Vergleichend · Theravāda – Vajrayāna – Śaivismus
Die Fünfheit der einen WirklichkeitFünf Aggregate, fünf Tathāgatas, fünf Aspekte Śivas — Struktur, Grenzen und der tantrische Weg durch die Khandhas. Vergleichend-kontemplatives Studienhandout.
Die Fünfheit der einen Wirklichkeit Fünf Aggregate, fünf Tathāgatas, fünf Aspekte Śivas — Struktur, Grenzen und der tantrische Weg durch die Khandhas. Vergleichend-kontemplatives Studienhandout. Theravāda — Vajrayāna — Śaivismus — javanischbalinesischer Śiva-Buddhismus. Leitthese. Drei Traditionen ordnen die Wirklichkeit in eine FünFheit. Die struktur — eine Wirklichkeit, fünffach differenziert — ist eine echte Resonanz und auf der Achse Śiva ↔ Buddha sogar historisch gebaut. Sie trägt, solange das verbindende Wort dieseLbe struktur heißt. Sie kippt, sobald daraus dieseLbe WirkLichkeit wird — denn dieser Schritt unterstellt allen dreien ein „Eines“, das nur zwei von ihnen behaupten. Der dritte, der Theravāda, verweigert es. Die tantrische Praxis löst diese Spannung nicht auf, sondern verlagert sie auf die Erfahrungsebene. Inhalt Die Ausgangsbeobachtung: drei Fünfersysteme Drei Typen von Fünf: Analyse von unten, Symbol von oben Das metaphysische „Eine“ — wer es liefert und wer nicht Transformation gegen Erlöschen Die zentrale Korrespondenz im Vajrayāna: Aggregat → Tathāgata Die historische Brücke: javanisch-balinesischer Śiva-Buddhismus Der tantrische Weg durch die Khandhas (Erzeugung und Auflösung) Die kontemplative Erfahrung: Perennialismus gegen Konstruktivismus Essenz Quellen Glossar WISSEN / RATEN
1 — Die Ausgangsbeobachtung: drei Fünfersysteme Drei contemplative Systeme gliedern die Wirklichkeit in eine Fünfheit, die jeweils als Ausfaltung einer einzigen Grundwirklichkeit gedacht (oder gedeutet) wird: System Die Fünf Bezugsrahmen Grundwirklichkeit Theravāda fünf Aggregate (pañcakkhandha): rūpa, vedanā, saññā, saṅkhārā, viññāṇa Analyse der Erfahrung — (kein „Eines“; siehe
Teil 3)
Vajrayāna fünf Tathāgatas / Jinas: Vairocana, Akṣobhya, Ratnasambhava, Amitābha, Amoghasiddhi Maṇḍala, Soteriologie Dharmakāya / tathāgatagarbha Śaivismus fünf Brahman (pañcabrahma), die fünf Gesichter Sadāśivas; fünf Akte (pañcakṛtya) Kosmogonie, Liturgie Paramaśiva (nichtdual) Die behauptete Korrespondenz lautet, in der Kurzform: Die fünf Aggregate sind dieselbe Wirklichkeit als Erfahrung, die fünf Tathāgatas dieselbe Wirklichkeit als Weisheit, die fünf ŚivaAspekte dieselbe Wirklichkeit als schöpferische Bewusstseinskraft. Dieses Handout prüft, wo das trägt und wo es bricht. Quellen: Khandhasaṃyutta (SN 22). — Five Tathāgatas: Guhyasamāja-Tantra; Sarvatathāgatatattvasaṃgraha. — Pañcabrahma: Taittirīya-Āraṇyaka X.17–21 (= Mahānārāyaṇa-Upaniṣad); Kāmika-Āgama.
