes jener Mann höher und besser als der König?"
"Nein, o Ehrwürdiger. Jener Mann ist bloß ein bezahlter Diener des Königs, lebt vom Könige. Der König aber, der ihm das Geschenk macht, hat ihn ja in diese Stellung eingesetzt."
"Ebenso auch, o König, ist wegen dieses bloßen Schenkens eines Regengewandes die Mönchsgemeinde nicht höher und vorzüglicher als der Vollendete. Sondern die Mönchsgemeinde ist gleichsam bloß die Dienerin des Vollendeten, lebt durch den Vollendeten. Der Vollendete aber, der ihr das Regengewand schenken ließ, hat sie in diese Stellung eingesetzt. Überdies sagte sich der Vollendete, daß die Mönchsgemeinde ihrer Natur nach verehrungswürdig sei, und daß er ihr deshalb mit einem ihm selber gehörenden Gegenstande Ehre erweisen wolle. Und so ließ er ihr das Regengewand überreichen.
Nicht lobt, o König, der Vollendete bloß die ihm selber dargebrachte
Verehrung. Sondern bei allen, die in der Welt der Verehrung würdig sind, da lobt
er die Verehrung. Auch sagte der Erhabene, der Gott der Götter, in der
herrlichen Gabe der Sammlung der Mittleren Sutten, in der (Sutte von den Erben
des Gesetzes), wo er den bedürfnislosen Wandel preist:
Als größter Berg in Rājagaha
Der Vipula gepriesen wird,
Berg Seta im Himālaja;
Als größter Stern die Sonne gilt,
Den Seen gilt das Meer als Erstes,
Den Sternenbildern ist’s der Mond,
Und dieser Welt samt ihren Göttern
Der Buddha als der Höchste gilt.
Jene Verse aber, o König, hat der Göttersohn Mānava-Gāmika recht vorgetragen, nicht verkehrt vorgetragen, richtig verkündet, nicht falsch verkündet. Hat doch auch der Ordensältere Sāriputta, der Feldherr des Gesetzes, erklärt:
Wenn man zum Buddha auch nur einmal
Vertrauen fühlt und Zuflucht nimmt
Und grüßt voll Ehrerbietung Ihn,
Der Māras Heer vernichtet hat,
So mag durchkreuzen man den Strom.
Auch der Erhabene, o König, der Gott der Götter, hat erklärt:
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.6.4. Was ist besser: Hausleben oder Hauslosigkeit? - 5.1.3. Gihipabbajitasammāpaṭipattipañho
"Der Erhabene, ehrwürdiger Nāgasena, hat gesagt:
"Wohl hat, o König, der Erhabene den Ausspruch getan. Und was er gesagt hat, o König, das verhält sich so, denn der Höchste ist der, der einen rechten Wandel führt. Wenn aber der Hauslose, obzwar er weiß, daß er ein Hausloser ist, dennoch keinen guten Wandel führt, so ist er eben fern der Asketenschaft, fern der Heiligkeit, um wie viel mehr der weißgekleidete Hausbewohner! Der Hausbewohner, o König, ebenso wie der Hauslose, befolgt, wenn er einen rechten Wandel führt, den rechten Weg, die heilsame Lehre. Trotzdem aber, o König, ist der Hauslose der Herr und Meister der Askese. Gar viele, zahlreiche, unermeßliche Vorzüge besitzt die Weltentsagung (Hauslosigkeit), und unmöglich ist es, alle ihre Vorzüge aufzuzählen. Die Weltentsagung ist wie das alle Wünsche erfüllende Edelsteinjuwel, bei dem man den Geldeswert nicht ermessen und nicht sagen kann, daß es so und so viel koste. Die Weltentsagung ist wie das Weltmeer, bei dem man die Wellen nicht alle zählen und sagen kann, daß es so und so viele seien. Was immer, o König, der Hauslose zu erwirken hat, das alles gelingt ihm sehr bald und nicht erst nach langer Zeit. Und warum? Weil eben der Hauslose bescheiden ist, genügsam, abgeschieden, abgelöst, voll Willenskraft, ohne Anhänglichkeit, ohne Heimstatt, von vollkommener Sittlichkeit und geläutertem Wandel, und tüchtig in der Befolgung der Asketenregeln.
Gleichwie, o König, ein Pfeil, ohne Knoten, geglättet, gut poliert, kerzengerade und unversehrt, richtig abgeschossen gar schnell das Ziel erreicht: ebenso auch gelingt dem Hauslosen, was immer er zu erreichen hat, sehr bald und nicht erst nach langer Zeit."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.6.5. Lehrte der Buddha die Schmerzensaskese? - 5.1.4. Paṭipadādosapañho
"Damals, ehrwürdiger Nāgasena, als der Bodhisatta die Schmerzensaskese
ausübte, da fand man nirgendwo Gleichartiges an Anstrengung, an Anspannung, an
Bekämpfung der Leidenschaften, an Zerstörung der Heerschar des Todes (das ist
Māras), an Nahrungsbeschränkung und Schmerzensaskese. Da der Bodhisatta aber bei
solcher Anstrengung keinerlei Genugtuung empfand, wandte er seinen Geist davon
ab, indem er sich sagte:
So rafft euch auf und strengt euch an,
Des Buddha’s Weisung eifrig folgt:
Zertrümmert Māras feindliche Schar
Gleichwie der Ilph ein Haus aus Rohr!