2 — Drei Typen von Fünf: Analyse von unten, Symbol von oben Der erste Schnitt, den die Gleichsetzung verdeckt: Die drei Fünfen sind nicht derselbe Typ von Fünf. Die Khandhas sind eine Fünfheit von unten. Sie sind eine analytische Zerlegung der Erfahrung, deren Zweck anattā ist — der Nachweis, dass sich an keinem der fünf ein Selbst findet (Anattalakkhaṇa-Sutta, SN 22.59). Die Fünfzahl ist hier kontingent: Dieselbe Erfahrung wird anderswo in sechs dhātus, zwölf āyatanas oder achtzehn dhātus zerlegt. Es ist eine Zählung, keine kosmische Ordnung. Die Tathāgatas und die Śiva-Aspekte sind Fünfheiten von oben. Sie folgen einer Maṇḍala-Geometrie (vier Richtungen plus Zentrum) und korrespondieren mit Elementen, Sinnen, Farben, Mantren. Dort ist die Fünf strukturell bedeutsam, fast „heilig“. Dass alle drei bei fünf landen, hat drei Gründe, die man auseinanderhalten muss: ein gemeinsamer indischer Hintergrund (fünf mahābhūta, fünf Sinne); eine genuine strukturelle Konvergenz; und beim Khandha schlicht das Ergebnis einer Analyse, die später auf die Maṇḍala-Fünf abgebildet wurde. Genau diese nachträgliche Abbildung ist die „zentrale Einsicht“ des Vergleichs (Teil 5) — korrekt als Aussage über das Vajrayāna, nicht über den frühen Buddhismus.
3 — Das metaphysische „Eine“ — wer es liefert und wer nicht Der Satz „Einheit erscheint als Fünfheit, bleibt Einheit“ verlangt ein Subjekt: das „die Einheit“. Hier scheiden sich die drei Systeme.
3.1 Śaivismus — das Eine liefert die These vollständig
Der nicht-duale Kashmir-Śaivismus ist explizit Manifestationslehre (ābhāsa-vāda): Das eine Bewusstsein (Paramaśiva) erscheint durch seine absolute Freiheit (svātantrya) und sein Selbst-Gewahrsein (vimarśa) als das Viele, ohne sich zu verändern. Die fünf kosmischen Akte (pañcakṛtya) — Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung, Gnade — sind die fünf Funktionen, in denen sich das Absolute betätigt; die fünf Gesichter Sadāśivas (pañcabrahma) sind seine fünf Aspekte. WISSEN: „Einheit erscheint als Fünfheit“ ist hier wörtlich die Schullehre. Quellen: Utpaladeva, Īśvarapratyabhijñā(-kārikā); Kṣemarāja, Pratyabhijñāhṛdaya (20 Sūtren, 11. Jh.); Abhinavagupta, Tantrāloka, Īśvarapratyabhijñāvimarśinī. — Sekundär: M. Dyczkowski, The Doctrine of Vibration (1987); A. Sanderson, „Śaivism and the Tantric Traditions“ (1988).
3.2 Vajrayāna — das Eine liefert die These bedingt
Das Tantra kennt einen Grund, aus dem die Fünfheit als Reinheit hervorgeht: den dharmakāya bzw. die Buddha-Natur (tathāgatagarbha), aus der die fünf Weisheiten spontan präsent sind. WISSEN: Quellen der tantrischen Tradition nennen die ursprüngliche Natur der Buddha-Familien ausdrücklich tathāgatagarbha. Vorbehalt: Ob dieser Grund letztgültig (nītārtha) oder nur vorläufig (neyārtha) ist, ist innerbuddhistisch umstritten; die Madhyamaka-Prāsaṅgika weist ein substantielles „Eines“ als Verdinglichung zurück. „Die eine Buddha-Natur, die sich als Fünf ausdrückt“ ist also eine bestimmte (Yogācāra- und tathāgatagarbha-affine) Lesart, nicht die buddhistische Position schlechthin. Quellen: Ratnagotravibhāga (Uttaratantra-śāstra) — tathāgatagarbha; Asaṅga, Mahāyānasaṃgraha — Umwandlung der Grundlage (āśraya-parāvṛtti). — Sekundär: D. S. Ruegg, La théorie du tathāgatagarbha (1969).
3.3 Theravāda — die Verweigerung des Einen
Der Theravāda verweigert das Eine strukturell. Viññāṇa ist nicht das absolute Bewusstsein, sondern bedingt entstanden: Die Sāti-Episode (Mahātaṇhāsaṅkhaya-Sutta, MN 38) weist die Vorstellung, Bewusstsein sei der durchlaufende Träger, ausdrücklich als Irrlehre zurück. Es gibt kein Substrat, hinter dem oder aus dem die Fünf erschienen; die ganze Khandha-Analyse zielt darauf, kein „Eines“ zu finden. Nibbāna ist nicht das Eine, das sich als Fünf ausdrückt — es ist das Unbedingte (asaṅkhata), während die Aggregate bedingt (saṅkhata) sind; dazwischen besteht keine Brücke der „Natur“ (Ud 8.3; It 43). Quellen: Khandhasaṃyutta (SN 22), bes. Anattalakkhaṇa-Sutta (SN 22.59); Mahātaṇhāsaṅkhaya-Sutta (MN 38); Udāna
8.1–8.3; Itivuttaka 43 (asaṅkhata).
4 — Transformation gegen Erlöschen Aus 3.3 folgt die eigentliche Bruchstelle. Tantra und Śaivismus arbeiten mit demselben Grundgestus — die unreine Form ist die reine, recht gesehen; nichts wird weggeworfen; saṃsāra = nirvāṇa. Der Theravāda arbeitet mit dem Gegengestus: nichts wird transformiert, die Anhaftung wird losgelassen. Tantra / Śaivismus Theravāda Grundbewegung Transformation / Sublimation Erlöschen / Loslassen mit den Aggregaten werden zu Weisheits-Kräften veredelt werden als anicca/anattā durchschaut und enthaftet Resultat-Begriff Fülle (leuchtende Weisheit, BuddhaNatur) apophatisch: suññata, animitta, appaṇihita „Reinigung“ heißt Veredelung der Erscheinung visuddhi der Sicht Im Theravāda bestehen die Aggregate des Arahant unverändert bis zum parinibbāna und hören dann auf (anupādisesa); sie werden nicht zu leuchtenden Weisheiten veredelt. Der Schlüsselbegriff ist khīṇa — zerstört, ausgelöscht —, nicht „transformiert“.
5 — Die zentrale Korrespondenz im Vajrayāna: Aggregat → Tathāgata Im Vajrayāna ist die Beziehung Aggregat ↔ Tathāgata ausdrücklich gelehrt: unreine Sicht zeigt die fünf Aggregate, erwachte Sicht die fünf Tathāgatas. Die Tathāgatas sind die gereinigte (erkannte) Natur der Aggregate; parallel werden die fünf Geistesgifte (kleśa) zu den fünf Weisheiten (jñāna) gewandelt. Aggregat (Khandha) Tathāgata Weisheit (jñāna) gewandeltes Gift (kleśa) rūpa (Form) Vairocana dharmadhātu — Weisheit des Wirklichkeitsraums moha (Verblendung) vedanā (Gefühl) Ratnasambhava samatā — Weisheit der Gleichheit māna (Stolz) saññā (Wahrnehmung) Amitābha pratyavekṣaṇā — unterscheidend-gewahrende Weisheit rāga (Begierde) saṅkhārā (Gestaltungen) Amoghasiddhi kṛtyānuṣṭhāna — alles-vollbringende Weisheit īrṣyā (Neid) viññāṇa (Bewusstsein) Akṣobhya ādarśa — spiegelgleiche Weisheit dveṣa (Hass) Zuordnung nach dem Guhyasamāja-Tantra (so auch im altjavanischen Text, Teil 6). Die Weisheit hängt am jeweiligen Tathāgata, das Gift an der Familie. rAten / VAriAbiLität Die konkrete Zuordnung variiert zwischen den Tantra-Systemen. Im Guhyasamāja (und altjavanisch) steht Vairocana für rūpa und Akṣobhya für viññāṇa; andere Quellen tauschen beide (Akṣobhya = Form, Vairocana = Bewusstsein), und in den Sarma-Tantras steht Vairocana oft im Osten statt im Zentrum. Es gibt keine eine kanonische Tabelle. Auch die Element-Zuordnungen (über die fünf Gefährtinnen: Dhātvīśvarī/Locanā/Māmakī/Pāṇḍaravāsinī/Tārā) schwanken. Für die eigene Praxis ist die Zuordnung der eigenen Linie maßgeblich, nicht eine generische. Quellen: Guhyasamāja-Tantra. — Sekundär: Chögyam Trungpa, Journey Without Goal, Kap. 9 „The Five Buddha Families“ (1985/2003); A. Berzin, studybuddhism.com (Five Buddha-Families); G. Tucci, The Theory and Practice of the Mandala (1949); D. Snellgrove, Indo-Tibetan Buddhism (1987).