(Samy.6.14.)
Aus welchem Grunde nun, ehrwürdiger Nāgasena, ermahnte und ermutigte der Vollendete seine Jünger zu einem Pfade, vor dem er selber Überdruß und Abneigung empfand?"
"Es ist immer derselbe (achtfache) Pfad, o König, damals so gut wie heute. Und auf eben diesem Pfade wandelnd hat der Bodhisatta die Allerkenntnis erlangt. Damals jedoch, o König enthielt sich der Bodhisatta während seiner übermäßigen Anstrengungen jeglicher Nahrung. Dadurch aber trat bei ihm eine geistige Schwächung ein; und infolge jener Schwäche war er außerstande, die Allerkenntnis zu erlangen. Als er aber nach und nach wieder etwas feste Nahrung zu sich nahm, erlangte er auf eben jenem Pfade nach gar nicht langer Zeit die Allerkenntnis. Das eben, o König, ist der Pfad, auf dem alle Vollendeten das allerkennende Wissen erlangen.
Gleichwie, o König, die Nahrung die Grundlage bildet für alle Wesen, und alle Wesen, auf die Nahrung gestützt, sich des Wohlseins erfreuen: ebenso auch, o König, ist dies der Pfad, auf dem alle Vollendeten die allwissende Erkenntnis erlangen. Nicht lag also der Fehler an der Anstrengung, nicht an der Anspannung, nicht an der Bekämpfung der Leidenschaften, daß der Vollendete damals noch nicht die Allerkenntnis erlangt hatte, sondern einzig und allein daran, daß der Bodhisatta sich der Nahrung enthielt; denn der Pfad ist allezeit in Bereitschaft. Wenn da, zum Beispiel, ein Mann in allzu großer Hast über die Straße rennt und er sich infolge dessen lahme oder verkrüppelte Glieder holt und unfähig wird, sich auf dem Erdboden fortzubewegen, ist dann wohl die Erde daran schuld?"
"Nein, o Ehrwürdiger. Die Erde ist allezeit bereit. Wie sollte diese wohl daran schuld sein. Die Schuld liegt eben in der übergroßen Anstrengung des Mannes."
"Oder: wenn da, o König, ein Mann ein schmutziges Gewand trägt, er dasselbe aber nie wäscht, so ist doch das Wasser nicht daran schuld, sondern der Mann selber, denn das Wasser ist allezeit bereit. Ebenso auch lag der Fehler nicht an der Anstrengung, nicht an der Anspannung, nicht an der Bekämpfung der Leidenschaften, daß der Vollendete damals noch nicht die Allerkenntnis erlangt hatte, sondern einzig und allein daran, daß der Bodhisatta sich der Nahrung enthielt, denn der Pfad ist allezeit in Bereitschaft.
Und darum ermahnte und ermutigte der Vollendete seine Jünger zu eben diesem Pfade. Somit also, o König, ist der Pfad allezeit bereit, frei von Tadel."
"Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena! So ist es, und so nehme ich es an."
Mil. 4.6.6. Sollten nicht besser bloß Vorgeschrittene im Orden Aufnahme finden? - 5.1.5. Hīnāyāvattanapañho
"Gewaltig, ehrwürdiger Nāgasena, ist des Vollendeten Lehre, gehaltvoll, edel, vorzüglich, erhaben, unvergleichlich, lauter, fleckenlos, leuchtend und untadelhaft. Nicht recht ist es, einen Laien ohne weiteres in den Orden aufzunehmen. Sondern erst dann sollte man einen Laien in den Orden aufnehmen, wenn man ihn durch Unterweisung das eine oder andere Ziel (das ist des Stromeintritts usw.) hat erreichen lassen und er so nicht wieder zurückfällt.
Und warum? Weil eben die schlechten Menschen, nachdem sie erst dort in der lauteren Lehre Aufnahme gefunden haben, sich dann wieder davon abwenden und zum niedrigen Weltleben zurückkehren. Und infolge ihres Rücktrittes sagt sich alle Welt, daß diese Lehre des Asketen Gotamo doch gar eitel sein müsse, da jene sich wieder von ihr abwenden. Dies ist der Grund für meine Worte."
"Nehmen wir an, o König, es befinde sich da ein Teich, angefüllt mit klarem, ungetrübtem, kühlem Wasser. Und ein Mann, beschmutzt und mit Kot und Schlamm bedeckt, komme zu jenem Teiche. Ohne jedoch gebadet zu haben gehe er, schmutzig wie zuvor, wieder weg. Wen, o König, möchten da wohl die Leute tadeln: den Beschmutzten oder den Teich?"
"Den Beschmutzten möchten sie tadeln, o Ehrwürdiger. Denn, obzwar dieser sich zum Teiche hin begeben hat, ist er jedoch, ohne sich zu baden, in noch beschmutztem Zustand wieder fortgezogen. Wie sollte da wohl den Teich die Schuld treffen?"
"Genau so aber auch, o König, schuf der Vollendete den mit dem edlen Wasser
der Erlösung angefüllten hehren Gesetzesteich. Und alle vom Schmutze der
Leidenschaften Befleckten werden, sofern sie einsichtig und verständig sind,
sich darin baden und so von allen Flecken rein gespült. Wenn aber einer zum
Teiche des guten, edlen Gesetzes hingeht, sich jedoch nicht darin badet, sondern
noch mit Flecken behaftet wieder weggeht und zum niederen Weltleben zurückkehrt,
so wird eben alle Welt diesen tadeln und sagen:
Oder: gesetzt, o König, ein sehr kranker Mann finde einen mit der Entstehung der Krankheiten vertrauten, unfehlbar, sicher und erfolgreich arbeitenden Arzt; doch er lasse sich nicht behandeln, sondern kehre, genau so krank wie zuvor, wieder um. Wen möchten da wohl die Leute tadeln, den Kranken oder den Arzt?"
"Den Kranken, o Ehrwürdiger. Denn er hat sich ja nicht behandeln lassen, sondern ist in noch krankem Zustande wieder zurückgekehrt. Sollte wohl, wenn dieser sich nicht behandeln läßt, der Arzt ihn etwa von sich aus behandeln? Wie kann da den Arzt irgend welche Schuld treffen?"
"Ebenso auch, o König, hat der Vollendete in dem Korbe des Gesetzes die ganze
Unsterblichkeitsarznei zur Heilung aller Leidenschaftsgebrechen aufbewahrt,
damit alle die von den Übeln der Leidenschaftsgebrechen Gequälten, sofern sie
Verstand und Einsicht besitzen, von diesem Unsterblichkeitstranke trinken und so
von allen Übeln der Leidenschaften geheilt werden. Wenn da aber einer, ohne von
dem Unsterblichkeitstranke zu trinken, noch voller Leidenschaften, sich wieder
abwendet und zum niederen Weltleben zurückkehrt, so werden die Leute eben einen
solchen tadeln und sagen: Oder: wenn da, o König, ein hungriger Mann, der sich zu einer außergewöhnlich
großen frommen Speiseverteilung hinbegeben hat, ohne etwas von der Speise zu
genießen in noch hungrigem Zustand sich wieder entfernt: wen möchte man da
tadeln, den Hungrigen oder die fromme Gabe?" "Den Hungrigen, o Ehrwürdiger. Denn er hat ja Speise erhalten; doch ohne von
der Speise zu genießen, ist er in noch hungrigem Zustand wieder fortgegangen.
Sollte ihm wohl, wenn er sich des Essens enthält, die Speise etwa von selber in
den Mund fliegen? Wie kann da die Speise irgendwelche Schuld treffen?" "Ebenso auch, o König, hat der Vollendete in dem Korbe des Gesetzes eine
edle, erhabene, stillende, segensreiche und äußerst liebliche
Unsterblichkeitsspeise aufbewahrt, die Wenn, o König, der Vollendete nur den durch Übung zu einem der Hohen Ziele
gelangten Hausbewohner in den Orden aufnehmen möchte, würde denn da diese
Weltentsagung zur Überwindung der Leidenschaften oder zur Läuterung noch irgend
welchen Zweck haben? Dann hätte man doch die Weltentsagung gar nicht mehr nötig!
Oder nimm an, o König, ein Mann habe unter Verwendung von vielen Hunderten von
Leuten einen Teich anlegen lassen, und nun verkünde er den Leuten: "Das freilich nicht, o Ehrwürdiger; denn der Zweck, um dessentwillen sie zu
jenem Teiche gehen möchten, hätten sie bereits anderwärts erreicht. Was
brauchten sie dann noch jenen Teich?" "Ebenso auch, o König: wenn der Vollendete nur den durch Übung zu einem der
Hohen Ziele gelangten Hausbewohner aufnehmen möchte, so hätte doch dieser seine
Aufgabe bereits erfüllt. Wozu sollte er noch die Weltentsagung nötig haben?
Oder: nimm an, o König, es sei da ein Arzt, ein echter Jünger der Seher, ein
Kenner des Wissens und der Verstexte (der Heilkunde), kein Theoretiker, vertraut
mit der Entstehung der Krankheiten, in seinem Beruf unfehlbar, sicher und
erfolgreich. Dieser habe eine Arznei zusammengestellt, die alle Krankheiten
heilt. Nun aber lasse er den Leuten bekannt geben, daß ihn keine Kranken
aufsuchen dürfen, sondern nur solche Personen, die gesund sind und frei von
Siechtum. Möchten da diese gesunden, von Siechtum freien, heilen und kräftigen
Menschen wohl jenen Arzt noch nötig haben?" "Das freilich nicht, o Ehrwürdiger. Denn der Zweck, um dessentwillen sie den
Arzt aufsuchen würden, hätten sie ja bereits anderwärts erreicht. Wozu brauchten
sie da noch jenen Arzt?" "Oder: nimm an, o König, ein Mann bringe viele Töpfe mit gekochter Speise
heran und mache den Leuten bekannt: "Das freilich nicht, o Ehrwürdiger. Denn den Zweck, um dessentwillen sie zu
der Speiseverteilung gingen, hätten sie doch schon anderwärts erreicht. Was
nützte ihnen da noch jene Speiseverteilung?" "Ebenso auch, o König: wenn der Vollendete nur den durch Übung zu einem der
Hohen Ziele gelangten Hausbewohner aufnehmen möchte, so hätte doch dieser seine
Aufgabe bereits erfüllt. Wozu sollte er noch die Weltentsagung nötig haben?