6 — Die historische Brücke: javanisch-balinesischer ŚivaBuddhismus Auf der Achse Śiva ↔ Buddha ist die Gleichsetzung nicht nur strukturell, sondern historisch gebaut. In Java und Bali verschmolzen Śaivismus und Buddhismus über das Medium des Tantra zu einer eigenen Religion — Śiva-Buddha (Śivabuddha). Quellentexte sind u. a. der Sang Hyang Kamahāyānikan, die Tantu Panggĕlaran, der Nāgarakṛtāgama; auch die Kĕlurak-Inschrift (782 n. Chr.) bezeugt die Verbindung beider Lehren. Der zentrale Lehrtext für unsere Frage ist der Sang Hyang Kamahāyānikan (Ostjava, ca. 929–947 n. Chr., zur Zeit Mpu Siṇḍoks), ein esoterisch-buddhistischer Traktat, der den Weg zur Buddhaschaft über die Verehrung der fünf Tathāgatas und die Adwaya-Lehre (Überwindung der Dualität von Sein und Nichtsein) lehrt. Er identifiziert die fünf Aggregate unmittelbar mit den fünf Tathāgatas — hier ist die Gleichung kein Vergleich, sondern primärer Lehrtext: „…ḍang hyang wairocana rūpa … ḍang hyang ratnasambhawa wedana … ḍang hyang amitābha sañjñā … ḍang hyang amoghasiddhi sangskāra … ḍang hyang akṣobhya wijñāna … mangkana tatwa ning pañca-skandha ri sang yogīśwara.“ „Der Herr Vairocana ist die Form; Ratnasambhava das Gefühl; Amitābha die Wahrnehmung; Amoghasiddhi die Gestaltungen; Akṣobhya das Bewusstsein. So ist die Wahrheit der fünf Aggregate für den Meister des Yoga.“ — Die Aggregate werden über die Keimsilben (wijākṣara) aḥ, hūṁ, traṁ, hrīḥ, aḥ in die fünf Tathāgatas überführt. Strukturell wichtig: Die altjavanische Zuordnung (Vairocana = rūpa, Akṣobhya = viññāṇa) folgt exakt der Guhyasamāja-Linie (Teil 5). Der Text ist damit ikonographisch und doktrinär an den Sarvatathāgatatattvasaṃgraha (STTS) und an Borobudur angebunden. In deiner Pamangku-Tradition ist die Skandha-Tathāgata-Gleichung also gelebte Liturgie, kein nachträglicher Vergleich. Quellen: Sang Hyang Kamahāyānikan (Erstausgabe J. Kats, 1910; altjav. Text mit Skandha-Tathāgata-Passage). — Sekundär: J. Ensink, „Śiva-Buddhism in Java and Bali“ (in: H. Bechert, Hg., Göttingen 1978, 178–198); K. Ishii (1989); H. Kandahjaya, „Sang Hyang Kamahāyānikan, Borobudur, and the Origins of Esoteric Buddhism in Indonesia“ (in: A. Acri, Hg., 2016); Lokesh Chandra, „Borobudur, the Tattvasaṃgraha and the Sang Hyang Kamahāyānikan“; J. W. de Jong, „Notes on the Sources … of the Sang Hyang Mahāyānan Mantranaya“ (BKI 130, 1974). — Zur balinesischen Praxis: C. Hooykaas, Sūrya-Sevana (1966), Āgama Tīrtha (1964). rAten / zur eigenen Linie Die balinesische Richtungs-Farb-Matrix (Dewata Nawa Sanga: Iśwara/Ost, Brahma/Süd, Mahādewa/West, Wisnu/Nord, Śiwa/Zentrum) ist nicht deckungsgleich mit der indischen Sadāśiva-Zuordnung der Pañcabrahma (Teil 11) und auch nicht zwingend mit der tibetischen Tathāgata-Maṇḍala-Anordnung. Die genaue Zuordnung von Himmelsrichtung, Farbe, Element und Kraft zu jedem Khandha in deiner Dayaputih-Übung kenne ich nicht im Detail; sie ist gegenüber den hier referierten Schemata zu prüfen und ggf. eigenständig.