Nichtsdestoweniger aber, o König, lassen diejenigen, die zum niederen Weltleben
zurückkehren, dadurch an des Siegers Botschaft deutlich fünf unvergleichliche,
gute Eigenschaften erkennen. Welche fünf? Sie lassen die Erhabenheit ihres
Gebietes erkennen, ihre lautere, fleckenlose Beschaffenheit, ihren Ausschluß
schlechter Menschen, ihre schwere Verstehbarkeit, die Vielheit ihrer Regeln für
Beherrschung und Selbstzügelung. Wie aber lassen jene die Erhabenheit des Gebietes der Botschaft erkennen?
Wenn da etwa, o König, einem armen Manne von niederer Herkunft, der ohne Vorzüge
und Einsicht ist, ein gewaltig großes Gebiet zufallen sollte, so würde dieser in
gar kurzer Zeit zu Fall kommen, ins Verderben geraten, sein Ansehen verlieren
und außerstande sein, die Herrschaft zu behaupten. Und aus welchem Grunde? Eben
wegen der Größe des Gebietes. Ebenso auch, o König: Wenn diejenigen, die ohne
Vorzüge sind, kein Verdienst erwirkt haben und schwach an Einsicht sind, im
Orden des Siegers Aufnahme finden, so werden sie, außerstande, die edle,
erhabenste Weltentsagung auszuhalten, nach gar nicht langer Zeit von der
Botschaft des Siegers abfallen, sie im Stiche lassen und zum niederen Weltleben
zurückkehren, sie werden eben nicht imstande sein, die Botschaft des Siegers
auszuhalten. Und aus welchem Grunde nicht? Eben weil das Gebiet der Botschaft
des Siegers so erhaben ist. Auf diese Weise lassen sie die Erhabenheit des
Gebietes der Botschaft erkennen. Wie aber lassen sie der Botschaft lautere, fleckenlose Beschaffenheit
erkennen? Gleichwie von einem Lotusblatte das Wasser wieder herabläuft, sich
zerteilt und zerstreut, zerstiebt, zergeht und nicht haften bleibt - eben wegen
der lauteren und fleckenlosen Beschaffenheit des Lotusblattes -: ebenso auch, o
König, werden alle die hinterlistigen, falschen, ungeraden, versteckten und
schlechten Ansichten ergebenen Menschen, die im Orden des Siegers Aufnahme
gefunden haben, nach gar kurzer Zeit von des Siegers lauterer, fleckenloser,
lichter und erhabener Botschaft wieder abfallen, sich davon abwenden, abkehren,
nicht standhaft bleiben, nicht fest daran halten und werden zum niederen
Weltleben zurückkehren. Und aus welchem Grunde? Eben weil des Siegers Botschaft
so lauter und fleckenlos ist. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft lautere
und fleckenlose Beschaffenheit erkennen. Wie aber lassen sie der Botschaft Ausschluß schlechter Menschen erkennen? Mit
der Botschaft des Siegers, o König, ist es wie mit dem Weltmeere, das keine
Leiche in sich duldet. Jede Leiche, die sich darin befindet, spült das Meer gar
bald zum Ufer, treibt sie auf’s Land. Und warum? Eben weil das Weltmeer die
Behausung mächtiger Geschöpfe bildet. Ebenso auch werden alle die bösen,
unbeherrschten, schamlosen, untätigen, unstrebsamen, willenlosen, ungeraden,
befleckten Menschen, die in des Siegers Orden Aufnahme gefunden haben, nach gar
kurzer Zeit die Botschaft des Siegers wieder im Stiche lassen, nicht mehr daran
festhalten und werden zum niederen Weltleben zurückkehren Und warum? Eben weil
des Siegers Orden keine schlechten Menschen in sich duldet. Auf diese Weise
lassen sie der Botschaft Ausschluß schlechter Menschen erkennen. Wie aber lassen sie der Botschaft schwere Verstehbarkeit erkennen? Gleichwie
alle die Bogenschützen, o König, die ungeschickt, ungeschult, unerfahren und
ohne Scharfsinn sind und unfähig, die Haarspitze zu treffen, davon ablassen und
fortgehen - eben weil die dünne, feine Haarspitze gar schwer zu treffen ist -;
so auch, o König, ergeht es allen den einsichtslosen, stumpfen, blöden,
verblendeten, geistig trägen Menschen, die in des Siegers Orden Aufnahme fanden.