7 — Der tantrische Weg durch die Khandhas Damit lässt sich die scheinbare Kluft von Teil 4 (Transformation vs. Erlöschen) auflösen — nicht als Widerspruch, sondern als Sequenz.
7.1 Maṇḍalische Verortung statt Analyse
Im Theravāda wird rūpa betrachtet, bis es als anicca/anattā durchsichtig wird, und dann losgelassen — die Bewegung geht vom Objekt weg. In der tantrischen Khandha-Kontemplation wird rūpa nicht verlassen, sondern in eine Himmelsrichtung gestellt, mit ihrer Gottheit, ihrer Keimsilbe, ihrer Farbe, ihrem Element verbunden und als Sitz einer erwachten Kraft erkannt. Die Bewegung geht in das Objekt hinein und hindurch (bhūta-śuddhi, Reinigung der Elemente; nyāsa, Platzierung der Gottheiten im Körper). Statt „dies ist nicht mein Selbst“ heißt es „dies ist Vairocana, dies ist Iśwara“ — und gerade dadurch fällt das Ich, nur über den umgekehrten Weg: nicht durch Entzug, sondern durch Vergöttlichung.
7.2 Erzeugung und Auflösung — der entscheidende Punkt
Ob das „direkt zu Nibbāna hinführt“ oder in einem leuchtenden Zustand stehenbleibt, entscheidet sich nicht an der Vergöttlichung, sondern an ihrer Auflösung. In jeder reifen tantrischen Form folgt auf die Erzeugungsstufe (utpatti-krama: die Kraft wird heraufgerufen, der Körper wird Maṇḍala) die Vollendungsstufe (sampanna-krama: Gottheit, Kraft und Maṇḍala lösen sich wieder ins Ungeschaffene auf). Enthält die Praxis diese Auflösung, so ist die Kluft zum Theravāda nur eine Reihenfolge: Transformation ist der Weg — Auflösung ist das Ende. Transformiert wird nie das rūpa als Ding, sondern die Sicht, in der es erscheint; und zuletzt fällt auch die letzte Sicht, die der Gottheit. Darum ist es kein anderes Ziel, sondern ein anderer Treibstoff zum selben Punkt: Die trockene Vipassanā lässt die Leidenschaften liegen und geht an ihnen vorbei; der tantrische Weg fasst sie an, wandelt das Gift in Weisheit und speist diese Energie in den Pfad ein. Das ist die ganze Behauptung des Tantra — dieselbe Befreiung unter Mitnahme dessen, was der Verzichtsweg zurücklässt. MerksAtz Man geht nicht um die Khandhas herum (das wäre bloße Negation) und bleibt nicht in ihnen stecken (das wäre Verhaftung an die Kräfte), sondern durch sie hindurch. Fehlt die Vollendungsstufe, erntet man Kräfte und bleibt bei ihnen — und das wäre genau die erhabene, bedingte Erreichung, vor der das Theravāda-Material warnt (Teil 8). Quellen: utpatti-/sampanna-krama — Erzeugungs- und Vollendungsstufe des Anuttarayoga-Tantra. Sekundär: D. Cozort, Highest Yoga Tantra (1986); Tsongkhapa, sNgags rim chen mo (Stufen des Mantra-Pfades).