Außerstande, die Durchdringung jener so äußerst scharfsinnigen und subtilen vier
Wahrheiten zu erreichen, fallen sie ab von des Siegers Weisung, lassen sie im
Stich und kehren nach gar nicht langer Zeit zum niederen Weltleben zurück. Und
warum? Weil eben diese so äußerst scharfsinnige und subtile Lehre des Siegers
gar schwer zu verstehen ist. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft schwere
Verstehbarkeit erkennen. Wie aber lassen sie der Botschaft Vielheit ihrer Regeln für Beherrschung und
Selbstzügelung erkennen? Wenn da zum Beispiel, o König, ein Mann sich auf einem
gewaltig großen Schlachtfelde befindet und er, vom feindlichen Heere ringsherum
eingeschlossen, die Krieger, mit Spießen in den Händen, auf sich losstürmen
sieht, so zieht er sich voll Schrecken zurück, macht kehrt und flieht davon,
weil er sich sonst ja gegen die vielerlei Kampfstellungen zu schützen hätte.
Ebenso auch, o König, ergeht es jenen üblen, ungezügelten, schamlosen,
untätigen, ungeduldigen, unbeständigen, erregten, niedrigen und unverständigen
Toren, die in des Siegers Orden Aufnahme gefunden haben. Unfähig, die vielen
Übungsregeln einzuhalten, ziehen sie sich zurück, machen kehrt, fliehen und
kehren nach gar nicht langer Zeit zum niederen Weltleben zurück, eben weil sie
in des Siegers Orden über so vielartige Regeln der Selbstbeherrschung zu wachen
haben. Auf diese Weise lassen sie der Botschaft Vielheit an Regeln für
Beherrschung und Selbstzügelung erkennen. Selbst am besten, im Trockenen wachsenden Jasminbusch gibt es von Insekten
durchlöcherte Blüten, und die vertrockneten Knospen fallen ab. Nicht aber wird
wegen ihres Abfallens der Jasminbusch verachtet, denn die daran
hängengebliebenen Blüten durchdringen noch immer mit ihrem lieblichen Dufte jede
Richtung. Ebenso auch, o König, wird der Orden des Siegers nicht wegen jener
mißachtet, die erst im Orden Aufnahme gefunden haben und dann wieder zum
niederen Weltleben zurückkehren. Denn, wie insektendurchbohrte Blüten, ohne
Schönheit und Duft, von gleichsam farbloser Sittlichkeit, sind diese unfähig, in
des Siegers Orden reif zu werden. Nicht aber wird wegen ihrem Rücktritt zum
niederen Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin ausharrenden
Mönche durchdringen noch immer die Welt samt ihren Göttern mit dem edlen Dufte
der Sittlichkeit. Auch mitten unter gesundem rotem Reis mag bisweilen eine
Reisart namens Karumbhaka entstehen, die bald zugrunde geht. Nicht wird aber
wegen ihres Zugrundegehens jener rote Reis verachtet, denn den verbleibenden
Reis genießen ja selbst die Könige. Genau so aber, o König, steht es mit jenen
Menschen. Dem Karumbhaka unter dem roten Reise gleichend bringen sie es im Orden
des Siegers nicht zum Wachsen und Gedeihen, sondern kehren schon vorher zum
niederen Weltleben zurück. Nicht aber wird wegen ihres Rücktritts zum niederen
Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin ausharrenden Mönche sind
ja noch immer fähig, die Heiligkeit zu erreichen. Selbst an dem
wunschgewährenden Edelsteinjuwel, o König, mag an irgend einer Stelle eine
Rauheit entstehen. Doch deswegen wird das Edelsteinjuwel nicht verachtet, denn
das, was an dem Edelsteinjuwel lauter ist, bringt noch immer den Menschen
Freude. Genau so, o König, steht es mit jenen Menschen. Als Rauheiten gelten sie
in des Siegers Orden, als Abgefallene. Und nicht wird wegen ihres Rücktritts zum
niederen Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin ausharrenden
Mönche gereichen noch immer den Göttern und Menschen zur Freude. Auch das echte, rote Sandelholz, o König, mag an einer Stelle verdorben sein
und ohne Duft. Nicht aber wird deswegen das rote Sandelholz verachtet, denn was
daran unverdorben und wohlriechend ist, das sendet seinen Duft noch immer aus
und verbreitet ihn ringsumher. Genau so, o König, steht es mit jenen Menschen.
Der verdorbenen Stelle mitten im Kerne des roten Sandelholzes gleichend, gelten
sie im Orden des Siegers als Auszuscheidende. Und nicht wird wegen ihres
Rücktritts zum niederen Weltleben des Siegers Orden mißachtet, denn die darin
ausharrenden Mönche durchdringen ja noch immer mit dem edlen Sandelholzdufte
ihrer Sittlichkeit die Welt samt ihren Göttern." "Vortrefflich, ehrwürdiger Nāgasena, hast du durch mancherlei treffende,
angemessene Begründungen den untadeligen Orden des Siegers gewiesen, in seiner
ganzen Erhabenheit beleuchtet; und gezeigt hast du, daß selbst die zum niederen
Weltleben Zurückkehrenden des Siegers Orden in seiner ganzen Erhabenheit
deutlich erkennen lassen."
Mil. 4.6.7. Hat der Heilige Gewalt über seinen Körper? - 5.1.6. Arahantavedanāvediyanapañho
"Ihr sagt da, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Heilige nur noch eine Art der Schmerzen empfinden mag und zwar den körperlichen Schmerz, nicht mehr den geistigen. Ist denn, ehrwürdiger Nāgasena, der Heilige über den Körper, auf den doch seine eigene Bewußtseinstätigkeit gestützt ist, nicht Herr und Meister; hat er denn nicht Gewalt darüber?"