8 — Die kontemplative Erfahrung: Perennialismus gegen Konstruktivismus Die stärkste und fragilste Behauptung des Vergleichs ist, die letzte kontemplative Erfahrung sei in allen dreien dieselbe. Hier stehen zwei religionsphilosophische Positionen gegeneinander. Perennialismus / common core (W. T. Stace; R. Forman): Es gibt einen erfahrungsmäßigen Kern — bei Forman ein „reines Bewusstseinsereignis“ (pure consciousness event) —, der quer zu allen Traditionen liegt. Konstruktivismus (S. Katz, 1978): Es gibt keine reine, unvermittelte mystische Erfahrung; Sprache und Tradition formen schon das Erfahrene. Was der Śaivit als Śiva-Bewusstsein, der Vajrayāni als dharmakāya, der Buddhist als śūnyatā erfährt, sind dann nicht drei Zugänge zu einer Sache, sondern verschieden konstituierte Erfahrungen. Entscheidend ist ein Einwand aus dem eigenen Theravāda-Material: Das gefeierte „leuchtende, grenzenlose Eine-Bewusstsein“ ist erfahrungsnah als formlose Sphäre diagnostizierbar — als Sphäre des unendlichen Bewusstseins (viññāṇañcāyatana) oder des Nichts (ākiñcaññāyatana) —, also eine erhabene bedingte Erreichung mit anicca-Signatur, und gerade nicht nibbāna. Nibbāna wird nicht als „Einheit“ beschrieben, sondern apophatisch; das Eine zu erfahren wäre aus dieser Sicht noch ein feiner Ich-Dünkel (asmimāna). Ob die Einheits-Erfahrung Ziel oder Vorstufe ist, hängt davon ab, ob in ihr auch das Festhalten an ihr selbst fällt — und das kann kein Text entscheiden, nur die Übung unter Anleitung. Quellen: S. T. Katz, „Language, Epistemology, and Mysticism“, in: ders. (Hg.), Mysticism and Philosophical Analysis (Oxford UP 1978), 22–74. — R. K. C. Forman (Hg.), The Problem of Pure Consciousness (Oxford UP 1990); ders., Mysticism, Mind, Consciousness (SUNY 1999). — W. T. Stace, Mysticism and Philosophy (1960). — Theravāda: vgl. das Studiendokument „Die neun Erreichungen und der Eintritt in die Frucht“, Teil 8 ( formlose Sphären als bedingte Erreichungen; MN 26 Ariyapariyesanā).
9 — Essenz Es sind nicht drei Beschreibungen derselben Antwort, sondern drei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage — wie sich das Viele zum Letzten verhält. System Antwort auf „Eines und Vieles“ Status der Korrespondenz Śaivismus Das Viele ist das Eine (ābhāsa); die Fünfheit ist Selbstentfaltung Śivas. These trägt voll Vajrayāna Das Viele ist die unreine Sicht des Einen; recht gesehen sind es die fünf Weisheiten. trägt, mit innerbuddhistischem Vorbehalt Theravāda Es gibt kein Eines; die Frage nach dem Einen ist selbst noch Anhaftung. bricht — kein Substrat, keine Veredelung Die Kurzform — Aggregate = Erfahrung, Tathāgatas = Weisheit, Śiva-Aspekte = schöpferische Kraft — stimmt, solange das verbindende Wort „dieselbe Struktur“ heißt: eine morphologische Resonanz, gestützt durch gemeinsamen kosmologischen Hintergrund und, auf der Śiva-Buddha-Achse, durch reale historische Verschmelzung. Sie kippt in dem Moment, in dem daraus „dieselbe Wirklichkeit“ wird, denn dieser Schritt verschiebt von Form zu Substanz und unterstellt allen dreien das Eine, das nur zwei behaupten. Am tragfähigsten ist die These dort, wo sie am wenigsten beansprucht: als hermeneutische und liturgische Brücke — stark zwischen Śiva und Buddha, am schwächsten zwischen dem Tantra und dem frühen Theravāda, den es gerade umzudeuten versucht. Die tantrische Khandha-Praxis schließlich löst die doktrinäre Differenz nicht auf, sondern verlagert sie auf die Erfahrungsebene, wo „Erlöschen“ und „transparente Fülle“ an einem Punkt denselben Geschmack haben können — sofern auch das Festhalten an diesem Punkt fällt. Das ist eine Praxis-Wahrheit, keine doktrinäre Identität; und das Verwechseln dieser beiden Ebenen ist der einzige Fehler, der hier möglich ist.