"Nein, o König."
"Das ist aber nicht recht, ehrwürdiger Nāgasena, daß der Heilige über den sein eigenes Bewußtsein im Gange haltenden Körper nicht Herr und Meister sein und keine Gewalt darüber haben sollte. Selbst der Vogel ist doch Herr und Meister über das Nest, das er bewohnt, hat Gewalt darüber."
"Zehn dem Körper anhaftende Erscheinungen, o König, begleiten und verfolgen den Körper von Dasein zu Dasein: welche zehn? Kälte Hitze, Hunger, Durst, Kot, Urin, Stumpfheit und Mattigkeit (*), Alter, Krankheit, Tod. Hierüber ist der Heilige nicht Herr und Meister, hat keine Gewalt darüber."
(*) Diese beiden Begriffe (thīna-middha) werden hier offenbar als körperliche Zustände aufgefaßt. Im Pāli-Kanon erscheinen sie jedoch als geistige Hemmungen (nīvarana), von denen der Heilige frei ist. Auch in einem der alten Lehrkompendien, dem "Weg zur Freiheit" (Vimutti-Magga) gelten sie als körperlich, was jedoch in Buddhaghosas "Der Weg zur Reinheit" (Visuddhi-Magga) verworfen wird.
"Warum, ehrwürdiger Nāgasena, hat wohl der Heilige keine Gewalt über den Körper? Erkläre mir den Grund hierfür!"
"Die auf der Erde wohnenden Wesen, o König, bewegen sich und leben doch alle auf der Erde. Haben diese etwa Herrschaft und Macht über die Erde?"
"Nein, o Ehrwürdiger."
"Ebenso auch, o König, stützt sich zwar die Bewußtseinstätigkeit des Heiligen auf den Körper; aber dennoch hat der Heilige keine Herrschaft und Macht darüber."
"Aus welchem Grunde nun wohl, ehrwürdiger Nāgasena, mag der Weltling (puthujjana) beide Arten des Schmerzes empfinden, körperlichen und geistigen?"
"Weil er seinen Geist nicht entfaltet hat, o König. Gleichwie etwa, o König, ein von Hunger und Durst gequälter Büffel, den man mit einem schwachen, morschen, dünnen Strohseile oder mit einer Ranke angebunden hat, sobald er erregt wird, sich losreißt und mit seiner Fesselung davon läuft: ebenso auch, o König, bringt bei dem im Geiste Unentfalteten der (körperliche) Schmerz, sobald er aufsteigt, den Geist in Erregung. Ist aber der Geist erregt, so drängt er den Körper hier- und dorthin, treibt ihn im Kreise herum. Und jener im Geiste Unentfaltete bebt und schreit stößt Schreie des Entsetzens aus. Das ist eben der Grund, o König daß der Weltling noch beide Arten des Schmerzes empfinden mag."
"Was aber, ehrwürdiger Nāgasena, ist der Grund, daß der Heilige nur noch eine Art des Schmerzes empfinden mag, den körperlichen und nicht mehr den geistigen?"
"Der Geist des Heiligen, o König, ist gepflegt und wohl entfaltet, bezähmt und wohl beherrscht, gehorsam, folgsam aufs Wort. Und wird der Heilige von einem (körperlichen) Schmerzgefühl berührt, so faßt er den Gedanken der Vergänglichkeit fest, bindet gleichsam seinen Geist an den Pfeiler der Sammlung. Ist aber sein Geist an den Pfeiler der Sammlung gebunden, so erbebt und erzittert er nicht, bleibt standhaft und unbeirrt, während sein Körper unter dem Einfluss der störenden Schmerzen sich hin und her krümmen und winden mag. Das, o König, ist der Grund, daß der Heilige nur noch eine Art des Schmerzes empfinden mag, den körperlichen Schmerz und nicht mehr den geistigen."
"Wunderbar ist es doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß da trotz der Erregung des Körpers der Geist nicht erregt wird. Erkläre mir den Grund hierfür!"
"Wenn da zum Beispiel, o König, ein mächtiger, gewaltiger Baum, mit gesundem Stamme, Ast- und Blätterwerk, von der Gewalt des Windes getroffen wird, so mögen zwar die Zweige erzittern. Tut es etwa aber auch der Stamm?"
"Das nicht, o Ehrwürdiger."
"Ebenso auch, o König, mag unter dem Einfluss störender Schmerzen der Körper des Heiligen sich hin und her krümmen und winden. Sein Geist aber, o König, erbebt und erzittert nicht mehr, gleichwie der Stamm des Baumes nicht erzittert."
"Wunderbar, ehrwürdiger Nāgasena! Erstaunlich, ehrwürdiger Nāgasena! Noch nie zuvor habe ich eine Leuchte des Gesetzes gesehen, die zu jeder Zeit so leuchtete."
Mil. 4.6.8. Kann, wer eine Todsünde begangen hat, das Nibbāna erreichen? - 5.1.7. Abhisamayantarāyakarapañho
"Gesetzt, ehrwürdiger Nāgasena, ein Hausbewohner habe eine Todsünde(*) begangen, und in der Folgezeit trete er in den Orden ein; er sei sich aber selber nicht bewußt, daß er als Hausbewohner eine Todsünde begangen habe, und auch kein anderer mache ihn darauf aufmerksam. Wenn nun dieser nach dem Ziele streben möchte, könnte er da wohl die Durchdringung der Lehre(**) erreichen?"
(*) das hier mit dem populären Ausdruck "Todsünde" wiedergegebene Pāli-Wort pārājika bezeichnet eigentlich nur die schwersten Vergehen eines Mönches. Für einen Laien entsprechen dem an Schwere die folgenden Vergehen, laut Kommentar: Muttermord, Vatermord, Heiligenmord, Verwundung eines Buddha, Verführung einer Nonne.
(**) dhammābhisamaya, wird meist gleichgesetzt mit Erreichung des Stromeintrittes, der ersten Stufe Heiligkeit.
"Nein, o König."
"Aus welchem Grunde nicht, o Ehrwürdiger?"
"Weil eben in einem solchen, o König, die Bedingung dazu zerstört ist."
"Ihr sagt doch, ehrwürdiger Nāgasena, daß nur, wer sich (einer Schuld) bewußt ist, Gewissensunruhe empfindet, daß bei Gewissensunruhe eine Hemmung entsteht, und daß bei so gehemmtem Geiste es keine Durchdringung der Lehre gibt. Warum aber erreicht dieser, der sich doch gar keiner Schuld bewußt, von keiner Gewissensunruhe erfüllt ist und ruhig im Geiste bleibt, nicht die Durchdringung der Lehre? Von einer Schwierigkeit zur anderen führt dieses Problem. Denke darüber nach, bevor du es mir beantwortest."
"Möchte wohl, o König, auf gut gepflügtem, ganz schlammigem fettem Boden reifer, sorgfältig gepflanzter Samen gedeihen?"
"Gewiß, o Ehrwürdiger."
"Würde aber wohl, o König, derselbe Samen auf hartem, felsigem Steinboden gedeihen?"
"Das nicht, o Ehrwürdiger."
"Warum aber, o König, gedeiht genau der gleiche Samen zwar im Schlamme, nicht aber auf hartem Steinboden?"
"Weil eben auf dem harten Steinboden, o Ehrwürdiger, die Bedingungen zu einem Gedeihen nicht vorhanden sind und der Samen ohne diese Bedingungen nicht gedeihen kann."
"Ebenso auch, o König, ist die Bedingung, durch die es zu einer Durchdringung der Lehre kommen mag, in jenem Menschen zerstört, und ohne diese Bedingung ist eine Durchdringung der Lehre nicht möglich. Es finden, o König, zwar Stöcke, Erdklumpen, Keulen, Zuschlagehämmer und Schlegel alle eine feste Unterlage auf der Erde; möchten sie diese wohl aber auch in dem freien Luftraume finden?"
"Das wohl nicht, o Ehrwürdiger."
"Warum aber, o König, finden die nämlichen Dinge auf der Erde eine feste Unterlage, nicht aber im freien Luftraume?"
"Weil im freien Luftraume, o Ehrwürdiger, die Bedingungen zu einem festen Halt fehlen und sie ohne diese Bedingungen keinen Halt finden."
"Ebenso auch, o König, ist für jenen Menschen infolge seines Vergehens die Bedingung zum Durchdringen der Lehre zerstört, und ohne diese Bedingung ist eine Durchdringung der Lehre nicht möglich. Wohl mag, zum Beispiel, o König, das Feuer auf dem Erdboden brennen; aber könnte es wohl auch auf dem Wasser brennen?"
"Nein, o Ehrwürdiger. Denn im Wasser fehlt die zum Brennen nötige Bedingung, und ohne diese Bedingung brennt es nicht."
"Ebenso auch, o König, ist für jenen Menschen infolge seines Vergehens die Bedingung zum Durchdringen der Lehre abgeschnitten und zerstört; und ohne diese Bedingung ist eine Durchdringung der Lehre nicht möglich."
"Überlege dir diese Sache noch einmal, ehrwürdiger Nāgasena! Ich bin noch nicht davon überzeugt, daß für einen, der sich keiner Schuld bewußt ist und keine Gewissensbisse empfindet, dennoch eine Hemmung bestehen soll. Davon überzeuge mich durch einen Vergleich!"
"Kann das Halāhala-Gift, o König, auch bei einem, der ahnungslos davon getrunken hat, den Tod herbeiführen?"
"Gewiß, o Ehrwürdiger."
"Genau so aber auch, o König, bildet das verübte Böse, auch wenn man sich dessen nicht bewußt ist, eine Hemmung zur Durchdringung. Und mag die Giftschlange durch ihren Biß nicht wohl einen Menschen ums Leben bringen, selbst wenn dieser ganz ahnungslos ist?"
"Gewiß, o Ehrwürdiger."