10 — Quellen Theravāda (Pāḷi-Kanon) Saṃyutta-Nikāya 22 (Khandhasaṃyutta) — die fünf Aggregate; bes. Anattalakkhaṇa-Sutta (SN 22.59). Majjhima-Nikāya 38 (Mahātaṇhāsaṅkhaya-Sutta) — Zurückweisung des Bewusstseins als durchlaufendes Selbst (Sāti). Majjhima-Nikāya 26 (Ariyapariyesanā-Sutta) — Verwerfung der formlosen Sphären als nicht befreiend. Udāna 8.1–8.3; Itivuttaka 43 — nibbāna als das Unbedingte (asaṅkhata). Mahāyāna / Vajrayāna Guhyasamāja-Tantra — Zuordnung der fünf Aggregate zu den fünf Tathāgatas. Sarvatathāgatatattvasaṃgraha (STTS) — locus classicus der fünf Buddha-Familien; ikonographische Grundlage Borobudurs. Ratnagotravibhāga / Uttaratantra-śāstra — tathāgatagarbha (Buddha-Natur als Grund). Asaṅga, Mahāyānasaṃgraha — Umwandlung der Grundlage (āśraya-parāvṛtti). Sekundär: G. Tucci, The Theory and Practice of the Mandala (1949); D. Snellgrove, Indo-Tibetan Buddhism (1987); Chögyam Trungpa, Journey Without Goal, Kap. 9 (1985); D. S. Ruegg, La théorie du tathāgatagarbha et du gotra (1969); A. Berzin, „The Five Buddha-Families“ (studybuddhism.com). Śaivismus Taittirīya-Āraṇyaka X.17–21 (= Mahānārāyaṇa-Upaniṣad) — die fünf Brahman-Mantren (Sadyojāta, Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa, Īśāna). Kāmika-Āgama u. a. Śaivāgamas — Sadāśiva mit fünf Gesichtern; Pañcabrahma. Utpaladeva, Īśvarapratyabhijñā-kārikā; Kṣemarāja, Pratyabhijñāhṛdaya (20 Sūtren, 11. Jh.) — Pañcakṛtya, SelbstWiedererkennung; Abhinavagupta, Īśvarapratyabhijñāvimarśinī, Tantrāloka. Sekundär: M. S. G. Dyczkowski, The Doctrine of Vibration (1987); A. Sanderson, „Śaivism and the Tantric Traditions“ (1988); L. Silburn, Le Vijñāna Bhairava. Śiva-Buddhismus (Java / Bali, altjavanisch) Sang Hyang Kamahāyānikan (Ostjava, ca. 929–947) — Skandha-Tathāgata-Identifikation; ed. J. Kats (1910). Kĕlurak-Inschrift (782); Tantu Panggĕlaran; Nāgarakṛtāgama (Mpu Prapañca, 1365). Sekundär: J. Ensink, „Śiva-Buddhism in Java and Bali“ (Göttingen 1978); K. Ishii (1989); H. Kandahjaya, in: A. Acri (Hg.), Esoteric Buddhism in Mediaeval Maritime Asia (2016); Lokesh Chandra, „Borobudur, the Tattvasaṃgraha and the Sang Hyang Kamahāyānikan“; J. W. de Jong (BKI 130, 1974); C. Hooykaas, Sūrya-Sevana (1966), Āgama Tīrtha (1964). Religionsphilosophie (Mystik-Debatte) S. T. Katz (Hg.), Mysticism and Philosophical Analysis (1978), darin „Language, Epistemology, and Mysticism“, 22–74 — Konstruktivismus. R. K. C. Forman (Hg.), The Problem of Pure Consciousness (1990); ders., Mysticism, Mind, Consciousness (1999) — Perennialismus / PCE. W. T. Stace, Mysticism and Philosophy (1960).
11 — Glossar ābhāsa-vāda — Manifestationslehre des Kashmir-Śaivismus: das Eine erscheint als das Viele, ohne sich zu verändern. anattā — Nicht-Selbst; Zweck der Khandha-Analyse. āśraya-parāvṛtti — „Umwandlung der Grundlage“ (Yogācāra): die Wende von unreiner zu reiner Erkenntnis. asaṅkhata / saṅkhata — unbedingt / bedingt; nibbāna ist asaṅkhata, die Aggregate saṅkhata. bhūta-śuddhi — tantrische „Reinigung der Elemente“ vor der Vergöttlichung. dharmakāya — „Wahrheitskörper“; in tathāgatagarbha-Lesart der Grund der fünf Weisheiten. jñāna (pañcajñāna) — die fünf Weisheiten: dharmadhātu, ādarśa, samatā, pratyavekṣaṇā, kṛtyānuṣṭhāna. kleśa — Geistesgift (moha, dveṣa, māna, rāga, īrṣyā); im Tantra in Weisheit gewandelt. nītārtha / neyārtha — definitive / vorläufige (auslegungsbedürftige) Lehre. nyāsa — rituelle „Platzierung“ von Keimsilben/Gottheiten im Körper. pañcabrahma — die fünf Gesichter Sadāśivas: Sadyojāta, Vāmadeva, Aghora, Tatpuruṣa, Īśāna. pañcakṛtya — die fünf kosmischen Akte Śivas: sṛṣṭi, sthiti, saṃhāra, tirodhāna, anugraha. pañcaskandha / pañcakkhandha — die fünf Aggregate: rūpa, vedanā, saññā, saṅkhārā, viññāṇa. pure consciousness event (PCE) — Formans Begriff für eine inhaltsleere, traditionsübergreifende Bewusstseinserfahrung. svātantrya / vimarśa — absolute Freiheit / Selbst-Gewahrsein Śivas (Pratyabhijñā). utpatti-krama / sampanna-krama — Erzeugungsstufe / Vollendungsstufe des AnuttarayogaTantra. viññāṇañcāyatana / ākiñcaññāyatana — formlose Sphären (unendliches Bewusstsein / Nichts); bedingte Erreichungen.
12 — WISSEN / RATEN
Wissen — gesichert Die drei Fünferstrukturen existieren und sind primär belegt (Kanon / Tantra / ĀgamaVeda). Das Vajrayāna lehrt die Aggregat-Tathāgata- und kleśa-jñāna-Korrespondenz ausdrücklich (Guhyasamāja u. a.). Der Sang Hyang Kamahāyānikan identifiziert die fünf Aggregate wörtlich mit den fünf Tathāgatas (Guhyasamāja-Zuordnung). Der Kashmir-Śaivismus ist explizit ābhāsa-vāda; „Einheit erscheint als Fünfheit“ ist dort Schullehre. Der Theravāda verweigert ein Substrat-Eines (MN 38; asaṅkhata vs. saṅkhata); die Khandha-Lehre zielt auf anattā. Pañcabrahma stammen aus dem Taittirīya-Āraṇyaka (Mahānārāyaṇa-Upaniṣad) und korrespondieren mit pañcakṛtya, fünf Elementen und den fünf Silben von „namaḥ śivāya“. Die Mystik-Debatte Perennialismus/Konstruktivismus ist real und ungelöst (Stace/ Forman vs. Katz). rAten / zu prüFen Die konkrete Aggregat-Tathāgata-Zuordnung variiert zwischen Tantra-Systemen (Vairocana/Akṣobhya-Tausch; Sarma-Anordnung). Keine einheitliche Tabelle. Die genaue 1:1-Zuordnung der fünf Silben von „namaḥ śivāya“ zu den fünf Gesichtern ist quellen-/schulabhängig. Die balinesische Richtungs-Farb-Element-Matrix (Dewata Nawa Sanga) ist nicht deckungsgleich mit der indischen Sadāśiva- bzw. der tibetischen Maṇḍala-Zuordnung; die Details deiner Dayaputih-Linie sind eigenständig zu fixieren. Ob die jeweilige tantrische Praxis eine ausdrückliche Vollendungs-/Auflösungsstufe enthält, entscheidet, ob „direkt zu Nibbāna“ trägt (Teil 7) — bei der eigenen Linie zu verifizieren. Der nītārtha/neyārtha-Status des tathāgatagarbha ist schulabhängig (Madhyamaka vs. Yogācāra/Zhentong). Die exakten Editions- und Seitenangaben der Sekundärliteratur sind aus den Originalausgaben zu verifizieren; hier sind sie auf Werk- und Autorebene angegeben.