"Genau so aber auch, o König, bildet das verübte Böse, auch wenn man sich dessen nicht bewußt ist, eine Hemmung zur Durchdringung. Und als einst der als Samana-Kolañña bekannte König von Kālinga (Siehe Kālinga-Bodhi-Jātaka, Nr. 479. Der Name des Königs ist dort nicht genannt, noch die unbewußte Schuld. Diese war vielleicht der Versuch, über die heilige Stätte zu reiten), von den sieben Kleinoden umgeben und auf dem edlen Elefanten thronend, sich zum Besuche seiner Verwandten begab, war er da etwa nicht außerstande, über den Thron des Bodhibaumes zu reiten? Das aber, o König, ist ein Beweis dafür, daß das verübte Böse - auch wenn man sich dessen nicht bewußt ist - ein Hemmnis zur Durchdringung bildet."
"Den vom Sieger vorgebrachten Gründen, o Ehrwürdiger, kann man nicht widersprechen. Die Sache verhält sich eben so. Und so nehme ich es an."
Mil. 4.6.9. Was ist der Unterschied zwischen dem sittenlosen Weltmenschen und dem sittenlosen Asketen? - 5.1.8. Dussīlapañho
"Was für ein Unterschied, ehrwürdiger Nāgasena, besteht zwischen einem sittenlosen Weltmenschen und einem sittenlosen Asketen? Wodurch unterscheiden sich beide? Wenn beide genau denselben Wandel führen, ist da wohl beiden genau dasselbe Los beschieden, oder besteht da irgend ein Unterschied?"
"In zehn Eigenschaften, o König, ist der sittenlose Asket dem sittenlosen Weltmenschen überlegen; und aus ferneren zehn Gründen verleiht er einer Gabe Lauterkeit.
In welchen zehn Eigenschaften aber ist der sittenlose Asket dem sittenlosen Weltmenschen überlegen? Da, o König, hat der sittenlose Asket Ehrfurcht vor dem Erleuchteten, er hat Ehrfurcht vor dem Gesetze, hat Ehrfurcht vor der Jüngerschaft, hat Ehrfurcht vor seinen Ordensbrüdern; er bemüht sich um das Rezitieren (der Lehrtexte) und um Befragung (nach ihrem Sinn), er hat viel gelernt; trotzdem er seine Sittengelübde gebrochen hat, bewahrt er unter den Leuten immerhin den äußeren Anstand, aus Furcht vor Tadel wacht er über seine Worte und Handlungen; sein Geist ist der Strebsamkeit zugewandt; er gehört der Gemeinschaft der Mönche an, selbst wenn der sittenlose Asket etwas Böses verübt, so tut er es heimlich, genau wie eine verheiratete Frau nur versteckt und im Geheimen sich vergeht. Dies, o König, sind die zehn guten Eigenschaften, in denen der sittenlose Asket den sittenlosen Weltmenschen übertrifft.
Aus welchen zehn Gründen aber verleiht er einer Gabe Lauterkeit? Weil er den
unverletzlichen Panzer trägt (das gelbe Gewand); weil er nach Art der weisen
Einsiedler geschoren ist und so deren Abzeichen trägt; weil er in die
Ordensgemeinschaft eingetreten ist; weil er zum Erleuchteten, zum Gesetze und
zur Jüngerschaft Zuflucht genommen hat; weil er in einer zum Streben geeigneten
Behausung wohnt; weil er den Schatz der Botschaft des Siegreichen erforscht;
weil er das erhabene Gesetzt darlegt; weil die Leuchte der Wahrheit seine
Zuflucht und Stütze ist; weil er die vollkommen aufrichtige Überzeugung hat, daß
der Buddha der Höchste ist; weil er den Feiertag (uposatha) befolgt.
Dies, o König, sind die zehn Gründe, warum der sittenlose Asket einer Gabe
Lauterkeit verleiht. Ja, sogar ein völlig auf Abwege geratener, sittenloser
Asket, o König, verleiht den Gaben der Almosenspender Lauterkeit, gerade wie
selbst trübes Wasser Kot, Schlamm, Staub und Schmutz fortspülen mag; oder wie
heißes, ja selbst kochendes Wasser eine gewaltige, flackernde Feuersglut zum
Verlöschen bringt; oder wie selbst eine geschmacklose Speise die durch Hunger
hervorgerufene Entkräftung vertreiben mag. Auch der Erhabene, o König, der Gott
der Götter, sagt in der edlen, ausgezeichneten Sammlung der Mittleren Lehrreden
(Nr. 142) in der
Mil. 4.6.10. Wo Sittenreine Sittenlosen Gaben reichen - 5.1.9. Udakasattajīvapañho
Rechtlich erworbene, mit gläub’gen Herzen,
Erfüllt von Glauben an des Wirkens hohe Frucht,
Da ist des Gebers wegen diese Gabe rein."
"Wunderbar, ehrwürdiger Nāgasena! Außerordentlich, ehrwürdiger Nāgasena! Gerade wie ein Koch oder sein Gehilfe das Fleisch, das er erhält, mit mancherlei Zutaten zubereitet und dem König zum Essen vorsetzt: ebenso auch hast du alles, worüber ich dich fragte, mir durch Gleichnisse und Begründungen erklärt und mich ambrosische Lieblichkeit vernehmen lassen."